Javier de Isusi – Ich habe Wale gesehen

Noch ist die ETA nicht gänzlich von der Bildfläche verschwunden, doch die Angst vor ihr ist in den letzten zehn Jahren gewichen. Im Baskenland beginnt die Auseinandersetzung mit der unmittelbaren Vergangenheit – noch nicht politisch, aber zumindest künstlerisch. Auch der Baske Javier de Isusi nimmt sich in seiner Graphic Novel „Ich habe Wale gesehen“ dem Thema an. Weiterlesen „Javier de Isusi – Ich habe Wale gesehen“

Utopien für Hand und Kopf

utopienBrauchen wir eigentlich Utopien? „Utopisch“ wird gemeinhin das genannt, was unerreichbar erscheint, überambitioniert, versponnen. Der Duden gibt als Synonyme Worte wie Kopfgeburt und Luftschloss an. Also eher etwas für die Träumer, die lieber in ihren Visionen schwelgen statt realistische Maßnahmen anzustoßen. Tatsächlich erfüllt die Utopie aber einen sinnvollen Zweck in ihrer wagemutigen, manchmal vielleicht auch naiven Vorstellung der Zukunft.
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Hölle und Paradies von Bettina Baltschev

baltschev_hölle_und_paradiesDas Exil-Thema lässt mich einfach nicht los. Zu sehr bewegen mich die Fragen, welche sich gegenwärtig unzählige Menschen in Syrien, Venezuela oder der Türkei stellen müssen: Gehen oder bleiben? Einen neuen Lebensort finden oder in der geliebten Heimat weiterleben? Nicht immer ist „Gehen“ die bessere Alternative. Liest man einige der Miniaturen von aus Der Spaziergänger von Aleppo, so versteht man, dass ein geliebtes Zuhause mit all seinen Büchern, Schallplatten und Freunden zu verlassen, nicht ganz einfach ist. Für Niroz Malek ist es unmöglich.

Viele deutschsprachige Autoren und Autorinnen in den Dreißiger Jahren konnten sich diese Frage gar nicht erst stellen. Denn zu bleiben, hätte für Intellektuelle wie Stefan Zweig, Fritz Landshoff, Klaus Mann, Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger oder Joseph Roth schlimmste Repressalien oder sogar den Tod im Vernichtungslager bedeutet. Für sie gab es deshalb nur eine Frage: Wohin – nach Westeuropa oder besser gleich nach Amerika? Und vor allen Dingen: Was dann?  Weiterlesen „Hölle und Paradies von Bettina Baltschev“

Antonio Ortuño – Madrid, Mexiko

Ein Jahrhundert voller Gewalt: Während des Spanischen Bürgerkriegs fliehen die Almansas von Madrid nach Mexiko. Doch auch dort erwartet sie nicht weniger Brutalität. Unaufgeregt erzählt Antonio Ortuño in „Madrid, Mexiko“ von Migration, Flucht, Mord und Rache. Und ihm gelingt das Kunststück, das Leben dreier Generationen auf nur 200 Seiten abzubilden.

Am Ende steht die ernüchternde Erkenntnis: „Seit Kain hätten die Menschen nur geschafft, sich in einem zu gleichen: Sie seien alle Verbrecher.“ Und so ist nicht weiter überraschend, dass gleich auf den ersten Seiten zwei Menschen erschossen werden. Überhaupt zieht sich die Gewalt wie ein roter Faden durch „Madrid, Mexiko“. Dass der Roman dabei erstaunlich wenig brutal wirkt, liegt an der gelassenen Sprache Antonio Ortuños, bei dem Mord, Vergewaltigung und Rache nicht spektakulär wirken als ein paar Tacos am Straßenstand essen. Die Gewalt ist Teil des mexikanischen Alltags, woran der Autor immer wieder erinnert: „…ihn aufzuspüren, ihm die Haut vom Gesicht zu reißen und zu verschlingen. (In Mexiko war so etwas nicht metaphorisch gemeint…)“ Und gerade weil sie alltäglich ist, ist es möglich, sie so nüchtern zu betrachten. Weiterlesen „Antonio Ortuño – Madrid, Mexiko“

Im Doppelpack – Das Team von „We read indie“ wird verstärkt

Willkommen im Team! Ab Mai werden Sarah vom Blog pinkfisch und Isabella vom Blog novellieren die Indies tatkräftig unterstützen.

