Nachgefragt bei … Ursula Gräfe (Übersetzerin)

Wer die Bücher von Ryu oder Haruki Murakami liest und dabei nachschaut, wer diese Bücher übersetzt hat, der wird unweigerlich auf den Namen Ursula Gräfe stoßen. Da mit „In Liebe, dein Vaterland“ (Besprechung: siehe hier) ein neues Buch von Ryu Murakami erschienen ist, habe ich die Gunst der Stunde genutzt, diese Spezialistin für das Japanische zu interviewen. Speziell zu dem neuen Buch und auch allgemein, wie umfangreich oder schwierig das Übersetzen aus dem Japanischen ins Deutsche ist. Herausgekommen ist ein vielschichtiges Gespräch, wie Frau Gräfe zum Japanischen gekommen ist, wie sie allgemein übersetzt und ihre Herangehensweise zu „In Liebe, dein Vaterland“. Ganz zum Schluss hat die Übersetzerin noch vier Buchtipps für all diejenigen unter euch parat, die sich gern tiefergehend mit japanischer Literatur auseinandersetzen wollen (eines davon wurde vor Kurzem sogar auf dieser Seite besprochen – Link ist zum Schluss eingefügt). Und nun viel Spaß mit dem Interview.

We read Indie:
Wenn es um das Übersetzen japanischer Bücher geht, findet man Ihren Namen meist an erster Stelle. Japanisch als Sprache ist nicht gerade alltäglich. Wie kam es dazu, dass Sie sich genau mit dieser Sprache intensiver beschäftigt haben?

Ursula Gräfe:
Ich habe in Frankfurt Japanologie studiert, als dies wirklich noch ein „Orchideenfach“ war, neben Anglistik und Amerikanistik, alles eher planlos und aus reiner Neigung. Die Zahl der Studierenden war damals ziemlich überschaubar, und so hatte ich das Glück, sehr individuell und intensiv in die japanische Literatur eingeführt zu werden. Übersetzungsübungen fand ich von Anfang an besonders interessant, obwohl ich, im Nachhinein betrachtet, den Texten als klassisch geltender japanischer Autoren, wie Akutagawa oder Tanizaki sprachlich noch überhaupt nicht gewachsen war. Dennoch übten die Eigenarten japanischer Literatur – die andere Wirklichkeitsauffassung, das Assoziative und Poetische der Sprache – sehr schnell eine starke Faszination aus.

WRI: In einem Interview mit den Eigentümern des Cass-Verlags las ich, dass es gerade für Japanisch und Koreanisch sehr schwer ist, geeignete ÜbersetzerInnen zu finden. Wie umkämpft ist aus Ihrer Sicht dieser spezielle Markt, kennen sich die Übersetzer untereinander und hat jeder von Ihnen Lieblingsschriftsteller, die er gerne übersetzt?

UG: Die Eigentümer vom Cass Verlag sind selbst hervorragende und von mir bewunderte Übersetzer aus dem Japanischen. Und sie haben recht, es gibt weit mehr übersetzungswürdige japanische Werke als die, die in Deutschland erscheinen können. Aber ich finde es besonders wichtig, auch bei außereuropäischen Sprachen bei einem hohen Anspruch an die Übersetzung zu bleiben und auf keinen Fall japanische Werke aus dem Englischen ins Deutsche übertragen zu lassen, auch wenn da eine gewisse Versuchung besteht, weil es so viel schneller geht und die Auswahl an Übersetzern größer ist. Die Übersetzung eines japanischen Romans ist vergleichsweise aufwendig, wodurch die Übersetzer unter viel größerem zeitlichen Druck stehen, als gemeinhin anerkannt wird. Ich könnte mir vorstellen, dass der Nachwuchs sich bisweilen scheut, sich dieser anstrengenden Situation auszusetzen. Der Kreis der Japanisch-Übersetzer ist klein, dadurch kennen sich viele. Tatsächlich ist meistens ein bestimmter Übersetzer für einen bestimmten oder auch mehrere bestimmte Autoren „zuständig“. Bei mir sind es vor allem noch lebende bzw. jüngere AutorInnen wie z. B. Ryū Murakami (*1952) und Sayaka Murata (*1979) . Während meines Studiums, als noch vergleichsweise wenig aus dem Japanischen übersetzt wurde, fand ich immer, dass die neueren bzw. neusten Autoren zu kurz kamen. Was natürlich auch daran lag, dass es noch in den 1980er-Jahren einen gewissen Nachholbedarf an Übersetzungen von Klassikern gab, der eigentlich sogar noch heute besteht. So sind zum Beispiel nicht alle Werke bedeutender japanischer Autoren wie Natsume Soseki, Yasunari Kawabata (der erste japanische Literaturnobelpreisträger) oder Yukio Mishima ins Deutsche übersetzt. Es gibt also eine Menge zu tun.

