Tor Even Svanes: Ins Westeis

swanesEine Schifffahrt nah am Untergang
„Nachts sinkt die Umdrehungszahl der Schiffsmotoren, aber es wird niemals wirklich Nacht. Tag auch nicht. Sie sind die ganze Zeit von der gleichen anthrazitgrauen Masse umschlossen, egal, welche Tageszeit gerade ist.“ Sie ist jung, und sie ist auf einem Schiff voller Männer: Die Inspektorin Mari soll in der Eiswüste Grönlands den Robbenfang dokumentieren. Doch als das Töten beginnt, packt sie das kalte Grauen: Nicht nur, dass die Männer die Vorschriften nicht einhalten, sie verletzen die Tiere zum Spaß, morden und schlachten ohne Rücksicht auf Verluste. Als Mari das anspricht, sieht sie sich offenen Anfeindungen ausgesetzt, die zu Drohungen werden. Schnell erkennt sie: Sie ist in größter Gefahr. Und es gibt für sie keinen Ausweg. Weiterlesen „Tor Even Svanes: Ins Westeis“

Paul Bokowski: Hauptsache nichts mit Menschen

This guy’s a super freak!
Ich stelle mir vor, dass Paul Bokowski früher eines dieser Kinder war, die unfreiwillig komisch sind. Dass er damals schon eine nerdige Brille trug, sich dumme Polenwitze anhören musste und irgendwann aus der Not eine Tugend machte, indem er sein Leben der Satire verschrieb. Ich stelle mir außerdem vor, dass Paul Bokowski im alltäglichen Umgang ein eher grantiges Kerlchen mit einem feinen Sinn für Humor ist, das nur wenig von dem, was die Welt bietet, lustig findet. Nichts davon weiß ich, das sind nur Vermutungen. Sicher ist aber, dass Paul Bokowskis Buch Hauptsache nichts mit Menschen unfassbar komisch ist. Sehr intelligent ist sein Witz, herrlich böse seine Darstellungsweise und wunderbar raffiniert sind die vielen kleinen fiesen Pointen. Geschickt bringt er verschiedene Tabus rund um Sex, Kinderarbeit und Körperlichkeit zur Sprache, sodass der Leser seine Hemmungen überwinden und dem Schrecken ins Gesicht lachen kann. Was ja die Definition von Schwarzem Humor ist. Weiterlesen „Paul Bokowski: Hauptsache nichts mit Menschen“

Roy Jacobsen: Weißes Meer

„Gott liebtIMG_9130 die Menschen an der Küste nicht so sehr wie die in Binnenland und Städten“
„Sie waren inmitten der Jahreszeit, in der alles Lebendige stirbt, in der sich Tiere und Menschen in sich selbst verkriechen und noch kleiner werden, als sie es ohnehin schon sind, in der die Natur stumm ist, bist auf das Rauschen des Meeres, und kein Gebet auch nur das Mindeste aufzuhellen vermag.“ So ist es auf Barrøy, als Ingrid zurückkommt, als Einzige. Dies ist die Insel ihrer Kindheit, nur einen Kilometer lang und einen halben Kilometer breit, aber niemand ist hier, der Krieg hat sie verstreut, verschwinden lassen, getötet. Norwegen ist im Jahr 1944 stumm und kalt und gefährlich. Ingrid ist allein, bis das Meer die Leichen ausspuckt, einen Berg an Leichen, überall auf der Insel, nur eine lebt noch, gerade so. Ingrid kümmert sich, sie pflegt und füttert und wäscht, und tatsächlich kommt das Bündel Mensch zurück ins Leben. Er ist Russe, ein Kriegsgefangener vermutlich, sie haben keine gemeinsame Sprache und brauchen doch keine. Ihre Körper können einander wärmen, sie können zeigen und benennen und lachen. Nur rücken die Schergen näher, wie eine unaufhaltsame Welle rollt die Gefahr heran. Als Ingrid im Krankenhaus erwacht, ist die Erinnerung an das, was geschehen ist, fort – genau wie der Mann.