Wer bist du und worüber bloggst du?

Mein Name ist Sarah, ich bin ausgebildete Buchhändlerin und arbeite mittlerweile seit über ein Jahrzehnt im Buchladen am Freiheitsplatz. Ich blogge für alle, die sich für Literatur und den Buchhandel interessieren. Leserinnen und Leser, Menschen auf der Suche nach Lesestoff und Empfehlungen. Ich möchte für das Lesen begeistern, für Romane, Jugendbücher, Klassiker, Kurzgeschichten, ich lese querbeet und bin nicht festgelegt auf eine bestimmte Art von Literatur. Hier findet sich Jane Austen neben Erich Kästner und Haruki Murakami neben Benedict Wells. Pinkfisch ist authentisch und steht für Begeisterung und positive Vernetzung. Gerade das Hervorheben von besonderen Büchern, Autoren und kleineren Verlagen ist über die Jahre zu einem Schwerpunkt geworden, der mir sehr am Herzen liegt.

Was bedeutet Indie für dich?

Indie bedeutet für mich vorallem, etwas Besonderes zu bekommen. Jeder der kleinen unabhängigen Verlage hat eine ganz eigene Geschichte, daraus resultierend eine Art eigenen Sound und Wiedererkennungswert. Ich schätze den Mut, ausgetretene Pfade zu verlassen, ich bewundere Verlegerinnen und Verleger dafür, dass sie Projekte angehen, weil sie nicht anders können und weil sie diese unbedingt machen wollen. Indie heißt für mich, es ist Platz für Vielfalt, es garantiert uns eine bunte, facettenreiche Literaturwelt, die ohne die unabhängigen Verlage so nicht existieren würde. Die Zusammenarbeit mit Indieverlagen ist eine der ganz großen Freuden in meinem Beruf.

Welches Indiebuch liegt dir derzeit am Herzen und welches ist dein All-Time-Favorite?

Nun war ja gerade erst der Indiebookday und ich habe gefühlt wochenlang nichts anderes getan, als Bücher aus unabhängigen Verlagen zu lesen. Und nun soll ich aus all diesen Schätzchen einen Favoriten wählen? Ich schummle ein bißchen und lege euch mein Video zum Indiebookday ans Herz, da bekommt ihr gleich ein gutes Dutzend großartiger Indies präsentiert!

Mein All-Time-Favorite-Indiebook wird wohl immer das bei Secession Verlag veröffentlichte Glückskind von Steven Uhly bleiben, weil es ein wenig auch den Beginn meines gesteigerten Interesse an kleinen, unabhängigen Verlagen markiert. Dieses wunderbare Buch hat auch mich zu einem Glückskind gemacht, es ist eines jener seltenen Bücher, die den Leser, ganz egal, wo er gerade ist, abholen und ja – so kitschig das auch klingt – glücklich machen.

Wer bist du und worüber bloggst du?

Schön, mit der ersten Frage gehen wir gleich in die Vollen, ich bin nämlich kein Fan von falscher Bescheidenheit, entsprechend behaupte ich jetzt einfach, dass ich ein recht interessanter Mensch bin. Und das lassen wir als Tatsache so stehen, ha!

Ich bin LektorinJournalistinKellnerinFlaneur und blogge auf novellieren über Gegenwartsliteratur mit einem Fokus auf spanischsprachigen Romanen und Stadtliteratur. Bei letzterem bevorzuge ich Romane, die in Metropolen spielen, die ich entweder kenne oder unbedingt kennenlernen möchte. Dadurch habe ich einen persönlicheren Zugang zu Literatur.

