Isabelle Autissier: Herz auf Eis

Auttissier

Ein Paar nimmt sich ein Jahr Auszeit, kauft ein Schiff und startet zu einem Segeltörn um die Welt. Was traumhaft klingt, wird zu einem Alptraum, als die beiden bei einer Wanderung auf einer abgeschiedenen Insel ein heftiger Sturm überrascht. Nachdem sie sich aus ihrer Notunterkunft herauswagen, ist das Meer wieder ruhig. Und das Schiff verschwunden. So beginnt der Roman „Herz auf Eis“ von Isabelle Autissier.

Den beiden unfreiwilligen Insulanern Louise Flambart und Ludovic Delatreille steht allerdings keine Robinsonade mit Kokosnüssen und Sandstrand bevor. Denn ihre Insel liegt im Südatlantik, irgendwo auf Höhe von Kap Hoorn, schon in Sichtweite treibender Eisberge. Sie ist unbewohnt, weitab der üblichen Schifffahrtsrouten; die einzigen Reste menschlicher Zivilisation inmitten des zerklüfteten und unwirtlichen Eilands sind die Ruinen einer vor Jahrzehnten aufgegebenen Walfangstation. Die real existierende Insel Stromness stand Pate für die Insel, auf der die Autorin ihre Protagonisten stranden lässt. Auch in der Realität wird Stromness nur in der warmen Jahreszeit von wenigen Forschungsbooten und gelegentlichen Antarktis-Kreuzfahrtschiffen angelaufen; Photographien der unwegsamen, menschenfeindlichen Landschaft vermitteln eindrucksvoll die dramatische Situation, in der sich Louise und Ludovic befinden.

In den zerfallenen Häusern und Werkstätten müssen sie sich ein provisorisches Zuhause einrichten. Es dauert nicht lange, bis ihnen der Ernst der Situation mit aller Härte klar wird; nämlich genau bis zum Zeitpunkt, als ihr Entsetzen über die Situation einem Gefühl weicht, das die wenigsten Westeuropäer kennen: Dem Hunger.

Die Autorin stellt mit ihrem Roman zwei Fragen: Was ist man bereit zu tun, um zu überleben? Und wie belastbar ist die Liebe in einer Extremsituation?

Die erste Frage müssen die Protagonisten schnell für sich beantworten: Sie erschlagen Pinguine und Robben, würgen deren halbgares Fleisch hinunter, „alles stinkt nach Rauch, nach ranzigem Fett und Feuchtigkeit. Sie bemerken es nicht einmal mehr. Der Geruch ist ihrer geworden, der Geruch ihres Lebens.“ Verzweifelt versuchen sie, Nahrungs- und Brennstoffvorräte anzulegen, sie quälen sich durch die Tage, sich mühsam den Anschein einer nicht vorhandenen Normalität gebend; zwei Menschen aus einer hochtechnisierten Welt, ganz auf sich zurückgeworfen.

Dann kommt der Winter.

Die Antwort auf die zweite Frage leitet die Autorin mit den Sätzen ein: „Sie sind nicht einfach nur verlassen und schutzlos, sie sind einander vollkommen ausgeliefert, miteinander oder gegeneinander. Welches Paar hält ein solches Gefängnis aus?“ In Rückblicken lernen wir die beiden besser kennen, erleben mit, wie sich das erste Mal begegnen, sich ineinander verlieben – trotz, oder vielleicht gerade wegen ihrer völlig unterschiedlichen Persönlichkeiten. Ludovic, der Sunnyboy aus gutem Hause, dem alles im Leben nur so zufliegt. Louise, die schwermütige Außenseiterin, die sich Tag für Tag durch ihren Alltag schleppt und nur als Bergsteigerin am Wochenende wirklich lebt. Der Segeltörn war als ihr großes gemeinsames Abenteuer geplant – bis sie sich nun den existenziellen Herausforderungen stellen müssen, bei denen es um Leben oder Tod geht.

„Die Stille ist ein Nicht-Geräusch, wie die Nicht-Existenz, die sie leben. Wie ein Alptraum, in dem alles verschwunden ist.“

Wird die Liebe zur Fassade, werden die entstehenden Risse mühsam überkittet? Oder schweißen die dramatischen Umstände die beiden noch stärker zusammen? Vor dem Hintergrund einer lebensfeindlichen Umwelt seziert Isabelle Autissier Schicht für Schicht die Anatomie einer Beziehung zwischen zwei grundverschiedenen Menschen. Wie wird das alles ausgehen? Erste Ahnungen scheinen sich zu bestätigen, aber die Handlung ist mit einigen unerwarteten Wendungen verbunden. Nicht zuletzt stellt man sich die Frage, wie man sich wohl selbst in einer solchen Situation verhalten würde. Und liest schnell weiter, um sie nicht beantworten zu müssen.

Isabelle Autissier ist Zeit ihres Lebens begeisterte Seglerin, als erste Frau segelte sie alleine um die Welt und war dabei mehr als einmal in äußerster Lebensgefahr. Diese existentiellen Erfahrungen sind in „Herz auf Eis“ ohne Zweifel mit eingeflossen; der französischen Autorin ist damit ein beeindruckender Roman gelungen, der an den Grundfesten unserer moralischen Ansprüche rüttelt. Ansprüche, die keine Gültigkeit mehr haben, wenn es um das nackte Überleben geht.

Isabelle Autissier, Herz auf Eis
Aus dem Französischen von Kerstin Gleinig
mare Verlag, 224 Seiten, 22 Euro

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2 Antworten auf “Isabelle Autissier: Herz auf Eis”

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