Flucht zu sich selbst

Ein Roadtrip der einer Flucht gleicht und vier ungleiche Menschen miteinander verbindet. All das wird aus der Sicht eines Aussteigers erzählt, der mehr auf der Suche nach sich selbst und einem Leben ist als auf der Flucht. Er hält die Gemeinschaft irgendwie zusammen, muss sich aber letztendlich doch entscheiden, welchen Weg er gehen will. Salih Jamal hat mit „Das perfekte Grau“ eine Reise niedergeschrieben, die viele wahre  Worte enthält, die einem zum Innehalten zwingen und die auch an manchen Stellen ordentlich schmerzen. Es ist ein Buch, das einen wütend macht, aber auch irgendwie an manchen Stellen freudig zurück lässt. Dabei entwirft er allerlei skurrile Figuren und Situationen, die alle so absurd anmuten, dass sie schon wieder echt wirken. Ein Buch, das den Geist von Tschick atmet, aber die erwachsene Variante davon. Mit mehr Schmerz, mit mehr leidvollen Erfahrungen.

Tausche ruhige Kugel gegen aufregende Flucht

Ante, den alle nur Dante nennen,  hat sich an einen ruhigen Ort zurück gezogen, ein Hotel im äußersten Norden Deutschlands, an der Ostsee (?), wo er eine ruhige Kugel schieben kann und nicht an sich oder seine Vergangenheit denken muss. Er hatte eigentlich alles und hat es aufgegeben, warum weiß nicht mal er selbst. In diesem Hotel arbeiten auch noch Mimi und Rofu, ebenfalls gestrandete, die es alle dahin getrieben hat in dieses Regiment einer strengen Herrscherin. Zu diesen dreien, die im weiteren Verlauf im Zentrum der Geschichte stehen, gesellt sich noch Novelle hinzu. Eine zierliche junge Frau, die anscheinend große Probleme mit sich herum trägt und diese jeden Abend in Alkohol ersäuft und Männern ertränkt.
Eines Tages tauchen in dem Hotel Polizisten auf und Mimi, die das Hotel im eigentlichen zusammenhält, wittert als Getriebene Gefahr, da sie einst etwas getan hat, wovor sie ständig auf der Flucht sein muss. Nun scheint der Zeitpunkt erneut gekommen, die Zelte abzubrechen und irgendwo anders neu anzufangen. Nur diesmal bekommt sie ungewollt Gesellschaft von Novelle, Rofu und Dante und diese vier unterschiedlichen Menschen raufen sich zusammen, um einen Weg aus dem ganzen Schlamassel zu finden, denn zum einen hat Novelle einen der Polizisten KO geschlagen und dazu noch eines der Bäder der Angestelltenunterkunft unter Wasser gesetzt. Somit befinden sich alle vier, die vorher schon Flüchtende waren und sich auf ruhigem Fahrwasser wähnten, erneut auf der Flucht. Vor sich selbst, vor dem Gesetz und vor der Vergangenheit. Doch diesmal stellen sich alle vier ihren eigenen Geistern, um vielleicht etwas befreiter in die Zukunft gehen zu können. Doch keiner der Vier hat für möglich gehalten, was diese Reise für sie bereit hält.

