Über Flucht, Heimatlosigkeit und wie die Liebe diese Wunden heilt

„Schau nicht weg! Wo die Tiere verhungern, ist die Welt aus den Fugen.“

Florian L Arnold – Pirina (Mirabilis Verlag)

Über die Liebe und die Flucht

Florian L. Arnold hat mit Pirina ein Buch geschrieben, welches sich ähnlich wie der Roman Kanada (letztes Jahr im secession Verlag erschienen) in die Magengegend gräbt. Vor allem, da es eher die leisen, poetischen Töne anschlägt, um das Unvorstellbare zu beschreiben, verlangen die Szenen einem beim Lesen noch viel mehr ab. Wir hier in Mitteleuropa haben einen Lebensstandard, der uns den Blick verstellt für das, wie es in anderen Regionen dieser Erde zugeht und können uns kaum vorstellen, warum Menschen Strapazen auf sich nehmen, um ihre Heimat zu verlassen und woanders neu zu starten. Hier wird danach geschrien, diese Menschen wieder dahin zurück zu schicken, wo sie herkommen oder in lebensunwürdige Lager gesteckt, wie zum Beispiel das traurige Beispiel Moria zeigt. Für viele gibt es keine Sicherheit oder die Orte, von denen sie geflüchtet sind, existieren nicht mehr. Das alles schwebt bei der Lektüre dieses Buches im Hinterkopf mit und man sollte sich auch immer wieder diese Bilder vergegenwärtigen, dann wirkt dieses Buch noch eindringlicher, als es eigentlich schon ist. Doch letztendlich gibt es immer Hoffnung, auch das zeigt dieses Buch auf.

Die Geschichte beginnt in einer Wohnung

Der namenlose Erzähler wohnt in einem Haus, wo sich laut seiner Angabe nur Flüchtlinge aufhalten. Die Stadt wird nicht näher benannt, auch eine ungefähre Ahnung ist kaum möglich, nur dass sie als Zielort des Erzählenden diente, als er auf der Flucht war, und das diese Stadt am Meer liegt. Somit könnte dieser Ort überall auf der Welt sein und stellt somit eine Art allgemeinen Sehnsuchtsort dar, den Flüchtlinge überall auf der Welt ansteuern wollen.
Der Mann braucht nicht viel zum Leben, vieles, was in der Wohnung steht, hat er entweder vom Vermieter oder von denen, die vorher darin gewohnt haben, geschenkt bekommen. Die Einrichtung wirkt karg und nur das notwendigste scheint vorhanden. Innerhalb der Mauern haben die Wände Ohren, man hört jeden Laut, und doch sind alle anonym voreinander. Man geht sich aus dem Weg und keiner kennt den anderen, gegrüßt wird sich nur flüchtig. Das hat vor allem mit der Angst zu tun, Angst davor entdeckt zu werden von der Vergangenheit und wieder in dieses Elend zurück zu müssen, sei es Krieg oder Hungersnot oder eine Diktatur, wo man verfolgt wurde.
Eines Tages hört der Erzähler eine Stimme nebenan, die titelgebende Pirina. Die Geschichte ist so aufgeschrieben, dass der Erzähler um das spätere Zusammenkommen weiß, aber zu diesem Zeitpunkt hat der Namenlose nur die Stimme und die Geräusche aus der Wohnung, um sich ein Bild von diesem Menschen zu machen. Sie singt ihm kaum vertraute Lieder, hört wie sie kocht und ansonsten versucht, so leise wie möglich durch diese Wohnung zu gehen. Pirina lässt den Erzähler Dinge tun, die er vorher noch nie gewagt hatte, lässt ihn aus seiner stumpfen Anonymität ausbrechen. Er macht sich Gedanken über seine Flucht und wie er an den Punkt gelangte, wo er nun lebt, welche Menschen ihm geholfen haben und wieviel Glück er bei seiner Flucht hatte. Auch Pirina erzählt später ihre Geschichte der Flucht beziehungsweise lässt sie erzählen, als die beiden längst zusammen sind und diese ist ebenso schrecklich und unvorstellbar im Vergleich zur Flucht des Erzählers. So können sich beide stützen in ihren Erinnerungen und Kraft geben für die Zukunft. Doch eine wichtige Zutat wird in ihrer beider Leben immer fehlen: Heimat und Familie. 

Der Verlust der Heimat und wie die Liebe darüber hinweghelfen kann

Dieses Buch ist schrecklich und schön zugleich, sozusagen schrecklich schön. Es umschreibt die Strapazen von Flucht mit poetischen Worten und sanften Tönen, dass man beim Lesen doppelt unangenehm berührt ist. Die Strapazen, die beide Hauptfiguren durchmachen müssen, fernab ihrer Heimat und getrennt von ihren Familien, deren Schicksal ihnen nur vage bewusst ist, sind für uns als Leser*innen kaum zu begreifen, aber der Autor schafft es, diese in passende Worte zu packen. Er macht es begreifbar, was die Flüchtenden durchmachen müssen, wieviel Glück dazu gehört, nicht zu denjenigen zu gehören, die elendig auf der Strecke bleiben. Die Worte dringen umso tiefer ein, desto größer der Gegensatz zwischen den leisen Tönen und dem harten Fluchtalltag sind.

Dazu fügt der Autor noch eine weitere Ebene ein, denn was ist mit den Menschen, die alle Strapazen überlebt haben, die nicht zurück geblieben sind? Er bedient sich dabei dem Mittel, dass sich zwei Geflüchtete zufällig ineinander verlieben und den Rest ihres Lebens miteinander verbringen und versuchen, das Beste aus den ihnen gegebenen Möglichkeiten herauszuholen. Doch etwas fehlt und das ist neben der Flucht das zweite große Thema in diesem schmalen Buch: Heimat. Beide, der Erzähler und Pirina, kommen nie richtig irgendwo an. Sie verreisen viel, nutzen die Möglichkeiten, die sich ihnen durch die Flucht ergeben haben, kommen dadurch viel in der Welt herum und sind doch nirgends richtig zu Hause. Und gerade dieser Abschnitt fasst einen richtig an, lässt einen die Tränen in den Augen stehen, ob der Hilf- und Orientierungslosigkeit beider in dieser Welt. Sie haben nur sich zu zweit und sonst niemanden, der ihnen die Bürde dieses Verlusts nehmen kann. Dieses Bild trifft Florian L Arnold auch sehr treffend, indem er all das mehr andeutet und im Gegensatz zu den Fluchtgeschichten wenig beschreibt, was die Leere in den Herzen sehr gut beschreibt.   

Das Fazit fällt kurz aus, denn es braucht dazu nicht viele Worte. Dieses Buch ist eines, welches man so schnell nicht vergisst. Eine lohnende, wenn auch traurig und wütend machende Lektüre. Sehr zu empfehlen, gerade auch im Hinblick auf die tagesaktuellen Ereignisse.

Florian L. Arnold
Pirina
Mirabilis Verlag
192 Seiten

18 Euro

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