Phil Hogan: Die seltsame Berufung des Mr Heming

phil_hoganDas Böse und Abseitige kommt manchmal auf leisen Sohlen. Und manchmal in Gestalt eines harmlosen Immobilienmaklers. William Heming ist das, was man gemeinhin unauffällig nennt. In seiner Stadt kennt zwar jeder die Firma, für die der freundliche Herr im Tweedjacket Häuser verkauft, er selbst aber wird von den wenigsten erkannt, unbemerkt wie ein Geist schlüpft er in die Leben seiner Klienten, einem Luftzug gleich, den man, kaum nimmt man ihn wahr, schon wieder vergisst. Stets, wenn sich ein Verkaufswilliger an das Immobilienbüro wendet und für eine Besichtigung des Hauses seinen Schlüssel abgibt, fertigt William Heming Kopien davon an. Akribisch wie ein Archivar sammelt er all diese Schlüssel – und besucht seine Kunden, wenn die es am wenigsten erwarten.

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Véronique Olmi: Das Glück, wie es hätte sein können

Eine Geschichte vom Scheitern

71ym8zGZFAL._SL1500_„Es ist die Liebe, die die Maisonettewohnung nicht verlässt, und manchmal ähnelt ihnen das Zimmer, ein Durchgangszimmer, ein bisschen zusammengestückelt, eine fröhliche Unordnung, die Spuren einer glücklichen Liebe.“ Allerdings ist es eine Liebe, die nicht sein darf, die nur kurz aufflackert und verlischt: Suzanne, die Klavierstimmerin, und Serge, der Luxusmakler, sind verheiratet. Allerdings nicht miteinander. Serges Frau Lucie ist viel jünger als er, wunderschön, Mutter seiner zwei kleinen Kinder. Suzannes Mann Antoine ist lieb und verlässlich. Aber dann sind da all die verspielten Möglichkeiten: Suzanne hätte Pianistin werden können. Sie hätte Kinder haben können. Serge hätte eine schöne Kindheit und eine Mutter haben können. Für eine Weile leben sie diese Träume, in einem Paralleluniversum, sie schlafen in einer leer stehenden Wohnung miteinander, um all diese Möglichkeiten zu spüren. Ein verbindendes Element ist dabei auch das Klavier als ein Musikinstrument, mit dem Suzannes arbeitet und das Serges Kindheit prägte. Doch während Suzanne den Mut hat, ihre Konsequenzen aus dieser Liebe zu ziehen, verstrickt sich Serge komplett in seiner eigenen Vergangenheit und durchlebt erneut das Furchtbare, das geschehen ist, als er acht Jahre alt war. Weiterlesen

Sommer, Sonne, Bücher: Kleine Verlage am Großen Wannsee

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Es war heiß. Verdammt heiß. Das erfrischende Lüftchen, das ich mir vom Wannsee erhofft hatte, verfing sich in den Bäumen und blieb dort wie ein Faultier hängen. Trotzdem war ich glücklich. Besuchte ich doch eine der schönsten Literatur-Veranstaltungen. Das Literarische Colloquium Berlin (LCB) lud am vergangenen Samstag zu “Kleine Verlage am Großen Wannsee” ein. Wie im vergangenen Jahr wollte ich mir das besondere Ereignis nicht entgehen lassen. So packte ich genügend Wasser ein und machte mich mit einer Freundin auf den Weg.

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Leonardo Padura: Ketzer

00_Padura_Ketzer.inddOstern 2014 habe ich mit Rembrandt auf Kuba verbracht! So unglaublich das klingt, so unglaublich ist auch der neue Roman „Ketzer“ des kubanischen Erfolgsautors Leonardo Padura. Und mit diesem hat er sich wirklich selbst übertroffen. Er ist eine gelungene Mischung aus spannendem Kriminalroman und interessanter Kunst- und Religionsgeschichte. Ein Schmelztiegel der ganz großen Themen: Glauben, Religion, Liebe, Hoffnung und Freiheit. Bindeglied für die unterschiedlichen Erzählstränge ist ein Bild des niederländischen Meisters Rembrandt van Rijn. Der Roman ist in drei Bücher und einem vierten Teil, der mit Genesis betitelt ist, gegliedert. Ich werde diese Aufteilung übernehmen, da ich sonst der Komplexität wegen den roten Faden verlieren würde. Weiterlesen

Pat Barker: Tobys Zimmer

Die Menschen in Zeiten des Krieges.

barkerKann ein Roman trotz der Grausamkeit des Krieges schön sein? Das kann er, wenn er aus der Feder von Pat Barker stammt. Hierzulande war die 1943 geborene Autorin bislang eher unbekannt, doch das hat sich jetzt geändert. Dem Dörlemann Verlag sei Dank, hat er uns doch mit Tobys Zimmer ein einzigartiges Leseerlebnis geschenkt.

