Jana Volkmann: Auwald

Manche Menschen bleiben lieber für sich. In Auwald (Verbrecher Verlag) zeichnet Jana Volkmann das Bild einer Einzelgängerin, die sich verläuft, während die Welt um sie herum den Halt verliert. Ein äußerst stimmungsvoller Roman voller Sätze, die man sich einrahmen möchte.

Judith versinkt gern. Auch wenn sie das vielleicht selbst so nicht ausdrücken, vielleicht noch nicht einmal denken würde. Sie versinkt, versenkt sich gern in die Dinge, Beschäftigungen, die sie entfernen. Die sie wegführen von einer Welt, die ihr oft verschlossen bleibt. Von ihrer Lin, die sie schon irgendwie liebt, die ihr aber auch immer fremd bleibt. Von Ihren Arbeitskolleg*innen, die sie schon irgendwie schätzt, die ihr aber irgendwie fern bleiben. Kein Wunder, dass die Arbeit da ein Ventil ist, das sie nur zu gern öffnet und sich in den Strom begibt.

Als Tischlerin hat Judith genug Möglichkeit zur Versenkung. Das Material lebt, es spricht gewissermaßen zu ihr. Gerade die schrägen, kaum gewinnbringenden Aufträge scheinen ihr Spaß zu machen. Die Stunden fliegen nur so dahin. Nachdem ein besonders eigenwilliger Auftrag – ein Puppenhaus voller Figuren um Susan Sontag – komplett ausartet, schickt ihr Vorgesetzter sie in den Urlaub. Ein Alptraum: Er, ja, die Gesellschaft erwartet nun von ihr, einen Tag mit sich selbst zu verbringen, Spaß zu haben, sich womöglich dabei zu erholen. Irgendein Flyer nimmt ihr zum Glück die Entscheidung ab: Werbung für Tagestouren mit dem Schiff von Wien nach Bratislava. Gebucht.

Aus diesem Setting heraus lässt Jana Volkmann in ihrem Roman Auwald die Welt, wie wir sie kennen, zerfasern. Eine Kette von Zufällen macht Judith zu einem Niemand: Sie wird vermisst, hat weder Geld noch ein Telefon – und unendlich viel Zeit. Sie gibt sich hinein in diese neue Welt des Nichts, in die Einsamkeit des Auwalds. Er liegt zwischen Bratislava und Wien, sie möchte ihn zu Fuß durchqueren, um zurück in ihr altes Leben zu kommen. Doch will sie das überhaupt? Vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben ist sie allein und verbringt Zeit ohne Auftrag, ohne Arbeit, ohne Ablenkung. Und fällt immer weiter in eine Stimmung, die sie so noch nicht kannte. Ob es an der Natur liegt, die sie zuvor fast nur in ihrer toten Form, dem verarbeiteten Holz, kannte? Plötzlich belebt sich alles um sie herum.

Unter ihr schmatzte und gluckste es, als wäre da Wasser gleich unter dem Geäst, und so fühlte es sich auch an, der Boden wogte. So kam man nicht voran. Es war keine gute Idee gewesen, sich so weit von einem ordentlich planierten Pfad wegzubewegen. Sie war überzeugt, dass der Weg nun links von ihr sein musste, so lief sie nach links. Hindernisse überwand sie fast mühelos. Zweige und Äste zupften an ihrer Kleidung, neckten sie, die Natur war gehässig, Judith hatte es geahnt.

Im Vorbeigehen macht Judith dabei neue Bekanntschaften mit anderen Aussteigern, sieht die Polizei auf Suchaktionen, Demonstrationen, verwaiste Straßenzüge. Was passiert da? Es wird nicht ganz klar, was es wirklich ist, doch parallel zu Judiths Annäherung an sich selbst gerät die Welt um sie herum aus den Fugen. Es ist beeindruckend, wie Auwald die Situation des Lockdowns Anfang 2020 genau beschreibt. Zwar lehnt sich der Roman nie wirklich daran an, lässt im Dunkeln, was hinter dem Beschriebenen steht. Und doch könnte man es gleich mit dem erst kürzlich Erlebten ausfüllen.

Das macht Auwald zu einer bereichernden wie beeindruckenden Lektüre. Der Roman schaffte es, die persönliche Entwicklung von Judith in ein fast dystopisches Korsett einzufassen, das Judith nie die Schau stiehlt. Stattdessen taucht es ihre Selbstannäherung in der Einsamkeit in schummeriges Licht, das Auwald sehr gut steht. Dazu ist die Sprache eine Wonne, der Roman strotzt vor Bonmots, die Judiths phlegmatischem Geist auf ihrer Wanderung entspringen und die ich mir beim Lesen immer wieder spontan einrahmen wollte.

Jana Volkmann: Auwald. 184 Seiten. 20 Euro. Erschienen im August 2020 im Verbrecher Verlag.

Diese Rezension erschien zuerst auf Poesierausch.

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