Der Anfang eines Ausgangs

„Eine Sache, die sich aufklärt, hört auf, uns etwas anzugehn“1, heißt es und vielleicht sind es deswegen auch die rätselhaften Bücher und Menschen, die uns lange und immer wieder beschäftigen.

„Unablässig wiederholt der tropische Vogel in den Tamarinden hinter dem Haus seinen monotonen Ruf, der aus den drei ewig gleichen fragenden Lauten besteht: Wer-bist-du? Wer-bist-du? Wer-bist-du?“

Der Frage, folgt später, die sich niemals beantworten lässt.

Eine Frau namens Helen Furgeson lebt mit ihrem Ehemann im burmesischen Dschungel. Anschließend geht sie zurück nach Europa und nach mehreren weiteren Reisejahren, schreibt sie den Roman Let me alone, der von der unglücklichen Ehe zwischen Matthew und Anna Kavan erzählt. Viele Jahre danach hat sie selbst unter dem Namen Anna Kavan über 10 Bücher veröffentlicht; weitere erschienen posthum, darunter Romane, Erzählungen und ein Essayband mit dem Titel My Madness. Anna Kavan war mehrfach in psychiatrischer Behandlung, zuerst wegen eines unternommenen Suizidversuches, später auch wegen ihrer Heroinabhängigkeit, letztendlich ist sie an einer Überdosis gestorben. Sie lebte während des Blitzkriegs in London und war als Kriegsdienstleistende auch in einer psychiatrischen Einrichtung beschäftigt. Als Reaktion darauf hat sie ihre Skepsis der Psychiatrie gegenüber als Herrschafts- und Konformitätsinstrument formuliert, das widerständige Potential psychischer Krankheit gegen totalitäre Machtausübung erkannt und sich damit auf die Seite der Anti-Psychiatrie-Bewegung (Foucault, Deleuze, Goffman u.a.) gestellt. Und vielleicht wäre grundsätzlich zu fragen, ob nicht die Disziplinierungs- und Ausschlussmaßnahmen der Gesellschaft in einem gewissen Zusammenhang mit der hohen Anzahl psychiatrischer Diagnosen bei weiblichen Autoren stehen (s. Woolfe, Lavant, Plath usw.)? Aber das ist ein anderes Thema.

Von der Autorin Anna Kavan sind bislang drei Bücher auf Deutsch erschienen, ein vergriffenener Kurzgeschichten-Band unter dem Namen Julia und die Bazooka, zuletzt der großartige Roman Eis im Diaphanes Verlag und nun in einer Neuauflage Kavans Erstlingsroman Wer bist du?, ebenfalls bei Diaphanes.

Dieses Buch versetzt uns in eine Kolonialhütte im Dschungel, wir finden uns dort wieder, ohne vom Hinweg zu erfahren. Satz um Satz verdichtet sich der Busch, verdichten sich die Bäume und Rufe der Vögel, bis alles zusammengewachsen, undurchdringlich geworden ist und keine Außenwelt mehr zu existieren scheint. Wie in einem Traum ist man immer schon da und wird es während der gesamten Lektüre auch bleiben. Es sind die letzten heißen Tage vor dem Monsun.

Gerade in dieser Atmosphäre, die etwas ungreifbares bekommt, scheint sich etwas zu verbergen und sobald man versucht danach zu greifen, entgleitet es, wie auch die Erzählfigur und -stimme entgleitet, von dieser Person etwas weiß, von jener Person etwas: Der jungen Protagonistin, dem älteren Mann, mit dem ihre Mutter sie verheiratet hat, dessen Diener, der sie ständig beobachtet – auch dabei, wie sie einen Brief versteckt – und vom jungen Mann, in den sie sich verliebt. Die Perspektivwechsel erfolgen abrupt und unangekündigt, manchmal im selben Satz, ohne (und das ist das besondere) störend zu wirken, sondern um der inneren Entwicklung dieses Traumes willen, weiter hinein in die schwüle Hitze zwischen den Worten, aus dem sie sich lange nicht befreien kann.

„Anna Kavan hat die Welt des gespaltenen Selbst mit Meisterschaft beschrieben. Wir bewundern die Taucher, die die Tiefe des Meeres erkunden…“ – Anais Nin

In marktgängigen Schlagwörtern, würde man das Buch proto-feministisch, surrealistisch, auto-fiktional nennen können, aber alles würde zu kurz greifen. Wer bist du? stellt, von der Urangst der Machtlosigkeit inspiriert, den Ausgangspunkt eines literarischen Schaffens dar, das weit ausgestrahlt hat: Von JG Ballard bis Arthur Koestler, von Doris Lessing bis Patty Smith.

Herausgeber Michael Heitz hat sich im Nachwort ihrem Schaffen genähert: Er knüpft an verschiedene Werk- und Lebensperioden an, bietet einen Überblick auf den Entstehungszusammenhang des Romans und ordnet die experimentellen Schreibweisen von Kavan in den literarischen Kanon neben Kafka und Blanchot ein – einem Ort, an dem bisher wenig Platz für weibliche Autoren war – indem er selbst versucht der Frage auf den Grund zu gehen: „Wer bist du?“

Was im Herz der Finsternis nur Stimme war, wird in diesem Text zur Szenerie der Emazipationswünsche und des Aufbruchs einer jungen, intellektuell begabten Frau. Die Enge des Dschungels, die Enge des Hauses und ihrer Ehe, begleiten das dumpfe Bewusstsein von Hitzetagen im Sommer, die es schwer machen zu atmen.

Es ist die Geschichte über einen Aufbruch und Ausbruch aus einem verwachsenen Traum, der immer wieder eine Frage an die Protagonistin stellt, die keiner jemals abschließend beantworten kann.

Der New Yorker schrieb: „Eine Dichterin von solch kalter Selbstverständlichkeit und unselbstmitleidiger Kraft, dass ihre Vision sich selbst übersteigt.“ Und so wünscht man nicht nur dem Buch einige Leser:innen, sondern der Autorin Kavan überhaupt.

Anna Kavan – Wer bist du?

Aus dem Engl. übersetzt von Helma Schleif

124 S. bei DIAPHANES

16,00 €

1F. Nietzsche – Jenseits von Gut und Böse

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