Was bleibt von einem Menschen, wenn andere auf ihn schauen?

Jürgen Bauer hat mit „Portrait“ seinen vierten Roman veröffentlicht, erneut im wunderbaren Septime Verlag. In diesem Roman werden in drei Kapiteln drei verschiedene Charaktere zu Wort kommen, die einen Mann beschreiben sollen, dem sie auf verschiedenen Ebenen nahe stehen. Warum sie diesen Mann überhaupt beschreiben, wird erst auf den letzten Seiten deutlich, daher wird hier nicht mehr verraten.
Dieser Mann, Georg oder Schorch wie ihn alle nennen, kommt in diesen drei Geschichten selber kaum zu Wort, sondern er wird durch die anderen beschrieben. Doch was erfährt man von einem Menschen, wenn er durch die Augen anderer betrachtet wird? Erfahren wir etwas über ihn oder doch vielmehr etwas über die, die erzählen? Der Autor hat aus diesem Grundgedanken ein dichtes Netz an Erfahrungen und kleinen Geschichten gespannt, die sich sehr intensiv mit verschiedenen Themen auseinandersetzen und eine Zeitspanne umfassen, die von den Zwanzigern/Dreißigern des Zwanzigsten Jahrhunderts bis in das Jetzt reichen. Schicht um Schicht wird so ein Portrait angefertigt, jedoch erkennt man vor lauter Farbschichten den wahren Kern der zu beschreibenden Person nicht mehr, was das Titelbild wohl suggerieren soll. Ein ganz starker Roman von Jürgen Bauer, der lange im Gedächtnis bleiben wird. Warum das so ist, soll in der folgenden Besprechung auf den Grund gegangen werden.

Vom ärmlichen Landleben bis hin zur schwulen Szene Wiens in den 1970ern

Der Charakter formt sich von Geburt an und so beginnt die Beschreibung der Person Georgs auch mit den Worten seiner Mutter Mariedl und mit seiner Geburt. In den Kriegsjahren der 1940er kommt Georg in einer sehr ländlichen Gegend Österreichs zur Welt. Zum Leben hat die Familie viel zu wenig, aber zum Sterben ist es immer noch genug. Der Vater musste vor den Nationalsozialisten fliehen und keiner weiß wohin. Die Hinweise verlieren sich in Frankreich. Und so erzählt die Mutter vom harten Landleben, wie sie den Vater von Georg kennengelernt hat, wie sie versucht hat Georg und seinen großen Bruder durch die schwierigen Zeiten zu bringen und wie sie sich von Georg verraten fühlte als er wegging vom Land in die Stadt. Als feinen Pinkel bezeichnet sie ihn immer und als einen, der es nicht für nötig hält seiner alten Mutter unter die Arme zu greifen.

Der zweite Blick auf Georg ist der eines jungen Mannes, der eine Menge Energie und Wut in sich trägt und in den 1970er Jahren nach Wien kommt. Dort lernt Gabriel, wie dieser junge Mann heißt, Georg in einem schmuddeligen Treff für schwule Männer kennen, wo man auf stinkenden Toiletten ungesehen von der Öffentlichkeit eine schnelle Nummer schieben kann. Irgendwie entsteht eine Verbindung zwischen den beiden, wobei Georg eher der ruhige Pol ist, der vielmehr in Ruhe gelassen werden möchte, keinen Ärger haben will und sich vielmehr in der Kultur der Oper fallen lassen möchte. Der junge Mann aber ist voller Zorn auf die Gesellschaft und ihren Umgang mit der schwulen Szene, da sie diese als abstoßend ansieht. Er lehnt sich dagegen auf, verliert sich immer mehr darin und landet schlussendlich wieder auf der Straße. Sein Ziel, vom Land weg- und in der Stadt anzukommen, hat er verfehlt. Viel Schlimmer noch. Als die Krankheit Aids, zu diesem Zeitpunkt noch als Schwulenpest bezeichnet, ihre Runde macht, spürt er immer mehr die Angst um seine eigene Gesundheit, was ihn irgendwann wieder in die Arme von Georg treibt, der gar nicht anders kann, als sich um dieses arme Bündel Mensch zu kümmern.

Als dritte Person, die Georg charakterisieren soll, kommt seine Frau Sara zu Wort. Frau? Verheiratet? Wie es dazu kam, wird in dieser dritten Geschichte erzählt. Sara macht dabei einen Riesenbogen in ihrer eigenen Biographie, wie sie nach Wien gekommen ist, um als Sängerin eine Karriere zu starten. Doch dieser Karriere stehen viele Hindernisse im Weg, nicht zuletzt fehlen die Kontakte, um nach ganz oben zu gelangen. Und so sucht sie sich andere Mittel und Wege, um in Wien Fuß zu fassen. Dabei kreuzen sich zufälligerweise auch die Wege von ihr und Georg und führen die beiden auf eine sehr unkonventionelle Art zusammen, was zu teils skurrilen, teils witzigen und auch traurigen Momenten führen wird.

Drei Personen. Drei Stimmen. Drei Versionen.

