Jürgen Bauer: Ein guter Mensch

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„Um ein Kind zu zeugen, muss man ein optimistischer Mensch sein“

„Es gibt sowieso schon zu viele Menschen. Wozu also noch einen auf diese Welt bringen?“ „Vielleicht gibt es nicht zu viele Menschen“, erwiderte Marko. „Sondern einfach zu wenig gute.“

Dass er so denkt, ist nicht verwunderlich, denn Marko fährt einen Tankwagen – und sieht jeden Tag das Schlechte im Menschen. Sein Tankwagen enthält Wasser, und das ist etwas, das es nur noch selten gibt auf dieser Welt. Es ist begehrt, weil es lebensnotwendig ist. Es ist rationiert, weil zu wenig davon da ist. Die Menschen haben Durst, die Menschen haben Angst.
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David Garnett: Mann im Zoo

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„Die Menschen wollen alles Schöne einfangen und wegsperren, um dann in Scharen herbeizueilen und mit anzusehen, wie es nach und nach verendet“
Am Anfang steht ein Streit: John und Josephine gehen durch den Zoo. Sie will ihn nicht heiraten, weil ihre Familie dagegen ist, er wirft ihr vor, sie nicht zu lieben – sonst würde sie sich seinetwegen mit ihrer Familie überwerfen. Wutentbrannt nennt Josephine ihren Verlobten einen Affen, einen Tarzan, der in den Zoo gehört – wohin er auch tatsächlich geht. In seiner Verzweiflung und voller Liebeskummer schlägt John dem Zoo vor, die Sammlung der Säugetiere zu vervollständigen und bietet an, in einen Käfig zu ziehen. Weiterlesen „David Garnett: Mann im Zoo“

Ulrike Schmitzer: Die Stille der Gletscher

Schmitzer

„Gletschereis ist hier im Sommer schon lange keines mehr zu sehen“
Eine Fotografin macht sich auf den Weg in die Berge: Für einen Auftrag braucht sie Bilder, die das Schmelzen der Gletscher dokumentieren. Sie fotografiert für eine Umweltschutzorganisation das Heute, damit man es mit dem Gestern vergleichen kann, und trifft auf einen Professor, der seit fünfzig Jahren Messungen durchführt. Anhand seiner Daten und ihrer Bilder wird plötzlich klar: Da ist was faul. Weiterlesen „Ulrike Schmitzer: Die Stille der Gletscher“

Olivia Sudjic: Sympathie

Sujic„E-Mail ist die Geißel unserer Zeit. E-Mail und Krebs“

„Wie erklärt man, wie Verliebtheit beginnt? Es ist ein Zustand, der einen bis ins Letzte durchdringt, sodass man sich fast nicht mehr erinnern kann, wie es sich anfühlt, ohne ihn zu leben. Alles, was ihm vorausging, wird zu einem Weg, der nur dorthin führte.“

Die 23-jährige Alice ist auf der Suche, sie hat eine Leerstelle in sich, eine große Leerstelle, die dort ist, wo eigentlich Familienzusammenhalt sein sollte, Liebe, die eigene Identität. Bei Alice ist da nichts. Sie wurde adoptiert, der Adoptivvater ist unter mysteriösen Umständen gestorben, und nach dem Studium kommt sie zu ihrer Großmutter nach New York, wo sie nichts mit sich anzufangen weiß. Weiterlesen „Olivia Sudjic: Sympathie“

Tor Even Svanes: Ins Westeis

swanesEine Schifffahrt nah am Untergang
„Nachts sinkt die Umdrehungszahl der Schiffsmotoren, aber es wird niemals wirklich Nacht. Tag auch nicht. Sie sind die ganze Zeit von der gleichen anthrazitgrauen Masse umschlossen, egal, welche Tageszeit gerade ist.“ Sie ist jung, und sie ist auf einem Schiff voller Männer: Die Inspektorin Mari soll in der Eiswüste Grönlands den Robbenfang dokumentieren. Doch als das Töten beginnt, packt sie das kalte Grauen: Nicht nur, dass die Männer die Vorschriften nicht einhalten, sie verletzen die Tiere zum Spaß, morden und schlachten ohne Rücksicht auf Verluste. Als Mari das anspricht, sieht sie sich offenen Anfeindungen ausgesetzt, die zu Drohungen werden. Schnell erkennt sie: Sie ist in größter Gefahr. Und es gibt für sie keinen Ausweg. Weiterlesen „Tor Even Svanes: Ins Westeis“