Ich mag Roy Jacbsen. Ich mochte schon Der Sommer, in dem Linda schwimmen lernte, und Weißes Meer hat mich tief beeindruckt. Das Buch ist wie seine Protagonistin: schweigsam, stark und ungezähmt. Die Naturgewalten beherrschen das Leben auf Barrøy und diesen Roman: der Wind, das Meer, der Winter. So eindringlich schildert der bekannte norwegische Autor den Alltag von Ingrid, dass ich fast meine, den Salzfisch zu riechen, die kratzige Wolle zu spüren und die Angst vor der Flut zu fühlen. „Barrøy ist das Land des Schweigens, wo die Erwachsenen den Kindern nicht erklären, was sie zu tun haben, sie zeigen es ihnen, und die Kinder ahmen nach.“ Niemand ist geschwätzig, und dieses Buch ist es auch nicht. Die Menschen packen an, ringen dem Land ihr eigenes Überleben ab – Tag für Tag. Wortkarg sind sie, ruppig und unzugänglich.

Und dann: die Liebe. Aber mit keinem Satz lässt Roy Jacobsen das Klischee teilhaben an dem, was geschieht, nicht einmal reinschauen darf das Klischee in das Buch. Die Liebe ist für Ingrid wie ein üppiges Essen: etwas, das man zu schätzen weiß, weil es wertvoll ist, an dem man sich mit Hast und ohne Zurückhaltung bedient, um Kraft zu haben für die schrecklich kalten Zeiten, die kommen werden. Mit überaus bewundernswertem Einfühlvermögen hat ein Mann die Gesch, und die doch so gern weich wäre. Weißes Meer ist kraftvoll, hochinteressant, intensiv und klug. Ein sehr, sehr gutes Buch, das viele Leser und viel Aufmerksamkeit verdient hat.

Lieblingszitat: „Niemand weiß, wo er gewesen ist, aber er gehört dermaßen hierher, dass auch niemand fragt, er sieht so alt aus, dass nur seine Stimme noch von ihm übrig ist.“

Roy Jacobsen: Weißes Meer. Osburg Verlag, 250 Seiten, 20 Euro.

Petra Piuk: Lucy fliegt

PiukPerfide Persiflage auf die „Generation GNTM“
„Ich ändere meinen Namen auf Facebook von Linda auf Lucy. Und meinen Wohnort von Floridsdorf auf Hollywood. Ich weiß, dass ich noch nicht in Hollywood war, aber es geht ja um die Zielvisualisierung und wenn du jeden Tag Floridsdorf liest, dann bleibst du in Floridsdorf, aber wenn du jeden Tag Hollywood liest, dann fliegen dir die Möglichkeiten, nach Hollywood zu kommen, nur so zu.“ Und nach Hollywood will Lucy unbedingt, also uuunbedingt, wirklich, wirklich, so sehr, dass sie alles dafür tut. Das Mädchen aus dem Wiener Plattenbau ist überzeugt davon, dass es eine große Schauspielerin werden wird, und übt schon als Kind die Oscarrede. Das echte Leben ist fad und ohne Perspektiven, aber Lucy lässt sich nicht unterkriegen: Sie glaubt an sich, sie kellnert und spart, sie schläft mit vermeintlichen Regisseuren und zieht sich aus, um an Rollen zu kommen. Sie sieht nichts anderes vor Augen als Hollywood – und sei es noch so weit weg. Sie lässt sich von nichts abhalten: nicht von den Neidern und Klatschweibern, nicht von den vielen Peinlichkeiten und Hindernissen, nicht von fehlendem Talent oder Geld, nicht von der Liebe und nicht von einer Schwangerschaft …