WRI: Mit Ryu übersetzen Sie neben dem berühmten Namensvetter den zweiten großen Murakami. Was ist das faszinierende an diesen beiden? Was unterscheidet und was ein sie in ihrem Schreiben?

UG: Beide Murakamis sind repräsentative Vertreter der japanischen Literatur der Nachkriegszeit, oder wie man nach der Abdankung Kaiser Akihitos sagen kann, der Heisei-Zeit, also einer ganzen Epoche. Für mich sind sie paradigmatisch für zwei wichtige literarische Strömungen der Zeit nach 1945. Jürgen Schütz, der Inhaber des Wiener Septime Verlags, hat dies in seiner Vorschau zu Ryū Murakamis im März 2019 erschienenen großen Zweiteiler In Liebe, Dein Vaterland mit einem witzigen Zitat aus der Financial Times kurz und knapp auf den Punkt gebracht: „Wenn Haruki Murakami die Beatles der japanischen Literatur ist, dann ist Ryu Murakami die Rolling Stones.“ Während Haruki Murakami in seinen Romanen die Verwerfungen und die Einsamkeit des modernen Ichs mit eindringlicher Poesie und tiefgründiger Melancholie aufarbeitet, kreiert Ryū Murakami zwar mindestens ebenso fantastische, aber ätzende, zum Teil blutige und haarsträubende Szenarien, mit denen er immer wieder den Finger in die offenen Wunden von Politik und Gesellschaft legt und häufig hart mit Japan ins Gericht geht.

WRI: Gerade diese beiden, gegensätzlichen Herangehensweisen beider Autoren finde ich sehr spannend. Welche von beiden liegt Ihnen mehr, einmal aus der Sicht als Übersetzerin und andererseits als Leserin?

UG: Wahrscheinlich liegen mir Haruki Murakamis Werke mit ihrem tiefgründigen und auch immer versöhnlichen Ansatz etwas mehr. In beider Hinsicht. Allerdings habe ich auch sehr viel übrig für Ryūs verkrachte und abgehärtete „böse Jungs“. Eine absolute Lieblingsfigur aus In Liebe, Dein Vaterland von Verleger Jürgen Schütz, Lektorin Christie Jagenteufel und mir ist der eiskalte nordkoreanische Hauptmann Choi Hyo-il, gnadenloser Meister brutaler Kampfkünste, und wir haben sehr um sein Überleben gebangt.

WRI: „In Liebe, Dein Vaterland“ ist im Original schon 2005 erschienen. Wie haben Sie sich speziell auf die Übersetzung für diesen Zweiteiler vorbereitet?

