Utopien für Hand und Kopf

utopienBrauchen wir eigentlich Utopien? „Utopisch“ wird gemeinhin das genannt, was unerreichbar erscheint, überambitioniert, versponnen. Der Duden gibt als Synonyme Worte wie Kopfgeburt und Luftschloss an. Also eher etwas für die Träumer, die lieber in ihren Visionen schwelgen statt realistische Maßnahmen anzustoßen. Tatsächlich erfüllt die Utopie aber einen sinnvollen Zweck in ihrer wagemutigen, manchmal vielleicht auch naiven Vorstellung der Zukunft.
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Rui Zink – Die Installation der Angst

41ns9zyibbl-_sx314_bo1204203200_Es ist eine Binsenweisheit, dass Angst ein außerordentlich wirksames politisches Instrument ist. Ängstliche lassen sich weitaus besser formen und zu „unpopulären Maßnahmen“ überreden, sofern die Rettung vor dem Abgrund verheißen. Rui Zink, in Portugal schon länger ein gefeierter Star, verwandelt diese Weisheit nun in eine bissige Parabel auf unser wachsendes Sicherheitsbedürfnis in einer unsicheren Welt.

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Laurie Penny – Babys machen

geb_SULaurie Penny gilt, spätestens seit „Unsagbare Dinge“ und „Fleischmarkt“ als starke feministische Stimme unserer Zeit. In ihrem jünst erschienenen Erzählband führt sie auf so bitterböse wie treffsichere Art Klischees und Rollenbilder vor, indem sie sie gnadenlos überzeichnet. Eine Frau, die sich selbst ein Baby konstruiert? Mord als Kunst? Industrielle Produktion von Katzenvideos? Alles ist möglich!

Wie wäre es, wenn ich mein Baby tatsächlich nach meinen Wünschen gestalten könnte? Nicht nur, indem ich aus einem Katalog auswähle, nein. Selbst ist die Frau! Mittels praktischer Ingenieursfähigkeiten könnte jede Frau in der Garage ihr Baby zusammenschrauben wie die neuen dekorativen Wohnzimmermöbel. Es sähe einem echten Baby täuschend echt und verhielte sich auch so. Bloß verletzen könnte es sich nicht.

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10 Lieblingsbücher aus Indie-Verlagen

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Der ein oder andere hat vielleicht die Diskussionen rundum das VG (Verwertungsgesellschaft)- Wort Urteil und die daraus resultierenden Rückzahlungsforderungen an Verlage verfolgt. Tilman von 54books hat in zwei separaten Beiträgen (Teil 1 & Teil 2) die juristischen Entscheidungen und deren Grundlagen detailliert dargelegt – wer sich nochmal genau informieren möchte, worum es geht, dem seien diese Texte dringend ans Herz gelegt. Rechtlich steht also fest: eine über Jahre gängige Praxis hat sich als rechtswidrig erwiesen. Die Folgen sind für viele Verlage, insbesondere die kleineren und konzernunabhängigen, bislang noch unüberschaubar. Es steht nur fest, dass sie womöglich einige von ihnen die Existenz kosten werden. Die Kurt-Wolff-Stiftung schreibt dazu in einer Stellungnahme: Die Rückzahlungsforderungen, die nun anstehen, lassen bereits die größten deutschen Verlagsgruppen schwitzen. Sie werden einige unserer unabhängigen Kolleginnen und Kollegen jedoch derart treffen, dass sie wahrscheinlich in die Insolvenz gehen müssen. Dieses Urteil hat vor allem auch deshalb diese katastrophale Wirkung, weil die Stundung der Forderungen abgelehnt wurde.

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Ulrike Schäfer – Nachts, weit von hier

KLM_152B_LAY_Schaefer3.inddIn jedem Leben gibt es irgendwann Begebenheiten von solcher Außerordentlichkeit, dass mit ihnen und in ihrer Folge eine neue Zeitrechnung beginnt. Manchmal sind es, von außen betrachtet, vernachlässigenswerte Kleinigkeiten, manchmal einschneidende Schicksalsschläge, nach denen nichts mehr ist wie es einmal war. Ulrike Schäfer spürt in ihren zarten Erzählungen diesen Bruchstellen nach.

