Joachim Kalka: Der Mond

kalka_mond_buch

Wenn Sie auf dem Mond leben müssten, was würden Sie am meisten vermissen? – Mondschein!!

So hat Arno Schmidt einmal auf eine Zeitungsumfrage geantwortet. Eine für den Bargfelder Haidedichter nur zu typisch-konsequente Replik, spickte er doch seine Romane und Erzählungen mit allerfeinsten und ausgefallenen Mondmetaphern. Auf der anderen Seite kreidete er seinen schreibenden Kollegen gerne falsche Mondauf- und –untergänge, sowie falsche Mondphasen an. Und er fand viele astronomische Fehler bei den großen, alten Dichtern. Dass immer, wenn Liebende sich still vergnügen, der Vollmond sanft über die Wipfel linst, ob’s passt oder nicht, war (und ist) den Schriftstellern egal. Schmidt nicht. Er selbst ließ einen seiner Roman gar zur Hälfte auf dem Mond spielen, wenn auch nur in der Phantasie: Kaff auch Mare Crisium.  Weiterlesen

Peter Verhelst: Eine handvoll Sekunden

Verhelst - Eine handvoll Sekunden

Eine extreme Grenzerfahrung hat den belgischen Schriftsteller Peter Verhelst dazu geführt, die Arbeit an Eine handvoll Sekunden aufzunehmen. Ausgangspunkt ist ein schwerer Verkehrsunfall, in den Verhelst im April 2013 mit seinem Wagen verwickelt wird. Als er auf der Autobahn einen Lastwagen überholt, löst sich bei diesem ein Reifen, Verhelsts Auto wird getroffen und überschlägt sich mehrere Male, doch der Schriftsteller bleibt beinahe unverletzt. Im Krankenhaus und später bei der Rekonvaleszenz zuhause beschäftigt den Schriftsteller dieser Moment höchster Gewalt in vielfacher Hinsicht.

Weiterlesen

Indiebooks – 10 Lieblinge von Jochen

indie_10_titel_buecher

Unterstützen Sie uns, unterstützen Sie die Autorinnen und Autoren, indem Sie Bücher von unabhängigen Verlagen kaufen – und lesen.

So schließt eine Erklärung der Kurt Wolff Stiftung zum BGH-Urteil in Sachen VG-Wort. Worum geht es? Nun, kurz gesagt:  Die VG-Wort hat als Verwertungsgesellschaft in der Vergangenheit nicht nur an Autoren, also die Urheber, Gelder ausgeschüttet, sondern auch an Verlage. Das war nicht korrekt. Die Verlage müssen diese Gelder nun zurückzahlen. Das Urteil ist juristisch wasserdicht, aber bringt viele Verlage in finanzielle Schieflage, weil entsprechende Rücklagen fehlen.

Mehr denn je gilt nun das Motto: #wereadindie. Unter diesem Hashtag können und sollen Empfehlungen von Lieblingsbüchern aus kleinen Verlagen untermauert werden. Aus unserem Blog-Team hat Sophie  mit 10 Lieblingstiteln den Anfang gemacht,  Caterina hat den Stab übernommen und weitergereicht. Nun stelle ich zehn Bücher aus zehn unabhängigen Verlagen vor, die mir besonders am Herzen liegen und die belegen, wie vielfältig und reich das Angebot der Indies ist.  Weiterlesen

Joost Zwagerman: Duell

zwagerman_duell_buch

Faust versus Rothko

Mit seiner Novelle Duell beschenkt uns der niederländische Schriftsteller und Essayist Joost Zwagerman mit eine rasanten Satire auf den Kunstbetrieb. Es ist eine Geschichte voller Witz, Action, kluger Gedanken und einer gehörigen Portion Slapstick. Im Mittelpunkt steht die größte anzunehmende Katastrophe für einen Museumsdirektor. Eine Faust durchschlägt ein Gemälde im Wert von 30 Millionen Euro.

Er hatte noch nie eine Leinwand reißen hören. Ein lautes Knacken ertönte, wie von einem Ast, der entzweibricht – ein unerwartet schroffes Geräusch für eine so fragile Leinwand. (…) Er betrachtete die Farben. Sie zerfielen. Blau zerbröckelte in tausend Splitter, Rot wurde gespalten, Gelb brach auf, und natürlich zerriß mit den Farben die gesamte Leinwand.

Weiterlesen

Sebastian Rether: Foc/Feuer

Zarter Strich – Harte Realität

rether_foc_cover

Sebastian Rether zeichnet die Erinnerungen eines Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Es sind die Erinnerungen von Rethers Großvater. Als Junger Soldat führte sein Weg quer durch Europa von Rumänien, an die Grenze Russlands, von dort nach Frankreich und über Italien wieder zurück nach Hermanstadt. »Foc/Feuer« erzählt keine durchgehende Geschichte, sondern skizziert in kurzen und drastischen Szenen das Leben an und hinter der Front. Weiterlesen

Vincenzo Latronico: Die Verschwörung der Tauben

latronico_tauben_wri

Die Eroberung der Welt mit gewetzten Messern.

