Ann-Marie Ljungberg: Dunkelheit, bleib bei mir

Ein Attentat in Schweden, 1940

Gerade in einem Land wie Deutschland, das nach 1945 dazu gezwungen war, sich intensiv mit seiner Rolle im 2. Weltkrieg auseinanderzusetzen (weil es ihn lostrat und seine Bevölkerung entsetzliche Verbrechen in den besetzten Gebieten verübte), könnte leicht der Eindruck entstehen, dass die Geschichte dieser Zeit und dieses Krieges eine aufgearbeitete ist. Es erscheinen jedes Jahr zahlreiche neue Publikationen mit Erinnerungen, Analysen, Schauplatzgeschichten etc., und keine größere deutsche Zeitung hat nicht mindestens eine Sondernummer zum Dritten Reich und dem 2. Weltkrieg gemacht.

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Mit #verlagebesuchen 2017 in die Verlagswelt eintauchen.

Ihr habt euch sicherlich auch schon oft die Frage gestellt: Wo kommen all die schönen Bücher her? Und welche Köpfe stecken dahinter, wie sieht der Entstehungsprozess vom Manuskript bis zum fertigen Werk aus? Und und und… Nun, da habe ich einen besonderen Tipp für euch: #verlagebesuchen 2017. Dahinter verbirgt sich ein Projekt des Landesverbandes Berlin-Brandenburg vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels, das 2016 initiiert wurde. In diesem Jahr gibt’s zum Welttag des Buches in Kooperation mit den anderen Landesverbänden eine Fortsetzung. Und nicht nur das: Das Projekt wurde erweitert. So beteiligen sich vom 21. bis 23. April deutschlandweit rund 100 Verlage an der schönen Aktion. Was müsst ihr tun? Welche Verlage beteiligen sich? Das verrate ich euch in diesem Beitrag.

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Tor Even Svanes: Ins Westeis

swanesEine Schifffahrt nah am Untergang
„Nachts sinkt die Umdrehungszahl der Schiffsmotoren, aber es wird niemals wirklich Nacht. Tag auch nicht. Sie sind die ganze Zeit von der gleichen anthrazitgrauen Masse umschlossen, egal, welche Tageszeit gerade ist.“ Sie ist jung, und sie ist auf einem Schiff voller Männer: Die Inspektorin Mari soll in der Eiswüste Grönlands den Robbenfang dokumentieren. Doch als das Töten beginnt, packt sie das kalte Grauen: Nicht nur, dass die Männer die Vorschriften nicht einhalten, sie verletzen die Tiere zum Spaß, morden und schlachten ohne Rücksicht auf Verluste. Als Mari das anspricht, sieht sie sich offenen Anfeindungen ausgesetzt, die zu Drohungen werden. Schnell erkennt sie: Sie ist in größter Gefahr. Und es gibt für sie keinen Ausweg.

Habt ihr schon mal ein Buch gelesen, das von der ersten bis zur letzten Seite aus Beklemmung bestand – in Worte gegossen? So ist Ins Westeis von Tor Even Svanes, der aus dem Oslofjord stammt. Er bringt darin seine Protagonistin Mari in eine unmögliche Situation: Er schickt sie mit dem Schiff gnadenloser Robbenjäger in eine unwirtliche, für Menschen tödliche Gegend. Dann nimmt er ihr nach und nach jede Schutzzone weg, bis sie völlig schutzlos ist, und das geht erstaunlich schnell. Die Regeln des Anstands, jegliches respektvolles Benehmen verschwinden rasch, wenn es niemanden mehr gibt, der darauf achtet, ob sie eingehalten werden. Keine höhere Instanz, keinen Gesetzeshüter. