Sprachlich schöner, realer Western

Ungewöhnliche Figuren

Betrachtet man das Cover von diesem Buch, so hat man sofort den Staub der Prärie im Mund und fühlt sich in die Zeit Mitte des 19.Jahrhunderts zurück versetzt. Eine Zeit, als der Westen der USA noch nicht erschlossen war, der Goldrausch lockte und viele Abenteurer in eine neue Welt aufbrachen. Der Erzähler in diesem Buch, Thomas McNulty, ist so ein Abenteurer. Aus ärmlichen Verhältnissen in Irland geflohen, landete er auf den Straßen Amerikas und schlägt sich als Junge da so durch. Auf diesem Weg lernt er John Cole kennen und beide landen am Theater. Mehr durch Zufall als gewollt, denn die beiden geben durch ihren Körperbau und ihre Jugendlichkeit wunderbare Frauenrollen ab, die da gerade an diesem Theater gesucht werden. Sie verkörpern diese Rollen mehrere Jahre. So beginnt das Buch von Sebastian Barry, ein waschechter Western mit eher ungewöhnliche Figuren, die der Brutalität etwas von ihrer Härte nehmen. Doch dieses Buch ist vielmehr als nur ein bloßer Western. Es ist ein literarisches, leuchtendes Schmuckstück, das amerikanische Geschichte literarisch beleuchtet. Wenn auch fiktional, so stecken in zwischen Zeilen sehr viele wahre Worte drin. Ein eindringlicher Schmöker, den man kaum aus der Hand legen möchte.

Von der Straße, auf die Bühne, ins Ford

Thomas McNulty, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird, ist ein in die USA eingewandeter Ire und anfänglich auf den Straßen Amerikas zu Hause. Dort läuft ihm John Cole über den Weg. Aus anfänglicher Freundschaft wird Liebe und sie werden von nun an (fast) alles gemeinsam machen. Zuerst die Anstellung am Theater, wo die beiden aufgrund ihrer schmächtigen Statur die Frauenrollen belegen. Darauf folgte die Armee, die das Leben der beiden von nun an, mit Pausen versehen, prägen sollte. Sie werden in einem Ford in den westliche Prärien stationiert und versuchen da, so etwas wie Frieden zu schaffen, geraten aber immer wieder mit der dort ansässigen indigenen Bevölkerung aneinander. Diese Scharmützel prägen neben dem Bürgerkrieg das militärische Leben von Thomas McNulty und seinem Partner. Gerade die Auseinandersetzungen mit einem Indianerstamm nehmen immer groteskere und brutalere Züge an und enden in einem Akt der Auslöschung von diesem Stamm, ganz nach dem Motto Auge um Auge, Zahn um Zahn. Doch es gibt auch die ruhigen Phasen in beider Leben. Die Zeiten am Theater, in denen sich vor allem Thomas in den Frauenrollen einfindet. Oder auf einer Tabakfarm von einem befreundeten Soldaten, bei dem sie erst aushelfen wollen und dann sogar bleiben.

Es geht hart zu, aber mit sanften Zwischentönen

Bei dem Wort Western schrecken viele sicher erstmal hoch, verbinden sie das mit Schießereien, machohaften Cowboygehabe und vielem mehr. Doch allen, die das abschreckt, würde ein fantastisches Stück Literatur entgehen, das uns Sebastian Barry hier vorgelegt hat. Dieses Buch beschreibt das Leben der damaligen Zeit ohne romantisch verklärte Folklore. Eher im Gegenteil wird in diesem Buch viel gestorben, an Krankheiten, wegen den unwirtlichen klimatischen Bedingungen, an kriegerischen Auseinandersetzungen mit der indigenen Bevölkerung oder weil man sich untereinander bekämpft. Dazu schmeckt man förmlich den Staub der Prärie oder spürt die Kälte des Winters, die durch die unendlichen Weiten des mittleren Westens zieht. All das wird von dem Erzähler Thomas McNulty ungeschönt und ungefärbt wiedergegeben. Er ist der ruhige Beobachter der ganzen Szenarien, deren wir damit Zeuge werden. Das ist wunderbar von Sebastian Barry erzählt und ohne großen Kitsch zu Papier gebracht und liest sich wunderbar sanft trotz all der unbarmherzigen Dinge, die da passieren. Es mag mit an dem Charakter von McNulty liegen, der eher als warmherzig und mitfühlend übermittelt wird. Damit erträgt man all das Blut und den Schmerz irgendwie besser und bekommt sogar Bilder von fantastischer Schönheit geliefert, dass einem beim Lesen ganz warm ums Herz wird. Dieser Gegensatz mag sich im ersten Moment komisch anhören, fügt sich in diesem Buch trotzdem harmonisch in das Gesamtbild ein.

Als Fazit lässt sich ziehen, dass man sich bei der Auswahl nicht unbedingt von dem Genre Western leiten lassen sollte, denn dann würde einem ein großartiges Stück Literatur entgehen. Und doch muss man sich auf gewisse Elemente einlassen und sei es vor allem die Brutalität, die ohne Filter und sehr oft vorkommt. Belohnt wird man mit einer wunderbaren, sanften Sprache, die einen durch das ganze Buch führt und an vielen Stellen mitleiden und mitfühlen lässt.  

Sebastian Barry
Tage ohne Ende
aus dem Amerikanischen von Hans-Christian Oeser
Steidl Verlag
256 Seiten
22 Euro (Hardcover)

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