Dieses Buch ist wie ein Gemälde! Auf der zuerst weißen Leinwand landen erste Farbklekse, Versuche, etwas Struktur in die weiße Landschaft der Charakterisierung zu bringen. Und nach und nach ergibt sich ein Gesamtbild. Doch ist dieses Bild stimmig? Hat es Struktur? Stülpt man den Vergleich des Portraits als Bild auf die Beschreibung eines Menschen in Wortform, bleiben ebenfalls Fragen offen und vieles im Unklaren beziehungsweise unter übermalten Farbschichten verborgen. Oberflächlich gesehen, also das offensichtlich gemalte Bild, weiß man einiges über die Personen, die Georg beschrieben haben und auch ein paar Stationen von Georgs Leben. Doch machte das Georg wirklich aus? Wie war er wirklich? Oder sind unter dem Sichtbaren noch unbekannte Farbschichten verborgen, die nur Georg selbst beschreiben kann? Die ganz tief in ihm drin stecken und die keiner der drei beschreibenden Personen überhaupt erahnen kann? Zwar kann man beim Lesen durch einige Beschreibungen ein paar der Puzzleteile zusammenfügen, doch wenn drei verschiedene Menschen an einem Portrait von jemand anderem arbeiten, muss man sich alle drei Geschichten nehmen und wie bei einer Schablone die Gemeinsamkeiten suchen. Doch selbst wenn man alles zusammenbekommt, ergibt es immer noch ein diffuses Gesamtbild. Ganz so als hätte man bei der Analyse des Bildes, um bei dieser Analogie zu bleiben, mal hier und mal dort ein paar der oberen Farbschichten abgekratzt, um das darunter liegende zu analysieren, aber nie das komplette Gemälde.

Sprachlich hat sich Jürgen Bauer in diesem Buch wieder einmal selbst übertroffen, denn allen drei Kapiteln wohnt eine ganz eigene Tonalität, ein ganz eigener Zauber inne. Da ist Mariedl, die Bäuerin, die alles alleine stemmt auf dem ländlichen, die verbittert ihrem Tagwerk nachgeht und das auch in ihre Geschichte über den eigenen Sohn einfließen lässt. Dazu lässt der Autor sie einen so dicken österreichischen Akzent sprechen, dass es manchen beim Lesen sicher schwer fallen wird, dass zu verstehen. Doch man findet in diesen Akzent hinein, versteht die Verbitterung dieser alten Frau, die ihrerseits zwar ansatzweise versucht ihr eigenes Kind zu verstehen, jedoch so in ihrer eigenen Welt gefangen ist, dass es ihr nicht gelingt. Der Gedanke lässt einen nicht los, dass sie den Schmerz über den Verlust des Mannes auf ihr eigen Fleisch und Blut überträgt, ihn mit einer Erwartung auflädt, die nicht erfüllt werden kann und das lässt sie vollends in ihre Beschreibungen ein.
Mit dem zweiten Kapitel und dem Wechsel der Person zu Gabriel kommt auch ein Wechsel der Tonalität ins Spiel. Zwar ist auch hier das ländliche über die Akzentuierung der Sprache spürbar, aber der Ton ist vielmehr durch Wut und Ehrgeiz geprägt. Da ist ein junger Mann, der etwas bewegen will und ständig gegen Mauern rennt und sich dabei immer wieder den Kopf anstößt. Allen voran an der Mauer Georg prallt er ständig ab. Diese Beziehung ist von ständigem Abstoßen und Anziehen geprägt.
Und zu guter Letzt kommt noch Sara ins Spiel, die ihre Karriere als Sängerin im Blick hat und als das nicht gelingen mag und sie immer wieder erniedrigt wird, versucht sie selbst Macht auszuüben. Indem sie Georg heiratet, obwohl sie weiß, dass die Beziehung mit ihm rein geschäftsmäßiger Natur ist, erreicht sie genau das. Sie stellt Bedingungen an Georg und versucht, seine Karriere in der Politik Wiens/Österreichs voranzutreiben. Das sich Georg dazu verstellen muss, wird vor allem aus diesen letzten Beschreibungen deutlich und dadurch wird der Blick auf diesen Charakter wieder völlig verstellt.

Vielfältiger Roman und einer der besten in diesem Jahr

Und so stellt sich nach dem Zuklappen des Buches immer wieder die Frage: Kennen wir nun die drei Erzähler besser? Oder ist uns auch Georg näher gekommen, ohne dass wir auch nur ein Wort von ihm direkt vernommen haben? Es stimmt wohl am Ende doch beides und doch bleibt festzuhalten: Wenn jemand über eine andere Person erzählen soll, beschreibt er zuerst sich selbst und dann den oder die Anderen.

Ganz große Literatur im Jahr 2020, die neue Blickwinkel auf bestimmte Zeitabschnitte in Wiens Geschichte wirft, die Schwulenszene in den Siebziger- und Achtzigerjahren im Blick hat und die Schwierigkeiten, die diese Menschen damals hatten, in der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Dazu wird noch der Gegensatz zwischen Land- und Stadtleben zu Papier gebracht und warum es vor allem in der Mitte bis Ende des Zwanzigsten Jahrhunderts eine Art Landflucht gab. Dazu noch eine große Prise der Opernkultur Wiens eingestreut und fertig ist vielfältiger Roman, der die österreichische Seele perfekt einzufangen versteht.

Jürgen Bauer
Portrait

Septime Verlag
312 Seiten
22,90 Euro

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