Lucy fliegt von Petra Piuk ist eine Persiflage. Auf ebenso kluge wie eindringliche Weise thematisiert sie den Wahn, dem junge Menschen ihm Zuge von DSDS, GNTM und Konsorten verfallen, immer den schnellen Ruhm vor Augen, der durch die Medien und Fernsehformate so erreichbar und greifbar erscheint. Jeder kann heutzutage berühmt werden, und Protagonistin Lucy ist entschlossen, die Chance – die es nicht gibt – zu nutzen. In einem atemlosen, gehetzten Monolog voll unfertiger Sätze und Ich-red-mir-ein-dass-alles-gut-ist-Mantras erzählt die österreichische Autorin, die im Doku-Soap-Bereich gearbeitet hat und sich somit bestens auskennt, in ihrem ersten Roman von einer Seifenblasenwelt und von Träumen, die zerplatzen. Herrlich ist dabei ihr sarkastischer Ton, der das ganze Buch durchtränkt und die Bitterkeit von Lucys Leben spürbar macht. Das Mädchen geht mit sich selbst hart ins Gericht, doch zwischen all den Durchhalteparolen wallt Verzweiflung auf. Lucy ist völlig blind für die Mechanismen, denen sie sich freiwillig unterwirft: Schon früh setzt sie auf Sex, um beliebt zu sein, und merkt nicht, wie sie sich verschenkt, verheizt, verbrennt. Die, die über sie reden, sind doch nur neidisch, tröstet sie sich. Und springt von einer Falle, die das Leben ihr stellt, in die nächste.

„Die Mama sagt: Und die Gitti, die sich die Brüste fürs Fernsehen machen hat lassen, spricht auch jeder drauf an. Die nennen sie Titti-Gitti, sage ich. Die Mama sagt: Die meinen das ja lieb.“

So klingt Lucy fliegt, und es ist ein böses Buch. Jede Wendung ist schlimmer als die davor, und obwohl die Monolog-Erzählvariante zum Teil wahnsinnig anstrengend ist, ist sie auch genial: Petra Piuk lässt Lucy selbst berichten, was geschehen ist, und schafft es dennoch, die verurteilende Außenwelt sichtbar zu machen. Das ist spannender als ein schlicht chronologisches Erzählen. Alle lachen Lucy aus. Während sie fest an ihren Traum glaubt, nimmt in Wahrheit niemand sie ernst.

„Ich gehe nach Hollywood und hole mir den Oscar, ihr werdet schon noch alle sehen. Du und dein Oscar, sagt die Mama, einen Oscar kannst du höchstens als Freund haben.“

Lucy will entkommen, will dem tristen Leben im Wiener Problembezirk entfliehen, doch sie hat sich ein Ziel gesetzt, das nicht zu erreichen ist. Sie kämpft, sie hält den Kopf über Wasser, sie will nicht untergehen. Ich finde ihre Naivität und Skrupellosigkeit unerträglich und leide zugleich mit ihr. Dass wir eine Jugend heranzüchten, die sich verrennt in den Glauben, Glamour, Schönheit und Ruhm mache glücklich, ist beängstigend. Lucy ist eine fiktive Figur und könnte trotzdem nicht realer sein. Das alles zu lesen, ist amüsant, doch das Lachen bleibt mir im Hals stecken, und am Ende des Buchs bin ich bekümmert. Petra Piuk hat nicht nur ein Mädchen, sondern eine halbe Generation porträtiert, die nach Bekanntheit und Beifall giert – um jeden Preis. Denn das Leben, das sie führt, bedeutet ihr gar nichts.

Petra Piuk: Lucy fliegt. Verlag Kremayr & Scheriau 2016, 192 Seiten, 19,90 €.

 

Synke Köhler: Kameraübung

Köhler „Der Alltag ist ein Schmetterling“
„Man muss sich ihm behutsam nähern, der Alltag ist kamerascheu, er flattert davon. Das Herkömmliche, Gewöhnliche soll in den Kasten.“ So steht es in einer von Synke Köhlers Geschichten, so gilt es auch für dieses Buch. Die deutsche Autorin, die an der Drehbuchwerkstatt München sowie am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert hat, erzählt darin vom Kleinen, das – zusammengesetzt in tausend Varianten – das große Ganze ergibt, von Momentaufnahmen und schmalen Szenen, gerupft aus fiktiven Leben.

