Hölle und Paradies von Bettina Baltschev

baltschev_hölle_und_paradiesDas Exil-Thema lässt mich einfach nicht los. Zu sehr bewegen mich die Fragen, welche sich gegenwärtig unzählige Menschen in Syrien, Venezuela oder der Türkei stellen müssen: Gehen oder bleiben? Einen neuen Lebensort finden oder in der geliebten Heimat weiterleben? Nicht immer ist „Gehen“ die bessere Alternative. Liest man einige der Miniaturen von aus Der Spaziergänger von Aleppo, so versteht man, dass ein geliebtes Zuhause mit all seinen Büchern, Schallplatten und Freunden zu verlassen, nicht ganz einfach ist. Für Niroz Malek ist es unmöglich.

Viele deutschsprachige Autoren und Autorinnen in den Dreißiger Jahren konnten sich diese Frage gar nicht erst stellen. Denn zu bleiben, hätte für Intellektuelle wie Stefan Zweig, Fritz Landshoff, Klaus Mann, Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger oder Joseph Roth schlimmste Repressalien oder sogar den Tod im Vernichtungslager bedeutet. Für sie gab es deshalb nur eine Frage: Wohin – nach Westeuropa oder besser gleich nach Amerika? Und vor allen Dingen: Was dann?  Weiterlesen „Hölle und Paradies von Bettina Baltschev“

Niroz Malek. Der Spaziergänger von Aleppo

malek_der_spaziergänger_von_aleppoIn einer Balance zwischen Traum und Realität erzählt Niroz Malek in diesem schmalen Buch vom Leben im heutigen Aleppo: Geschichten aus einer zerstörten und traumatisierten Stadt – Ruinenlandschaft aus verwinkelten Gassen, zerstörten Kirchen und Moscheen, über welcher düster die alte Zitadelle thront. Bei mir hinterlassen diese Geschichten das Gefühl, im Barcelona der Nachkriegszeit zu sein. Wer dieses Buch aufschlägt und „das Tor öffnet“ (auf dem Buchcover abgebildet: das Eingangstor der Zitadelle von Aleppo), der betritt eine düstere mystische Welt voll dunkler Gestalten – Menschen in ständiger Angst um ihr Leben, Untote, welche nie zur Ruhe kommen und natürlich unzählige Tote.

Dennoch will Niroz Malek diese Welt nicht verlassen. Weiterlesen „Niroz Malek. Der Spaziergänger von Aleppo“

Von Nähe und Ferne

Literatur_2017_print.inddGedanklich bin ich immer sofort auf Entdecker-Tour und verliere mich in Träumereien, wenn ich durch die Kalender-Abteilung einer großen Buchhandlung gehe. Ich mag großformatige Kalender mit hochqualitativen Fotografien von fernen Ländern, alten Baumalleen oder Meeresstränden. Ich mag ganz besonders den Mare-Kalender. Ich mag auch spirituelle Kalender mit Buddha-Motiven.
Doch nichts mag ich so sehr wie Literaturkalender. Und hätte ich einen einzigen Wunsch frei, ich würde mir immer wieder einen Literaturkalender wünschen. Weiterlesen „Von Nähe und Ferne“

Juan Gómez Bárcena: Der Himmel von Lima

barcena_himmel_von_lima_secessionCarlos und José sind zwei Studenten aus wohlhabenden Familien im Lima des Jahres 1904.
Einer von vielen Gründen, warum man dieses Buch unbedingt lesen sollte, sind Zeit und Ort der Handlung, denn der junge spanische Autor Bárcena entführt uns an den Anfang des vorigen Jahrhunderts, als Briefe noch mit Tinte und Feder geschrieben, versiegelt und per Schiff zwischen den Kontinenten hin und her geschickt wurden. Es ist eine Zeit, in der alles ruhiger fließt. Die heutige Eile und die Hochgeschwindigkeit der Übermittlung von Gedanken existieren einfach nicht. Eine wundervolle Art der Langsamkeit durchzieht die rasant erzählte Geschichte, lässt vergangene Bilder von Postkutschen und riesigen Ozeandampfern vor dem inneren Auge erstehen. Klug, witzig, sprachlich außergewöhnlich, passt sich die Story dem langsamen Tempo des frühen 20. Jahrhunderts an und ist doch an keiner Stelle langatmig. Man hat das Gefühl, zugleich in einem Klassiker von Flaubert oder Tolstoi und ganz im Hier und Jetzt zu sein.  Weiterlesen „Juan Gómez Bárcena: Der Himmel von Lima“

