Wien: Kleine Verlage in einer großartigen Stadt.

Sie sind leise und doch höre ich sie. Vor allem sehe ich sie – die kleinen, unabhängigen Verlage. »Wir werden nicht reich, aber wir haben ein schönes Leben« , sagte Alexander Potyka vom Picus Verlag. Den Satz habe ich vergangenes Wochenende oft gehört, und stets wurde er von den unabhängigen Verlegern aus Österreich mit einem Lächeln vorgetragen. Zusammen mit achtzehn weiteren Buchhändlern bin ich einer Einladung der Arbeitsgemeinschaft der österreichischen Privatverlage nach Wien gefolgt. Und habe viel zu viel Schönes erlebt, um es nur für mich zu behalten.

Von überall kamen meine Kolleginnen und Kollegen angereist, aus kleinen, mittleren und großen Städten und ebensolchen Buchläden. Doch egal, wie groß oder klein die Buchhandlung ist, uns eint eine Sache: die Leidenschaft für Bücher sowie die Neugier, immer wieder neue Schätze zu entdecken. Und in Wien saßen wir an einer Quelle, die nur so sprudelte und uns mitriss. So sehr, dass wir es nach jeder Verlagsvorstellung kaum erwarten konnten, zu den Büchertischen zu gelangen und durch die vielen Publikationen zu blättern, die von den Verlagen mitgebracht wurden.

Verleger Richard Pils begeistert uns mit seinem Buch »Karpfn«.

Vielfältig wie die Vorträge sind die Erzähler und auch die Verlage, von denen einige einer Familientradition entstammen, andere wurden aus purer Passion gegründet, wie Die Bibliothek der Provinz. Gleich zu Beginn verwandelt uns Verleger Richard Pils in kleine Kinder, die staunend seiner Geschichte lauschen, als er uns das Kinderbuch »Karpfn« von Herbert Achternbusch vorstellt und daraus vorliest. Entstanden sei die Idee für das Buch, als die Familie sich einen Teich angelegt hatte. Kaum war alles fertig, zogen dort zwei Karpfen in das neue Domizil ein. Doch die Fische waren kaum oder gar nicht zu sehen. Wo waren sie hin? Warum kann man nicht bis zum Boden des Teiches schauen? fragten die Kinder. Ein Buch muss her! Und da war es dann. Auch Erwachsene kommen hier auf ihre Kosten, insbesondere Liebhaber von Thomas Bernhard und Georg Trakl. Wundervolle Bücher, die bestaunenswert sind. Eins schöner und spannender als das andere.

Nach Annette Knochs Vorstellung möchte ich am liebsten sofort in jedes einzelne Buch hineinkriechen. Der Literaturverlag Droschl ist für mich kein unbekanntes Terrain, hat er mir doch schon allerfeinste Lesestunden beschert. Ein Eyecatcher ist die schwarze Vorschau im Querformat, die uns begeistert. Jedes Werk ist eine Besonderheit unter den über 800 Büchern. Der Verlag – seit fast 40 Jahren existent – pflegt seine Backlist. Da man natürlich nicht alle Bücher lesen kann, also nicht jetzt und sofort, entscheide ich mich für eine Autorin, die ich entdecken möchte: Lydia Davis.

Auf diesem Foto gibt’s mindestens vier Bücher, die ich lesen möchte.

Am Ende des zweiten Tages blicke ich verstohlen auf meine ausgesuchten Schätze. Kurz wird mir schwindelig, denn es sind eindeutig zu viele Bücher fürs Handgepäck! Der Folio Verlag weckt meine Neugier auf den italienischen Thriller »Der Tourist« und den englischen Autor Jonathan Coe (»Nummer 11«). Der Czernin Verlag verführt mich mit dem schön gestalteten und ansprechenden Roman »Schildkrötentage«. Die Jung & Jung Verlegerin Anna Jung hat gleich einen Autor mitgebracht: Als Elias Hirschl aus »Hundert schwarze Nähmaschinen« liest, grinse ich und bin gleichzeitig zutiefst berührt. Der Picus Verlag macht mich auf Kirstin Breitenfellner aufmerksam.

