Unda Hörner: Kafka und Felice

Wir sind ihnen allen schon einmal begegnet – Gregor Samsa, Josef K. oder dem Landvermesser K. Doch eine gewisse Felice Bauer habe ich bisher nicht mit Franz Kafka verbunden. Wobei man unterscheiden muss, denn die zuerst genannten Protagonisten entstammen Kafkas Phantasie, seinen Werken. Felice Bauer hingegen hat es als leibhaftigen Menschen wirklich gegeben. Und was für eine beeindruckende Frau sie war! Unda Hörners Neugier habe ich es zu verdanken, dass ich Felice näher kennenlernen durfte und mit ihr einen weiblichen Blick auf den großen Schriftsteller werfen konnte. In ihrem Roman »Kafka und Felice« zeichnet die Autorin die besondere Liebesgeschichte der beiden in Romanform nach, auf Basis von Kafkas Briefen an Felice. Und sie unternimmt mit ihren Lesern gleichzeitig eine aufregende Zeitreise ins Berlin zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Doch wie sind die beiden überhaupt zusammengekommen? Einen Einblick in das kenntnisreiche, berührende und anregende Buch schenke ich euch heute an diesem kalten Novemberabend.

Als Felice Bauer am 13. August 1912 in Prag auf Doktor Kafka trifft, ahnt sie noch nicht, dass dieser »mit unhöflicher Gleichgültigkeit dreinblickende Herr« bald zu einem wichtigen Begleiter ihres Lebens werden sollte. Sie lernt Franz bei einem entfernten Verwandten kennen. Sechs Wochen später findet Felice einen Brief aus Prag in ihrer Post. »Ob sie sich noch an das Versprechen der gemeinsamen Palästinensareise erinnere, über die man an jenem Abend gesprochen habe

Und ob sie sich an den »seltsamen Herrn und seinen Auftritt mit dem Manuskript« erinnert! Zuerst will sie aber erfahren, wie der Herr Kafka an ihre Adresse gelangt ist. Die Antwort folgt prompt: Die Schwester des Gastgebers war die Vermittlerin. Einmal begonnen, entfacht ein reger Briefwechsel zwischen Berlin und Prag. Franz ist wesentlich aktiver und sogar mitunter ungeduldig, wenn seine neue Brieffreundin nicht sofort antwortet.

Immerhin ist die junge Dame viel beschäftigt. Tagsüber arbeitet sie bei der Lindström AG, die einen Parlografen entwickelt hat. Das neuartige Diktiergerät soll möglichst erfolgreich vertrieben werden und die Sekretariatsarbeit erleichtern. Als Prokuristin ist Felice sehr eingespannt, sogar auf Messen unterwegs. Auch die Familie fordert sie, besonders ihre Geschwister. Erst wird ihre unverheiratete Schwester schwanger, dann hintergeht ihr Bruder seinen Schwiegervater. Und über allem schwebt der wartende Franz. Er wartet und wartet. Bei soviel Trubel kann man ja nur Kopfweh und Zahnschmerzen bekommen – damit hat Felice oft zu kämpfen. Dennoch versinkt sie nie im Jammertal, viel mehr kämpft sie wie eine Löwin. Ihr dabei zuzuschauen, wirkt wie eine Dosis kraftvoller Sonne.

Foto: Unda Hörner © CGS

Aufregend ist es, durch das Berlin vor etwa hundert Jahren zu wandeln. Hörners Reise in die Vergangenheit fühlt sich äußerst authentisch an, da die Autorin viele Begriffe dieser Zeit verwendet. Mehrmals stolpere ich über das Wort müllern, obwohl keine Mühle in der Nähe ist. Darunter verbirgt sich nichts anderes als turnen. Müllern sei wichtig, schreibt Franz seiner Liebsten. Also versucht Felice, sich fit zu halten. Am liebsten bewegt sie sich bei ihren Spaziergängen durch die Stadt. So flaniere ich mit ihr in Wilmersdorf an den Geschäften vorbei, wandle später im Osten entlang.

Doch die Zeiten sind unruhig, um Felice und Franz herum bahnt sich der Erste Weltkrieg an und bricht schließlich aus. Obendrein erweist sich die Beziehung zwischen den beiden als ziemlich schwierig. Puh, ein Wechselbad der Gefühle. Einerseits möchte die selbstbewusste Felice ihr selbstbestimmtes Leben in Berlin ungern aufgeben. Andererseits will Franz sein einsames Schriftstellerdasein in Prag weiter führen. Und nun? Franz fasst ihr Dilemma so zusammen: »Jeder liebt den anderen so, wie dieser andere ist. Aber so wie er ist, glaubt er mit ihm nicht leben zu können.« Harte und wahre Worte, die mich tief seufzen lassen.

Ich hadere oft mit dem Doktor aus Prag und blicke bewundernd zu Felice. Unda Hörner zeichnet Kafka als Künstler durch und durch, ein Mensch mit ganz eigenem Charakter und oft speziellen Ansichten. Ein Autor, der große Meisterwerke geschaffen hat, unvergessen bleibt und immer wieder gelesen werden sollte. Dank Unda Hörner weiß ich jetzt aber auch, dass Felice Bauer eine beeindruckende Persönlichkeit und von 1912 bis 1917 ein wichtiger Mensch an Franz Kafkas Seite war. Am 18. November 2017 jährte sich ihr Geburtstag zum 130igsten Mal. So gedenken wir zwei unvergessenen Persönlichkeiten.

 

Unda Hörner: Kafka und Felice. ebersbach & simon, August 2017, 336 Seiten, Fadenheftung, 20,- €.

Advertisements

2 Antworten auf “Unda Hörner: Kafka und Felice”

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s