Da ich mich auf novellieren nicht auf Rezensionen allein konzentrieren möchte und gerne reise, ist ein weiterer Schwerpunkt meines Blogs Berichte aus aller Welt, so zum Beispiel von den schönsten Buchhandlungen, interessanten Traditionen wie Sant Jordi in Barcelona oder Streifzüge durch Paris. Auch Lesungen besuche ich gerne, um mehr über Hintergründe und Intentionen seitens der Autoren zu erfahren.

Was bedeutet Indie für dich?

Das Besondere an Indie-Verlagen ist, dass sie sich eher als große Verlage trauen, experimentelle Literatur und Romane, die nicht unbedingt den großen kommerziellen Erfolg versprechen, zu veröffentlichen. Wenn’s dann doch ein Erfolg wird, umso schöner!

Sieht man von bekannten Namen wie Julio Cortázar oder Roberto Bolaño (die beide wirklich großartig sind, keine Frage!) ab, richtet sich der Blick von Fans lateinamerikanischer Literatur fast automatisch auf unabhängige Verlage, von denen sich gleich mehrere (mitunter) darauf spezialisiert haben. Und auch richtige Nischen wie Literatur aus dem Baskenland, die außer mir wahrscheinlich keine fünf Leute in Deutschland interessiert, findet man in kleinen Verlagen.

Ich persönlich schätze den Mut, die Leidenschaft und das Engagement der Indie-Verlage. Das heißt natürlich nicht, dass per se jeder Indie-Roman gut sein muss. Aber fern des Mainstreams gibt es viele literarische Perlen, die nur darauf warten, entdeckt zu werden. Und dafür sind wir von We Read Indie ja da!

Welches Indiebuch liegt dir derzeit am Herzen und welches ist dein All-Time-Favorite?

Da wir’s gerade von den Basken hatten: Ich habe kürzlich „Wie man Baske wird“ von Ibon Zubiaur gelesen (auf Deutsch verfasst übrigens!), ein langer, persönlicher Essay, der im Berenberg Verlag erschienen ist. Und auch wenn Zubiaur für meinen Geschmack die baskische Kultur ein wenig zu sehr entzaubert, so ist es doch ein ausgezeichnetes Buch, das durch seinen persönlichen Zugang sehr gute Einblicke in diese „exotische Nation“ verschafft. Speaking of Berenberg, da gäbe es noch „La Oculta“ von Héctor Abad. Oder „Der Geruch des Paradieses“ von Elif Shafak, ein Roman, der bei Kein & Aber veröffentlicht wurde und der sehr viele interessante Fragen aufwirft. Auch wenn es eine intellektuelle Herausforderung ist, Valeria Luiselli zu lesen, die bei Kunstmann erscheint, stelle ich mich der immer wieder gerne. Und die Frankfurter Verlagsanstalt schätze ich besonders dafür, dass sie in jedem Programm Debütautoren für uns entdeckt.

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Ann-Marie Ljungberg: Dunkelheit, bleib bei mir

Ein Attentat in Schweden, 1940

Gerade in einem Land wie Deutschland, das nach 1945 dazu gezwungen war, sich intensiv mit seiner Rolle im 2. Weltkrieg auseinanderzusetzen (weil es ihn lostrat und seine Bevölkerung entsetzliche Verbrechen in den besetzten Gebieten verübte), könnte leicht der Eindruck entstehen, dass die Geschichte dieser Zeit und dieses Krieges eine aufgearbeitete ist. Es erscheinen jedes Jahr zahlreiche neue Publikationen mit Erinnerungen, Analysen, Schauplatzgeschichten etc., und keine größere deutsche Zeitung hat nicht mindestens eine Sondernummer zum Dritten Reich und dem 2. Weltkrieg gemacht.

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Mit #verlagebesuchen 2017 in die Verlagswelt eintauchen.