Bodo Kirchhoff. Widerfahrnis

kirchhoff_widerfahrnisReither gibt auf. Als etwa 60jähriger Verleger mit circa vier Büchern im Jahr erkannte er am Ende seines Berufslebens, dass es allmählich mehr Schreibende als Lesende gab (S. 10). Reither kann es sich leisten, plötzlich aufzuhören. Ein jüngerer Verleger müsste sich etwas Neues suchen. Reither kann sich einfach zurücklehnen. Die Seele baumeln lassen.

Dieser Reither ist auf sympathische Weise im Herzen und auch im Geiste jung geblieben. Auf eine wilde Art auch unvernünftig, raucht er leidenschaftlich gern filterlose Zigaretten und trinkt Rotwein aus Apulien – den er regelmäßig direkt dort kauft. Reither liebt seine Lederjacke und sein Feuerzeug, beides besitzt er schon ewig. Auch das hat etwas Jungenhaftes und führt dazu, dass ich Reither mehr und mehr sympathisch finde. Apropos, die Lederjacke! Sie ist gefüttert und hat viele Taschen, und es gab sie schon, als es noch kein Internet gab, solche Jacken werden heute gar nicht mehr hergestellt, weil sie zu lange halten (S. 35). Auch liebt er spontane Aktionen, was dazu führt, dass er eines Morgens im April das verschneite Weißachtal im bayerischen Allgäu in Richtung Süden verlässt – in einem BMW Cabrio. Weiterlesen „Bodo Kirchhoff. Widerfahrnis“

Wolfgang Herrndorf. tschick

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© Martin Mascheski/Edition Büchergilde

Bereits zweimal habe ich tschick gelesen, bekomme aber gerade allergrößte Lust, erneut in die Story einzutauchen. Um Zeile für Zeile gemeinsam mit Maik Klingenberg und seinem Freund Tschick im Lada Niva (made in Russia) quer durchs Land zu düsen. Grund ist die illustrierte Ausgabe der Edition Büchergilde. Es ist einfach so, dass Lesen für mich auch ein Genuss fürs Auge ist. Noch ehe ich das Buch überhaupt aufschlage, fasziniert mich der Farbschnitt in Blau, Rot und Gelb. Auch finde ich das elastische Band sehr cool und fühle mich sofort erinnert an mein kleines Moleskine Notebook. Ich öffne das Buch. Fadenheftung. Lesebändchen inclusive. Mit seinem angenehmen Format von 12 x 19 cm liegt das Buch perfekt in meiner Hand. Berauscht, verzaubert und fasziniert blättere ich darin. Lese, schaue, staune.
Den großartigen Dialogen von Tschick und Maik hat nämlich Laura Olschok 22 faszinierende Illustrationen hinzugefügt. Herrndorfs Erzählton könnte keine bessere Ergänzung finden. Eine selten schöne Verbindung von Sprache und Bild.

Weiterlesen „Wolfgang Herrndorf. tschick“

Claudia Piñeiro. Ein wenig Glück

pineiro_ein_wenig_glück_Glücklicherweise wusste ich vor dem Lesen dieses Romans nichts über seinen Inhalt, habe einfach angefangen. „Lies mal die Piñeiro. Die wird dir gefallen.“ Diese zwei Sätze einer guten Freundin noch im Ohr, verzichte ich sogar auf den Klappentext (ein Tipp, den ich unbedingt weitergeben möchte, da dort alles, was den Roman so besonders macht, vorweggenommen wird). Ich starte also völlig ahnungslos mit den ersten Sätzen …

Ich hätte Nein sagen sollen, dass es nicht geht, dass ich nicht wegkann. Irgendwas sagen, egal was. Aber das habe ich nicht getan. Immer wieder habe ich mir die Gründe aufgezählt, warum ich mich, statt Nein zu sagen, am Ende doch bereit erklärt habe. Der Abgrund zieht uns an. Manchmal ohne dass wir es merken. Wie ein Magnet. Dann treten wir an den Rand, blicken in die Tiefe – und könnten springen. Ich bin so jemand. Ich könnte vortreten, mich in die Tiefe stürzen, in die Leere, ins Nichts fallen lassen, nur um – endlich – frei zu sein (S. 10).  Weiterlesen „Claudia Piñeiro. Ein wenig Glück“