Bei Geld hört die Freundschaft auf, sagt der Volksmund, und der behält, das wissen wir, nicht selten recht. Vincenzo Latronico wählt als Generalbass für seinen Roman Die Verschwörung der Tauben eine verschärfte Version der Redensart: Beim ganz großen Geld wird aus Freundschaft Verrat. Die entfesselten, globalen Finanzmärkte funktionieren nur, weil Menschen sie antreiben. Was aber treibt die Menschen an, sich im Streben nach Reichtum, Einfluss und Macht derart zu verbiegen, dass Freundschaft, Moral und Menschlichkeit auf der Strecke bleiben? Mögliche Antworten spielt Latronico in seinem Psychogramm der modernen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung verblüffend schlüssig und spannend durch. Weiterlesen

James Leslie Mitchell: Szenen aus Schottland

Mitchell - Szenen aus Schottland

Ackerfurchen in rotem Lehm

Der Geruch von roter Lehmerde steigt in die Nase, feuchtkühle Luft streicht über die Haut, in der Ferne steht die majestätische Hügelkette der Grampians am Horizont, wenn der Nebel ausnahmsweise zerreißt und der Himmel aufklart.

Die Szenen aus Schottland von James Leslie Mitchell sind frei von Dudelsack- und Tartankaroklischee. Sie zeigen Menschen, die versuchen in einer harten, kargen Landschaft zu überleben. So schwer die Entbehrungen auch sind, Mitchell schildert sie mit einer grenzenlosen Liebe zu Land und Leuten. Und diese Liebe verpackt er in wunderbare Worte.

James Leslie Mitchell, geboren 1901, entstammt einer Landarbeiterfamilie aus der Nähe Aberdeens. Als Verwaltungsmann beim Militär arbeitet er in Indien, im Nahen Osten und Ägypten. Ausgeschieden aus dem Militärdienst, ließ er sich1928 in England nieder, wurde Schriftsteller und starb im Alter von nur 34 Jahren. Seine Heimat ließ ihn niemals los, Mitchell blieb im Herzen stets »schottisch«. Weiterlesen

Guntram Vesper: Frohburg

vesper_frohburg_wri

Irgendwo im Land gibt es den Ort, die Straße, das Haus, wir haben dort die Kindheit verbracht, wir kommen schwer davon los.

Acht Jahre lang hat Guntram Vesper geschrieben, als Material dienten lebenslang geführte Notizhefte und Tagebücher, sorgfältig angelegte Sammelmappen und gespeicherte Erinnerungen. Das Ergebnis war Frohburg, »1.000 Seiten und kein bisschen zu lang«, urteilte Andreas Platthaus in der FAZ. »Mammuts sind ausgestorben«, konterte Malte Bremer auf literaturcafe.de. Beides stimmt, Frohburg ist ein störrisch-schwerfälliger Koloss, der sich aus einer untergegangen Literaturepoche in unsere Zeit hinübergerettet hat, und Frohburg ist ein schillerndes Erinnerungsbuch, das Autobiographie, Geschichtsschreibung und fabulierfreudige Fiktion unter einen Hut bekommt.

Frohburg ist ein Heimatroman, allerdings keiner im Sinne einer verklärten Rückschau. Das Städtchen, südlich von Leipzig, das Vesper im Alter von 16 Jahren mit seinem Bruder und den Eltern Richtung Bundesrepublik verließ, dient lediglich als Nukleus und als Anker einer Biographie des 20. Jahrhunderts. Selbst Erinnertes und die Erzählungen des Vaters, dritter und vierter Personen mischt, schichtet, faltet und verschränkt Vesper zu (s)einer Lebenserzählung, der Biografie eines Landes, einer Zeit. Die fällt immer wieder auf das zurück …

…was ich auch jetzt noch mit Frohburg verbinde, der Vaterstadt, der Mutterstadt, sie lieferte im rein guten, so es das gibt, und im weniger guten, die Meßlatte, die Richtschnur und, im heutigen Sprachgebrauch, die Grundkonfiguration.

Weiterlesen

»Die Gehörlosen« von Rodrigo Rey Rosa

rey_rosa_gehoerlosen_buch

Die trügerische Ruhe vor der Explosion

Eine Kette großer Vulkane überragt als majestätische Landmarke den Staat Guatemala. In diesem Gebirge entfaltete sich einst die Kultur der Maya, eine der Wiegen der Menschheitskultur. Beide, die Vulkane und die prähistorische Kultur der Maya, sind tragende Leitmotive in Rodrigo Rey Rosas Roman Die Gehörlosen. Im Fall der Vulkane stehen sie für bedrohlich-brodelnde Gefahren unter einer scheinbar ruhigen Oberfläche und im Fall der Maya für die Suche nach Befriedung und Stabilität, die ausgerechnet die unterdrückte und ausgebeutete Minderheit liefern kann. Guatemala gibt sich modern und zivilisiert, ist aber im Inneren ein zerrottetes und handlungsunfähiges Staatsgebilde kurz vor der Explosion. Weiterlesen

Giftgrün und gallig – Der Höllenknirps Alper und der Alltag in der Türkei

caniguz_knirps_cover

Er ist schon ein rechter Satansbraten, der kleine Alper Kamu, ein vorlauter Knirps von fünf Jahren, der beim Frühstück Nietzsche oder Dostojewski liest, die Vorschule als Hölle betrachtet und niemals, aber wirklich niemals erwachsen werden möchte. Eigentlich lebt Alper ein ganz gewöhnliches Leben in einem Istanbuler Arbeiterviertel, wären da nicht diese Verbrechen, über die er wie zufällig stolpert. Aber vielleicht stößt er auch nur auf kriminelle Machenschaften, weil er so sensibel ist und seine Mitmenschen genau beobachtet. Denn Alper ist nicht nur ein frecher Knirps und wachsamer Kriminalist, sondern auch hochintelligent und ein begnadeter Psychologe. Weiterlesen