Ann-Marie Ljungberg: Dunkelheit, bleib bei mir

Ein Attentat in Schweden, 1940

Gerade in einem Land wie Deutschland, das nach 1945 dazu gezwungen war, sich intensiv mit seiner Rolle im 2. Weltkrieg auseinanderzusetzen (weil es ihn lostrat und seine Bevölkerung entsetzliche Verbrechen in den besetzten Gebieten verübte), könnte leicht der Eindruck entstehen, dass die Geschichte dieser Zeit und dieses Krieges eine aufgearbeitete ist. Es erscheinen jedes Jahr zahlreiche neue Publikationen mit Erinnerungen, Analysen, Schauplatzgeschichten etc., und keine größere deutsche Zeitung hat nicht mindestens eine Sondernummer zum Dritten Reich und dem 2. Weltkrieg gemacht.

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Tor Even Svanes: Ins Westeis

swanesEine Schifffahrt nah am Untergang
„Nachts sinkt die Umdrehungszahl der Schiffsmotoren, aber es wird niemals wirklich Nacht. Tag auch nicht. Sie sind die ganze Zeit von der gleichen anthrazitgrauen Masse umschlossen, egal, welche Tageszeit gerade ist.“ Sie ist jung, und sie ist auf einem Schiff voller Männer: Die Inspektorin Mari soll in der Eiswüste Grönlands den Robbenfang dokumentieren. Doch als das Töten beginnt, packt sie das kalte Grauen: Nicht nur, dass die Männer die Vorschriften nicht einhalten, sie verletzen die Tiere zum Spaß, morden und schlachten ohne Rücksicht auf Verluste. Als Mari das anspricht, sieht sie sich offenen Anfeindungen ausgesetzt, die zu Drohungen werden. Schnell erkennt sie: Sie ist in größter Gefahr. Und es gibt für sie keinen Ausweg.

Habt ihr schon mal ein Buch gelesen, das von der ersten bis zur letzten Seite aus Beklemmung bestand – in Worte gegossen? So ist Ins Westeis von Tor Even Svanes, der aus dem Oslofjord stammt. Er bringt darin seine Protagonistin Mari in eine unmögliche Situation: Er schickt sie mit dem Schiff gnadenloser Robbenjäger in eine unwirtliche, für Menschen tödliche Gegend. Dann nimmt er ihr nach und nach jede Schutzzone weg, bis sie völlig schutzlos ist, und das geht erstaunlich schnell. Die Regeln des Anstands, jegliches respektvolles Benehmen verschwinden rasch, wenn es niemanden mehr gibt, der darauf achtet, ob sie eingehalten werden. Keine höhere Instanz, keinen Gesetzeshüter. Schnell übernehmen Gier, Grausamkeit und Selbstjustiz das Ruder. Die Tiere sind den Männern herzlich egal – und Mari auch.

Dieses Buch ist eigentlich kein Roman, sondern eine Kurzgeschichte. Auf die Seitenzahl kommt es nur, weil es außerordentlich luftig gesetzt ist – oft nur ein Absatz pro Seite. Wenn man es als Short Story liest, ergibt es mehr Sinn und passt vom Tempo her besser. In seinem dritten Buch hat der Autor vieles unausgesprochen und unerklärt gelassen – das macht das beklemmende Gefühl natürlich nur umso größer. Sehr detailliert beschreibt er dagegen das skrupellose Morden der Tiere, die Methoden, die Geräusche, das Blut, das Leiden. Dies ist eine sehr eindringliche Geschichte, die ich in kurzer Zeit gelesen habe – dank des oben erwähnten luftigen Satzes –, die mir aber lange im Gedächtnis blieb. Ein Buch über die kälteste Kälte, die es gibt: die menschliche.

Tor Even Svanes: Ins WesteisOsburg Verlag, 198 Seiten, 18 Euro.

Joachim Kalka: Der Mond

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Wenn Sie auf dem Mond leben müssten, was würden Sie am meisten vermissen? – Mondschein!!

So hat Arno Schmidt einmal auf eine Zeitungsumfrage geantwortet. Eine für den Bargfelder Haidedichter nur zu typisch-konsequente Replik, spickte er doch seine Romane und Erzählungen mit allerfeinsten und ausgefallenen Mondmetaphern. Auf der anderen Seite kreidete er seinen schreibenden Kollegen gerne falsche Mondauf- und –untergänge, sowie falsche Mondphasen an. Und er fand viele astronomische Fehler bei den großen, alten Dichtern. Dass immer, wenn Liebende sich still vergnügen, der Vollmond sanft über die Wipfel linst, ob’s passt oder nicht, war (und ist) den Schriftstellern egal. Schmidt nicht. Er selbst ließ einen seiner Roman gar zur Hälfte auf dem Mond spielen, wenn auch nur in der Phantasie: Kaff auch Mare Crisium.  Weiterlesen

Niroz Malek. Der Spaziergänger von Aleppo

malek_der_spaziergänger_von_aleppoIn einer Balance zwischen Traum und Realität erzählt Niroz Malek in diesem schmalen Buch vom Leben im heutigen Aleppo: Geschichten aus einer zerstörten und traumatisierten Stadt – Ruinenlandschaft aus verwinkelten Gassen, zerstörten Kirchen und Moscheen, über welcher düster die alte Zitadelle thront. Bei mir hinterlassen diese Geschichten das Gefühl, im Barcelona der Nachkriegszeit zu sein. Wer dieses Buch aufschlägt und „das Tor öffnet“ (auf dem Buchcover abgebildet: das Eingangstor der Zitadelle von Aleppo), der betritt eine düstere mystische Welt voll dunkler Gestalten – Menschen in ständiger Angst um ihr Leben, Untote, welche nie zur Ruhe kommen und natürlich unzählige Tote.