UG: Es ist geradezu sensationell, wie mit welcher Weitsicht Ryū Murakami 2005 die künftigen politischen Gefahren für Japan analysiert hat. In Liebe, Dein Vaterland wirkt brandaktuell, vor allem was die Weltlage und die Position Nordkoreas betrifft. Vorbereitet habe ich mich, indem ich eine ganze Menge Material zu Nordkorea gelesen und angeschaut habe. In den letzten Jahren hat Nordkorea durch die Treffen zwischen Präsident Trump und Kim Jong-un größere mediale Aufmerksamkeit erhalten. Besonders hilfreich fand ich u. a. die Analysen von Rüdiger Frank, z. B. Unterwegs in Nordkorea (2018) und den Film der deutsch-koreanischen Regisseurin Sung-hyung Cho Meine Brüder und Schwestern im Norden (2016), beides um Einblicke jenseits von Klischees bemühte Werke.
Übrigens hat Ryū Murakami nach eigener Aussage drei Jahre für seinen Roman recherchiert, u. a. führte er über zwanzig Interviews mit aus Nordkorea Geflüchteten in Seoul, wo es eine große Community gibt. Unter den Befragten befanden sich auch Angehörige des Militärs, von denen Murakami wertvolle Informationen über die Ausbildung, Ausrüstung und Bewaffnung der nordkoreanischen Streitkräfte sammeln konnte. Viele der im Roman dargestellten Sachverhalte entsprechen durchaus den Tatsachen. Diese Interviews zu führen war offenbar nicht ganz einfach, denn häufig reagierten die Geflüchteten argwöhnisch auf detaillierte Fragen und verdächtigten Murakami, für den japanischen Nachrichtendienst zu arbeiten.

WRI: Aus meiner mit wenig Wissen versetzten Sicht arbeitet die japanische Sprache mit Schriftzeichen, die, je nachdem, wie sie gezeichnet sind, unterschiedliche Bedeutungen haben können. Allgemein gefragt: Wie nähert man sich dieser Sprache für das Übersetzen an und wie haben Sie sich speziell für „In Liebe, dein Vaterland“ vorbereitet?

UG: Die japanische Schrift stammt bekanntermaßen aus China. Die chinesische Kultur war – wie für unsere Vorfahren die griechisch-römische – das große Vorbild, und in der frühen Geschichte (ab dem 5. Jh.) übernahm man in Japan nicht nur die Zeichen, sondern auch deren chinesische Aussprache, so dass parallel zum gesprochenen Japanisch eine Art geschriebenes, chinesisches Japanisch entstand. Dadurch wanderte ein riesiger chinesischer Lehnwortschatz ein, der mit der Zeit ebenso untrennbar mit dem Japanischen verschmolz wie etwa der lateinische mit der deutschen Sprache. Deshalb besitzt heute jedes japanische Wort (mindestens) zwei Aussprachen – eine originär japanische und eine aus dem Chinesischen entlehnte, „sino-japanische“. Die verhältnismäßig vielen Militärränge, Regierungsämter, Ministerien, Beamtentitel usw., die vor allem im ersten Band „Die Invasion“ von In Liebe, Dein Vaterland eine Rolle spielen, bestehen in der Regel aus solchen Zeichenkomplexen mit sino-japanischer Aussprache, von denen ich – ich gebe es zu – wahrscheinlich die meisten nachschauen musste. Daher hatte ich mir ein Glossar dieser Begriffe angefertigt, auf das ich immer wieder zurückgreifen konnte, und das, um mal zu veranstaulichen, ungefähr so aussah:

Abteilung für Luftabwehr in der Hauptstadt ((首都防衛高射砲部隊))
Chefkabinettssekretär ((内閣官房長官)), naikaku kambō chōkan
Ch’ongryon – ((朝鮮総連)) – ((jap. Chōsen sōren)), Verband in Japan lebender Koreaner
Eisenbahn-Schutztruppe ((警備隊))

Überhaupt habe ich für beide Bände einige Listen angefertigt, denn am Ende müssen ja alle Bezeichnungen übereinstimmen.

WRI: Ich stelle mir das Übersetzen aus der japanischen Sprache sehr schwierig und langwierig vor, insbesondere, um den passenden Ton im Deutschen zu finden. Wie lange haben Sie für die Übersetzung der beiden Teile von „In Liebe, dein Vaterland“ benötigt?

