Verlagsporträt: Herzlichen Glückwunsch, lectorbooks!

Vor ziemlich genau einem Jahr, im Frühjahr 2017, tönte es aus der Schweiz: „Nochmals jung, wild und frei sein: Nach zehn Jahren Salis präsentieren wir mit lectorbooks eine frische, zusätzliche Spielwiese für Literatur (…)
lectorbooks soll der freie Raum sein, in dem klassisch erzählende und experimentelle Literatur miteinander lachend Fangen spielen, in dem bewährte Verlagsarbeit und komplett neue Formen der Vermittlung händchenhaltend Trampolin springen.“
Die Rufer sind die beiden Verlagsmacher André Gstettenhofer und Patrick Schär, Co-Verleger des Züricher Salis Verlags. Ein Geschwisterding? Salis und lectorbooks haben „sehr viel und sehr wenig“ miteinander zu tun, es besteht wirtschaftliche Trennung, keiner löst den anderen ab, eine Übernahme von Salis-Autoren geschieht in „freundlicher Absprache“. So diffundierten etwa mit dem ersten Frühjahrsprogramm 2017 Anna Stern und Heinz Emmenegger bereits von diesem zu jenem.
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52 Wochen – 52 Bücher!

ibc-Bild

Die Macher des Indiebookdays haben sich eine feine Sache ausgedacht, die wir von We Read Indie von ganzem Herzen unterstützen: Die #Indiebookchallenge 2018-2019!

52 Wochen – 52 Bücher – pro Woche ein Buch. Eine Reading Challenge – vom Indiebookday 2018 bis zum Indiebookday 2019. Ein wichtiges Kriterium dabei ist, dass jeder der gewählten Titel aus einem unabhängigen Verlag stammen sollte.

Das Großartige an Büchern und E-Books aus unabhängigen Verlagen: Dank vieler kleiner spezieller Programme ist die Literaturauswahl sehr vielfältig. Die Indiebook Reading Challenge möchte beim Entdecken helfen, Spaß machen und den Austausch unter Gleichgesinnten ermöglichen. Seid ihr dabei? Weiterlesen „52 Wochen – 52 Bücher!“

Arno Camenisch: Der letzte Schnee

Alles ist immer möglich. Auch dass im Winter der Schnee nicht kommt. Derzeit zeigt sich zwar in Österreich ein recht anderes, weißes Bild, aber dort wird ja auch „Ende Jahr einfach der Schnee wie ein Teppich“ eingerollt und „im Bunker“ verstaut und im nächsten Winter wieder hervorgeholt. Hilft nichts. In einem Winkel des Kantons Graubünden ist die Sache drängend und an ihr hängt die Existenz eines Schleppliftes, ein echter Oldtimer, und zweier heldenhafter Skiliftkauze. Weiterlesen „Arno Camenisch: Der letzte Schnee“

Andrea Scrima: Wie viele Tage

Es sind die kleinen Momente, die manchmal das Leben ausmachen, der weggeworfene Kaffeebecher, ein Lichtstrahl, der verstaubte Gegenstand, bedeutungslos für alle außer der einen Person, die ihn mit Erinnerung und Wert auflädt. Andrea Scrimas Debütroman „Wie viele Tage“ zeichnet sich durch die Melancholie seiner Ich-Erzählerin aus, die zwischen zwei Kontinenten auf der Suche nach Heimat und der eigenen Identität ist.

„Jeder in seiner eigenen Welt, seinem eigenen persönlichen Universum, all diese imaginären Räume und Landschaften, die in den Köpfen der Leute existieren, koexistieren, kollidieren … Sie alle sehen etwas, das nicht da ist.“

Sie lebt im East Village, Williamsburg und Kreuzberg der achtziger und neunziger Jahre, die Protagonistin in Andrea Scrimas mosaikartigem Roman „Wie viele Tage“. Doch von wenigen äußeren Umständen, die angedeutet werden, abgesehen, spielt sich dieser Roman in der Gedanken- und Emotionswelt der Ich-Erzählerin ab. Es sind die kleinen Beobachtungen, die das Leben zu dem machen, was es ist, denn sie bestimmen die subjektive Wahrnehmung der Realität, und nicht die großen Erschütterungen der Zeit, der Außenwelt. Die Ästhetik liegt im Gewöhnlichen und Alltäglichen. In einer der poetischsten Stellen des Romans wird die Protagonistin Zeugin des Moments, bevor sich der Kaffeerest aus einem achtlos weggeworfenen Becher und Hundeurin auf der Straße berühren und genau dort ein Zettel mit einer Adresse liegt, den sie rettet. Der Gedanke, dass nur sie den Zauber dieses Augenblicks wahrgenommen hat, diese „Faktoren in einer Gleichung, die für mich und nur für mich bestimmt war“, macht sie schwindlig – „und dennoch verstand ich nichts, überhaupt nichts“. Weiterlesen „Andrea Scrima: Wie viele Tage“

Antonio Ortuño: Die Verbrannten

Einen beschwerlichen Weg erwartet die Mittelamerikaner, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben versuchen, Mexiko zu durchqueren und illegal in die USA einzuwandern. Viele bezahlen dafür mit dem Tod – so auch in Antonio Ortuños „Die Verbrannten“, einem schonungslosen Roman, dessen Plot allerdings ein wenig überschaubar ist.

