We talk Indie: Im Gespräch mit dem Kindermann Verlag

Es wird mal wieder Zeit für einen Kinderbuchverlag. Und so haben mit dem Kindermann Verlag aus Berlin gesprochen. Diesen hatten wir bereits Anfang des Jahres in einem Special auf we read indie kurz vorgestellt. Verlegerin und Autorin Barbara Kindermann erzählt von den Anfängen und ihrer Liebe zu den Klassikern.

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v.r.n.l.: Anna Kindermann, Barbara Kindermann und Julia Hoffmann

Wie ist es zur Gründung des Verlages gekommen?

Durch eine Idee. Mein Wunsch war es, Kinder schon in einem Alter mit Weltliteratur in Berührung zu bringen, in dem sie noch darauf gespannt sind und Freude daran haben, und noch nicht durch die schulische Pflichtlektüre vielleicht für immer für die Klassiker verloren sind. Die Geschichten sollen primär fesseln und spannend sein, sekundär den Kindern etwas näherbringen, das ihnen auch im späteren Leben wieder begegnen und von Interesse sein wird. Lange vor PISA und Klassikerboom hatte ich diese Idee, große Klassiker in leicht verständlicher Prosa für Kinder nachzuerzählen, das führte zur Verlagsgründung. Weiterlesen

Andor Endre Gelléri: Die Großwäscherei.

»Zisch, dampf, sprüh – der Sound einer Großwäscherei.«andor_endre_gelleri_die_grosswäscherei

Kann ein Buch Funken versprühen? Aber natürlich – hier kommt der Beweis! »Die Großwäscherei« von Andor Endre Gelléri hat mich aus dem Lesesessel gehoben und wie eine Uhr aufgezogen. Ganz aufgedreht war ich während der Lektüre, weil der ungarische – leider viel zu früh verstorbene – Autor ein begnadeter Wortakrobat ist. Und mich mit beinah jeder seiner poetischen und bildreichen Zeilen entzückt hat. Ich vernasche ja zu gern schön geschriebene Bücher und fühlte mich hier einer nektarliebenden Biene sehr ähnlich.

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[Gastrezension] David Garnett: Dame zu Fuchs

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Auf einem Waldspaziergang verwandelt sich die liebliche Mrs Tebrick urplötzlich in ein kleines Füchslein. Klingt absonderlich? David Garnett hat diese Geschichte 1922 aufgeschrieben – und der Dörlemann Verlag hat es nun neu aufgelegt.

Anfang 1880 unternimmt das frisch gebackene Ehepaar Tebrick einen Spaziergang durch ein kleines Wäldchen, was sich oberhalb ihres Zuhauses befindet. Sie sind verliebt und glücklich miteinander, ihre Zweisamkeit könnte nicht perfekter sein – und doch geschieht wie aus dem Nichts plötzlich etwas seltsames: “Seine Frau fiel zurück, und er, der ihre Hand hielt, zerrte nun regelrecht an ihr. Noch ehe sie an den Rand des Wäldchens kamen, riss sie sich plötzlich gewaltsam los und schrie auf, worafhin er sich eilig zu ihr umdrehte.

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Wo eben noch seine Frau gewesen war, stand, mit leuchtend rotem Fell, ein kleiner Fuchs. Der schaute ihn flehentlich an, machte ein paar Schritte auf ihn zu, und Mr Tebrick erkannte sogleich, dass es seine Frau war, die ihm da aus den Augen des Tiers entgegenblickte.”
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Der Anfang erinnert euch an etwas? Genau: Dass sich David Garnett mit dieser Novelle vor dem großen Dichter Franz Kafka verbeugt, dessen ebenso wunderliche Novelle “Die Verwandlung” zehn Jahre früher veröffentlicht worden war, ist ziemlich deutlich. Und die Parallelen reichen weiter. Anders allerdings als die Familie Gregor Samsas, die sich beim Anblick des monströsen Käfers voller Ekel abwendet, wird die Liebe Mr Tebricks zu seiner kleinen Fuchsdame nur noch größer. Er nimmt sie mit nachhause, kleidet sie in ihren Morgenmantel, setzt sie neben sich an den Mittagstisch und gibt sich alle Mühe so zu tun, als wäre nichts gewesen.

