Am laufenden Band der Worte

Es sind immer besondere Glücksgriffe, wenn sich Texte mit modernistischen Erzählweisen auseinandergesetzt haben und bewusst Form und Inhalt verschränken, sodass es über den Fokus auf Plot, Figuren und Konflikt hinausgeht.

Man gelangt bei Joseph Ponthus Á la ligne oder Am laufenden Band in ein Buch, das zuerst sehr einfach scheint, in seiner Wortwahl und in seiner Erzählung, sich dann aber gerade das zunutze macht, um etwas zu zeigen.

Das Buch ist als Notizen-Roman verfasst, ein intimes Journal, wie es im Kanon seit Dostojewskis Aufzeichnungen aus dem Totenhaus oder Rilkes Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge zu finden ist.

Die Story hat man schnell erzählt. In 66 Kapiteln wird das Leben eines Autors beschrieben, der eigentlich Sozialarbeiter wäre, aber aus finanziellen Gründen, besonders der Schwangerschaft seiner Frau wegen, in die Fabrik geht und auch gehen muss, um dort seine Arbeitskraft zu verkaufen.

Im ersten Teil noch in einer Fisch-, wird er im zweiten von seiner Zeitarbeitsfirma in eine Fleischfabrik geschickt, von wo aus wir jeweils einen Einblick in die Veränderungen bekommen, die die Arbeit á la lignie in ihm und an ihm bewirkt.

Der Text selbst, als Form, ist linksbündig, im lyrischen Flatter gesetzt und verzichtet konsequent auf Interpunktion, fließt weiter, immer weiter, in den wechselnden Rhythmen der verschiedenen Arbeitsschritte und emotionalen Zustände, bis er zu einem Zitat kommt. Immer, wenn ein Zitat diesen allgemeinen unaufhörlichen Fluss der Fabrik unterbricht, errät man, welche besondere Wirkung diese Inseln für den Protagonisten haben. Sie stammen aus dem literarischen Kanon, aus französischen Chansons, aus der Internationale. Sie greifen dem Arbeiter in seiner Verzweiflung unter die Arme und zeigen, was es für Ponthus meint, wenn vom Trost der Literatur gesprochen wird:

In der Fabrik singen wir
Verdammt was singen wir
Wir summen in unseren Köpfen
Trällern mit voller Kraft und werden vom Getöse der Maschinen
übertönt
Pfeifen die gleiche Melodie zwei Stunden lang vor uns hin
Haben dasselbe blöde Lied das wir morgens im Radio gehört haben
im Schädel
Singen ist der schönste Zeitvertreib
Und hilft uns durchzuhalten
An was anderes zu denken
An vergessene Strophen
Einen Lichtblick zu haben.

Und nicht selten geben diese Zitate das Thema des jeweiligen Eintrages vor, rahmen ihn, kontextualisieren ihn. Oder es sind die Gegenstände mit denen er arbeitet, die sich zu Symbolen und Metaphern entwickeln, wie das Abtropfen des Tofus, das sich als Satz immer wiederholt, wie die getanen Arbeitsschritte und man merkt, wie die Zeit dabei nicht vergeht.

Ich tropfe Tofu ab
Noch drei Stunden
Nur noch drei Stunden
Ich muss weitermachen
Ich tropfe Tofu ab
Ich werde weitermachen
Die Nacht hört nicht auf
Ich tropfe Tofu ab

So wird der Text selbst zu einem Gesang. Wir folgen diesem endlosen Fortlaufen am laufenden Band der Produktion, einem Weiterlesen und immer weiter; dem Wegkonsumieren des Textes im Lesefluss des Fließbandes, der über eine Filmästhetik hinausgeht und die Lesenden als Protagonist:innen miteinbezieht, anstatt sie als Zuschauer:innen zu behandeln; und damit Text als Kunst-Form gegenüber anderen Formen ernst nimmt; und wir werden dabei langsam mürbe.

Und als der Krebs in das Leben des Protagonisten einzieht, wünschen wir uns, wie nichts anderes, am Ende selbst einmal eine der Krabben geklaut und gegessen zu haben, die wir uns vorher nicht zu nehmen getraut haben.

Man liest dieses Buch nicht für die Story oder die Figuren, die gar nicht den Anspruch haben fesselnd zu sein, man liest es, um sich daran zu erinnern, dass die Menschen auch heute noch in die Fabrik gehen müssen und darin bis zur völligen Erschöpfung arbeiten; dass sie, diese „‘Ungebildeten’ auf die Macron so scheißt“ eine andere Sprache sprechen, die voll ist von Kalauern und Wortwitzen: „Das Ende des Tages ist wie das Ende einer Wurst“. Man liest es, um sich daran zu erinnern, dass das Thema keine Aufmerksamkeit bekommt und bekommen kann. Nicht nur weil es uns nicht gerade neu scheint. Sondern vielmehr, weil den Arbeiter ausmacht, dass er nicht Teil hat und nicht teilhaben kann, an den identitätspolitischen Strategien der Aufmerksamkeitsökonomie legitimer Kulturinstitutionen und der sie umgebenden Publikationsmechanismen, wie es die Literatur ist (oder Film oder Malerei usw.). Bourdieu hätte sich wohl gefreut…

Am laufenden Band ist ein formal und ästhetisch durchdachtes Buch, das in die Parallelwelt der Zeitarbeitsfirmen und Fabriken führt. Während man es im literarischen Umfeld naturgemäß häufig mit Akteur:innen zu tun hat, die es geschafft haben, sich aus diesem Morast des Arbeitermilieus zu erheben, erinnert es an die vergessenen unmenschlichen Zustände in Fabriken und die Ausbeutung der Arbeiter. In einem ununterbrochenen Strom aus Worten wird den Lesenden nicht einfach vor Augen geführt, sondern mit einer Vielzahl literarischer Einfälle spürbar gemacht, was es heißt, am Fließband zu stehen, Krabben zu pulen, Tofu abzutropfen, von ausgeweideten Schweinekörpern zu träumen, vor Erschöpfung zu weinen. Ein unbequemes, aber nötiges Buch.

Joseph Ponthus – Am laufenden Band

Aus dem französischen übersetzt von Mira Lina Simon und Claudia Hamm

239 S., erschienen bei Matthes & Seitz Berlin

22,00€

2 Kommentare zu „Am laufenden Band der Worte

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