Anke Stelling: Bodentiefe Fenster

Stelling-BodentiefeFenster

Im April 1990 lief ich durch ein gigantisches Trümmerfeld. Endlos wirkende Straßenzüge ruinengleicher, aber immer noch prächtiger Häuser unter einem grauen, regnerischen Himmel. Braunkohlegeruch, kaum ein Mensch auf der Straße und was mir besonders in Erinnerung geblieben ist, waren die Metallträger, die aus den bröckelnden, schwarzen Fassaden ragten und damit andeuteten, wo einst Balkone waren. Alles war beeindruckend und trostlos zugleich. Niemals hätte ich es damals für möglich gehalten, dass dieser Bezirk nur fünfzehn Jahre später zu einer der angesagtesten, schönsten und gleichzeitig zu einer der gediegensten und auf eigene Art und Weise spießigsten Wohngegenden Deutschlands werden sollte. Zu einem Bionade-Biedermeier, wie die ZEIT treffend titelte. Genau, es geht um den Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg und Anke Stellings Roman „Bodentiefe Fenster“ führt mitten hinein ins Biotop der unangepassten Angepassten. Weiterlesen „Anke Stelling: Bodentiefe Fenster“

Daniel Woodrell: In Almas Augen

woodrell-in-almas-augen„Das Haar war weiß, mit Grau verschmiert, die Farbe einer Zeitung, die im Regen liegt, bis die Schlagzeilen über das Papier geflossen sind. So beschreibt Daniel Woodrell gleich auf der ersten Seite seines Romans „In Almas Augen“ die Hauptperson der Geschichte, Alma deGeer Dunahew. Es ist nur ein einziger Satz, der eine ältere Dame vor unserem Auge entstehen lässt, ein wenig eigen, nicht besonders adrett. Ich habe sie ins Kaffeehaus ausgeführt. Weiterlesen „Daniel Woodrell: In Almas Augen“

Sebastian Barry: Ein langer, langer Weg

barry-ein-langer-langer-weg

Für Irland waren die Jahre zwischen 1914 und 1918 in besonderer Weise schicksalhaft. Seit Jahrhunderten litt das verarmte Land unter dem Joch der englischen Herrschaft, doch kurz vor dem ersten Weltkrieg war zum ersten Mal konkret von einer Politik der Selbstbestimmung die Rede. Tausende von jungen Männern meldeten sich daher 1914 freiwillig für die englische Armee, in der Hoffnung, dass Irland als Anerkennung für seinen Einsatz an der Seite Englands ein autonomer Teil des britischen Commonwealth würde. Allerdings stellten sich insbesondere die englandtreue Bevölkerung der nordirisichen Region Ulster und die konservativen Kräfte Englands gegen eine solche politische Entwicklung, es kam schon damals zu ersten Unruhen in der Bevölkerung.In dieser Zeit spielt der Roman „Ein langer, langer Weg“ von Sebastian Barry. Weiterlesen „Sebastian Barry: Ein langer, langer Weg“

Garry Disher: Bitter Wash Road

disher-bitter-wash-road
Wenn die Buchhändlerin in einer der Buchhandlungen meines Vertrauens mir den Kriminalroman „Bitter Wash Road“ von Garry Disher nicht empfohlen hätte, dann wäre mir ein stilistisch und dramaturgisch perfekt komponiertes Buch entgangen. So aber durfte ich mich mehrere Lese-Abende im australischen Outback herumtreiben, die flirrende Hitze spüren und den Staub auf der Zunge schmecken. Und dabei sein, wenn Constable Paul Hirschhausen in einem Fall ermittelt, bei dem er hineinsticht in ein Nest aus Korruption, Rassismus und mühsam unterdrückter Gewalt.

Das Outback ist eine Welt für sich. Obwohl nur wenige Autostunden von der Großstadt Adelaide und der sie umgebenden fruchtbaren Weinregion entfernt, gelten hier andere Regeln, lebt hier ein anderer Menschenschlag, mürrisch, zäh, desillusioniert, ausgezehrt von den ständigen Mühen, der unwirtlichen und ausgetrockneten Landschaft das Nötigste zum Überleben abzuringen.