„Ich hasse das Meer. Ich habe das Meer immer gehasst. Am liebsten sitze ich hier, in meinem schattigen Kabuff, und döse vor mich hin. Ich verstehe nicht, was die Leute hier wollen. Und ich weiß auch nicht, was ich hier soll. Die Sonne. Es ist viel zu heiß und viel zu hell.“

Das sagt einer, der am Meer lebt, auf einer Insel voller Touristen, mit einer Mutter, die hinter dem Haus begraben liegt. Eine andere Ich-Erzählerin wohnt in einem großen Haus zusammen mit einer Gruppe aus Freunden und Kindern. Es gibt dort keinen Handyempfang, dafür aber viel Grund. Auf diesem Grund sitzt eines Tages ein Mann, den niemand kennt und der da nicht mehr weggeht. Aus der Reihe tanzt auch eine Mutter, die während einer Wanderung einfach irgendwo abbiegt. Wie eine Kamera, ein Fotoapparat, nimmt Synke Köhler in ihren sehr kurzen Geschichten solche Augenblicke auf, hält sie fest wie auf einem Foto, das man betrachtet und wieder weglegt.

Nachdem ich Kameraübung gelesen hatte, blieb es aus diversen Gründen eine Weile liegen. Als ich es für diese Besprechung wieder in die Hand genommen und meine Notizen dazu durchgeblättert habe, habe ich gemerkt: Ich kann mich an keine Geschichte erinnern. Nicht an eine einzige. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie nicht gut wären. Es heißt vielmehr, dass a) ich mein Gedächtnis nur selektiv nutze und b) die Short Storys sehr schlicht und aus dem Leben gegriffen sind. Sie kommen nicht kunstvoll aufgebrezelt daher, sie sind zurückhaltend und ja, doch, ein wenig unscheinbar. Ich hab sie gern gelesen, mit einem auf unspektakuläre Weise angenehmen Gefühl.

Synke Köhler: Kameraübung. Verlag Kremayr & Scheriau 2016, 128 Seiten, 16,90 Euro.

Wolfgang Popp: Wüste Welt

Popp„Man muss einfach den Weg nehmen, den der Sand einem lässt“
„Wer sich auf meinen Bruder einlässt, weiß nie, woran er ist. Etwas mit ihm zu unternehmen, hat schon immer geheißen, keine Ahnung zu haben, was als nächstes passiert.“ So ergeht es einem jungen Sänger, als er nur aufgrund einer SMS seines Bruders nach Marokko reist – ohne zu wissen, wo der sich genau aufhält. Er packt einen Koffer, lässt seine Freundin zurück und macht sich auf ins Ungewisse. Im fremden Land folgt er den Spuren seines Bruders wie bei einer Schnitzeljagd, er ist ihm dicht auf den Fersen – nur um ihn immer wieder um Haaresbreite zu verpassen. Ihn packt die Abenteuerlust, merkwürdige Dinge geschehen ihm, er schließt sich einem alten Hippie-Paar an und wagt sich in die Wüste. Stets stand er im Schatten des kleinen Bruders, dem alles mit Leichtigkeit zuflog und der ihn stets übertraf, weshalb sie in den letzten Jahren kaum Kontakt hatten. Auf der wilden, mystischen, geisterhaften Reise durch die Wüste erfährt er viel über ihn, was er nicht wusste – und über sich selbst.

Der österreichische Autor Wolfgang Popp hat eine Reise komprimiert und zwischen zwei Buchdeckel gepackt. „Eine Roadnovel vom Ende der Straße“ ist Wüste Welt laut dem Klappentext, „eine Geistergeschichte ohne Geister“ und „ein Wüstentagebuch“. Alles davon trifft zu auf diesen schmalen Band mit einem sympathischen Ich-Erzähler. Die Sprache gleicht der Art, auf die der Musiker reist: Sie ist geduldig und ruhig, nicht gehetzt, auch nicht kapriziös, einfach nur angenehm. Wolfgang Popp gibt Einblick in ein fernes Land und seine Sitten, in das Leben in einer so extremen Gegend wie der Wüste sowie in eine eher ungewöhnliche Geschwisterbeziehung, bei dem der Jüngere das Tempo vorgibt, dem der Ältere nicht folgen kann.

