Im Herzen nah und doch so fern

Der Protagonist Elias Effert wurde vor einigen Wochen schon einmal hier vorgestellt, als ein aus dem Osten Geflüchteter. In „Abgang ist Allerwärts“ (siehe hier: Klick) wurde seine Geschichte auf der Ostseite des geteilten Deutschland erzählt, wie es zur Flucht kam und wie Effert als Zauderer und Zögerer das Unvermeidliche immer weiter hinaus geschoben hat. Die vorliegende Fortsetzung „In fremder Nähe“ schließt nahtlos an diese Geschehnisse an und beginnt mit dem Empfang Efferts am Grenzübergang mitten im geteilten Berlin, wo er von seinem alten Freund, Förderer und Flüchtlingshelfer in Empfang genommen wird. Dieses Buch umfasst weiterhin das Leben des Autors Kuhnert selbst, denn viele Parallelen lassen sich auch hier nicht von der Hand weißen, die die Kunstfigur Effert und der Autor gemeinsam haben. Doch trotz aller Geschichtsträchtigkeit, die dieses Buch umweht, ist anfangs vieles fremd, was da steht, beziehungsweise es wirkt sehr abwesend und neutral auf die Leser*innen. So rauscht man durch die Stationen, die das Leben Efferts im Berliner Westen bestimmen, doch es berührt einen zuerst nicht richtig. Weder die anfänglichen Schwierigkeiten, noch die sich bald einstellenden Erfolge und erst recht nicht die Wende, die in diesem Buch eher wie eine Fußnote wirkt. Das die Wirkung erst im Nachgang des Lesens einsetzt ist für manche, die das Buch gelesen haben/lesen wollen, nicht gerade erbaulich. Jedoch wirkt die erzählte Geschichte dadurch länger nach, als man es während der Lektüre annehmen mochte. Beim Lesen berührt einen das Gelesene erst einmal wenig und erst mit ein wenig Abstand tröpfeln die Erkenntnisse über das Erzählte nach und nach ein. Dadurch wirkt „In fremder Nähe“ zuerst etwas farblos und die farblichen Nuancen ergeben sich erst später.    

Der große Zauderer

Diese Geschichte umfasst einen Zeitraum von geschätzt 10 Jahren, von Mitte der Achtziger bis Mitte der Neunziger. Dabei passiert vom Übertritt Efferts nach Westberlin, was der direkte Anschluss an die vorhergehende Geschichte ist, bis hin zu seiner Ausreise nach Irland, die am Ende steht, enorm viel. Effert muss sich nun im kapitalistischem Westen beweisen, gegen seine inneren Zweifel und gegen äußere Widerstände ankämpfend und diese überwindend. Zuerst die Anfangstage in ungewohnter Umgebung in der Nähe zu seiner alten Heimat, die aber durch die Mauer unerreichbar ist. Dann mit ersten zarten Erfolgen im westlichen Markt der Kunstschaffenden und dann, nach Öffnung der Grenze auch wieder in der ehemaligen DDR und damit bei den Leuten, die ihn damals, zu Zeiten des real existierenden Sozialismus, verjagt haben. Immer auf diesem Weg dabei sind die inneren Kämpfe Efferts mit sich selbst. 

West, Ost? Deutsch!