Paul Bokowski: Hauptsache nichts mit Menschen

This guy’s a super freak!
Ich stelle mir vor, dass Paul Bokowski früher eines dieser Kinder war, die unfreiwillig komisch sind. Dass er damals schon eine nerdige Brille trug, sich dumme Polenwitze anhören musste und irgendwann aus der Not eine Tugend machte, indem er sein Leben der Satire verschrieb. Ich stelle mir außerdem vor, dass Paul Bokowski im alltäglichen Umgang ein eher grantiges Kerlchen mit einem feinen Sinn für Humor ist, das nur wenig von dem, was die Welt bietet, lustig findet. Nichts davon weiß ich, das sind nur Vermutungen. Sicher ist aber, dass Paul Bokowskis Buch Hauptsache nichts mit Menschen unfassbar komisch ist. Sehr intelligent ist sein Witz, herrlich böse seine Darstellungsweise und wunderbar raffiniert sind die vielen kleinen fiesen Pointen. Geschickt bringt er verschiedene Tabus rund um Sex, Kinderarbeit und Körperlichkeit zur Sprache, sodass der Leser seine Hemmungen überwinden und dem Schrecken ins Gesicht lachen kann. Was ja die Definition von Schwarzem Humor ist. Weiterlesen „Paul Bokowski: Hauptsache nichts mit Menschen“

Roy Jacobsen: Weißes Meer

„Gott liebtIMG_9130 die Menschen an der Küste nicht so sehr wie die in Binnenland und Städten“
„Sie waren inmitten der Jahreszeit, in der alles Lebendige stirbt, in der sich Tiere und Menschen in sich selbst verkriechen und noch kleiner werden, als sie es ohnehin schon sind, in der die Natur stumm ist, bist auf das Rauschen des Meeres, und kein Gebet auch nur das Mindeste aufzuhellen vermag.“ So ist es auf Barrøy, als Ingrid zurückkommt, als Einzige. Dies ist die Insel ihrer Kindheit, nur einen Kilometer lang und einen halben Kilometer breit, aber niemand ist hier, der Krieg hat sie verstreut, verschwinden lassen, getötet. Norwegen ist im Jahr 1944 stumm und kalt und gefährlich. Ingrid ist allein, bis das Meer die Leichen ausspuckt, einen Berg an Leichen, überall auf der Insel, nur eine lebt noch, gerade so. Ingrid kümmert sich, sie pflegt und füttert und wäscht, und tatsächlich kommt das Bündel Mensch zurück ins Leben. Er ist Russe, ein Kriegsgefangener vermutlich, sie haben keine gemeinsame Sprache und brauchen doch keine. Ihre Körper können einander wärmen, sie können zeigen und benennen und lachen. Nur rücken die Schergen näher, wie eine unaufhaltsame Welle rollt die Gefahr heran. Als Ingrid im Krankenhaus erwacht, ist die Erinnerung an das, was geschehen ist, fort – genau wie der Mann.

Ich mag Roy Jacbsen. Ich mochte schon Der Sommer, in dem Linda schwimmen lernte, und Weißes Meer hat mich tief beeindruckt. Das Buch ist wie seine Protagonistin: schweigsam, stark und ungezähmt. Die Naturgewalten beherrschen das Leben auf Barrøy und diesen Roman: der Wind, das Meer, der Winter. So eindringlich schildert der bekannte norwegische Autor den Alltag von Ingrid, dass ich fast meine, den Salzfisch zu riechen, die kratzige Wolle zu spüren und die Angst vor der Flut zu fühlen. „Barrøy ist das Land des Schweigens, wo die Erwachsenen den Kindern nicht erklären, was sie zu tun haben, sie zeigen es ihnen, und die Kinder ahmen nach.“ Niemand ist geschwätzig, und dieses Buch ist es auch nicht. Die Menschen packen an, ringen dem Land ihr eigenes Überleben ab – Tag für Tag. Wortkarg sind sie, ruppig und unzugänglich.

Und dann: die Liebe. Aber mit keinem Satz lässt Roy Jacobsen das Klischee teilhaben an dem, was geschieht, nicht einmal reinschauen darf das Klischee in das Buch. Die Liebe ist für Ingrid wie ein üppiges Essen: etwas, das man zu schätzen weiß, weil es wertvoll ist, an dem man sich mit Hast und ohne Zurückhaltung bedient, um Kraft zu haben für die schrecklich kalten Zeiten, die kommen werden. Mit überaus bewundernswertem Einfühlvermögen hat ein Mann die Gesch, und die doch so gern weich wäre. Weißes Meer ist kraftvoll, hochinteressant, intensiv und klug. Ein sehr, sehr gutes Buch, das viele Leser und viel Aufmerksamkeit verdient hat.

Lieblingszitat: „Niemand weiß, wo er gewesen ist, aber er gehört dermaßen hierher, dass auch niemand fragt, er sieht so alt aus, dass nur seine Stimme noch von ihm übrig ist.“

Roy Jacobsen: Weißes Meer. Osburg Verlag, 250 Seiten, 20 Euro.

