Schmelztiegel L.A.

Es hört nie auf

Los Angeles ist schon immer ein Schmelztiegel der Kulturen und ethnischen Bevölkerungsstrukturen. Da ist so vieles bunt durchmischt, das kann man sich hier in Deutschland sicher bei weitem nicht vorstellen. Da ist es mit dem Rassismus natürlich nicht weit her. Genau dieses Thema wird in dem spannenden Roman „Brandsätze“ von Steph Cha verhandelt. Die Autorin hat sich für diese Geschichte eines realen Falls bedient, diesen fiktionalisiert und daraus ein Spiegelbild unserer aktuellen Lage bebaut. Es ist erschreckend zu sehen, wie aktuell diese Themen heutzutage immer noch sind, da sie durch Generationen getragen und weitergereicht werden. Da kann es noch so viele Hashtags und Aufschreie geben, es wird sich daran wohl nie etwas ändern. Da wo der Mensch in all seiner Vielfältigkeit aufeinanderprallt, wird es auch immer Konflikte um die Hautfarbe und die Herkunft geben.

Eine Spiegelung der Ereignisse

L.A. im Jahre 1992. Die Straßen sind von Wut gesäumt. Der Vorfall um Rodney King, bei dem mehrere Polizisten auf den wehrlosen Mann einprügelten und von Überwachungskameras gefilmt wurden, ist noch ganz frisch. In dieser Gemengelage wird die junge Frau Ava Matthews in einem Markt um die Ecke von einer Koreanerin erschossen. Obwohl sie keine Waffe dabei hatte und es nur zu einem kleinen Streit mit der Verkäuferin kam, wurde sie hinterrücks von dieser Verkäuferin getötet.
L.A. im Jahre 2017. Wieder gibt es Unruhen. Allerdings brennt die Stadt nicht lichterloh. Die Bewegung #blacklivesmatter nimmt konkrete Züge an. In diesem aufgeheizten Klima bewegen sich die beiden Schwestern Grace und Miriam Park die beide sehr unterschiedliche Standpunkte zu dieser Bewegung und ihren Zielen haben. Als ihre Mutter vor der Apotheke, die Grace bald übernehmen soll, anscheinend grundlos niedergeschossen wird, kommen Wahrheiten ans Licht, die vor allem das Weltbild von Grace heftig ins Wanken bringen. 
Zur selben Zeit wird Ray Matthews aus dem Gefängnis entlassen und wird mit Freuden bei seiner Frau, den gemeinsamen Kindern und dem Bruder Shawn aufgenommen. Doch nach einem etwas verhaltenen Start nimmt Ray wieder Kontakte zu seiner alten Bande auf und auch sein Sohn gerät zusehends auf die schiefe Bahn.  Shawn, der während Rays Gefängnisaufenthalt auf die Familie aufgepasst hatte, versucht, alles irgendwie zusammenzuhalten. War er doch selber ein Kind der Straße, seit seine Schwester Ava erschossen wurde. Doch er hat diesem Leben abgeschworen und möchte nun auch seine Familie davor beschützen. Doch die Vergangenheit holt auch ihn ein, auf sehr unerwartete Weise.

Der eine Funke für das Pulverfass

Die Stimmung ist schon am Brodeln, da braucht es nur den berühmten Funken an der Zündschnur, um das ganze explodieren zu lassen. So ist es 1992 mit Rodney King passiert, als die Stadt L.A. einem Hexenkessel geglichen haben muss, ebenso bei George Floyd 2020 und es werden immer wieder Beispiel folgen. Das sind recht sinnbildliche Beispiele, die das Thema Rassismus auf einfache Art und Weise veranschaulichen. Doch das dieses Thema mehr als komplex ist zeigt uns Steph Cha mit ihrem Roman „Brandsätze“, der 2019 auf Deutsch im Ars Vivendi Verlag erschienen ist (Deutsche Übersetzung von Karen Witthuhn). Anhand zweier Familien wird aufgezeigt, wie weit verzweigt Rassismus in unseren Gesellschaften verankert ist und was es für Folgen haben kann, insbesondere für Menschen mit anderer Hautfarbe. Da kann selbst das Milchholen beim Koreaner um die Ecke tödlich enden. Die Autorin legt dafür einen ruhigen Erzählton an, um ihr Anliegen zu übermitteln. Es sind die leisen Töne, die das ganze Szenario glaubhaft und schrecklich wirken lassen. Sei es der tödliche Schuss auf Ava Matthews oder was aus den betroffenen Familien geworden ist oder wie der Tod von Ava Matthews medial ausgeschlachtet wurde. Auch die heutigen sozialen Medien werden kritisch betrachtet, da man durch die Schnelligkeit, in denen Neuigkeiten durch den  Äther gejagt werden, keine Chance mehr hat, vernünftig und adäquat zu reagieren, was anhand von Grace beispielhaft gezeigt wird.
Da hier vor allem zwei Familien und deren beider Geschichten im Vordergrund stehen, geht es auch um Vergebung und um Schuld. Wer vergibt wem, ist es bei der Schwere der Tat überhaupt möglich und kann man Gerechtigkeit durch einen gleichartigen Angriff erzwingen? Wie steht man zu seiner eigenen Familie, wenn Dinge heraus kommen, die die komplette Vergangenheit ins Gegenteil verkehren? Kann man seinen eigenen Eltern verzeihen? All diese Fragen und deren Antworten wird zu einem dichten und packenden Drama verwoben, mit lebensechten Figuren, die einem auf beiden Seiten ans Herz gehen und mit denen man mitfiebert. Und ganz wie in der Realität wird am Ende auch keine Lösung angeboten, nur mögliche Wege.

Steph Cha
Brandsätze

Aus dem Englischen übersetzt von Karen Witthuhn
336 Seiten
22 Euro

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