Für mich sind Geschwister etwas ganz Besonderes, und ich finde es sehr traurig, wenn jemand keinen Kontakt zu seinen Brüdern oder Schwestern hat – wie auch immer die Umstände im jeweiligen Fall sein mögen. In Wüste Welt geht es im Innersten um eine Geschwisterbeziehung, die nicht funktioniert und deshalb begraben wurde. Dennoch ist da ein einzigartiges, verbindendes Gefühl, das bewirkt, dass der eine Bruder dem anderen folgt – hinein ins Dunkle, ins Unklare, um aufzuspüren, was ihnen verloren ging. Das ist interessant, gut geschrieben, gut gemacht und lesenswert.

Wolfgang Popp: Wüste Welt, Edition Atelier, 160 Seiten, 18,50 Euro.

 

Corinna T. Sievers: Die Halbwertszeit der Liebe

Sievers„Mit Frauen ist es wie mit Gott, du kannst sie fürchten und anbeten, aber am Ende vernichten sie dich immer“
„Eine Psychose nennen Psychiater die Liebe, laut Weltgesundheitsorganisation braucht sie zwei bis drei Jahre, um auszuheilen.“ Trotzdem will sich die 45-jährige Schönheitschirurgin Margarete nach ihrer Scheidung auf eine neue Liebe einlassen – sie sucht sogar ganz bewusst danach. Als Objekt ihrer Begierde erwählt sie auf einem Kongress den Facharzt Heinrich: Single, erfolgreich, ein wenig dicklich, überaus neurotisch. Margarete ist sehr groß, sehr schlank, sehr schön und sehr nüchtern. Sie empfindet keinerlei sexuelle Begierde:

„Gern kopuliere ich nicht, weder im Liegen noch im Stehen. Ich kann nicht kopulieren. Ich bin alibidinös.“

Regelmäßig befriedigt sie sich selbst, um Hygiene zu betreiben, Lust verspürt sie dabei keine. Sie gibt sich so, wie die Männer sie haben wollen, stutzt ihr Schamhaar den „Trends“ auf YouPorn entsprechend und achtet aufmerksam auf all die Signale in einem Spiel, das sie nicht beherrscht. Heinrich, so stellt sich bald heraus, findet es erregend, wenn er Konkurrenz hat und eifersüchtig wird. Margarete lässt sich darauf ein – und ahnt nicht, wie gefährlich das noch wird …

Wer das Schnäuzchen voll hat vom eintönigen Einheitsbrei, der greife bitte zu Die Halbwertszeit der Liebe. Dieses Buch ist extrem: extrem amüsant, extrem anregend, extrem originell. Mit einer bewundernswert prickelnden Ironie erzählt die Kieferorthopädin Corinna T. Sievers, die bereits mehrere Romane veröffentlicht hat, von einer ungewöhnlichen Frau, die an einer Krankheit leidet, über die kaum jemals gesprochen wird. Protagonistin Margarete ist schön, gebildet, reich und hochbegehrt – nur sie selbst kann nicht begehren. In ihrem Körper tanzen keine Hormone Polka, sexuelle Lust ist ihr fremd, bei jedem noch so guten Stimulus bleibt sie trocken. Spezielle Medikamente wirbeln sie innerlich ein wenig auf, doch generell ist Margarete über die Maßen kontrolliert und emotionslos. Wie sie an die Liebe herangeht, ist so gefühlsbefreit, dass das Buch zu einem höchst kuriosen Lesevergnügen wird.

