Die Welt von morgen in grausig-schönen Farben – und sehr nah

Vielleicht ist es Zufall, vielleicht ein Trend, aber ähnlich wie Marc (Lesen macht glücklich) habe ich auch eine japanische Autorin entdeckt, die ich unbedingt vorstellen möchte. Das Buch erschien schon Anfang des Jahres, doch es scheint mir nun ein passender Zeitpunkt zu sein, es zu besprechen. Nicht, weil es ein launiges Urlaubsbuch ist und man damit sein Fernweh stillen kann. Mitnichten.

Die Autorin Yoko Tawada zeigt eine Welt von morgen, nach dem großen Danach, nach dem Heute, von dem wir, oder viele, meinen, dass es nicht oder eh anders kommen wird. Was man ihr vorwerfen kann, ist, dass sie es in einer unverschämt schönen Sprache beschreibt. Damit schafft sie den Spagat, sehr zarte Sätze zu formulieren und mit ihnen sowohl melancholische, aber auch grauenhafte Szenen zu zeigen. 

Irgendwann nach einer großen Katastrophe, vielleicht ähnlich wie Fukushima, hat sich die japanische Gesellschaft verändert. Die Kinder (aka die Zukunft?) sind pflegebedürftig, fast alle sind krank, Knochen und Zähne brüchig. Der Urgroßvater Yoshiro, 100 Jahre alt und Schriftsteller, einer der „alten Alten“, die voller Energie sind und länger leben, kümmert sich daher um seinen Urenkel Mumey.

Die amerikanische Ausgabe erhielt den National Book Award, translated literature. Da ich kein Japanisch kann, kann ich nur vermuten- doch ich würde behaupten, dass es auch dem Übersetzer Peter Pörtner sehr gut gelungen ist, diesen eigenen Stil und dieser Sprache ins Deutsche zu übertragen. Vor allem ist das herausfordernd, weil im Buch selbst eine Gesellschaft beschrieben wird, die sich abschottet, auch in seiner Sprache abschottet, Fremdwörter verbietet und sie durch eigene Wortschöpfungen zu ersetzen versucht. Also werden die englischen Worte in japanischer Sprache zu was? Das darf gerne selbst nachgelesen werden. Wegen dieser Abschottungspolitik darf auch Yoshiros Buch „Ken-to-shi- Sendboote nach China“ nicht veröffentlicht werden. Die Abschottung macht auch nicht vor dem Privaten Halt, denn das Private ist politisch und Mumey soll für eine bürgerrechtliche Organisation ein „Sendbote“ sein. Tawadas Buch lässt sich so auf mehreren Ebenen lesen, sie fließen in einem Strom zusammen. Nicht zufällig werden Wasser und Strände auch als starke Metaphern eingesetzt. Vielfach wurde ihr Roman als dystopisch beschrieben. Das ist es im besten Sinne, weil er unserer Gesellschaft einen Spiegel vorhält. Ob wir wollen oder nicht, die Welt verändert sich immer weiter. Wenn wir an Autobahnen und maßlosem Konsum festhalten wollen, bitte schön. Früher oder später werden Autos keine Rolle mehr spielen, werden viele Dinge und Tiere dadurch verschwunden sein.

Yoko Tawada lebt seit Anfang der 80er-Jahre in Deutschland und ist für ihre Werke (Lyrik und Belletristik) vielfach ausgezeichnet worden. Zuletzt erhielt sie 2016 den Kleist-Preis, 2018 die Carl-Zuckmayer-Medaille. Sie schreibt und dichtet sowohl auf Japanisch als auch auf Deutsch. „Sendbo-o-te“ schrieb sie auf Japanisch. Es lohnt sich sehr, ihr umfangreiches Werk zu entdecken, sei es ihre Lyrik, ihre Poetikvorlesungen (Fremde Wasser), ihre Romane oder auch Interviews mit ihr wie dieses wunderbare von 2014: Yoko Tawada – Die Welt, durch die Augen von Eisbären betrachtet
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 02.07.2014)

Ihr Verlag, der Konkursbuch Verlag, hat folgendes Zitat auf seiner Homepage verwendet:

Yoko Tawada hat in ihrem ersten Buch geschrieben: „Bevor ein Kind das Lesen lernt, lernt es das Blättern … Das chinesische Schriftzeichen für Körper setzt sich zusammen aus den Zeichen für „Mensch“ und „Buch“. Heißt das, dass der Körper ein Buch ist, das nur in der Welt ist, wenn jemand in ihm blättert…“

Claudia Gehrke gründete den Konkursbuch Verlag, zusammen mit dem Japanologen Peter Pörtner, 1978 am Esstisch einer Tübinger WG. Sie wollte gesellschaftliche Fesseln lösen, körperliche Sinnlichkeit neu denken. In ihren „Kursbüchern“ verbindet sie Literatur, Theorie und Erotik, politisch-literarisch. Sie wurde als Expertin, u.a. 1988 im Rahmen der PorNO-Debatte, angehört, ist publizistisch tätig und veröffentlicht im Verlag Literatur, u.a. über Queer-Kultur, Erotik und Reiselesebücher. Dazu kommt ein Schwerpunkt auf Japan und Korea, aber auch eine Thriller-Reihe ist hier zu finden. Yoko Tawada veröffentlichte hier bereits 1985/1986 ihren ersten literarischen Beitrag im „Japan-Lesebuch“ (konkursbuch 16/17) (1992 in Japan) und hat bis heute 25 Bücher in diesem besonderen Indie-Verlag veröffentlicht, der 2011 den 10. Landespreis Baden-Württemberg für literarisch ambitionierte kleinere Verlage erhielt.

Yoko Tawada

Sendbo-o-te

Aus dem Japanischen von Peter Pörtner

konkursbuchverlag, Tübingen 2018
 200 Seiten

12,90 EUR

Bilder (bearbeitet): daniel-tseng-252379-unsplash und Konkursbuch Verlag

Links:

http://www.konkursbuch.com/

http://www.konkursbuch.com/html/portrait.html

Ein Kommentar zu „Die Welt von morgen in grausig-schönen Farben – und sehr nah

Gib deinen ab

  1. Eine sehr gute Rezension über Yoko Tawadas (oder Tawada Yoko im Japanischen) Buch über die dystopische Zukunft. Was diese Dame an Preisen in Japan und Deutschland und jetzt auch in den USA schon gewonnen hat, ist wirklich bemerkenswert. Sie schreibt in Deutsch und Japanisch, und manchmal beides in einem einzigen Buch. Dabei ist ihr Pakt mit dem Japanologen und Übersetzer P. Pörtner der klare Erfolgsfaktor. Immer wieder können sich die beiden im Literarischen revanchieren. Tawadas gesamtes Werk gibt Hoffnung für die Vielsprachigkeit. Tatsächlich benutzt sie ungewöhnliche Stilfiguren und -mittel in der einen Sprache und übernimmt sie in die andere, was zu bezaubernden Effekten führt. Da sprechen dann auch mal die Polarbären.
    Dieser Blog ist klasse und ich werde ihm noch lange folgen!
    Alles Gute aus Tokio!
    Ihr
    Thorsten J. Pattberg, Autor der Lehre vom Unterschied

    Gefällt 1 Person

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