Tomas Espedal: Wider die Kunst

Knausgard lesen oder Espedal? Für mich ganz klar – ich wähle Tomas Espedal. Das hat mehrere Gründe und einer davon ist, dass ich für ein fünfbändiges Werk, in welchem es ausschließlich um Sterben, Leben, Träumen, Liebe und natürlich immerzu um den Autor selbst geht, einfach keine Geduld habe. Auch fehlt mir dazu die Zeit. Den ersten Impuls, Espedal zu lesen, gab diese Begegnung im August 2014 …

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©Mara Giese. Begegnung mit Tomas Espedal. August 2014

Es ist nämlich so, dass Wider die Kunst schon seit längerer Zeit nach mir ruft. Auf dem Sommerfest und zehnjährigem Verlagsjubiläum von Matthes & Seitz im LCB am Wannsee begegneten die Klappentexterin und ich vor zwei Jahren Tomas Espedal. Und dort hat er uns unter anderem von diesem autobiographischen Roman erzählt.  Weiterlesen „Tomas Espedal: Wider die Kunst“

Rabih Alameddine. Eine überflüssige Frau

alameddine_eine_überflüssige_frauBleibt von jedem gelesenen Roman vielleicht einfach nur ein Bild im Kopf, eine einzelne Szene? Was beispielsweise wird dem Leser dieser Lektüre geblieben sein? Fragen, die sich die etwa 70-jährige Aaliya auf Seite 200 stellt.
Nachdenklich schlage ich das Buch zu und weiß es sofort. Ich werde immer an ein kleines Zimmer in Beirut denken. Vor dem Fenster flackert eine Straßenlaterne (je nach Stromversorgung stark oder schwach). Ich werde den marineblauen Chenille-Sessel sehen, den Gebetsteppich mit dem nach Mekka zeigenden Kompass als Bettvorleger und Kisten voll mit handschriftlichen Übersetzungen der Romane von Tolstoi, Pessoa, Kundera und Nabokov ins Arabische. Aaliyas Wohnung ist mir während des Lesens so vertraut geworden, dass ich für eine Verfilmung das perfekte Setting herrichten könnte. Ach, ja! Inclusive des verstaubten Spiegels. Denn so blitzblank die Wohnung, so halbblind ist der Spiegel. Aaliya ist in einem Alter, da sie sich selbst nicht mehr anschauen mag.

Ihre Leidenschaft ist das Lesen. Überall in ihrer Wohnung stehen Büchertürme herum. Begleitet vom Duft des Jasmins spazieren wir mit ihr durch die Weltliteratur und träumen uns weit weg aus dem Libanon: Meine Bücher verraten mir, wie das Leben in einem zuverlässigen Land ist … Im Vergleich mit dem Mittleren Osten ist die Welt von Burroughs und Garcia Marquez viel vorhersehbarer. Dickens‘ Londoner sind vertrauenswürdiger als die Libanesen (S. 84/85). Weiterlesen „Rabih Alameddine. Eine überflüssige Frau“

Donatella Di Pietrantonio: Bella Mia

Pietrantonio_Bella_MiaCaterina und Olivia sind Zwillinge, aufgewachsen in den Abruzzen, einer Region zwischen italienischer Adria auf der einen und Bergen und Hügeln auf der anderen Seite. Olivia war immer die schönere, die stärkere der Schwestern – ein autonomes, unverwundbares Wesen. Manche hatten auch Angst vor ihr und flüchteten (S. 176). Doch das Erdbeben in L’Aquila vom 6. April 2009 bringt ihr den Tod. Sie wollte eben noch schnell eine Jeans und Schuhe für ihren nur notdürftig bekleideten Sohn Marco holen, da stürzt das Haus zusammen. Er sollte sich auf der Flucht vor der bebenden Erde nicht schämen müssen, nur mit einer Decke über den nackten Schultern. Caterina und Marco stehen vor der Türschwelle als das Unglück geschieht. Ohnmächtig vor Hilflosigkeit. Was macht das mit einem Teenager? Unvorbereitet verliert er in einer einzigen Minute nicht nur sein Zuhause, sondern die von ihm am meisten geliebte Person.  Weiterlesen „Donatella Di Pietrantonio: Bella Mia“