Diese Geschichte ist, wie auch schon der Vorgänger, ein sehr leise erzählter Roman. Es wirkt auf den ersten Augenblick und während der Lektüre etwas langweilig, da zwar viel passiert, aber gefühlt ohne große Ecken und Kanten erzählt. Effert marschiert irgendwann von Erfolg zu Erfolg und es wirkt kaum so, dass ihm Steine in den Weg gelegt werden. Doch ein zweiter Blick lohnt, denn es stimmt nicht ganz, dass alles so einfach läuft. Insbesondere nach der Wiedervereinigung kommen Probleme auf, die Effert während der kurzen Zeit in seinem Westberliner Exil kaum kannte. Zum einen wird er katzbuckelartig von Leuten hofiert, die ihn damals vor seiner Ausreise aus der DDR davon gejagt haben. Quasi als Entschuldigung dafür werden von Effert Theaterstücke inszeniert, um sich selber reinzuwaschen. Doch dann gibt es noch die anderen, die stramm im Wind der sozialistischen Fahne standen und nun ihre Nase in die andere Richtung drehen. Diese sind es nun, die wieder voran kommen wollen und dabei solche wie Effert einfach abkanzeln und seine Werke erneut brutal niedermachen, sie nicht weiterleiten für zukünftige Inszenierungen an Theater oder beim Film.
Die Erzählstruktur bringt es somit auch mit sich, dass die Wende, ein Kernereignis der deutschen Geschichte hier irgendwie zur Randnotiz wird. Im ersten Moment irritiert das und beim Lesen denkt man sich, dass der Autor doch etwas konkreter darauf hätte eingehen können. Doch bei längerem Überlegen ist diese Art, es zu erzählen, die einzig vernünftige. Denn was wir heute historisch als Großereignis darstellen, war damals am 09.November 1989 für viele einfach nur eine Nacht wie einige davor und danach, nur eben an diesem einen Abend mit dem Geruch der Zweitakter vermischt und somit eben nur eine weitere ereignisreiche Nacht in einer sehr ereignisreichen Zeit. Erst die Zukunft brachte diesen Tag in den großen Zusammenhang. So erleben wir es eben im Buch durch die Augen der Hauptfigur, da ihn die Grenzöffnung erst einmal nicht persönlich betrifft. Erst im Nachgang wird diese ihn in seiner täglichen Arbeit beeinflussen.
Diese Geschichte ist sehr persönlich gehalten. Vergleicht man die Wegstationen des Autors, erscheinen einige Schnittstellen mit dem, was der Hauptfigur im Buch wiederfährt. Es steckt also viel Herzblut in diesem Text, was man gerade an den Stellen merkt, in denen der Hauptfigur Unrecht wiederfährt, indem zum Beispiel Stücke von ihm aus fadenscheinigen Gründen abgesagt oder nicht genehmigt werden. Früher war es der Ideologie geschuldet, nun ist es durch den Kapitalismus induziert. Doch oft sitzen auf einmal dieselben Leute von früher an den Schalthebeln auf der anderen Seite und nutzen die Mechanismen des Marktes. Aber auch die Stellen, in denen es gut für Effert läuft, erscheinen von einem gewissen Stolz durchsetzt, sich mit seinen Texten durchgesetzt zu haben. Was das Buch dann aber besonders macht, sind die eingeflochtenen Gedichte, die die Unterschiede der Menschen in Ost und West herausschält, deren Beziehungen zueinander und was in dem gespaltenen Land in der Zeit Ende der Achtziger alles nicht rund lief. Diese Gedichte machen einem erst so richtig bewusst, welche Zeit wir als Deutsche durch die Wende hinter uns gelassen haben und das wir uns trotz aller falsch gelaufener Zusammenführungen glücklich schätzen können, seit nun über 30 Jahren wieder vereint zu sein. Ob diese Gedichte nun nur der Figur Effert zugeschrieben werden können oder ob sie vom Autor damals selber geschrieben wurden, konnte für diese Rezension nicht überprüft werden. Egal wie, sie klingen nach deutscher Zeitgeschichte und werten den Roman enorm auf.

Insgesamt ist mit In fremder Nähe ein Buch über die Wende, ohne diese zu direkt anzusprechen. Vielmehr werden die Mechanismen, die in Ost und West vorherrschen mit scharfer Klinge, vor allem in den Gedichten, beschrieben. Die eigentliche Geschichte der Figur Effert wirkt zuerst zu geradlinig, als das sie einen beim Lesen herausfordert. Das passiert erst, wenn man die Buchdeckel zugeklappt hat. Dann aber mit Nachdruck.

Rainhard Kuhnert

In fremder Nähe
Mirabilis Verlag
272 Seiten
20 Euro

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