Während die Mexikaner in den USA als Menschen zweiter Klasse gelten, so sind es in Mexiko die Mittelamerikaner, die von vielen stark diskriminiert werden. Für sie ist es doppelt so schwierig, in das vermeintlich gelobte Land Amerika einzureisen, denn dafür müssen sie ganz Mexiko durchqueren. Die wenigsten schaffen das (und stehen dann vor dem gleichen Problem wie die mexikanischen Flüchtlinge: der Grenze zwischen Mexiko und den USA). Dem Großteil blüht im besten Fall, hochverschuldet zurück in ihr Heimatland geschickt zu werden, aber auch das sind Ausnahmen. Für die anderen bedeutet die lange Reise Erniedrigung, Vergewaltigung, Folter, Tage ohne Wasser und Nahrung und mitunter auch den Tod. Weiterlesen „Antonio Ortuño: Die Verbrannten“

Lucia Leidenfrost: Mir ist die Zunge so schwer

Leidenfrost„Jetzt suche ich noch einmal, ob ich etwas finden könnte auf dieser Welt, das mir Zuflucht gibt“

„Hör zu, ich erzähle dir eine Geschichte, damit du sie aufhebst. Für diese Geschichte brauch ich eine Zunge und einen Mund, um damit Laute zu formen, Hände, um die Geschichte mit Gesten zu schmücken, ein Gesicht, um Gefühle zu zeigen. Du brauchst Ohren und Augen, um mir zu folgen.“

Denn die Figuren, die in diesen Geschichten zu Wort kommen, haben lange nicht gesprochen – oft sogar ein Leben lang. Die müssen jetzt noch was sagen, jetzt, bevor es zu Ende geht, jetzt, bevor sie verstummen für immer. Sie erzählen von Geheimnissen und der Liebe, von Verrat und vom Leben, das viel zu schnell vergangen ist. Und vor allem von dem, über das nie geredet wurde: den Geschehnissen im Krieg. Nazis waren doch alle, aber herrje, wir wussten ja nichts. Was verschwiegen wurde, kommt nun ans Licht – was auch immer es gewesen sein mag. Weiterlesen „Lucia Leidenfrost: Mir ist die Zunge so schwer“

Verlagsporträt: starfruit publications

Seine Bücher fielen wie die Äpfel vom Baum. Dass es ganz ausgesuchte Exemplare von besonderer Güte und überschaubarer Menge sind, versteht sich für Manfred Rothenberger, den Verleger von starfruit publications, von selbst.
In dem 2009 gegründeten Verlag (gemeinsam mit Kathrin Mayer) aus Fürth leistet man es sich mit großzügiger Geste, „anspruchsvolle Inhalte und gute Kunst in ein gutes Kleid zu stecken“, das nebenbei auch erschwinglich ist. Die finanzielle Unabhängigkeit sorge hierbei für geistige Unabhängigkeit, so der Verleger, brotberuflich Direktor des Instituts für moderne Kunst Nürnberg, das ebenfalls als Herausgeber fungiert. So muss auch keine Rücksicht auf den schnelldrehenden saisonalen Buchmarkt oder sonstige „kommerzielle Regungen“ genommen werden. Bewusst hängt der Verlag dem Prinzip der Entschleunigung und der Reduktion an: zwei, drei Bücher pro Jahr, mehr nicht. Weiterlesen „Verlagsporträt: starfruit publications“

Mathias Menegoz: Karpathia

Menegoz-Karpathia

Eine trutzige Burg, umgeben von bewaldeten Bergen, kaum sichtbar im nebligen Dunst. Düster. Unheilschwanger. Bedrohlich. Als ich das Buch „Karpathia“ von Mathias Menegoz das erste Mal gesehen habe, war mir anhand dieses Umschlagphotos sofort klar, dass ich es unbedingt lesen möchte. 636 Seiten später kann ich diese Vorahnung bestätigen: Der Roman hat mich mit seinem ganz eigenen Stil vollkommen begeistert.

Die Handlung beginnt im November 1833 in einem Wiener Kaffeehaus, wo wir dem Grafen Alexander Korvanyi zum ersten Mal begegnen, jüngster Sproß eines fast ausgestorbenen magyarischen Adelsgeschlechts. Ein Duell und eine Hochzeit später macht sich jener Graf mit seiner frisch angetrauten Ehefrau Cara auf den Weg zu dem Stammsitz seiner Familie, einer alten Burg irgendwo am Rande der Karpaten, mitten in Transsilvanien. Weiterlesen „Mathias Menegoz: Karpathia“

Empfehlung für den Winterschlaf

Das Jahr hat gerade begonnen, und wir begrüßen es mit der passenden Lektüre für kalte Winterabende oder gar den Winterschlaf. Den Buchdeckel zieren grazile Buchstaben beim tänzelnden Hochseilakt: Bastian Schneider beglückt uns mit Vom Winterschlaf der Zugvögel, dem Hauch eines Buches, erschienen im Sonderzahl Verlag in Wien, dem Verlag, der sich seit mehr als dreißig Jahren schwerpunktmäßig um die „literarische Zwischenform“ des Essays bemüht und in der Literatur die Erweiterung der „Sprachspielräume“ pflegt. Schneiders Werk mit seinen sechsundfünfzig poetischen Minitexten verteilt auf neunzig Seiten ist dort richtig platziert. Weiterlesen „Empfehlung für den Winterschlaf“