Selbstgespräche mit Dialekt

Wenn ein Buch im Klappentext vollmundige Versprechungen macht und diese nicht einhält, ist das ärgerlich. In dem vorliegenden Fall tritt das aber kcjt ein. Im Gegenteil, diese werden sogar übertroffen, denn das, was da versprochen wird, könnte besser gar nicht passen. Seite um Seite wuchs die Sympathie mit der Hauptfigur an und die Übersetzung trug ihr übriges dazu bei. Die Bedeutung der Sprache ist zudem das Versprechen, das hier mehr als eingehalten wurde. Darauf wird in der folgenden Besprechung noch einzugehen sein. Die eigentliche Geschichte ist dabei sehr knapp erzählt und deutet mehr an, als das sie zuviel verrät. Die Lücken muss jeder beim Lesen selber füllen. Ein starker Text, mehr Novelle als Roman, der einen sanften Blick in die Vergangenheit der Hauptfigur zeigt, die alles Revue passieren lässt und versucht loszulassen, um endlich ihre Ruhe zu finden. Doch dann kommt alles anders.

Die Stimmen der Vergangenheit

Momoko ist über 70 Jahre alt, lebt allein in ihrem Haus, in einem Stadtteil einer nicht näher benannten Stadt (laut Klappentext soll es Tokyo sein). Der Mann ist vor längerer Zeit an einem Herzinfarkt gestorben und die Kinder längst aus dem Haus und der Kontakt zu ihnen ist auch nicht der Beste. Nun aber, während sie immer einsamer wird, besuchen sie die Stimmen der Vergangenheit und sprechen mit ihrem Heimatdialekt zu ihr. Dieser Dialekt kommt ihr in Gedanken immer wieder zwischen die Hochsprache, durchmischt sich mit ihr und so ergeben sich kuriose innere Dialoge über die Vergangenheit, die Zukunft und die Gegenwart. So spricht ihr verstorbener Mann zu ihr und viele andere Menschen, die nicht mehr (bei ihr) sind. So bekommen wir einen Blick in das anstrengende Leben einer Außenseiterin, die allein durch ihre Herkunft schon gebrandmarkt scheint und die versucht, weit weg von der Heimat und den Zwängen die da herrschen, ein befreites Leben in der Großstadt zu führen.

Was für ein schöner, schwerer Dialekt

Abseits der Geschichte bietet das Buch einen besonderen Mehrwert an: Die Sprache. Zum einen ist es dem Cass Verlag gelungen, erneut ein Buch aus dem Japanischen adäquat zu übersetzen. Meist wirken diese Bücher sehr zurückhaltend in ihrem Ton und den gewählten Wörtern, ja fast schon melancholisch. Es ist schwer zu beschreiben, aber die Bücher, die aus Japan ins Deutsche gebracht werden, haben immer diesen besonderen Klang.

In diesem Buch wird das ganze Thema noch ein wenig spezieller, den bei Momoko bricht plötzlich ihr alter, heimatlicher Dialekt wieder durch, den sie eigentlich schon längst  verdrängt geglaubt hatte. Dieser Dialekt ist essentiell für das Verstehen dieses Buches und wurde dementsprechend mit übersetzt (siehe kurzes Interview am Ende vom diesem Beitrag). Die Sprache, die im Deutschen dafür gewählt wurde, ist das Vogtländisch-Sächsische mit leichten Einschlägen in die Fränkische Mundart. Und genau diese Art der Übersetzung macht das Buch zu etwas besonderem. Allerdings muss man sich, sofern man nicht ein wenig Sächsisch kann, arg anstrengen beim Lesen. Selbst solchen, die abseits des Vogtlandes in Sachsen aufgewachsen sind beziehungsweise leben, werden an manchen Wörtern zu knabbern haben. Doch macht es beim Lesen einen großen Spaß, diese zu entziffern. Und es passt wunderbar zu diesem Buch, man hat gar das Gefühl ein wenig eine fremde Sprache zu lesen, auch wenn es eigentlich Deutsch ist. Da die Sprache essentiell ist, um das Leben Momokos zu verstehen, lebt die gesamte Geschichte auch von der Sprache, von dem Dialekt und man versteht Momokos Leben und wie sie dahin kam, wo sie nun ist, umso besser.

