Wie bewahrt man sich die Heimat?

In „Chor der Pilze“ geht es vor allem um das Thema Heimat beziehungsweise nationale Identität und was diese ausmacht. Dieses Thema wird anhand einer Familie festgemacht, die vor vielen Jahren die Heimat Japan verlassen musste und nach Kanada ausgewandert ist, in die großen planen Flächen in der Nähe von Calgary und östlich der Rocky Mountains. Die Familie, von denen nur noch die Großmutter Naoe die Zeit aus Japan aus ihrer Kindheit kennt, hat versucht, sich ihre traditionellen Werte zu bewahren, während ihre Tochter Keiko versucht, sich in die kanadische Gesellschaft zu integrieren. Dazu hat sie alles, was ihre japanische Identität ausmacht, verbannt und auch ihrer Tochter Murasaki versucht sie zu vermitteln, dass sie von den Einheimischen nur angenommen wird, wenn sie sich anpasst. Doch Murasaki merkt, dass sie bei aller Angepasstheit immer fremd in diesem Land sein wird, schon allein durch ihr Aussehen. Auf der Suche nach Heimat und Identität helfen ihr die Geschichten, die sie sich mit ihrer Großmutter über eine Art geistige Verbundenheit teilt, denn über die Sprache funktioniert es nicht, da die Großmutter nur Japanisch spricht und Keiko diese Sprache nie versucht hat zu lernen beziehungsweise diese vollends abgelegt hat. Ein großartiger Roman voller Licht und Schatten, der die Suche nach Identität auf eine sehr entrückte Art und Weise beschreibt.

Geschichten helfen über den Identitätsverlust hinweg

Dieser Roman wird aus vornehmlich zwei Blickwinkeln erzählt. Dem der Großmutter Naoe und der Enkeltochter Murasaki. Diese beiden verbindet eine Art geistiger Zusammenhalt, da sie über das gesprochene Wort nicht kommunizieren können. Die Großmutter spricht nur Japanisch und die Enkeltochter nur Englisch. Über diesen geistigen Austauch, den man auch als telepathischen Zusammenhalt bezeichnen könnte, teilen sie sich Geschichten aller Art, die Naoe immer mit einem japanischen Stichwort einleitet. Keiko dagegen, die Mutter von Murasaki und Tochter von Naoe, steht zwischen diesen beiden Lagern, da sie die japanischen Traditionen komplett verweigert und somit auch die Art zu leben von Naoe nicht richtig anerkennt und somit auch nicht versteht, dass ihre Tochter diese Traditionen irgendwie kennenlernen möchte.
Die Familie von Naoe ist vor sehr langer Zeit, Naoe war da noch ein Kind, von Japan nach Kanada erzwungenermaßen ausgewandert. Aus ihren Geschichten erfährt man, dass ihre Familie in Japan wohlhabend und anständig war, bis es zu einem Umbruch kam und die Familie von heute auf morgen vertrieben wurde. Keiko ist in Kanada geboren und versucht sich an die kanadische Lebensweise anzupassen. Sei es durch die Sprache, über das Essen oder einfach die kanadische Lebensweise, die der japanischen vollkommen entgegensteht. Dementsprechend will sie auch Murasaki erziehen, die sich dem aber entzieht, als sie merkt, dass alles anpassen nichts bringt, wenn man schon allein durch sein Aussehen ausgegrenzt wird und einem die ganze Anpassung nichts bringt. Eines Tages bricht Naoe aus der gewohnten Routine aus, die darin besteht im Hausflur zu sitzen und alle, die durch die Eingangstür kommen und gehen zu begrüßen beziehungsweise zu verabschieden. Sie verschwindet einfach von heut auf morgen, geht einfach so weg und hinterlässt vor allem bei ihrer eigenen Tochter riesengroße Sorgen und Schmerzen. Der Alltag ist weggebrochen und alte Wunden tauchen wieder auf, gewohntes wird hinterfragt und gewisse Traditionen werden wieder zugelassen, woran vor allem Murasaki großen Anteil hat, die mit ihrer Großmutter in einer Art telepathischen Kontakt steht und somit vor allem japanisches Essen und Traditionen wieder in die Familie einbringt, um ihrer Mutter aus dem Schmerz und der Depression zu befreien, die sie seit dem Verschwinden von Naoe befallen hat.

Wo ist man zu Hause?