Dennoch will Niroz Malek diese Welt nicht verlassen. Weiterlesen

Anke Stelling: Bodentiefe Fenster

Stelling-BodentiefeFenster

Im April 1990 lief ich durch ein gigantisches Trümmerfeld. Endlos wirkende Straßenzüge ruinengleicher, aber immer noch prächtiger Häuser unter einem grauen, regnerischen Himmel. Braunkohlegeruch, kaum ein Mensch auf der Straße und was mir besonders in Erinnerung geblieben ist, waren die Metallträger, die aus den bröckelnden, schwarzen Fassaden ragten und damit andeuteten, wo einst Balkone waren. Alles war beeindruckend und trostlos zugleich. Niemals hätte ich es damals für möglich gehalten, dass dieser Bezirk nur fünfzehn Jahre später zu einer der angesagtesten, schönsten und gleichzeitig zu einer der gediegensten und auf eigene Art und Weise spießigsten Wohngegenden Deutschlands werden sollte. Zu einem Bionade-Biedermeier, wie die ZEIT treffend titelte. Genau, es geht um den Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg und Anke Stellings Roman „Bodentiefe Fenster“ führt mitten hinein ins Biotop der unangepassten Angepassten. Weiterlesen

Kathy Zarnegin: Chaya.

»Das ganze Leben ein Gedicht.«

Wäre das schön! Wenn man nur von Gedichten und der Philosophie leben könnte. Eine traumhafte Vorstellung, die mir Chaya zuflüstert. Ich nicke ihr mit leuchtenden Augen zu und lächle über die junge Frau, an deren Seite ich für kurze Zeit weilen konnte. Ach, ich werde sie vermissen, meine neue Freundin. Wir haben uns im gleichnamigen Buch getroffen, das Kathy Zarnegin geschrieben hat. Die Autorin hat meinen wintermüden Geist mit Sonne aufgeladen, auch wenn man dem Buch diese Kraft auf dem ersten Blick nicht ansieht. Eher unauffällig liegt es derzeit zwischen den farbenfrohen Büchern der Saison, doch das im weissbooks-Verlag erschienene Buch ist so überhaupt nicht zurückhaltend. Bereits auf den ersten Seiten weht eine selbstbewusste Prise. Weiterlesen

Amsél: Wiedersehen in Tanger

Amsél, Wiedersehen in Tanger„Es heißt, Tanger sei wie ein Spiegel: Wer sich darin erblickt und nicht aushält, was er sieht, muss unverzüglich abreisen. Wer es aber schafft zu ertragen, was der Spiegel ihm zeigt, der muss immer wieder zurückkehren, den lässt die Stadt nicht mehr los.“

Ein Gastbeitrag von Timo Brandt

Ganz in der Nähe der Straße von Gibraltar, den Säulen des Herkules, liegt die Stadt Tanger – ein mystischer Ort (an dem es, wie an so vielen mystischen Orten, vor profanen Dingen nur so wimmelt – vielleicht fallen sie einem aber auch nur besonders ins Auge). Beiden Seiten wird in diesem Buch Rechnung getragen: dem Profanen in den Beschreibungen der Landschaft und den meisten Geschehnissen, das Mystische liegt tief in den Figuren und findet zwischen ihnen statt, bevölkert ihre Geschichten, ihre Ansichten. Egal wie gewöhnlich (und darin schön wie schrecklich) die Welt draußen ist – die Figuren schöpfen die Mysterien aus sich selbst, aus ihren Empfindungen, Gedanken, Eindrücken.

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Barbara Landes: Die Ballade vom Wunderkind Carson McCullers

landes_die_ballade_vom_wunderkindHeute vor hundert Jahren erblickte ein Wunderkind das Licht der Welt. Die kleine Lula Carson Smith wusste damals noch nicht, dass sie ein berühmter Mensch werden sollte. Eine Autorin, die noch viele Jahre nach ihrem Tod in ihren Büchern weiterlebt. Und hier eine begeisterte Leserin dazu inspiriert, über sie zu schreiben, um sie zu ehren und an ihr eindrucksvolles Schaffen zu erinnern. Beinah jeder Carson McCullers-Leser wird mir bestätigen: Dies ist keine Sorte Literatur, die man einfach so wegschlürft und danach sofort vergisst. Carson McCullers Geschichten – in einer schlichten und klaren Sprache erzählt – graben sich in die Tiefe der Seele ein, erzeugen eine elektrisierende Wirkung und hinterlassen ein ganz besonderes Echo. Genau dem möchte ich heute nachspüren und das literarische Erbe würdigen, das die Autorin hinterlassen hat.

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We love Indie

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Wir sind keine Profis in Sachen LIEBESROMAN. Beim Stöbern und Darüber-Reden jedoch fanden wir Erstaunliches. Selten mit klassischem Happy End. Manchmal melancholisch oder sogar tragisch. Aber immer schön! Und ganz sicher ist dies nur eine kleine feine Auslese, welcher der eine oder andere Liebesroman noch hinzugefügt werden kann. Lasst Euch inspirieren. Verschenkt Liebe. Es ist Valentinstag.  Weiterlesen

Rui Zink – Die Installation der Angst

41ns9zyibbl-_sx314_bo1204203200_Es ist eine Binsenweisheit, dass Angst ein außerordentlich wirksames politisches Instrument ist. Ängstliche lassen sich weitaus besser formen und zu „unpopulären Maßnahmen“ überreden, sofern die Rettung vor dem Abgrund verheißen. Rui Zink, in Portugal schon länger ein gefeierter Star, verwandelt diese Weisheit nun in eine bissige Parabel auf unser wachsendes Sicherheitsbedürfnis in einer unsicheren Welt.

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