UG: Ja, Sie haben recht, wie in jeder Sprache muss man natürlich zuerst den passenden Ton finden. Durch die Übersetzung Coin Locker Babys (Septime Verlag 2016) war ich schon etwa vertraut mit Ryū Murakamis Stil, daher ging das ganz gut. Er schreibt sehr ausufernd, hat eine überschäumende Fantasie und unglaubliche Ideen für „krasse“ und wahnwitzige Szenen, wie die Waffen- und Uniform-Modenschau in Bd. 2 („Der Untergang“). Oft schraubt er sich auf einer Art Sarkasmus-Spirale in schwindelnde Detail-Höhen hinauf, wo er immer noch eins drauf setzt und dann noch eins und noch eins. Da darf ich als Übersetzerin auf keinen Fall der Verlockung erliegen, aus Gründen der Sprachökonomie oder weil es gar so schräg ist, etwas zu kürzen. Damit würde der einmalige Stil und die geniale Beobachtungsgabe dieses Autors verwässert. Mir persönlich gefällt es sehr gut, wenn ein Autor sich Zeit für absurde Einzelheiten nimmt, bei denen ich auch hin und wieder laut lachen muss.

WRI: Viele werden es wohl als überlang empfinden und sagen, da hätte man kürzen müssen. Ich bin der Meinung, dass es genau so richtig ist, wie es ist, auch wenn es ausufert. Irgendetwas wird sich der Autor dabei gedacht haben. Gerade weil die von Ihnen angesprochene Waffen- und Uniformschau so absurd grotesk und völlig gegen den Strich zu dem ist, was in Band 1 passierte, den ich als politischer einstufen würde, dass einem vor Staunen der Mund offen stehen bleibt. Dieses Kapitel gibt ganz gut den Ton des zweiten Bandes wieder.

UG: Diese wahnwitzig ausufernden Stellen in In Liebe, Dein Vaterland veranschaulichen m. E. Ryūs Sicht von einer Gesellschaft, die mit immer absurderen individuellen Macken nicht umzugehen weiß und in der es deshalb von „Ausgestoßenen“ nur so wimmelt. Solche Passagen finde ich nicht nur amüsant zu lesen, häufig sind auch eine raffinierte „Eulenspiegelei“, die dem Leser auf besonders drastische Art etwas zeigen, ihn zum Nachdenken bringen.

WRI: Zum Schluss möchte ich Sie noch fragen:
Haben Sie für unsere Leser noch zwei oder drei literarische Tipps (gerne auch mehr) die sich mit Japan beschäftigen oder dort spielen und die man unbedingt gelesen haben sollte.

UG: Das mache ich besonders gern:

  • Sayaka Murata, Die Ladenhüterin, aus dem Japanischen von Ursula Gräfe, Aufbau Verlag 2018, 145 Seiten: Eigenwillige Außenseiterin findet Erfüllung als Ladenhilfe in einem Convenience Store
  • Marion Poschmann, Die Kieferninseln, Suhrkamp 2018, 164 Seiten: Skurrile Erlebnisse eines deutschen Intellektuellen an Japans beliebten Selbstmordorten
  • Shugoro Yamamoto, Die Rache. Aus dem Japanischen von Katja Cassing, Cass Verlag 2018, 64 Seiten: Witzige und tiefgründige Samurai-Geschichte auch für nicht Kampfsportler
  • Manichi Yamamura, Kein schönerer Ort. Aus dem Japanischen von Jürgen Stalph, Cass Verlag 2018, 158 Seiten: Post-Fukushima-Geschichte über ein 11jähriges Mädchen in einer „Gemeinschaft, die Schlimmes überstanden hat“.
    Besprechung zum Buch auf dem Blog: klick.

Frau Gräfe, vielen Dank für das Gespräch.

2 Kommentare zu „Nachgefragt bei … Ursula Gräfe (Übersetzerin)

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  1. Vielen Dank für das Teilen (und Führen) des Interviews. Ich hatte schon mal die Freude Ursula Gräfe auf der Nippon Connection zuzuhören und finde die Ausführungen aus ihrem Alltag und der japanischen Literatur (oder Literatur allgemein) sehr spannend – ich könnte das stundenlang hören und lesen. Vielleicht bin ich ein Fangirl. In jedem Fall sehe ich es immer als Qualitätsmerkmal, wenn dort steht, dass sie das Buch aus dem Japanischen übersetzt hat.

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