Erneut eine besondere Geschichte in einer besonderen Form

Der Cass Verlag bringt Jahr für Jahr besondere Bücher hervor. Letztes Jahr sogar mehrfach preisgekrönt. Auch „Jeder geht für sich allein“ reiht sich in diese schönen, unvergesslichen Bücher ein. Sowohl innerlich als auch äußerlich ist dieses Büchlein wieder etwas Besonderes geworden. Schade, dass wir in dem Moment, als sich endlich etwas in Momokos Leben verändert, wir sie schon wieder verlassen müssen. Doch ist es genau der richtige Abschluss für diese melancholische Geschichte über Heimat, Ankommen und eine ungewisse Zukunft. Hoffen wir das Beste für Momoko und ihren weiteren Weg.

Im Zuge der Veröffentlichung des Buches haben wir von We Read Indie die Verlegerin Katja Cassing angeschrieben, um uns kurz darzustellen, wie die Idee zur Dialektübersetzung zustande kam und wie sich die Arbeit daran gestaltete. Außerdem wollten wir wissen, ob auch ein Hörbuch zu dieser Geschichte geplant ist, da sich die Art, wie dieses Buch aufgebaut ist, für ein Hörbuch geradezu empfiehlt. Ihre Antworten zu unseren Fragen könnt ihr nachfolgend lesen:

Also, in der Regel werden Dialekte nicht übersetzt. Und das ist auch gut so. Wenn der Dialekt aber nicht bloßes Stilmittel ist, um zum Beispiel einen besonderen Rhythmus herzustellen, sondern das Buch mit dem Dialekt steht und fällt*, wie in diesem Fall, muss eine andere Lösung her. Für uns stand, bevor wir das Buch eingekauft haben, schon fest, dass wir diese Lösung finden müssen. Und wenn ich nicht zufällig zu eben der Zeit den Debütroman von Mareike Schneider gelesen hätte (Alte Engel, erschienen bei Rowohlt), die genau mit diesem Dialekt arbeitet, hätten wir das Buch wahrscheinlich gar nicht gemacht. (Warum gerade dieser Dialekt so gut passt, steht vorne im Buch zu lesen).

Ich habe dann über Rowohlt bei Mareike Schneider angefragt und den Kontakt zu Heinrich Schneider herstellen lassen, einem Leipziger Philologen, der auch in Alte Engel die Dialektpassagen bearbeitet hat und sich glücklicherweise bereit erklärte, die entsprechenden Passagen in unserem Roman ins Erzgebirgisch-Vogtländische zu bringen. Also, Jürgen (Stalph) – mein Mann und Mitverleger – hat den Roman ins Hochdeutsche übersetzt, die in den Dialekt zu übersetzenden Passagen markiert, Heinrich Schneider hat sie in den Dialekt gebracht, und ich habe gestaunt! Und ja, ich hoffe sehr, dass ich Tina Walz vom Hörbuchverlag DerDiwan für den Roman interessieren kann. Tina Walz hat schon mehrere Titel von uns produziert.

* Momoko, die Protagonistin und Erzählerin, fällt im Alter auf ihren Heimatdialekt zurück. Sie denkt und lebt im Dialekt und in der Hochsprache. Aus und in diesem kontrapunktischen Hin und Her erhebt sich das Buch, wenn ich das so sagen kann, zu lebendiger Größe.

Chisako Wakatake
Jeder geht für sich allein
Aus dem Japanischen Jürgen Stalph
Passagen vom Deutschen ins Vogtländische: Heinrich Schneider
Cass Verlag
109 Seiten
22 Euro

Ein Kommentar zu „Selbstgespräche mit Dialekt

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