Ihr habt euch sicherlich auch schon oft die Frage gestellt: Wo kommen all die schönen Bücher her? Und welche Köpfe stecken dahinter, wie sieht der Entstehungsprozess vom Manuskript bis zum fertigen Werk aus? Und und und… Nun, da habe ich einen besonderen Tipp für euch: #verlagebesuchen 2017. Dahinter verbirgt sich ein Projekt des Landesverbandes Berlin-Brandenburg vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels, das 2016 initiiert wurde. In diesem Jahr gibt’s zum Welttag des Buches in Kooperation mit den anderen Landesverbänden eine Fortsetzung. Und nicht nur das: Das Projekt wurde erweitert. So beteiligen sich vom 21. bis 23. April deutschlandweit rund 100 Verlage an der schönen Aktion. Was müsst ihr tun? Welche Verlage beteiligen sich? Das verrate ich euch in diesem Beitrag.

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Tor Even Svanes: Ins Westeis

swanesEine Schifffahrt nah am Untergang
„Nachts sinkt die Umdrehungszahl der Schiffsmotoren, aber es wird niemals wirklich Nacht. Tag auch nicht. Sie sind die ganze Zeit von der gleichen anthrazitgrauen Masse umschlossen, egal, welche Tageszeit gerade ist.“ Sie ist jung, und sie ist auf einem Schiff voller Männer: Die Inspektorin Mari soll in der Eiswüste Grönlands den Robbenfang dokumentieren. Doch als das Töten beginnt, packt sie das kalte Grauen: Nicht nur, dass die Männer die Vorschriften nicht einhalten, sie verletzen die Tiere zum Spaß, morden und schlachten ohne Rücksicht auf Verluste. Als Mari das anspricht, sieht sie sich offenen Anfeindungen ausgesetzt, die zu Drohungen werden. Schnell erkennt sie: Sie ist in größter Gefahr. Und es gibt für sie keinen Ausweg. Weiterlesen „Tor Even Svanes: Ins Westeis“

Joachim Kalka: Der Mond

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Wenn Sie auf dem Mond leben müssten, was würden Sie am meisten vermissen? – Mondschein!!

So hat Arno Schmidt einmal auf eine Zeitungsumfrage geantwortet. Eine für den Bargfelder Haidedichter nur zu typisch-konsequente Replik, spickte er doch seine Romane und Erzählungen mit allerfeinsten und ausgefallenen Mondmetaphern. Auf der anderen Seite kreidete er seinen schreibenden Kollegen gerne falsche Mondauf- und –untergänge, sowie falsche Mondphasen an. Und er fand viele astronomische Fehler bei den großen, alten Dichtern. Dass immer, wenn Liebende sich still vergnügen, der Vollmond sanft über die Wipfel linst, ob’s passt oder nicht, war (und ist) den Schriftstellern egal. Schmidt nicht. Er selbst ließ einen seiner Roman gar zur Hälfte auf dem Mond spielen, wenn auch nur in der Phantasie: Kaff auch Mare Crisium.  Weiterlesen „Joachim Kalka: Der Mond“

Niroz Malek. Der Spaziergänger von Aleppo

malek_der_spaziergänger_von_aleppoIn einer Balance zwischen Traum und Realität erzählt Niroz Malek in diesem schmalen Buch vom Leben im heutigen Aleppo: Geschichten aus einer zerstörten und traumatisierten Stadt – Ruinenlandschaft aus verwinkelten Gassen, zerstörten Kirchen und Moscheen, über welcher düster die alte Zitadelle thront. Bei mir hinterlassen diese Geschichten das Gefühl, im Barcelona der Nachkriegszeit zu sein. Wer dieses Buch aufschlägt und „das Tor öffnet“ (auf dem Buchcover abgebildet: das Eingangstor der Zitadelle von Aleppo), der betritt eine düstere mystische Welt voll dunkler Gestalten – Menschen in ständiger Angst um ihr Leben, Untote, welche nie zur Ruhe kommen und natürlich unzählige Tote.

Dennoch will Niroz Malek diese Welt nicht verlassen. Weiterlesen „Niroz Malek. Der Spaziergänger von Aleppo“