Dieser Roman ist ein seltsames Wesen (im positiven Sinne), denn zu Beginn tastet man sich vielmehr hinein. Der Text wirkt etwas wirr und unstrukturiert, eine Orientierung scheint kaum möglich. Dazu kommt noch, dass einige japanische Einsprengsel im Original belassen wurden, was aber an den Stellen, an denen das vorkommt, ideal umgesetzt wurde und das Kommunikationsproblem zwischen den Generationen viel besser verdeutlicht, als es jede Erklärung vermocht hätte (an dieser Stelle großes Lob an die Übersetzerin Karen Gerwig). So fällt es erst einmal schwer, sich zurechtzufinden in diesem Buch. Doch so nach und nach klart sich dieser Blick auf und es wird eine Geschichte erzählt, die davon berichtet, wo man sich denn zu Hause fühlt. Ist es da, wo man lebt, wo man ein Dach über dem Kopf hat? Oder ist es eher da, wo man herkommt, wo man seine Wurzeln hat? Das wird hier anhand dreier Generationen erzählt, die allesamt unterschiedlich damit umgehen beziehungsweise es alle drei unterschiedlich kennengelernt haben. Zum einen Naoe, die als Kind aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen und entwurzelt wurde. Für sie ist Kanada anscheinend nie zu einer zweiten Heimat geworden. Sie wirkt dort vielmehr wie ein Fremdkörper und passt sich nicht an. Dem steht ihre Tochter Keiko entgegen, die sich den Traditionen komplett verweigert und versucht, sich in Kanada einzupassen, indem sie die dortige, westliche Lebensweise und die englische Sprache annimmt und so versucht, eine Kanadierin zu sein. Und da ist noch die Enkeltochter/Tochter Murasaki die eine Mischung aus beidem in sich trägt. Durch den Rassismus, dem sie in Kanada ausgesetzt ist, hat sie das Gefühl, trotz der westlich geprägten Lebensweise und der Sprache, nicht dazuzugehören. Sie fühlt sich weder der einen noch der anderen Seite zugehörig. Sie möchte die Traditionen in der Familie wieder aufleben lassen, dabei aber das Land ihrer Väter nicht unbedingt besuchen.

Doch wie kann man die Frage nach dem zu Hause nun richtig beantworten? Gibt es dazu überhaupt eine allgemeingültige Antwort? Oder muss das jeder für sich ausmachen, was für ihn das einig wahre zu Hause ist? Ist die Heimat das zu Hause, das Dach über dem Kopf, also dort wo man lebt oder was völlig anderes? Eine eindeutige Antwort gibt dieser wunderbar melancholische Roman nicht, vielmehr zeigt er auf, dass man sich nicht verstellen sollte und sowohl neues als auch traditionelles zulassen sollte. Zudem werden auch an den Stellen Rassismusprobleme aufgezeigt, wo man sie nie vermuten würde, da Kanada eigentlich als sehr fortschrittliches und weltoffenes Land gilt. Man muss dem ganzen aber zugute halten, dass dieser Roman Mitte der Neunziger entstanden ist und nicht mehr unbedingt zu 100% das wahre Bild von diesem Land abbilden muss. Und doch wirkt das Erzählte zeitlos und könnte, unabhängig von der Region, zu jeder Zeit, auch in unserer aktuellen, spielen und würde immer noch der Wahrheit entsprechen.
Der Roman ist geht dabei nicht nur lockerleicht und fröhlich vor. Vielmehr durchweht ihn eine gewisse Melancholie und Traurigkeit, die vor allem durch die Abschnitte, die sich um Naoe drehen, durchbrochen werden. Letztenendes tragen doch alle, die ihre ursprüngliche Heimat/Lebensmittelpunkt verlassen mussten, diese Traurigkeit in sich. Jeder in seinem Maß, wie er diese zulässt. Das hat ganze Generationen betroffen, sowohl hier in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, aktuell mit den ganzen Flüchtlingsströmen und das wird auch in Zukunft immer wieder vorkommen. Und doch ist das Buch bei aller Melancholie eine Lektüre, die einen warm einhüllt mit seinen Geschichten, die immer wieder durch den Hauptplot durchschimmern und somit auch mit einer Hoffnung aus dem Buch entlassen, die man zwischendrin nicht immer gespürt hat.

Und wieder ein wunderbares Buch aus dem Hause Cass, welches unbedingt gelesen gehört. Es ist ein ideales Winterbuch, um es in eine Kuscheldecke eingehüllt und bei einem leckeren Sake zu lesen.

P.S.: Und was hat es mit den Pilzen auf sich, die den Titel zieren? Das müsst ihr selbst herausfinden. Zumindest geht es nicht um bewusstseinserweiternde Substanzen und sie spielen auch nicht direkt eine zentrale Rolle innerhalb des Plots. Aber sie sind immer sehr präsent.

Chor der Pilze
Hiromi Goto
Cass Verlag
264 Seiten
22 Euro

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