Mareike Fallwickl: Dunkelgrün fast schwarz

Farne lieben es schattig und feucht. In so einem immergrünen Dickicht entfaltet nun die junge österreichische Autorin Mareike Fallwickl (= unser Bücherwurm Mariki von „We read Indie“) ihren entwaffenden Debütroman Dunkelgrün fast schwarz. Ein Haus ist in diesem Hort von Geschichte und Geschichten und es steht erhaben auf einem Berg, das Dorf liegt darunter, Salzburg ist in der Ferne erkennbar, aber nur bei guter Sicht. Um ein neues Zuhause zu beleben, muss es mit Empfindungen angefüllt werden. So lädt es sich auf oder bleibt leer. Der kleine Moritz, der dort Anfang der Achtziger Jahre mit seiner Familie lebt, ist ein „Augenmensch“, seine Wahrnehmung geht über alle Sinne, die Welt schmeckt, riecht und schillert in allen Farben.

Dieses synästhetische Ineinandergreifen verschiedener Sinnesebenen macht Fallwickl für ihr Schreiben auf lustvolle und hochspannende Weise produktiv. Ihre Sprache ist enorm stark, wendig, verspielt-überbordend, aber auch sicher darin, Gefühle zu übersetzen, das Unbegreifliche, Abgründige, Abseitige in uns erfahrbar zu machen, „Seelenmüll“ zu bergen und die Erzählweisen zu modulieren.
Ausgehend von diesem Haus legt sie ab der Erzählgegenwart 2017 ein dichtes Netz aus, dessen Fäden unsichtbar, aber teuflisch gut von Raffael, Moritz Blutsbruder aus der Kindheit, in den Händen gehalten werden, wenngleich kein einziges Kapitel nach ihm benannt ist. Es gibt immer die, die ziehen, und die, die gezogen werden. Und Moritz wurde eindeutig gezogen. Raffael hält den Erzählraum besetzt, die Kapitel sind nach den anderen Figuren benannt: Moritz, seiner Mutter und Johanna – und erzählen aus deren Perspektive.

Raffaels plötzliches Auftauchen und Einnisten in der Wohnung von Moritz und seiner schwangeren Freundin nach sechzehn Jahren Funkstille grätscht in ein junges Glück hinein und stößt einen Rückwärtsstrudel an in den „Schutt“ vergangener Jahre. Vernarbte Wunden reißen auf, familiäre Abhängigkeitsmuster zeigen sich.
Mit Johanna im Bunde, die im Jugendalter zu den beiden Freunden dazustieß, entwickelte sich damals eine fatale Dreieckskonstellation. Wahre Gefühle wurden stets von Besessenheit und gegenseitiger Zerstörung überlagert, so wird auch sie nach sechzehn Jahren wieder auftauchen, weil manche Bande einfach nie reißen. Erst langsam begreift Moritz, was er längst hätte begreifen und vor allem mit all seinen Sinnen sehen müssen.
Fallwickl erzählt mit einem bestechenden Blick für Schönheit und deren Fratze von Macht, Begehren, Transgression und Unterwerfung, vom Mangel an (Selbst)Liebe, aber auch von ihrer Kraft.

 

Mareike Fallwickl: Dunkelgrün fast schwarz. Frankfurt: Frankfurter Verlagsanstalt 2018. 475 Seiten. 24 Euro.

Senta Wagner (der Beitrag ist am 11.4.2018 auf dem Hotlistblog plus Verlagsporträt der FVA erschienen)

 

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