Eine melancholisch, lustig-ernste Reise

Ein paar Mal schon wurde für dieses Buch das Attribut vergeben, dass es in dieselbe Kerbe wie Tschick schlägt. Das mag für den immer wieder durchblitzenden Humor gelten und die große Gemeinsamkeit ist, dass sich die Protagonist*innen auf eine Reise begeben. In dem einen Buch mit, in diesem hier ohne Wiederkehr. Doch dann hören die Gemeinsamkeiten schon auf. Während Wolfgang Herrndorf die ganze Melancholie durch witzige Szenen und einen gewitzten Hauptcharakter immer wieder abfedert und somit etwas lockerleichtes im Schweren erschafft, ist es bei Salih eher das Gegenteil. Doch das soll diesem Buch bitte nicht negativ zulasten gelegt werden, denn Salih versteht es, auch diese schweren Szenen so zu schreiben, dass sie einem nicht so schwer im Bauch liegen bleiben, aber doch haften bleiben. Insbesondere das Schicksal von Novelle und Rofu lassen einem beim Lesen nicht kalt. Sind die beiden am Anfang etwas unnahbar und wirken sogar recht cholerisch, weiß man im fortschreitenden Lesen, warum das so ist und das hat Salih richtig gut gelöst. Dadurch entsteht eine (An)- Spannung, die auch nicht so richtig gelöst wird und das passt zu dieser Geschichte mit einem nahezu perfekten Ende.
Das alles wird aus der Sicht von Dante erzählt, was die perfekte Wahl ist. Er ist der Einzige, der keine richtige Flucht auf dem Buckel hat. Vielmehr ist es ein Wegrennen vor sich selbst und vor der Zukunft, die er gerne im Ungewissen lassen möchte. Dadurch kann es sich schön bequem machen in seiner Gegenwart. Doch das dies nicht der richtige Weg ist, zeigt ihm Mimi im Verlauf ihrer „Flucht“ auf und wäscht ihm gehörig den Kopf, bringt ihn so ins Grübeln. So trifft er endlich Entscheidungen, die ihn auf ungewisse Fahrwasser bringen. Somit sind die anderen drei die „richtigen“ Flüchtlinge, jeder auf seine Art. Es soll nicht alles aufgezählt werden, wen was betrifft, aber es geht um eine Flucht in einer Mordsache, Flucht vor dem gewaltsamen Vater und Flucht vor der Verfolgung im eigenen Land. Insbesondere die Fluchtgeschichte nimmt einen ordentlich mit, da sie so ruhig und zurückhaltend erzählt ist, wirkt sie um einiges tiefgreifender. Aber auch die gewaltsamen Familienvorgänge packen einen und regen zum Nachdenken an, insbesondere über die Gedankengänge, was man diesem Vater wohl antun würde, wenn er direkt vor einem steht.
All diese großen Themen packt Salih in eine wunderbar melancholische und philosophische Sprache. Auf jeder Seite ist mindestens ein zitierwürdiger Satz dabei, den man sich am liebsten herausschreiben möchte. Allerdings, und das soll bitte nicht als zu große Kritik verstanden werden, übertreibt er es auch in manchen Momenten, vor allem wenn alle vier Charaktere zusammensitzen und sich die Weißheiten um die Ohren schlagen. Dann wirken diese ganzen herausschreibbaren, zitierfähigen Sätze zu geballt und es könnte schnell ins kitschige abdriften. Zum Glück sind es nicht viele Momente und Salih bekommt jedes Mal die Kurve. Ganz so, als würde man am Lagerfeuer sitzen und, nachdem man sich in bierseliger Laune philosophische Gespräche ans Bein nagelte, einfach schlafen geht.

Wohin geht der Weg?

Dieses Buch ist bis auf den letzten genannten Punkt der etwas metaphergesättigten Gespräche ein richtig gutes geworden. Es liest sich richtig flüssig, die Charaktere sind sympathisch, verschieden gestaltet und die ganzen Hintergrundgeschichten fesseln, wirken dadurch nah am Leben, auch wenn sie alle vier eine jeweils tragische Vergangenheit verbindet. Es werden viele gute Gedanken angestoßen, über die es sich lohnt vertiefter nachzudenken. Somit ein mehr als gelungener Roman, der bei genau dem richtigen Verlag untergekommen ist. Er lohnt sich zu lesen und hoffentlich kommt von diesem Autor noch mehr. Aktuell arbeitet er zwar schon an einem Projekt, aber der zündende Funke ist, wie er selbst sagt, noch nicht übergesprungen.

Interview mit Autor Salih Jamal und dem Verleger Jürgen Schütz

Autor und Verleger

Im Nachgang zur Lektüre zu diesem Buch hat Marc mit dem Autor Salih und dem Verleger des Septime Verlags, Jürgen Schütz, ein kleines Interview geführt. Die Fragen zielen dabei sehr konkret auf den Ursprung des Buches und wie der Septime Verlag auf dieses Buch aufmerksam wurde. Viele Spaß mit den Antworten von den beiden.

We Read Indie: Was war der Ausgangspunkt zu deiner Geschichte? Was hat den Funken gesetzt, über Dante, Mimmi, Novelle und Rofu zu schreiben? 