Mit diesem Roman ist Corinna T. Sievers etwas Eigenartiges gelungen: Er ist sehr nüchtern und sehr pathetisch zugleich. Der Stil ist offen und frei, erfrischend unverschämt, herrlich sarkastisch, sehr trocken, und dennoch an mancher Stelle überkandidelt, hochgeschaukelt, gefühlsbeladen. Das ist eine spannende Mixtur, die das Verlogene, Geheuchelte der Protagonisten spiegelt sowie der noblen Gesellschaft, in der sie sich bewegen: Hier zählen Schönheit, teure Autos, schicke Kleider, Intellekt, Ansehen und Geld. Die Ärzte sind gelangweilt und spielen, um sich die Zeit zu vertreiben, mit all dem, was ihnen ohnehin nichts bedeutet – und möge es dabei auch um Leben und Tod gehen. Dies nimmt die Autorin mit einer niveauvoll erzählten, perfiden und witzigen Geschichte auf die Schippe. Ein Buch, das mich wunderbar unterhalten hat in seiner Andersartigkeit. Well done!

Corinna T. Sievers: Die Halbwertszeit der LiebeFrankfurter Verlagsanstalt 2016, 224 Seiten, 22 €.

Sven Heuchert: Asche

thumb_IMG_9179_1024.jpgWenn man verbrennt, tief innen drin
Einer packt ein Mädchen, tritt es in den Keller, missbraucht es und donnert es an die Wand, bis es sich nicht mehr rührt. Ein anderer ist alt geworden während der Arbeit in der Fabrik, tagein, tagaus, und jetzt, wo seine Arbeitskraft nichts mehr wert ist, bleibt ihm nur die Kneipe, wo die Kumpel sitzen und es nach Bier riecht, nach Kotze, Tschick und Wut. Resignation, Frust, Gewalt: Das ist die Mischung, die das Blut der Männer zum Kochen bringt, der Alkohol und die Perspektivenlosigkeit tun ihr Übriges. Manch einer will ausbrechen aus dem Trott der Generationen, will studieren und ein besseres Leben haben, aber wenn er es nicht schafft, muss er zurück in die Welt der Verlierer. Und er muss prügeln, er muss Knochen krachen lassen, damit er überhaupt noch was hört in seinem tiefen, gedämpften Sumpf aus abgestorbenen Träumen.

Milieustudie ist ein wirklich abgeschmackter Begriff. Trotzdem trifft er zu auf Sven Heucherts schonungslose Geschichten: Der junge deutsche Autor bildet in seinen Debütstorys eine Gesellschaftsschicht ab, die Arbeiterschicht, greift sich eine Handvoll Figuren aus der Masse der Hunderttausenden und zeigt, wie sie leben. Das tut er auf ebenso eindringliche wie authentische Weise: So knallhart und verdichtet ist seine Sprache, dass sie wirkt, als käme sie direkt aus den Mündern dieser Menschen. Wie Ohrfeigen sind die Worte, wie Schläge in den Magen, und wuchtiger noch sind ihre Inhalte: Von Einsamkeit erzählen sie und von Schmerz, von Alkoholismus und Brutalität. Hackler heißen diese Arbeiter auf Österreichisch, doch egal, wie man sie nennt: Ihr Leben ist hart. Ihre Hände sind rau und vernarbt, ihre Herzen sind es auch.

Sven Heucherts Figuren sind Männer. Auf Frauen treten sie drauf, wenn sie ihnen unterkommen, Frauen suchen sie, um abzuladen, was sich aufgestaut hat, Frauen sind anwesend. Aber die eigentlichen Figuren sind Männer. Wenn sie ein Kind zeugen, behalten sie die Frau dazu, versorgen sie, fühlen sich ihr verpflichtet, füllen die Leere im Inneren mit Bier. Liebe gibt es nicht, nur in kleinen Dosen vielleicht, als ein Aufeinander-angewiesen-Sein, als ein Mittel gegen das Alleinsein oder in der Form von Sex. Frauen werden gejagt, vergewaltigt, blutig geschlagen und liegengelassen. Sie sind Objekte der Begierde, sie sind das, was man sich nimmt, oder das, was zuhause sitzt und einem auf die Nerven geht. Dazwischen gibt es wenig, einen heimlichen Blick vielleicht, eine einzige zärtliche Geste.