Vor vielen Jahren bin ich durch Australien gereist. Wohl nie werde ich den Moment vergessen, als nach einer halben Nacht im Bus die Sonne aufging, die Fahrt durch eine Pause unterbrochen wurde und ich zum ersten Mal den trockenen Outback-Boden betrat, der in der frühen Morgenstunde ringsumher in einem leuchtenden Rot erstrahlte. Kühle Morgenluft, rote Erde, karg und wunderschön. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht an jene Australien-Reise denke, aber durch dieses Buch wirken die Bilder im Kopf noch einmal intensiver. Denn genau in diese Gegend führt uns der Roman Garry Dishers.

Weiterlesen „Garry Disher: Bitter Wash Road“

Thomas Willmann: Das finstere Tal

willmann_dasfinsteretal

Sprachgewaltig. Das fällt mir als Erstes zum Buch „Das finstere Tal“ von Thomas Willmann ein. Ein einsames Dorf in den Bergen. Ein düsteres Geheimnis. Ein Fremder. Eine Abrechnung – das alles zusammen ergibt eine mitreißend erzählte Geschichte, atemberaubend und fesselnd bis zum Schluss.

Irgendwann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: In einem namenlosen Gebirge, wohl den Alpen, liegt inmitten einer großen Hochebene ein Dorf. Erreichbar ist diese Hochebene nur durch einen mühsam zu begehenden, steilen und schmalen Pfad, der am Ende durch eine enge Felsspalte führt, „wenig mehr als ein halb verwitterter Fußsteig – viel Verkehr herrschte nicht, hatte nie geherrscht zwischen den Bewohnern der Ebene und denen des riesigen Felskessels hier in der Höhe. Dass dort so nah unter dem Himmel jemand lebte, war unten kaum mehr als eine halb vergessene Legende. Und das war den Leuten hier oben gerade recht. So ist das Dorf, sind die Menschen dort, fast völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Ihr Horizont endet an den steilen Felswänden, die in der Ferne die Hochebene umgeben. Auf den anstrengenden Weg nach unten machen sich höchstens der Krämer und seine Frau einmal im Jahr. Doch es ist keine Idylle dort oben: Das Leben ist hart und voller Mühen, die Menschen sind freudlos, gezeichnet von anstrengender körperlicher Arbeit. Aber die Abgeschiedenheit ihrer Hochebene ist ihre Welt. Sie kennen keine andere. Beherrscht wird diese Welt vom Brenner Bauern und seinen sechs Söhnen, dessen Hof weit außerhalb des Dorfes düster hinter einem Wald am Rand des Talkessels liegt. Und düster ist auch die Stimmung, in die der Leser direkt hineingeworfen wird. Ein dunkles Geheimnis liegt über allem. Weiterlesen „Thomas Willmann: Das finstere Tal“

Bruce Holbert: Einsame Tiere

holbert-einsame-tiere

Den Wilden Westen betrachtet man gemeinhin als eine Epoche des 19. Jahrhunderts. Nach der Lektüre von Bruce Holberts „Einsame Tiere“ weiß ich, dass dies nicht stimmt. Der Roman spielt zu Beginn der 1930er-Jahre im Okanogan County, einer abgelegenen Gegend nahe Kanada im US-Bundesstaat Washington. Auf den ersten Blick meint man, dass auch hier moderne Zeiten angebrochen sind, es gibt schließlich Elektrizität, Autos, Mähdrescher und Telefone. Aber es ist ein Grenzland. Und zwar gleich auf dreifache Weise. Die Grenze zwischen den USA und Kanada verläuft hier. Indianerreservation und Farmland der Weißen stoßen aneinander. Und die Vergangenheit des Wilden Westens grenzt an das 20. Jahrhundert. Weiterlesen „Bruce Holbert: Einsame Tiere“

Yali Sobol: Die Hände des Pianisten

Yali-Sobol-Die-Haende-des-Pianisten

Diesmal war es verdammt knapp. Tel Aviv ist schwer zerstört, Tausende Menschen sind im Krieg gestorben und nur im letzten Moment konnte die israelische Armee die völlige Katastrophe verhindern. Danach hat sie umgehend die Macht übernommen, um das Land wieder zu stabilisieren, eine zivile Regierung existiert nicht mehr, Generalmajor Meni Schamai herrscht mit seiner Militärjunta über das Land. Das ist die Ausgangslage des Romans „Die Hände des Pianisten“ von Yali Sobol, dessen Handlung in einer nahen Zukunft angesiedelt ist, nach dem letzten Krieg, und das könnte jederzeit sein.