Salih Jamal: Ich war einmal in Kühlungsborn an der Ostsee. Da steht dieses Superduper Luxushotel und daneben zerfallen so schöne alte weiße Villen. Der Funke sprang aber in England in Brighton über. Ich wollte also etwas über ein Seebad machen Weil am Meer branden Träume an. Das Buch hatte den Arbeitstitel: „Let’s burn this fucking place down“. Ist dann doch was anderes geworden.

WRI: Wie gestaltete sich der Schreiben dieser Geschichte? Welche Szene schwebte dir als erstes vor dem Auge beziehungsweise welcher Moment stand als erstes für das Buch fest?

SJ: Tatsächlich der erste Satz. Ein Kerl überstreicht den Rost an einer Heizung. Das fand ich als Ausgangspunkt treffend. Ich plotte meine Bücher nicht, und so ist das Eine zum Anderen gekommen. Intuitiv ohne zu wissen wo es hinführt. Schreiben ohne Anhaltspunkte und Gerüst heißt aber auch, dass man selbst richtig tief drin steckt und für das knappe Jahr nicht mehr rauskommt. Egal ob ich wach bin oder schlafe.  

WRI: Du hast in dem Buch ja recht lustige Szenen mit sehr ernsten abhewechselt, was vor allem auf dem durchgetakteten Bauernhof richtiggehend hochgeschaukelt wird. Wie leicht is dir dieser Wechsel zwischen ernst und heiter beim schreiben gefallen? 

Salih Jamal:

SJ: Das Heitere ist beim Schreiben Erholung. Eine Atempause. Da muss ich nicht so an den Sätzen meißeln und ich bin mehr von der Idee getrieben. Wie bei meiner kleinen altklugen „Mini-Miss-Marple“, weil ich Fan von den 3 Fragezeichen und den Pfefferkörnern bin.    

WRI: Du sprichst ja auch sehr viele ernste Themen an, denen allen die Überschrift „Flucht“ voran steht. Gerade die eher zurückhaltende Erzählung Rofus von seiner Flucht lässt einen schwerer atmen Welche Botschaft von diesen vielen Schicksalen lag dir am meisten am Herzen? 

SJ: Ich kann es gar nicht genau sagen. Aber es ist oft meine Wut über die Dinge da draußen. Die Grenzzäune und das Leid davor, der Städtebau, das Homophobe, der Umgang mit Religion der Fanatismus und auch die Gleichgültigkeit vieler. Wenn ich auf die Geschichte schaue, dann ist das alles für mich ein Fremdkörper. Etwas was die Schönheit raubt, und doch brauche ich wohl ein Medium um meine Meinung zu sagen. Das dann alles doch zur Geschichte passt, dass ist dann wieder die Arbeit am Buch. Vor, zurück, neu, anders, schleifen, einfügen und einpassen. Das Traurige liegt mir mehr.

WRI: Auch wenn dir Antwort darauf vielleicht langweilig und einfach sein mag: Wie kam der Kontakt zustande?

Jürgen Schütz: Ich habe Salih auf ein Gespräch eingeladen, weil ich die vielen guten Kommentare über sein damaliges Buch mit Interesse, und dann sein Debüt gelesen habe. Gerne hätte ich seinen Orpheus verlegt, aber er war zu ungeduldig und wollte nicht bis zur nächsten Saison warten. Schließlich hat dann alles beim „Das perfekte Grau“ gepasst.

WRI: Was macht das Buch so besonders, dass es unbedingt im Septime Verlag herauskommen sollte?

Jürgen Schütz:

JS: Weil Salih eine ganz eigene und besondere Sprache hat, die es so nicht gibt. Darauf schauen wir bei Septime. Diese Einzigartigkeit haben viele unserer Autoren. Bei Salih kommt noch hinzu, dass er wichtige gesellschaftliche Themen anspricht und uns ganz beiläufig einen Spiegel vors Gesicht hängt.

Das kann doch gerne als Schlusssatz so stehen bleiben. Danke an Salih und Jürgen für das kurzfristige Interview, welches via Mail geführt wurde.

Salih Jamal
Das perfekte Grau
Septime Verlag
240 Seiten
22,90 Euro

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