Eine Frau trifft im Café auf einen skurrilen älteren Mann, mit dem sie eine Freundschaft verbinden wird, die sie erst nach dessen Verschwinden ermessen kann. Er ist gewitzt, etwas schräg und trägt stets eine Packung Pralinen bei sich, die er ungeachtet seiner Leibesfülle und Zuckerkrankheit geradezu gierig verzehrt. Eine andere Frau sucht ihren verschollenen Großvater, den ihre Großmutter deutlich mehr geliebt haben soll als ihren aktuellen Gatten. Ein Vater repariert nach dem Tod seiner Frau ein zerstörtes Klassenzimmer – und damit zum ersten Mal wieder ein Stück von sich selbst. Eine ältere Frau scheitert am Verkauf ihres Hauses, bei dem ihr niemand zur Seite stehen kann. Ihre fortschreitende Demenz macht es ihr unmöglich, alle Formalitäten zu organisieren, ihre schleichend aber beständig ausgreifende Verwirrung treibt sie schließlich in die Wälder hinter ihrem Haus.

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Dany Laferrière – Tagebuch eines Schriftstellers im Pyjama

Pyjama_gr_gerDany Laferrière wäre ein hervorragender Gast auf einer Cocktailparty. Er hat einen Sinn für’s Aphoristische, für geistreiche Bonmots und unkonventionelle Gedanken. Sein 1985 erschienener Debütroman trug den damals unerhört aufreizenden, provokanten Titel Comment faire l’amour avec un nègre sans se fatiguer. Seitdem hat er sich literarisch mit seiner haitianischen Herkunft und seinem Leben in Montréal befasst und sagt: Ich war nie im Exil, ich war auf Reisen.

Laferrière wuchs bei seiner Großmutter auf und arbeitete in jungen Jahren als Journalist, bevor er aufgrund der politischen Situation unter Diktator François Duvalier und dessen Sohn Jean-Claude 1976 mit 23 nach Montréal auswanderte. Einige seiner Vorgängerromane befassten sich mit der Situation in Haiti („Das Rätsel der Rückkehr„, für das er zahlreiche Preise gewann, „Le goût des jeunes filles“ oder „Tout bouge autour de moi“ zum Erdbeben, das Haiti 2010 erschütterte), häufig in erzählerischer Verflechtung mit eigenen Erlebnissen und seinem jetzigen Leben in Montréal und Miami. Auch sein neuer „Roman“, der in diesem Jahr ins Rennen um einen Platz auf der Hotlist geht, behandelt Ereignisse seines Lebens insofern, als er das Schreiben und die Hingabe an das gesprochene Wort in über hundert kleinen Miniaturen unter die Lupe nimmt. Weshalb und wie schreibt ein Schriftsteller? Was sollte er unter allen Umständen vermeiden? Bereits zu  Beginn wird klar, dass Laferrière mit einer gehörigen Portion Selbstironie zu Werke geht, wenn er schreibt:

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Pierre Bost – Bankrott

Bost, Bankrott.inddBankrott gehen kann man auf ganz unterschiedliche Weise – ganz klassisch finanziell, aber auch persönlich, moralisch. In Pierre Bosts ursprünglich 1928 erschienenen Roman gerät Zuckerfabrikant Brugnon in einen Strudel des Scheiterns, der in einer ganz umfassenden Weise sein bisheriges Leben wie ein zerstörerischer Strom mit sich reißt. Am Ende ist er persönlich und finanziell ruiniert.

