Andrea Scrima: Wie viele Tage

Es sind die kleinen Momente, die manchmal das Leben ausmachen, der weggeworfene Kaffeebecher, ein Lichtstrahl, der verstaubte Gegenstand, bedeutungslos für alle außer der einen Person, die ihn mit Erinnerung und Wert auflädt. Andrea Scrimas Debütroman „Wie viele Tage“ zeichnet sich durch die Melancholie seiner Ich-Erzählerin aus, die zwischen zwei Kontinenten auf der Suche nach Heimat und der eigenen Identität ist.

„Jeder in seiner eigenen Welt, seinem eigenen persönlichen Universum, all diese imaginären Räume und Landschaften, die in den Köpfen der Leute existieren, koexistieren, kollidieren … Sie alle sehen etwas, das nicht da ist.“

Sie lebt im East Village, Williamsburg und Kreuzberg der achtziger und neunziger Jahre, die Protagonistin in Andrea Scrimas mosaikartigem Roman „Wie viele Tage“. Doch von wenigen äußeren Umständen, die angedeutet werden, abgesehen, spielt sich dieser Roman in der Gedanken- und Emotionswelt der Ich-Erzählerin ab. Es sind die kleinen Beobachtungen, die das Leben zu dem machen, was es ist, denn sie bestimmen die subjektive Wahrnehmung der Realität, und nicht die großen Erschütterungen der Zeit, der Außenwelt. Die Ästhetik liegt im Gewöhnlichen und Alltäglichen. In einer der poetischsten Stellen des Romans wird die Protagonistin Zeugin des Moments, bevor sich der Kaffeerest aus einem achtlos weggeworfenen Becher und Hundeurin auf der Straße berühren und genau dort ein Zettel mit einer Adresse liegt, den sie rettet. Der Gedanke, dass nur sie den Zauber dieses Augenblicks wahrgenommen hat, diese „Faktoren in einer Gleichung, die für mich und nur für mich bestimmt war“, macht sie schwindlig – „und dennoch verstand ich nichts, überhaupt nichts“.

Scrimas Ich-Erzählerin ist Künstlerin, die Kunst nicht als Verkaufsgegenstand sieht und ihre Bilder selten ausstellt, aber immer weiter malt als Bestätigung des eigenen Ichs in dieser unbeständigen Welt. Es ist ein unstetes und einsames Leben, das sie führt, bestimmt durch das, was verloren ist und durch den Versuch, die Vergangenheit festzuhalten – zumeist erfolglos: Das Haus, in dem ihre Großmutter und Mutter aufwuchsen, ist abgerissen, nicht einmal mehr die Hausnummer existiert. „Eine Schwierigkeit mit dem Präsens“ hat die Erzählerin. Die meisten Menschen, die sie erwähnt, sind verstorben, die Lebenden spielen nur am Rande eine Rolle, die Beziehungen bleiben distanziert, sind zu Hunden und Katzen stärker und fast auch zu dem vielen Ungeziefer, das sich in sämtlichen Wohnungen einnistet.

„Wie viele Tage“ besticht durch seine ruhige und doch dichte Erzählweise, die fast gänzlich ohne wörtliche Rede auskommt und höchstens an ein, zwei Stellen („Bett aus Blumen“) ins Pathetische abrutscht, ansonsten in einer poetischen Melancholie verweilt in Beobachtungen, Erinnerungen. „Wie in der Zeit zurückgehen“, fragt sich die Protagonistin. Assoziativ und nicht chronologisch, aber immer nachvollziehbar, erzählt sie von ihrem Leben zwischen zwei Kontinenten und zwei Jahrzehnten voller Umbrüche, die meisten persönlicher Natur. Sie spricht in ihrem inneren Monolog beständig ein „Du“ an, doch der Adressat ihrer Gedanken wechselt, ist mal der eine, mal der andere Geliebte oder Freund, kurz der Bruder, meistens der Vater. Das „Du“ ist nicht greifbar, das „Ich“ ebenfalls kaum.

Gedanken, Wünsche, Selbstsuche – all diese Sehnsüchte formuliert Andrea Scrima in „Wie viele Tage“. Dieser fragmentierte Roman, der einem lyrischen Essay gleicht und wunderbar übersetzt wurde von Barbara Jung, lehrt uns, näher hinzuschauen. Der Teufel steckt im Detail, und manchmal eben auch die Schönheit.

Andrea Scrima – Wie viele Tage, aus dem Englischen von Barbara Jung, Literaturverlag Droschl, 2018, 23 €

Diese Rezension erschien zuerst auf novellieren.com.

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