Andrea Scrima: Wie viele Tage

Es sind die kleinen Momente, die manchmal das Leben ausmachen, der weggeworfene Kaffeebecher, ein Lichtstrahl, der verstaubte Gegenstand, bedeutungslos für alle außer der einen Person, die ihn mit Erinnerung und Wert auflädt. Andrea Scrimas Debütroman „Wie viele Tage“ zeichnet sich durch die Melancholie seiner Ich-Erzählerin aus, die zwischen zwei Kontinenten auf der Suche nach Heimat und der eigenen Identität ist.

„Jeder in seiner eigenen Welt, seinem eigenen persönlichen Universum, all diese imaginären Räume und Landschaften, die in den Köpfen der Leute existieren, koexistieren, kollidieren … Sie alle sehen etwas, das nicht da ist.“

Sie lebt im East Village, Williamsburg und Kreuzberg der achtziger und neunziger Jahre, die Protagonistin in Andrea Scrimas mosaikartigem Roman „Wie viele Tage“. Doch von wenigen äußeren Umständen, die angedeutet werden, abgesehen, spielt sich dieser Roman in der Gedanken- und Emotionswelt der Ich-Erzählerin ab. Es sind die kleinen Beobachtungen, die das Leben zu dem machen, was es ist, denn sie bestimmen die subjektive Wahrnehmung der Realität, und nicht die großen Erschütterungen der Zeit, der Außenwelt. Die Ästhetik liegt im Gewöhnlichen und Alltäglichen. In einer der poetischsten Stellen des Romans wird die Protagonistin Zeugin des Moments, bevor sich der Kaffeerest aus einem achtlos weggeworfenen Becher und Hundeurin auf der Straße berühren und genau dort ein Zettel mit einer Adresse liegt, den sie rettet. Der Gedanke, dass nur sie den Zauber dieses Augenblicks wahrgenommen hat, diese „Faktoren in einer Gleichung, die für mich und nur für mich bestimmt war“, macht sie schwindlig – „und dennoch verstand ich nichts, überhaupt nichts“. Weiterlesen „Andrea Scrima: Wie viele Tage“

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Maeve Brennan: New York, New York

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Foto: Karl Bissinger

Heute ist ein besonderer Tag, der mich einerseits beglückt und andererseits ein bisschen traurig macht. Glücklich bin ich darüber, dass ich auf meinem Blog den 100. Geburtstag einer bemerkenswerten Autorin zelebrieren kann. Traurig hingegen macht mich die Tatsache, dass ich in sämtlichen Literaturkalendern keinen Eintrag über Maeve Brennan finde. War die Autorin am Ende zu unbekannt? Oder hat man sie übersehen? Nun, es ist wie es ist, und ich kann die frohe Kunde übermitteln, dass Maeve Brennan eine außergewöhnliche Journalistin und Schriftstellerin war, von der ich euch heute berichten und auf die ich anstoßen möchte. Cheers!

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Mary McCarthy: Die Clique.

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»Einen Martini bitte!«

Bei »Die Clique« nicht an »Sex and the City« zu denken, fällt wahrlich schwer. Ach, eigentlich ist es schier unmöglich. Immerhin hat dieser Roman Candace Bushnell begeistert und inspiriert. Aus ihrer Feder stammt die literarische Vorlage für die amerikanische Erfolgsserie »Sex and the City«. Sie selbst schreibt im Vorwort: »Ich bin ziemlich sicher, dass ich nie ein Buch wie »Die Clique« zustande bringen werde, aber Mary McCarthy wird mich immer inspirieren.« In jedem Fall ist »Die Clique« ein moderner Klassiker der Frauenliteratur.

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Premiere mit Deborah Feldman: Unorthodox. Eine autobiographische Erzählung

Vor wenigen Tage ist im Verlag Secession Unorthodox von Deborah Feldman erschienen. Die Premiere des Romans fand am 8. März auf der Probebühne im ausverkauften Berliner Ensemble statt. Moderiert wurde die Lesung von Anja Bröker (beide haben sich 2010 über Deborahs Blog kennen gelernt). Laura Tratnik las eindrucksvoll einzelne Passagen des Romans.

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© Secession Verlag

Wie Deborah Feldman da vorn auf der Bühne sitzt in rotem Rock und schwarzem Shirt, wird mir klar, welche großen und mutigen Schritte diese Frau in den letzten Jahren gegangen ist. Und welche Zweifel sie sicher auf ihrem Weg begleitet haben. Ich denke an den Rebbe in ihrem Roman … Weiterlesen „Premiere mit Deborah Feldman: Unorthodox. Eine autobiographische Erzählung“

Adelle Waldman: Das Liebesleben des Nathaniel P.

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»Ein weiblicher Blick in die männliche Seele.«

Meistens schreiben Männer über Männer oder Frauen über Frauen. Doch es gibt auch Ausnahmen. So wie »Das Liebesleben des Nathaniel P.« von Adelle Waldman, in dem die Autorin mit der Stimme eines männlichen Protagonisten erzählt. Das Werk hatte sich schon kurz nach seinem Erscheinen vor zwei Jahren in den USA zu einem der meist diskutierten Romane entwickelt. Das hat die Klappentexterin natürlich neugierig gemacht. Und das Innenleben von Männern an sich ist ja sowieso ein spannendes Feld.

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