Das Wort Bankrott geht ursprünglich auf den italienischen Ausdruck „banca rotta“ zurück, der soviel wie „zerschlagener Tisch“ bedeutet. Dem zahlungsunfähigen Schuldner wurde zur Zeit der Renaissance der Tisch zerstört, an dem Geldwechsler ihre Dienste anboten, wenn er seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen konnte. Um Verpflichtungen geht es auch Bosts Protagonist Brugnon in erster Linie. Er übernimmt als Nachfolger seines Vaters den Familienbetrieb und macht sich schnell als windiger, gelegentlich ungestümer Unternehmer einen Namen, dem in der einschlägigen Boulevardpresse der Ruf vorauseilt, verrückt zu sein. Oder psychisch wenigstens verhaltensauffällig. Schon sein Vater hatte Brugnons Eifer nie dämpfen oder in die Schranken weisen können; er ist das, was wir heute einen Workaholic nennen. Stets auf seinen Erfolg bedacht, diszipliniert, bis zur vollständigen Erschöpfung seinem Beruf ergeben, der ihn ausfüllt und keinen Platz für etwas anderes in ihm lässt. Brugnon verachtet faule Menschen, denen das Nichtstun und die Muße irgendeinen Gewinn bedeuten. Für ihn ist Gewinn in Zahlen und nicht selten etwas waghalsigen Geschäftsabschlüssen messbar, nicht in persönlicher Erfüllung oder Glück. In Brugnons Leben fällt beides auf verhängnisvolle Art zusammen und kündigt den Zusammenbruch schon lange vor den ersten Rissen an, die sich durch seine tatkräftige Fassade ziehen.

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Zeina Abirached – Das Spiel der Schwalben

Das_Spiel_der_Schwalben_Cover_webZeina Abiracheds Graphic Novel spielt 1984 in Beirut, mitten im libanesischen Bürgerkrieg. Sie ist damals drei Jahre alt und kennt die Welt ausschließlich im Kriegszustand. Zurückgezogen in einem Wohnhaus, das durch Sandsäcke und Stacheldraht weitgehend isoliert in einer künstlichen Sackgasse liegt, lebt sie mit ihrem Bruder, ihren Eltern und den Nachbarn in ständiger Anspannung. Einer Anspannung aber, die längst zum Alltag gehört und von den Bewohnern immer wieder durchbrochen wird. Mit Humor, Witz und Geschichten begegnen sie den Grauen des Krieges.

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Die Buchmacher 2016

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Am Wochenende rund um den Welttag des Buches am 23.April stand die Lübecker Petrikirche ganz im Zeichen unabhängigen Verlegens. Bereits zum zweiten Mal versammelten sich in eindrucksvoller Kulisse kleine, engagierte Verlage abseits des Mainstreams, um interessierten Leserinnen und Lesern sich selbst und ihr Programm vorzustellen. Manche Verlage waren bereits im letzten Jahr dabei, andere reisten zum ersten Mal an; darunter in diesem Jahr einige Kinder – und Jugendbuchverlage.

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Die Buchmacher werfen ihre Schatten voraus!

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Bereits im letzten Jahr durfte Lübeck sich über eine Veranstaltung freuen, die frischen Wind und etwas bisher nicht Dagewesenes in die Stadt brachte. Die Buchmacher, eine Art Indie-Buchmesse, waren das Ergebnis von Wagemut und Leidenschaft seitens einiger Kulturschaffender. Kleine und unabhängige Verlage aus Deutschland und Österreich bekamen an zwei Tagen die Möglichkeit, sich einem interessierten Publikum vorzustellen. Es gab Lesungen, Gespräche und Buchvorstellungen, einen insgesamt so lebhaften Austausch zwischen VerlegerInnen, LeserInnen, Kulturschaffenden und BuchhändlerInnen wie man ihn selten in dieser Form realisieren kann. Das Wagnis war ein Erfolg, sodass Lübeck auch in diesem Jahr wieder die Freude hat, wichtige Vertreter der Kleinverlagsszene begrüßen zu dürfen. Waren im letzten Jahr noch 17 Verlage zu Gast, haben sich in diesem Jahr sogar 25 Verlage angemeldet, in der besonderen Kulisse der Petrikirche ihr Verlagsprogramm zu präsentieren. Ein spezieller Fokus liegt in diesem Jahr auch auf Kinderbuchverlagen aus der Indie-Szene wie Peter Hammer, Magellan oder Moritz.

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