Sven Heucherts Storys sind selbst wie Männer: Sie benutzen nicht viele Worte. Er ist ein Meister der Verknappung, sparsam geht er um mit seinem Werkzeug Sprache – und schafft es trotzdem, viel zu sagen. Deshalb ist sein Buch Asche, auf das Tobias vom Buchrevier aufmerksam gemacht hat, so hervorragend. Auch wenn ich oft vom Dialekt in den Dialogen wenig verstehe, ist die Botschaft klar: Da suchen Menschen nach dem Glück, wühlen danach, graben, bis ihnen die Fingernägel brechen, und finden nichts weiter als ein schwaches Schimmern. Ein desillusionierendes, lebensnahes, starkes Buch.

Sven Heuchert: Asche. Bernstein Verlag 2015, 184 Seiten, 12,80 Euro. Als eBook sind die Erzählungen erschienen bei edel & electric.

Silvia Overath: Robbe schwimmt rückwärts

Overath.jpg„Das Mögen und die Lust und die Freude werden zurückkommen“
„Hoffnung ist so ein großes Wort. Es ist eins von den Wörtern, die ich gerne hassen würde. Ich finde es aber leider sehr schön. Auch weil es keine wirkliche Alternative gibt.“ Mit Alternativen ist es überhaupt so eine Sache für Mona: Die gehen ihr langsam aus. In allen großen deutschsprachigen Städten hat sie sich schon beworben und vorgestellt. Mona will Schauspielerin werden und wünscht sich nichts sehnlicher als einen Platz an einer Schauspielschule. Doch sie wird nirgends angenommen, und wenn es auch in der letzten Stadt nicht klappt, wird Mona ihre Träume begraben und ein Studium beginnen. Ihre Mutter unterstützt sie zwar, wünscht sich aber einen anderen Beruf für Mona, etwas Sicheres, das bald Geld bringt. Der Vater ist Seemann und war Monas ganzes Leben lang jener Mann, auf den vorwiegend gewartet wurde, weil er stets abwesend war. Bei ihrem letzten Vorsprechen steht Mona enorm unter Druck. Sie beobachtet alle Konkurrenten genau, vergleicht sich, analysiert, zerdenkt, schwankt zwischen Hoffnung und Resignation. Sie spielt das Gretchen und kommt eine Runde weiter. Doch nur die wenigen, die in allen drei Runden überzeugen, dürfen auf die Schauspielschule …

Die junge deutsche Autorin Silvia Overath, geboren 1986, macht in ihrem ersten Roman Robbe schwimmt rückwärts einen Traum und seine Konfrontation mit der Realität zum Thema. Das schmale Buch mit knapp 150 Seiten widmet sich einfühlsam und klug einem 19-jährigen Mädchen, das eine klare Vorstellung von seiner Zukunft hat – aber wieder und wieder an den Hürden scheitert, die es auf dem Weg in diese Zukunft meistern müsste. Der zeitliche Rahmen des Romans erstreckt sich auf wenige Tage und umfasst Monas letzte Versuche, Schauspielerin zu werden. Sie spielt und singt, sie macht Stimmübungen und wandert durch Räume, sie küsst unsichtbare Frösche und müht sich mit jeder Aufgabe ab, gibt sich formbar, aber mit Persönlichkeit. Was wollen sie sehen? Wie kann Mona überzeugen? Ist sie der richtige Typ oder ist sie zu klein, zu blass, zu hässlich? Und immer ist da der Neid: auf die Konkurrenten, die einen Tick besser zu sein scheinen, denen alles leichter fällt, die spontaner sind und textsicherer. Ebenso groß wie der Neid ist die Angst vor dem Scheitern, vor dem Abgelehntwerden und dem Aufgebenmüssen.