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Vorfreude auf den Indiebook-Herbst

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Endlich Sommer! Wir lieben es, auf der Wiese zu liegen und in den blauen Himmel zu schauen, riesige Eiskugeln zu schlecken und im kühlen See abzutauchen. Trotzdem freuen wir uns schon auf den Herbst. Allerdings erst einmal ausschließlich in literarischer Hinsicht. Denn im Herbst 2014 erscheinen wieder zahlreiche herrlich schöne Indie-Bücher, die wir mit Spannung erwarten. Welche das sind? Jede von uns hat drei vielversprechende Herbsttitel für euch herausgesucht. Weiterlesen

Christoph Werner: Marie Marne und das Tor zur Nacht

Marie-Marne-und-das-Tor-zur-Nacht-9783955100377_xxlEin Hauch von Michael Ende umweht den neuen Roman von Christoph Werner. Mit viel Magie und gleichzeitig doch einem bewundernswert festen Stand in der Wirklichkeit schafft der Theaterregisseur aus Halle ein hochaktuelles Märchen, das einen bis in seine Träume hinein verfolgen kann.

Die Welt, wie wir sie kennen, mag fehlerhaft sein,aber die Welt, die diese Leute wollen, wird vor allem eins sein: effizient. Effizient, effizient, effizient.

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Svenja Leiber: Schipino

Zeit bremsen im russischen Niemandsland

schipinoSchipino: In diesen abgeschiedenen Ort irgendwo in Russland gelangt Jan Riba, ein Deutscher; sein russischer Freund Viktor hat ihn hierher gebracht. Doch nicht Schipino ist das Ziel (zumindest vorerst nicht), sondern weg von daheim: »Weniger fährt er jetzt irgendwo hin, als irgendwo weg«. Riba flieht vor seiner blassen Existenz in Deutschland, seinem Beruf, seiner Frau, seinen Freunden, die ihm nichtssagend und gewöhnlich erscheinen. Im Grunde hat Riba genauso gelebt wie alle anderen, nichts ist da, was es wert wäre, erzählt zu werden. Weiterlesen

Jesmyn Ward: Vor dem Sturm

„Wo meine Brüder hingehen, gehe ich auch hin“

Vor_dem_Sturm_255x0„Wir haben nie aufgehört zu weinen. Wir haben es nur im Stillen getan.“ Denn auch nach dem Tod der Mutter, die bei der Geburt des vierten Kindes gestorben ist, müssen die 15-jährige Esch und ihre Brüder Randall, Skeetah und Junior weitermachen. Der Vater trinkt, das Haus verfällt, die Sonne brennt – und über dem Mississippi-Delta braut sich ein Hurrikan von ungekannter Stärke zusammen. Sein Name ist Katrina. Zwölf Tage lang versucht der Vater, das Haus irgendwie sturmfest zu machen, während Randall von einer Zukunft als Basketballer träumt, Skeetah mit aller Kraft um das Überleben der Welpen seiner Pitbull-Hündin China kämpft und Esch feststellt, dass sie schwanger ist. Der Vater des Kindes ist Manny, der eine Freundin hat und sich bei Gelegenheit über Esch hermacht, sie aber ansonsten gar nicht ansieht. „In meiner Brust ist eine Bewegung, so als hätte jemand einen Schlauch voll aufgedreht, und jetzt strömt das Wasser, das in der Sommerhitze in der Pumpe gestanden hat, siedend heiß heraus. Das ist Liebe, und sie tut weh.“ Als der Hurrikan seine gnadenlose Wut an Eschs Heimat auslässt, spitzt sich die Lage dramatisch zu – in jeder Hinsicht.

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Haus der Kulturen der Welt präsentiert Shortlist für Internationalen Literaturpreis

Bernado Kucinski auf der Shortlist

Die Welt der Literaturpreise ist vielfältig und bunt – egal ob international oder national. Noch in diesem Monat wird es einen neuen Gewinner des Internationalen Literaturpreises – Haus der Kulturen der Welt geben. Genau genommen wird am 23. Juni einer der sechs Shortlistkanidaten sich über die Ehrung freuen können.

Seit 2009 wird der Preis vom Haus der Kulturen der Welt in Berlin und der Hamburger Stiftung Elementarteilchen vergeben und steht für das beste internationale Erzählwerk in deutscher Erstübersetzung. Zu den letzten Preisträgern gehören neben Michael Schischkin auch Teju Cole und Mircea Cărtărescu.

„Der Internationale Literaturpreis lenkt den Fokus auf herausragende zeitgenössische internationale Erzählstimmen, den Vielklang der Erzählpraktiken und die Vermittlungsarbeit des Übersetzens. Er gibt Impulse für überfällige Erweiterungen des „nationalen“ literarischen Kanons in einer Welt, in der Narrationen, Lektüren und Übertragungen zentrale Kulturtechniken sind, um multiple Realitäten zu erschließen.“

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