Alberto Vigevani: Sommer am See

An der Schwelle von Kindheit zu Pubertät erzählt Alberto Vigevani einen Sommer am See (Friedenauer Presse), eine Zeitreise in mehrfacher Hinsicht.

Giacomo hat es nicht leicht. Er fühlt sich in seiner Familie nicht richtig ernst genommen, auch Freunde hat er keine. Nicht, dass ihn das übermäßig unglücklich machen würde, denn eigentlich ist er gern allein. Und seine Gefühle spielen ihm immer wieder so schlimm mit, dass es ihm schwer fällt, sich auf andere Personen oder Situationen wirklich einzustellen. Geschweige denn diese Situationen dann auch in einigermaßen tolerablem Maße zu meistern.

Er steht an der Schwelle von Kindheit zu Pubertät, dieser typische Moment gerade bei heranwachsenden Jungen, in denen der Geist noch ganz Kind ist, der Körper sich aber schon zu verändern beginnt. Sein Gefühlshaushalt ist ein herrisches Sturmtief, wechselhaft, unvorhersehbar, tückisch. Wie jede*r Pubertierende fühlt er sich schrecklich allein mit sich.

Seine Familie ist sehr wohlhabend, so verbringen sie die Sommer nicht im heißen und stickigen Mailand, sondern in einem Landhaus am Comer See. Hier treffen sich die reichen Familien Norditaliens. Für Giacomo wird dieser Sommer in den dreißiger Jahren, von dem Sommer am See erzählt, ein unvergesslicher. Er lernt einen Freund kennen, verliert sich immer mehr in den Reizen vor allem älterer Frauen und schafft es, sich über diese Eindrücke wieder mit seinen Geschwistern anzunähern.

Die Erzählung entstand in den 1950er-Jahren und ist ein geradezu Musterbeispiel für den verträumten Realismus dieser Zeit. Die Sprache zeichnet sich durch lange, verschlungene, aber sehr rhythmische Sätze aus. Sie stecken voller Subjektivität, die Schilderungen kommen gleich aus Giacomos Eindrücken: es schien ihm, es war ihm, es kam ihm vor, als ob …

Die Handlung steht weit im Hintergrund der Idylle, die Vigevani vom Comer See zeichnet. Dafür spiegelt sich die Innenwelt Giacomos in praktisch allen Facetten der erzählten Welt. Natur, Architektur, Wetter, Farben und Gerüche zeichnen ein Bild seines emotionalen Zustands. Und der schlägt permanent deutlich höhere Wellen als der zahme See, an dem seine Familie den Sommer verbringt.

Die Sommertage schmolzen dahin unter der blendenden Hitze. Er spürte ihr Licht in den Pupillen, sah, daß seine Arme gebräunt waren, und sie kamen ihm auch schlanker und muskulöser vor. Aber wenn er auch seine Unbeholfenheit abgelegt hatte, entdeckte er in seinem Körper eine akute Empfindlichkeit, ein quälendes Schmachten ohne Gegenstand.

So ist die Idylle natürlich tief in sich gebrochen. Giacomo entdeckt das eigene Begehren, gleichzeitig ist er immer noch kindlich, spielt gerne. Die Anziehung, die reifere Frauen auf ihn ausüben, wirft ihn komplett aus der Bahn. Hinzu kommt die fehlende Akzeptanz durch die Älteren, nach der er sich sehnt, genau wie, wenn auch erst insgeheim, nach einem Freund. Nicht ganz so unterschwellig sehnt er sich auch nach Liebe und Anerkennung der Eltern, die zeittypisch von Arbeit und Depression komplett vereinnahmt werden.

So reisen wir beim Lesen nicht nur mit dem wohlhabenden Mailänder Bürgertum an den Comer See in den 1930er-Jahren und lauschen in Vigevanis Sätzen dem wohlig-weichen, höchst melodischen Sound des 1950er-Realismus, sondern reisen auch mit Giacomo in die eigene Pubertät zurück. Zumindest mir ging es so, immer wieder bin ich abgeschweift und habe mich an Bilder von vor langer Zeit erinnert. Zusätzlich ist die Ausstattung der in diesem Band wieder aufgelegten Reihe »Wolffs Broschuren« höchst liebevoll und eine wirkliche Bereicherung.

Alberto Vigevani: Sommer am See. 128 Seiten. 18 Euro. Erschienen im Februar 2019 bei der Friedenauer Presse.

Diese Rezension erschien zuerst auf Poesierausch.

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