Tomer Gardi: Sonst kriegen Sie Ihr Geld zurück

Geld, Geld, Geld! Niemand redet von etwas anderem, zumindest in Deutschland, wenn man beliebten Stereotypen Glauben schenkt. Auch Tomer Gardi geht es in seinem neuen Roman Sonst kriegen Sie Ihr Geld zurück (Droschl) ums liebe Geld. Wenn auch deutlich selbstbezüglicher, als es zunächst scheint.

Tomer Gardi lebt seit langem in Berlin (tatsächlich bei uns um die Ecke, man sieht ihn hin und wieder im Kiez) und kennt sich also mit Deutschland und dem lieben Geld der Deutschen aus. Seinen letzten Roman Broken German hat er auf Deutsch geschrieben, da lag es nahe zu vermuten, dass es in seinem Neuling Sonst kriegen Sie Ihr Geld zurück auch um seine Beobachtungen in Deutschland und Berlin gehen würde. Falsch gedacht! Der Roman ist auf Hebräisch geschrieben, wurde von Anne Birkenhauer übersetzt und spielt in Israel.

Sehr gut, denke ich mir, denn irgendwie scheint Israel und das Judentum gerade mein Thema zu sein (zuletzt zu lesen etwa hier, hier, hier oder hier). Dazu soll es noch genauso durchgeknallt sein wie Broken German und tiefgründig dazu. Perfekt. Also: Worum geht es? Der erste Absatz gibt Auskunft:

Die Geschichte beginnt so.
Ein arbeitsloser Mann geht zum Arbeitsamt. Stempeln. Er durchläuft alle Kreise des Sicherheitschecks, der Kontrolle, der Überwachung, Piepsen, Gürtel abnehmen, Taschen leeren, alle Sachen hier hinein, jetzt durchgehn, Gürtel anziehn, alle Sachen wieder zurück, danke. Er geht zum Aufzug, fährt rauf zum Amt, zweiter Stock. Kriegt einen Zettel mit der Nummer des Schalters, wartet bis er drankommt, wartet bis er drankommt, wartet bis er drankommt, er ist dran.

In der Gegenwartshandlung sitzen sich der Mann – wie sich schnell herausstellt: ein Schriftsteller – und der Beamte wiederholt gegenüber. Ein wenig passiert auch dazwischen, aber dies ist der Kern des Romans. Doch Gardi spinnt bunte Fäden von der biederen Amtsstube in die Welt des arbeitslosen Mannes, oder besser noch: in dessen Phantasie.

Denn das ist der Grundkonflikt von Sonst kriegen Sie Ihr Geld zurück: Was ist ein*e Schriftsteller*in, was das Schreiben, was die Poesie wert? Dem Beamten ist der Beruf nicht bekannt, demnach auch nicht förderwürdig, da nicht weitervermittelbar. Also geht der Schriftsteller in die Offensive und erzählt dem Beamten Geschichten, auf dass dieser den Wert des Erzählten erkennen möge.

Die Geschichten spinnen sich mal eng um das Leben des Mannes, mal holen sie weiter aus und sind von seinen letzten Lektüren und Recherchen beseelt. Immer sind sie geprägt von einer leichten Melancholie, die das Leben in Israel für den Protagonisten auszeichnet, immer haben sie auch Witz, doch nie ohne zumindest einen leichten Schatten der Schwere.

Tomer Gardi bedient sich dabei am orientalischen Märchen von Tausendundeiner Nacht, dessen Erzählerin Scheherazade dem König Geschichten erzählt, um ihn vom sinnlosen Morden abzuhalten. Bei Gardi geht es zwar nicht direkt um Mord, vermittelt aber um das Gleiche: Den Wert der Literatur für die Gesellschaft und damit auch, wie eine gerechte Entlohnung der Schreibenden und Erzählenden aussehen kann und muss.

Stilistisch lässt sich Sonst kriegen Sie Ihr Geld zurück vielleicht in einem sehr expressionistischen Bewusstseinsstrom einordnen, der sich aber je nach Erzählung sehr stark wandelt. Naturgemäß muss dabei nicht alles gleichfalls gefallen, was bei dem dünnen Büchlein aber durchaus verschmerzbar ist. So gefiel mir der Brechstangen-Humor der Gegenwartshandlung im Amt mit seinen etwas überstrapazierten Leitmotiven und Floskeln nicht übermäßig, die en passant erzählten Geschichten aber dafür umso mehr. Gardi erreicht also genau das, wofür er mit seinem Roman plädiert: die Verschönerung der Welt mit Geschichten. Und diese wertzuschätzen.

Für mich also wahrlich kein Grund, mein Geld zurückzuverlangen! Tomer Gardi liefert mit Sonst kriegen Sie Ihr Geld zurück ein schillerndes Plädoyer für eine aktivere Wertschätzung der lebendigen Literatur und der Literat*innen in unserer Gesellschaft, egal wo. Der Roman versucht dabei, die Begründung nicht diskursiv, sondern performativ zu liefern, und nimmt uns mit seinen kleinen Geschichten wunderbar gefangen.

 

Tomer Gardi: Sonst kriegen Sie Ihr Geld zurück. Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. 160 Seiten. 20 Euro. Erschienen im Februar 2019 bei Droschl.

 

Diese Rezension erschien zuerst auf Poesierausch.

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