Jan Novák & Jaromír 99: Tschechenkrieg

Nach den Nazis kamen die Kommunisten. Die Graphic Novel Tschechenkrieg (Voland & Quist) von Jan Novák und Jaromír »99« Švejdík erzählt aus dem tschechischen Untergrund der frühen 1950er Jahre und wirft spärliches Licht auf eine bisher kaum bekannte Episode tschechisch-deutscher Geschichte.

Graphic Novels kamen mir bisher nicht allzu oft auf den Tisch. Den genauen Grund kann ich gar nicht benennen, wahrscheinlich ist es ein diffuses Gekrause aus Unkenntnis, Vorurteilen und Angst, das mich lieber in gewohnten Gefilden grasen ließ. Wenn es dann doch mal eine Graphic Novel wurde, dann gerne von Jaromir 99 gezeichnet. Wieso? Auch das kann ich nicht wirklich sagen, aber sein überaus markanter Zeichenstil sowie die historisch-politischen Themen, denen er sich meist mit bekannten tschechischen Autoren wie Jarolsav Rudiš (Alois Nebel) oder Jan Novák (Zápotek) zuwendet, ziehen bei mir. Die schönen Ausgaben bei Voland und Quist natürlich genauso, das soll nicht verschwiegen werden.

Nun also Tschechenkrieg, wie Zápotek von Jan Novák geschrieben und von Jaromir 99 gezeichnet. Ein bildgewaltiges Stück tschechisch-deutscher Geschichte in drei Farben. Mit diesen beginne ich einfach mal und zäume damit das Pferd ein wenig von hinten auf, aber irgendwie scheint es mir hier Sinn zu ergeben. Denn die drei gewählten Farben Schwarz, Rot und Gelb (haben nichts mit der deutschen Flagge zu tun und) tauchen die historischen Ereignisse aus den 1950er Jahren in ein ganz besonderes, überaus sparsam eingesetztes Licht.

Man merkt dem Buch in jedem Moment die Faszination der Autoren für den Stoff und die beschriebene Zeit an. Hier wurde mit wahnsinnig viel Liebe gearbeitet, es findet sich kaum eine Zeichnung, die nicht bis ins Detail ausgearbeitet ist. Gleichzeitig atmet Tschechenkrieg die Piefigkeit des real existierenden Sozialismus durch die Farben. Die Illustrationen schaffen es, Detailreichtum und Tristesse zu vereinen, ohne sie zu Widersprüchen zu machen.

Mit diesem Setting erzählt der Band die Geschichte einer Partisanengruppe, die sich auf den Weg nach Deutschland macht, um sich aus den Fängen der Kommunisten zu befreien. Westberlin heißt das Ziel, der Weg führt quer durch Sachsen und Brandenburg, natürlich im tiefsten Winter, in dem die kalten wie dunklen Nächte am längsten sind. Die zweite Hälfte liest sich fast wie ein Thriller, äußerst spannend.

Doch es gibt auch eine erste Hälfte, und die hat mich doch etwas frustriert. Denn – ich muss es zugeben – meine Kenntnis der tschechischen Geschichte ist überaus beschränkt, Tschechenkrieg setzt aber einiges voraus. Und trotz aller Liebe zum Detail fiel es mir durchgängig schwer, die einzelnen Charaktere voneinander zu unterscheiden. Dies liegt vermutlich mehr an meiner Unkenntnis als am Buch, mich hat es aber in jedem Fall etwas rausgebracht. Hinzu kommen viele szenische Sprünge gerade am Anfang, die versuchen, das komplette historische Setting in schnellen Strichen zu entwerfen. Leider zu schnell für mich, ich hätte ein Geschichtsbuch hinzunehmen müssen, um zurechtzukommen (was im Allgemeinen ja keine dumme Idee ist).

So hat mich Tschechenkrieg zu gleichen Teilen visuell begeistert wie inhaltlich überfordert. Ein guter Anlass, mehr über die direkten Nachbarstaaten zu erfahren! Also, Vorsatz für 2020: Mehr Bücher über die Geschichte Deutschlands und seiner Nachbarstaaten müssen her, um Lücken, wie sie sich hier aufgetan haben, zu schließen. Und dann auf Tschechenkrieg zurückkommen …

 

Jan Novák & Jaromír 99: Tschechenkrieg. Aus dem Tschechischen von Mirko Kraetsch. 256 Seiten. 26 Euro. Erschienen im März 2019 bei Voland & Quist.

 

Diese Rezension erschien zuerst auf Poesierausch.

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