[Bücherhamstern 2021]: Folge 2 – ELIF Verlag

Der ELIF – Verlag war lange ein kleiner Geheimtipp, vor allem unter Fans der Lyrik, was das Steckenpferd von diesem Verlag ist. Vor allem für  Gedichte aus dem isländischen Raum ist der Verlag, der von Dincer Gücyeter geleitet wird, bekannt. Ebenso wurden in diesem Verlag auch Gedichtbände für Kinder heraus gegeben und auch Romane werden verlegt. Auch auf Facebook ist Dincer als literarische Stimme zu finden, der seine Arbeit zwar ernst nimmt, immerhin bringt es ihm das Brot auf den Tisch, diese aber auch immer wieder mit einem ironischen Augenzwinkern kommentiert. In der heutigen Folge unserer neu geschaffenen Serie des Bücherhamsterns haben wir NUN Dincer unserem kleinen Fragenkatalog zukommen lassen und er hat dazu noch ein bisschen aus den Anfängen des Verlags erzählt und wie der Name ELIF überhaupt zustande kam. Viel Spaß mit seiner Geschichte.

Aus Schweigen wird Sprache

Über die Entstehung  des ELIF VERLAGs zu erzählen/zu schreiben, einen Beweggrund zu inszenieren, fällt mir immer schwer. Ich glaube, dafür muss ich noch einige Ausgrabungen unternehmen, tiefer schauen. Vielleicht hat es mit der Geschichte meiner Eltern zu tun, die in Anatolien unter feudalistischer Dominanz ihre Jugend verbringen mussten und später als Gastarbeiter in Deutschland zum Schweigen verurteilt wurden. Widerspruch hätte ihre Existenz gefährdet, wenn du dich als entwurzelter Mensch zu Wort meldest, dann ist jeder ein wenig beleidigt: der Chef, die Behörden, der Staat! Bis heute sehe ich in ihren Augen die Sehnsucht nach dem freien Wort, nach einem emotionalen Aufbruch …

Bis 2011 bewegte ich mich als kleiner Dichter in der Literaturszene, hatte genug Mut, mein Manuskript an einen Verlag zu schicken, die Zusage kam: ja, aber nur wenn der Autor sich an den Druckkosten beteiligte.

Ich war nicht allein, viele, besonders in der Lyrikszene haben dieses Spielchen mitgemacht. 

Da konnte ich es aber gleich auch selber machen, selbst einen Verlag gründen. Ich traf mich mit Ümit, unserem treuen Grafiker, er sollte die Gestaltung übernehmen. Nach mehreren Belästigungen schickte KNV einen Vertrag, ein Drucker war auch auf der Liste der Bekannten.

Es fing mit einer Anthologie an, mit meinem Band, Brot&Spiele von Anke Glasmacher, Shooting Stars von Christoph Danne … Heute sind über 60 Gedichtbände im Programm. Debüts, Übersetzungen aus dem Türkischen, Isländischen, Norwegischen, Niederländischen usw., … die Suche geht weiter, die Suche nach neuen Räumen für Sprache, für andere Kulturen!

Warum ELIF? Meine Frau war mit dem zweiten Kind schwanger, ich als Anti-Fußball-Mensch wollte unbedingt eine zweite Tochter und habe das ungeborene Kind Elif genannt, ein Mädchenname, es kam aber ein Sohn. Den Namen habe ich dem Verlag verpasst, er war dann mein drittes Kind, die ersten beiden haben schön durchgeschlafen, waren immer ruhig, das dritte war die Nimmersattraupe in der Familie.

Ich sehe ELIF als eine Werkstatt, wo sich Dichter*innen austoben, produzieren und mitentscheiden können.  Auch wenn ich als Verleger im Schaufenster stehe, ist ELIF ein Produkt der Dichter*innen / Übersetzer*innen / Gestalter*innen. Ja, eine gute Verwaltung ist wichtig, gute Texte sind aber wichtiger, das ist meine Überzeugung. Die Lyrik heute hat viel mehr anzubieten, als die Feuilletons zeigen wollen, viel mehr! Es bewegt sich sehr viel gerade, nicht nur zwischen Buchdeckeln, auch auf der Straße, in Garagen, in Hinterhöfen, eigentlich findet Lyrik ihren Ursprung wieder. Das ist auch der Wunsch von ELIF, beobachten und mitgehen, überraschen und sich überraschen lassen. Solange es möglich ist.  

