Anna Gien & Marlene Stark: M

Suff und Kater, Rausch und Depression wechseln sich im Roman M (Matthes & Seitz) von Anna Gien und Marlene Stark beständig ab und werfen Strobo-Licht auf die prekäre Kunstszene in Berlin-Neukölln. Aber es steckt deutlich mehr im Buch als nur das.

M hat eine ordentliche Karriere hingelegt. Ihre Kunst wurde nach dem Abschluss an der Uni schnell bekannt. Sie hatte die richtigen Leute kennengelernt, einen Nerv getroffen mit ihrem wilden Stil. In Neukölln betrat sie ein Biotop, in dem zahlreiche Künstler*innen ihren Weg gingen, mal aufrechter, mal gebückter, mal im Laufschritt, mal im Schneckentempo. Hauptsache mit stolzem Gang und einem Glas Champagner in der Hand, und wenn es das mal nicht sein kann – noch nicht mal geschnorrt auf irgendeiner dahergelaufenen Vernissage von Was-weiß-ich-wem-schon-wieder – tut’s auch ein Pilsator. Who cares.

Denn wenn es mal nicht so läuft, kann man sich in Neukölln auch anders ganz gut durchschlagen. Als DJane etwa, das kann M auch. Auf der Tanzfläche tummeln sich Gestalten, die danach gieren, etwas zu erleben. Die die Nacht aufsaugen wollen, mit all ihrem Suff und Schnaps und Rauch. Besseres Bier als Pilsator gibt’s beim Auflegen auch für umme, und die Chance auf eine ganze Riege an neuen oder altbekannten Sexualpartnern noch dazu.

In M von Anna Gien und Marlene Stark nimmt uns die aus der Ich-Perspektive berichtende Protagonistin für eine kleine Zeit mit durch den Trip, der ihr Leben ist. Und der beileibe nicht immer ein guter ist, nicht zu ihr, und auch nicht immer gut zu den Menschen um sie herum. Wir begleiten sie durch Clubs, Clubtoiletten, Betten, eigene und fremde, durch Galerien und Museen, bis ins Herz der Finsternis: die Familie zu Weihnachten.

Das ist unterhaltend und kritisch zugleich. Denn hier gibt es viel Sex, ja. Der ist überaus abgeklärt erzählt und doch lustvoll und vollkommen unpeinlich zu lesen. Das kann schon mal nicht jeder, so viel steht fest. Doch für M geht es nur in einigermaßen wenigen Fällen einfach um die Befriedigung von Lust oder Begehren. Sex spielt in M eine viel perfidere Rolle, ist wie eine Währung, in der auf den prekären Straßen der Kunstszene gehandelt wird, ein Mittel zum Zweck, das eingesetzt werden will. Und Alkohol hilft nicht nur da.

Mein Kater lässt alles anstrengend und laut sein. Die Plattentasche schneidet in meine Schulter, das Poltern auf dem Asphalt hämmert monoton gegen meinen Schädel. Die kalte Luft und das grelle Grau tun gut. Ich bereue nicht, den Sex nicht durchgezogen zu haben. Nicht weil ich mich sonst schmutziger fühlen würde, sondern ich schon bekommen hatte, was ich wollte. Die Scham wirst du nicht so einfach los. […] Die Scham, die Gier, die Angst gehören zu einem Skript, das für mich geschrieben wurde. Wackelige Kulissen, schlecht sitzende Perücken, fettige Schminke pappt tief in den Poren, während das Dröhnen der Loungemusik dein Stöhnen dämpft. Es hat lange gedauert zu verstehen, dass ich selbst in diesem Stück keine Rolle spiele.

Rollenerwartungen, Geschlechterklischees, Routinen und ungeschriebene Gesetze prägen die von superindividuellen Hipstern bevölkerte Welt von M. Der Verstoß gegen die Erwartung, der Aufstand gegen die Norm sind zum langweiligen Alltag, zur leeren Pose verkommen. M durchschaut diese zwar scharf und pointiert, aus ihr auszubrechen ist aber auch ihr nur bedingt vergönnt. Immerhin versucht sie die biedere Realität mit immer neuen Spielen zu untergraben. Auch wenn das Ergebnis wieder nur ein schneller Kick sein könnte; gerade noch da, gleich schon wieder verflogen.

Der unverbrauchte, lockere wie gehässige Stil des Romans steht der achselzuckenden Selbstzerstörung der Protagonistin dabei so diametral entgegen, dass es eine Wonne ist. M ist stets auf der Suche nach einem Stück Identität, nach einem Stück Eigenem. Doch das erscheint beinahe unmöglich in ihrem von unfähigen, fragilen Männerfiguren mit Professionalitätsfetisch regierten Mikrokosmos.

M von Anna Gien und Marlene Stark erzählt viel von Sex, von Macht und von eigenartigen Originalen. Doch bietet das Buch dadurch Einblick in viel mehr: in eine Welt, in der Sex zur Ware eines überaus komplexen Quid-pro-Quo geworden ist, mit der Macht, Begehren, Aufmerksamkeit und auch ein wenig Zuneigung gehandelt werden. In der Identitäten in endlosen Nächten zerfasern und neu zusammengesetzt werden, das Bier zum Notnagel wird im Kampf gegen ein abstruses Patriarchat, das mit sich selbst überfordert ist. Ein ebenso unterhaltender wie berührender Roman, der sich wie im Rausch liest und in Erinnerung bleibt.  

 

Anna Gien & Marlene Stark: M. 248 Seiten. 20 Euro. Erschienen im Februar 2019 bei Matthes & Seitz Berlin.

Diese Rezension erschien zuerst auf Poesierausch.

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