Ist das ein Roman über den Nahost-Konflikt? Eigentlich nicht. Israel ist lediglich eine Metapher, es geht vor allem darum zu erzählen, wie schnell sich in einem Land im Ausnahmezustand totalitäre Strukturen verfestigen können und was dies mit den Bewohnern, den Menschen macht. Weiterlesen „Yali Sobol: Die Hände des Pianisten“

Eva Ladipo: Wende

Ladipo-Wende

Trägt ein Buch den Titel „Wende“ denkt man unwillkürlich an die Ereignisse im Jahr 1989, an den Zusammenbruch der DDR und die deutsche Wiedervereinigung. Dies spielt im Roman von Eva Ladipo auch durchaus eine wichtige Rolle, im Mittelpunkt steht allerdings ein ganz anderer Umbruch: Es geht um Ursachen und Folgen der Energiewende, um Gewinner und Verlierer, um Macht und Abhängigkeit und um Politik. Die Autorin verknüpft die Geschehnisse beider Wenden miteinander, bietet dem Leser einen spannenden Polit-Thriller und legt gleichzeitig den Finger auf eine der großen Lebenslügen unserer Industrienation. Weiterlesen „Eva Ladipo: Wende“

Henrik Rehr: Der Attentäter

Rehr-Der-Attentaeter

Terroristische Anschläge und deren Gründe beherrschen die aktuelle Nachrichtenlage. Aber sie sind kein neues Thema, denn Attentate aus politischen, ideologischen oder fanatisch-religiösen Anlässen gibt es schon immer. Vor etwas mehr als einem Jahrhundert setzten die Schüsse des serbischen Terroristen Gavrilo Princip die halbe Welt in Brand, als er in Sarajevo den östereichisch-ungarischen Thronfolger und dessen Frau erschoß. Serbe, Nationalist, Terrorist – wer war dieser Princip? Wie wurde er zu einem Attentäter, der bereit war, sein eigenes Leben für diesen Anschlag wegzuwerfen? Was waren seine Beweggründe? Darüber gibt ein ganz besonderes Buch Auskunft, die Graphic Novel „Der Attentäter“ von Henrik Rehr. Der Untertitel macht das Anliegen des Autors und Zeichners deutlich, „Die Welt des Gavrilo Princip“ zu beschreiben. Weiterlesen „Henrik Rehr: Der Attentäter“

Anne von Canal: Der Grund

Canal-1024x683„Wie oft kann ein Mensch von vorn beginnen? Wie viele Chancen hat man? Und wie oft kann man das eigentlich aushalten? Wie oft kann ich mich häuten, bis nichts mehr von mir übrig ist?“ Harte Worte. Es sind die Gedanken von Laurits Simonsen, dessen Leben Anne von Canal in ihrem Roman „Der Grund“ erzählt. „Heimat interessiert mich nicht. Sie ist eine Erfindung jener Leute, die nicht den Mut haben, auf ihre Fähigkeit zur Anpassung zu vertrauen.“

Was muss alles passiert sein, damit ein Mensch so denkt? Wie kommt es zu einer solchen Entwurzelung? Das Buch beginnt mit einem Schiffbruch, die erste Seite zitiert den Funkverkehr zwischen zwei Schiffen, eines davon in Seenot geraten. Es ist ein kurzer Dialog, der immer panischer wird und dann abbricht. Es folgt der dramatische Bericht eines Schiffuntergangs, bei dem 852 Menschen in den eisigen Fluten der Ostsee ertranken. Am 28. September 1994. Das Schiff war die Estonia.

Der Leser wird durch den Einstieg unmittelbar mit dieser Katastrophe konfrontiert, ohne dass klar ist, was das Unglück mit der Romanhandlung zu tun haben wird. Aber es schwingt fortan bei der Lektüre wie ein dunkles Omen mit. Schließlich beginnt man die Zusammenhänge langsam zu erahnen, und als aus der leichten Ahnung nach und nach eine dunklere und dann eine Gewissheit wurde, hatte ich mir beim Lesen unwillkürlich vor Entsetzen die Hand vor den Mund gehalten.  Weiterlesen „Anne von Canal: Der Grund“