Seit wann gibt es euren Verlag? 

ELIF wurde Ende 2011 gegründet.

Was macht euch aus? Was sind eure Spezialitäten?

Der ELIF Verlag versammelt poetische Positionen, die das Feld vom Rand her aufrollen. Wir bringen Stimmen zu Gehör, die aus der Gegenwart in die Gegenwart sprechen. Unser Herz schlägt für die Lyrik, aber wir führen eine offene Beziehung. Wir drucken Debüts und Alterswerke, sprechen Deutsch, Isländisch und jede andere Sprache, in der sich Gedichte schreiben lassen. Wir sind klein, aber selbstbewusst. Und die Erfahrung hat gezeigt: Wer ELIF liest, kommt wieder.

Eure Geheimwaffe(n), um zu überleben? 

Eine Geheimwaffe ist vielleicht übertrieben. Wenn es eine Geheimwaffe gibt, dann kann es nur gute Literatur sein. Ich kommuniziere sehr gerne mit den Leserinnen und Lesern, bleibe in Kontakt, auch über die sozialen Netzwerke; wir tauschen uns aus. Und: Als Verlag soll man auch den Mut / die Freiheit besitzen, die Leserinnen und Leser mal zu überraschen. Meiner Meinung nach arbeitet die Branche immer noch zu sehr nach geschlossenen Konzepten, in Schubladen, diese Einstellung lehne ich persönlich ab. Gute Literatur bleibt gute Literatur, egal in welcher Form. 

Was sind eure Highlights aus dem bisherigen Verlagsleben? 

Die Lyrik-Debüts Gedanken Zerren von Özlem Özgül Dündar,  Alles ausser Haiku von Hung-min Krämer, aber auch der Gedichtband aus Island, Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können von Ragnar Helgi Ólafsson, sind bis heute immer noch unsere Longseller.

2018 haben wir uns gewagt, auch erste Gedichte für Kinder zu veröffentlichen, gestartet sind wir mit dem Band Die Muße der Mäuse von Uwe-Michael Gutzschhahn; das Interesse der Bibliotheken, Schulen und Eltern war überwältigend!

Warum muss man ausgerechnet eure Frühjahrsnovitäten lesen?

8 Weil es wieder Überraschungen gibt wie z.B. das Lyrik-Debüt von Yu-Sheng Tsou; selbst in der Lyrikszene ist sein Name bisher nie aufgetaucht. Der Band Mehrfach abwesend der niederländischen Lyrikerin Ester Naomi Perquin und das kleingedruckte des Isländerin Linda Vilhjálmsdóttir zeigen in poetisch-scharfen Bildern ein Abbild der neuen Welt-Gesellschaft. Dann gibt es das wunderbare Projekt POEDU, eine Lyrikwerkstatt, bei der sich 25 Dichterinnen und Dichter mit über 50 Kindern getroffen und Gedichte geschrieben haben, als Buch jetzt herausgegeben von Kathrin Schadt; die Vorbestellungen hierzu sind gerade sehr erfreulich. Und zu guter Letzt haben wir den Gedichtband Die Verwertung von René Hamann im Programm, alles in allem ist eine kraftvolle Mischung. 

Gewinnspiel

Und zum Schluss gibt es natürlich auch noch ein kleines Gewinnspiel. Was gibt es zu gewinnen? Dincer stellt ein Exemplar der Cinema Lyrikanthologie zur Verfügung. Was ihr dafür tun müsst? Einfach die folgende Frage beantworten: Wie kam der ELIF Verlag zu seinem Namen? Einsendeschluss ist der 19.03.2021 um 18:00Uhr. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Viel Glück.

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