Die Zeit, die Mona in Robbe schwimmt rückwärts erlebt, ist extrem emotional, belastend und aufwühlend. Minutiös und detailreich legt Silvia Overath den Aufnahmeprozess dar, diesen Seelenstriptease, den Kampf gegen die eigenen Schwächen und Unsicherheiten. Und das macht sie richtig gut. Sie hat sich derart vollständig in ihre Protagonistin eingefühlt, dass ich ihr jedes Wort glaube – und mit Mona mitleide. Wie kann ein junger Mensch so etwas ertragen? Es ist unmöglich, eine Ablehnung – nachdem man drei Tage lang vor lauter Fremden sein Innerstes nach außen gekehrt hat – nicht persönlich zu nehmen. Jede Kritik, jedes Ignoriertwerden schmerzt, und da es für Mona die allerletzte Chance ist, schmerzt es noch mehr. Dieser Debütroman birgt Momentaufnahmen im Wechselspiel zwischen Hoffen und Scheitern, und zwar auf sehr kluge, gefühlvolle Weise. Ich habe ihn sehr gern gelesen.

Silvia Overath: Robbe schwimmt rückwärts. Rotpunktverlag 2015, 160 Seiten, 18 Euro.

 

Irmgard Fuchs: Wir zerschneiden die Schwerkraft 

thumb_IMG_6302_1024Vom Spiel mit Leichtigkeit und Schwere
Dieses Buch schwebt. Grafisch zeigt sich das an den Weltallbildern, die das Cover sowie jeden Geschichtenbeginn zieren. Inhaltlich ist die Schwerkraft im Titel ein ums andere Mal Thema: Einer verschickt Botschaften mit einer Silvesterrakete, ein anderer reist in einem Koffer ins All. Gemeinsam haben die Figuren eine gewisse Verlorenheit. Sie sind allein, einsam, zerstreut – und definitiv verrückt. Manche von ihnen haben einen derartigen Knall, dass ich kaum ein Wort, das sie mir erzählen, verstehe. Das ist freilich ebenso amüsant wie anstrengend. Andere wiederum verstecken ihren Wahnsinn besser – und die finde ich ganz besonders interessant.

Prinzipiell macht mir Irmgard Fuchs die Sache mit dem Verstehen nicht so leicht. Die junge Salzburgerin hat unter anderem Sprachkunst studiert und zeigt in ihrem ersten Buch, was man da so lernt: offenbar den Mut, experimentell mit Sprache und ihrer Form umzugehen. Nicht zu wild, nein, keine Sorge, da habe ich schon Krasseres gesehen (und denke beispielsweise an Menschen aus Papier von Salvador Plascencia), aber durchaus auf originelle und beachtenswerte Weise. Inhaltlich gefällt mir nicht jede Geschichte, und ich wollte sie auch nicht alle zu Ende lesen. Einige jedoch haben mich sehr fasziniert und zum Schmunzeln gebracht. Und aufgrund seiner Außergewöhnlichkeit ist dieses Buch einmal mehr ein solches, das ich noch ein bisschen für sich selbst sprechen lassen möchte, damit ihr ein Gefühl dafür bekommt, wie es sich anhört:

Meine Augen sind geschlossen wie vor einem Kuss.

Um mich nicht dem Gefühl der Überflüssigkeit zu überlassen, habe ich mich daran gewöhnt, innerlich taub zu sein und mich wie ein glänzendes Polyestermöbel zu fühlen, das zwar etwas abgelebt, aber immer noch einsatzfähig ist.

Auf der Straße wird mir die unnütze Zitrusfrucht jedoch sofort lästig und ich lege sie im Vorübergehen auf den Sattel eines abgesperrten Fahrrads. Nach ein paar Metern muss ich über die Vorstellung der davonradelnden Zitrone lächeln und ich schaue mich noch einmal nach ihr um, damit ich ihr Bild nicht vergesse.

Der Schwindel wird stärker, in ihm entfaltet sich das längst vergessene Gefühl, wie gut es getan hat, als junger Mann im Sommer kurze Hosen zu tragen.

der punkt, an dem das blut den stoff traf, war fast die gleiche stelle, wie die, an der mein stechender schmerz sitzt – nur spiegelverkehrt

Irmgard Fuchs: Wir zerschneiden die Schwerkraft. Kremayr & Scheriau 2015, 208 Seiten, 19,90 Euro.