James Sallis’ Willnot – Eine Kleinstadt noir

Eine Besprechung von Britta.

Als ich in der Vorschau sah, dass einer meiner liebsten Autoren in einem meiner liebsten (Krimi-)Verlage ein neues Buch publizieren würde, war mein Frühjahr gerettet. Der Vertrauensvorschuss ist bei mir für James Sallis immer gegeben. Einige LeserInnen mögen ihn kennen als den, der die Vorlage für den Film Drive geschrieben hat – und ja, auch ich bin erst über den Ryan Gosling’schen Umweg auf den Autor gestoßen, habe seitdem aber fast alles von ihm gelesen. Driver (der Film hat eine kleine Fokusverschiebung vorgenommen, als der Titel verändert wurde) ist ein Noir-Buch, wie es sozusagen im Buche steht. Und in diesem Aspekt enttäuscht Sallis auch bei Willnot nicht. Auch wenn es ein Krimi ohne Krimi ist, irgendwie.

Der Klappentext verspricht „Eine Grube voller Leichen. Ein Killer, den die Vergangenheit nicht loslässt. Und ein Held, der keiner sein will.“ [Achtung, Minispoiler] Dass die Grube und der Killer im Endeffekt nichts miteinander zu tun haben, auf die Idee muss man dann auch erst einmal kommen. Willnot ist ein fiktiver Ort in Amerika, eine Kleinstadt. Man kann also viel in die Intention des Autors oder die Abläufe in dem Ort schon allein an diesem Namen ablesen, wenn man denn so möchte. Ich fand es ein nettes Gedankenspiel – vor allem in Anbetracht der „Auflösung“ (aber ich möchte hier nicht spoilern).

Das Zitat am Buchanfang setzt die Stimmung: „Hang me, oh hang me, / I’ll be dead and gone … / Don’t mind the hanging, / it’s the waiting around so long. (Volkslied)“ Die LeserInnen erwartet eine aussterbende, teils sehr ironisch dargestellte Kleinstadt, wie man sie in vielen Teilen der USA finden kann. Da steht dann zum Beispiel zwar ein Hinweis, dass Willnot bitte sauber gehalten werden solle, aber das Schild wird von subversiven Tauben gleich ad absurdum geführt. Auch gibt es in Willnot keine Kirchen: „Eine ganze Reihe außerhalb der Stadtgrenzen, aber keine auf dem Stadtgebiet selbst. Eine städtische Verordnung. Kein Walmart, keine Lebensmittelkette, kein Drugstore, kein Discounter und kein Kaufhaus. Keine Plakatwände, keine Werbung auf der Straße, einfach nur Ladenfronten.“ Man kann es sich so richtig vorstellen, wie sich das Stadtbild dadurch absetzt von dem, was wir kennen. „Ich bin 2002 in den Bus eingestiegen, und als ich ausstieg, war’s 1970“, sagt einer der Charaktere (S. 77). Ein wenig hin und her gerissen ist man dann schon, ob dieses von den modernen Stadtbildern nicht doch das erstrebenswertere sein könnte.

Der Erzähler ist gleichsam klug wie verbissen:

„Das Leben muss vorwärts gelebt, kann aber nur rückwärts verstanden werden – Kierkegaard, richtig? Ganz oben auf der Klischee-Liste von Journalisten und Bloggern, gleich neben ‚Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann‘ und ‚fünfzehn Minuten Ruhm‘, obwohl die Urheber für gewöhnlich nicht genannt werden.“ (S. 43)

Immer wieder wird mit den Namen wichtiger Denker und Schreiber (einziger Kritikpunkt: natürlich ist der Erzähler zwar schwul – irgendwie muss ja ein Charakter in dieser Masse an doch meistens recht klischeehaften Charakteren herausstechen −, aber sonderlich divers ist die von ihm gelesene Literatur nicht) nur so um sich geworfen: Wittgenstein, Lenin, Hemingway, Canetti, Gide und − immerhin − Margaret Mead. Vom Kater Dickens ganz abgesehen. Manche LeserInnen mag das stören, wenn der Autor hier vielleicht auch nur seine eigene Belesenheit unter Beweis stellen will – ich gehöre zu den Menschen, die viel Freude an intertextuellen Referenzen haben.

Sallis ist also wieder ein Buch gelungen, das viele Frage aufwirft, diese vor allem unbeantwortet lässt („Ich stelle gern Fragen. Die Antworten sind nie so wichtig wie die Fragen.“, S. 64). Dies ist ein Krimi, der kein Krimi sein will, sondern vielmehr eine Darstellung der (wenn auch in diesem Fall definitiv kaputten) amerikanischen Gesellschaft. Willnot erschafft eine wunderbar dunkle Atmosphäre, die die LeserInnen mit einem mulmigen Gefühl zurücklässt (wie es sich meines Erachtens für einen guten Noir-Roman auch gehört) und es kann sprachlich überzeugen – auch (oder wegen) seiner vielen literarischen Anspielungen. Vor allem bei letzterem möchte ich an dieser Stelle die zwei ÜbersetzerInnen Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt würdigen, die wirklich gute Arbeit geleistet haben!

James Sallis
Willnot
Liebeskind Verlag, München, 2019
220 Seiten, 20,00 €

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