Doch ohje – kann man ein kleines, junges Füchslein wirklich domestizieren? Während die gute Mrs Tebrick anfangs noch voller Verwirrung über ihre Verwandlung ist und sich zum schlafen bereitwillig auf das Kissen neben ihren Mann legt, kommt mit jeder weiteren Seite der Geschichte ihre animalische Natur stärker zum Vorschein: Sie beginnt unter dem Bett zu schlafen, schnappt mit den spitzen Zähnen nach ihrem Mann, wenn ihr etwas nicht gefällt und kratzt so lange an der Gartentür, bis Mr Tebrick schließlich Erbarmen hat und sie ins Freie lässt. Woraufhin sie sich ein Loch durch den Zaun gräbt, in den Wald entflieht und dort mit einem anderen Fuchs eine Familie mit vielen kleinen Fuchskindern gründet. Und Mr Tebrick? Der kann sich weiterhin nicht lösen von dieser Frau, die schon längst nicht mehr existiert und doch all seine Liebe abbekommt.

Wie Gregor Samsa, der eines Morgens einfach als Käfer aufwachte, weil er sich seinen alltäglichen Pflichten nicht mehr gewachsen fühlt, verwandelt sich auch Mrs Tebrick in ihre “wahre Natur”: Sie sei schon immer ein bisschen wild gewesen, sagen Menschen aus ihrem Umfeld, dabei sei sie von ihrer Mutter sehr streng erzogen und früh verheiratet worden.

Wer immer nur gezwungen wird, seine Identität zu unterdrücken, aus dem bricht es eben irgendwann aus: Als Fuchs kann Mrs Tebricks sich frei jeder Konventionen verhalten, die sie zuvor in ein zu enges gesellschaftliches Korsett geschnürt hatten. Sie darf wild sein.

David Garnett, im hochnäsigen “Victorian Age” groß geworden, hat sich selbst an den gesellschaftlichen Zwängen seiner Zeit abgearbeitet: Er lebte seine homosexuellen Neigungen in einer Liebesbeziehung mit Duncan Grant aus und heiratete später dessen Tochter Angelica Bell, die Nichte von Virginia Woolf und ebenfalls Mitglied der legendären Bloomsbury Group. Ziemlich sicher kein geradliniger Werdegang im Sinne der englischen High Society! Was man als Leser aus dieser allegorischen Erzählung mitnimmt, mag bei jedem anders sein – aber genau das macht das kleine Büchlein so lesenswert.

David Garnett. Dame zu Fuchs. Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch. Dörlemann Verlag 2016. Gebunden 160 Seiten. 17,- €. ISBN 9783038200260

Besprechungen bei anderen Buchbloggern:
Sophie auf “Literaturen”
Mareike auf “Herzpotenzial”
Constanze auf “Zeichen und Zeiten”

Herzlichen Dank an Julia Schmitz von Fräulein Julia für den Gastbeitrag!

 

 

 

Lila Azam Zanganeh: Der Zauberer Nabokov und das Glück

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»Aus Liebe zu Nabokov«

Die Liebe zu einem Autor ist eine ganz besondere – denn es ist ein eigentlich fremder Mensch, mit dem man sich dennoch durch eine unsichtbare Schnur verbunden fühlt. Nur allein dadurch, was und wie er seine Geschichten schreibt und einen so begeistert. Deshalb war ich neugierig, was die junge Autorin Lila Azam Zanganeh in ihrem Buch »Der Zauberer Nabokov und das Glück« über ihren Lieblingsautor Vladimir Nabokov schreiben würde.

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