Anna Herzig: Herr Rudi

Der Herr Rudi vermisst seine Livi, und das schon seit vierzig Jahren. Hinzu kommt eine Krebsdiagnose kurz vor der Pensionierung. Die österreichische Autorin Anna Herzig schreibt in ihrem Roman Herr Rudi (Voland & Quist) auf verknappt-kunstvolle Weise über die ganz großen Themen.

Dem Herrn Rudi könnte es so gut gehen, jetzt, da er endlich in Pension ist. Aber stattdessen sitzt – oder vielmehr kniet – er mit Hexenschuss und der Diagnose Krebs in einem Hotelzimmer mit einer Badewanne voller Blaubeeren. Wie es zu dieser Einstiegsszene kam und was auch noch die Pistole auf dem Nachtschränkchen zu suchen, entblättert sich nach und nach in Anna Herzigs Roman Herr Rudi.

Herr Rudi ist ein ganz rechtschaffener Mann, der als Gerichtsvollzieher gearbeitet hat, einen sehr guten Freund hat, den Fritz, und eine verflossene Liebe. Die Livi. Die ist leider nicht nur verflossen, sondern auch tot, vor vierzig Jahren gestorben. Der Herr Rudi ist nie darüber hinweggekommen und trauert noch immer. In Rückblicken denkt er an die schöne Zeit mit der Livi zurück und es entfaltet sich das Bild einer großen Liebe, die viel zu abrupt endete.

Der Herr Rudi und die Livi laufen. Springen ins Wasser, tauchen wieder auf und erzählen sich kleine, große Geschichten, die nur im gemeinsamen Universum Gültigkeit haben. Dann schauen sie sich an, und der Rest der Welt kann scheißen gehen.

Ich hätte es zu Beginn meiner Lektüre nicht gedacht, aber die teilweise doch sehr kauzigen Figuren in Herr Rudi sind mir wirklich ans Herz gewachsen. Anna Herzigs Schreibstil ist knapp, sehr dialogisch, manchmal fast schon wie in einem Theaterstück. Ihre Liebe zu den Figuren schimmert durch jeden Satz, ihre Sprache ist pointiert und oft derb, aber immer passend. Bei all der Tragik, die der Herr Rudi in seinem Leben durchmacht, kommt der Humor trotzdem nie zu kurz – das beweist schon die skurrile Eingangsszene.

Trauer, Krankheit, Freundschaft und immer wieder Livi, immer wieder die große Liebe – Anna Herzig verhandelt in Herr Rudi die ganz großen Themen ohne Pathos, ohne Kitsch, aber mit kleinsten Mitteln, die eine große Wirkung entfalten. Und selbst die für österreichische Literatur typischen Artikel vor den Namen haben mich dieses Mal gar nicht gestört – ich schreibe das jetzt auch einfach mal Anna Herzigs tollem Erzählstil zu.

Anna Herzig: Herr Rudi. 144 Seiten. 18 Euro. Erschienen am 14.2.2020 bei Voland & Quist.

Diese Rezension erschien zuerst auf Poesierausch.

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