Petra Piuk: Lucy fliegt

PiukPerfide Persiflage auf die „Generation GNTM“
„Ich ändere meinen Namen auf Facebook von Linda auf Lucy. Und meinen Wohnort von Floridsdorf auf Hollywood. Ich weiß, dass ich noch nicht in Hollywood war, aber es geht ja um die Zielvisualisierung und wenn du jeden Tag Floridsdorf liest, dann bleibst du in Floridsdorf, aber wenn du jeden Tag Hollywood liest, dann fliegen dir die Möglichkeiten, nach Hollywood zu kommen, nur so zu.“ Und nach Hollywood will Lucy unbedingt, also uuunbedingt, wirklich, wirklich, so sehr, dass sie alles dafür tut. Das Mädchen aus dem Wiener Plattenbau ist überzeugt davon, dass es eine große Schauspielerin werden wird, und übt schon als Kind die Oscarrede. Das echte Leben ist fad und ohne Perspektiven, aber Lucy lässt sich nicht unterkriegen: Sie glaubt an sich, sie kellnert und spart, sie schläft mit vermeintlichen Regisseuren und zieht sich aus, um an Rollen zu kommen. Sie sieht nichts anderes vor Augen als Hollywood – und sei es noch so weit weg. Sie lässt sich von nichts abhalten: nicht von den Neidern und Klatschweibern, nicht von den vielen Peinlichkeiten und Hindernissen, nicht von fehlendem Talent oder Geld, nicht von der Liebe und nicht von einer Schwangerschaft …

Lucy fliegt von Petra Piuk ist eine Persiflage. Auf ebenso kluge wie eindringliche Weise thematisiert sie den Wahn, dem junge Menschen ihm Zuge von DSDS, GNTM und Konsorten verfallen, immer den schnellen Ruhm vor Augen, der durch die Medien und Fernsehformate so erreichbar und greifbar erscheint. Jeder kann heutzutage berühmt werden, und Protagonistin Lucy ist entschlossen, die Chance – die es nicht gibt – zu nutzen. In einem atemlosen, gehetzten Monolog voll unfertiger Sätze und Ich-red-mir-ein-dass-alles-gut-ist-Mantras erzählt die österreichische Autorin, die im Doku-Soap-Bereich gearbeitet hat und sich somit bestens auskennt, in ihrem ersten Roman von einer Seifenblasenwelt und von Träumen, die zerplatzen. Herrlich ist dabei ihr sarkastischer Ton, der das ganze Buch durchtränkt und die Bitterkeit von Lucys Leben spürbar macht. Das Mädchen geht mit sich selbst hart ins Gericht, doch zwischen all den Durchhalteparolen wallt Verzweiflung auf. Lucy ist völlig blind für die Mechanismen, denen sie sich freiwillig unterwirft: Schon früh setzt sie auf Sex, um beliebt zu sein, und merkt nicht, wie sie sich verschenkt, verheizt, verbrennt. Die, die über sie reden, sind doch nur neidisch, tröstet sie sich. Und springt von einer Falle, die das Leben ihr stellt, in die nächste.

„Die Mama sagt: Und die Gitti, die sich die Brüste fürs Fernsehen machen hat lassen, spricht auch jeder drauf an. Die nennen sie Titti-Gitti, sage ich. Die Mama sagt: Die meinen das ja lieb.“

So klingt Lucy fliegt, und es ist ein böses Buch. Jede Wendung ist schlimmer als die davor, und obwohl die Monolog-Erzählvariante zum Teil wahnsinnig anstrengend ist, ist sie auch genial: Petra Piuk lässt Lucy selbst berichten, was geschehen ist, und schafft es dennoch, die verurteilende Außenwelt sichtbar zu machen. Das ist spannender als ein schlicht chronologisches Erzählen. Alle lachen Lucy aus. Während sie fest an ihren Traum glaubt, nimmt in Wahrheit niemand sie ernst.

„Ich gehe nach Hollywood und hole mir den Oscar, ihr werdet schon noch alle sehen. Du und dein Oscar, sagt die Mama, einen Oscar kannst du höchstens als Freund haben.“

Lucy will entkommen, will dem tristen Leben im Wiener Problembezirk entfliehen, doch sie hat sich ein Ziel gesetzt, das nicht zu erreichen ist. Sie kämpft, sie hält den Kopf über Wasser, sie will nicht untergehen. Ich finde ihre Naivität und Skrupellosigkeit unerträglich und leide zugleich mit ihr. Dass wir eine Jugend heranzüchten, die sich verrennt in den Glauben, Glamour, Schönheit und Ruhm mache glücklich, ist beängstigend. Lucy ist eine fiktive Figur und könnte trotzdem nicht realer sein. Das alles zu lesen, ist amüsant, doch das Lachen bleibt mir im Hals stecken, und am Ende des Buchs bin ich bekümmert. Petra Piuk hat nicht nur ein Mädchen, sondern eine halbe Generation porträtiert, die nach Bekanntheit und Beifall giert – um jeden Preis. Denn das Leben, das sie führt, bedeutet ihr gar nichts.

Petra Piuk: Lucy fliegt. Verlag Kremayr & Scheriau 2016, 192 Seiten, 19,90 €.