Mit Luftschacht nochmal Kind sein.

Bei Luftschacht möchte ich noch mal Kind sein und in jedes Bilderbuch eintauchen. Der Ritter Verlag überrascht mich mit seinem Autor Günther Eichberger, der aus seinem Buch »Hirn ohne Grenzen« vorliest. Margaret Kreidl verzaubert mich mit ihrem Buch »Zitat, Zikade. Zu den Sätzen«. Haymon weckt meine Neugier, in Selim Özdogans neuem Roman »Wo noch Licht brennt« hineinzulesen. Beim Otto Müller Verlag stoße ich auf ein Lyrikband (»Ein Kolibri kam unverwandelt«) von Marica Bodrožic und finde mindestens zwei weitere Bücher, die ich lesen möchte.

So ist es kein Wunder, dass der Bücherberg stetig wächst. Glücklicherweise bin ich nicht die Einzige, der es so geht. Wir grinsen uns alle an und denken das Gleiche. Wie nur mit all den Büchern nach Hause kommen? Bevor es am Abend zum »Heurigen« geht, verkrümeln sich alle zur Leseklausur in die Hotelzimmer.

Hier ein kleiner Einblick in die Ausstellung.

Ein liebevoll zusammengestelltes Ausflugsprogramm entführt uns zweimal aus dem Seminarzentrum hinaus mitten ins überwältigende Wien. Am Freitagabend besuchen wir das Literaturmuseum, in dem bis zum 11. Februar 2018 die Ausstellung »Im Rausch des Schreibens. Von Musil bis Bachmann.« zu sehen ist. Der Spaziergang durch die alten Räume, in denen noch historische, ehrwürdige Bücherregale stehen, ist höchst beglückend. Ebenso die beeindruckenden Exponate und berauschenden Zitate! Wer es nicht zur Ausstellung schaffen sollte, kann sich das Begleitbuch von Hanser kaufen.

Oh, du wunderwunderschönes Wien!

Wien. Hatte ich schon erwähnt, wie wunderwunderschön diese Stadt ist? »Sie müssen auf jeden Fall in ein Café«, empfiehlt mir Paul Pechmann vom Ritter Verlag. Und nennt mir u.a. Café Central und Café Bräunerhof.
Aber versucht mal, an einem verregneten Sonntagnachmittag überhaupt einen Platz in einem Café zu bekommen. Zumindest habe ich in der Herrengasse vor dem Central Café gestanden. Mein Spaziergang führt mich in ein kleines Café (L. Heiner) in der Kärntnerstraße. Hier kann ich kurz durchatmen und die letzten drei Tage Revue passieren lassen.

Es waren inspirierende Tage, mit all den Gleichgesinnten und den mitreißenden Verlagsleuten. Vorschauen wurden lebendig. Nun begebe ich mich mit meinen KollegInnen lesend auf Entdeckungstour. Servus! Und bis bald in einer der schönsten Städte der Welt.

 

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  1. Ein feiner Tip, jene Ausstellung „Im Rausch des Schreibens“. Also bis Februar hoffentlich eine Reise ins wunderbare Wien, das genauso im Winter schön ist.

    Ich könnte noch Elogen auf Wien schreiben. Bräunerhof – ganz genau – das Thomas Bernhard-Café. Oder wenn man den Charme der 50er Jahre mag, dann das Café Prückel am Ring. Und das Kunsthistorische Museum, das Freud-Museum in der Berggasse, fast wie eine Reise ins Unterbewußte. All die Figuren und Fetische sowie die alte Patientencouch dort. Zu Wien auch genial zu lesen ist Gerhard Roth „Eine Reise in das Innere von Wien.“ Viel Subtiles und Orte gibt es mit Roth zu entdecken, auf die man in keinem Reiseführer käme.

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