Eine moderne Geschichte, vielfältig erzählt

Scrollte mensch sich durch die diesjährige erweiterte Hotlist, also den Kreis aus 30 Büchern, über den auch das Publikum abstimmen konnte, stolperten wohl viele beim Betrachten der Cover über ein Buch, dass ganz sicher erst auf den zweiten Blick gefallen dürfte. Das quietschgelbe Cover und die Bilder vorne darauf, die im Comicstil abgebildet sind, erscheinen ersteinmal nicht einladend. Beim ersten Vorstellen des Buches auf Instagram war das der einhellige Tenor, dass dieses Buch auf den ersten Blick garantiert im Laden bleiben würde. Auch beim Durchlesen des Plots zu „Der Hausmann“, denkt mensch im ersten Moment, nuja, typischer Großstadtroman, der auch noch in Berlin spielt, mit einem ultrahippen Pärchen, er in der Rolle des titelgebenden Hausmanns, sie in einem in einem Job bei einem Start Up usw usf. Das wäre die erste Schicht, die gewöhnliche. Doch zum Einen machen alle einen Fehler, wenn sie dieses Buch nicht zumindest einer detaillierteren Studie unterziehen und zum anderen hat die Autorin Wlada Kolosowa in ihrem im Leykam Verlag erschienenen Buch noch ein paar Erzählebenen mehr angelegt als nur dieses Pärchen zu zeigen, sie verpackt diese ganze Story auch noch richtig toll in verschiedene Stile. So wird dieses Buch zu keiner Zeit langweilig und kann sogar als Jahreshighlight angesehen werden. Doch worum geht es denn genau?

Eine ungewöhnliche Konstellation

Da wären zum einen Tim und Thea, seit vier Jahren ein Paar, gerade frisch in einen neuen Kiez in Berlin gezogen. Er ist zu Hause, quasi arbeitslos und zeichnet nebenbei eine Graphic Novel (die im Buch als Geschichte in der Geschichte sozusagen mitgeliefert wird) und sie bringt das Geld nach Hause.
Thea arbeitet in einem Startup namens VOG, die veganes Hundefutter (!) für Marketingzwecke an Instagramkanäle verschenken und das ganze steuern, wie die Produkte zu platzieren sind. Dort arbeitet auch ihre beste Freundin aus Schultagen, Anna, die nun aber auch eine ihrer Vorgesetzten ist und Thea den Job angeboten hat.
Dann wäre da noch der 19 Jährige Maxim, der aus der Ostukraine geflohen ist (das Buch spielt im Jahr 2018 und der aktuelle Ukrainekrieg spielte da noch keine Rolle, aber die Situation am Donbass, den zu diesem Zeitpuntk niemanden interessierte, ist der essentielle Grund für die Flucht) und mit Tim zusammen Deutschunterricht nimmt.
Zu guter Letzt wäre noch die Rentnerin Frau Birkenberg zu nennen, alleinstehend und die nun einen Blog mit dem Namen „Sparen mit Dagmar“ gestartet hat.

Vielfältig im Stil

Klingt das für euch schon nach einer Geschichte, der ihr eine Chance geben würdet? Nein? Dann lasst euch gesagt sein, dass ihr euch getrost darauf einlassen könnt. Alle gerade genannten Abschnitte bekommt in dem Roman seine eigene Erzählform und alles hängt irgendwie miteinander zusammen.
Die Geschichte um Tim, der zu Hause sitzt, Angst vor dem Arbeitsamt hat und an seinem Comic werkelt, währenddessen die Beziehung mit Thea den Bach runter geht, ist in einer ganz normalen Erzählung aus der Sicht von Tim eingebettet.
Die Situation um Thea bei ihrem neuen Arbeitsplatz ist dagegen in Chatprorokollen mit ihrer ehemaligen besten Freundin und nun Vorgesetzten festgehalten.
Frau Birkenbergs Geschichte erleben wir über ihren Blog und der hat weit weniger mit Sparen zu tun (hier wären noch die Kommentare unter den Beiträgen von der liebevollen Renterin lustig gewesen).
Und Maxim? Der führt Tagebuch und versucht in diesem seine Deutschkentnisse zu vertiefen, indem er ihm wichtige Punkte die deutsche Sprache und wie Inhalte transportiert werden fett markiert. Dabei erleben wir sehr wichtige Unterschiede aus dem Leben, wie er es aus der Ukraine gewohnt ist und wie es in Deutschland zu führen ist.
All das ergibt einen sehr bunten Mix an Stilen, der sich im ersten Moment sehr wild anfühlen, mit der Zeit aber eine regelrechte Harmonie zwischen den ganzen Figuren erzeugt und uns als Leser*innen regelrecht in den Bann zieht.

Vielfältige Geschichten

Doch was dieses Buch neben all der Gestaltung noch besonders macht ist, wie locker leicht selbst schwierige Themen präsentiert werden. Sei es Druck auf dem Arbeitsmarkt, Gentrifizierung, Armut im Alter, Flüchtlinge oder Alltagsrassismus werden auf eine wohltuende Art in diese Geschichte integriert, völlig natürlich und setzen sich gerade deswegen in den Kopf. So zielt der Comic, den Tim zeichnet, auf den Klimawandel ab und erzählt losgelöst vom Roman eine eigenständige Geschichte, die zum Nachdenken anregt. Und auch Maxims Geschichte von der Flucht und seinem etwas holprigen Ankommen in Deutschland sind sehr nachdenkenswert geraten und zeigen auch die Differenzen auf, die entstehen, wenn verschiedene Kulturen und Herangehensweisen aufeinandertreffen. Da entstehen zwangsläufig Konflikte, die auch in diesem Roman angesprochen werden und auf eine eher lustige Art gelöst werden.
Es könnten noch so viele Themen mehr aufgezählt werden und die schnell den Eindruck eines überfrachteten Buches erzeugen, was „Der Hausmann“ aber auf keinen Fall ist. Es ist vielfältig, abwechslungsreich und sogar spannend, wenn Tim auf einmal von einem wildfremden Mann grundlos ins Gesicht geschlagen wird. Da möchten wir als Leser*in schon wissen, was es damit auf sich hat. Und diese Auflösung ist echt witzig geraten.

Ein Jahreshighlight

Dieses Buch ist ein wahres Juwel in jedweder Hinsicht, denn es erzählt seine Geschichte zwar geradlinig, aber nicht in einer konsistenten Form. Das alles ist so kurzweilig gestaltet und erzählt, dass die über 300 Seiten nur so durch die Finger fliegen und mensch sich wundert, wohin der Inhalt inhaliert wurde. Somit kann als Fazit gezogen werden, dass „Der Hausmann“ ein großartiges Buch ist, dem wir von We read Indie ein sehr großes Publikum wünschen und das in seinem Gesamtumfang ein echtes Jahreshighlight aus den Programmen der Indieverlage darstellt.

Wir danken dem Leykam Verlag für die überraschende Zusendung des Leseexemplars. Ohne dieses unverlangt eingesandte Exemplar wäre diese Besprechung wohl nicht zustande gekommen.

Dieses Buch war in diesem Jahr unter den 30 Kandidaten, die für die 2022er Ausgabe der Hotlist zur Auswahl standen. In diesem Rahmen wurde das Buch auch gelesen und besprochen. (Das Wahlergebnis für die Hotlist: Klick).

Wlada Kolosawa
Der Hausmann

Leykam Verlag
320 Seiten
24,50 Euro

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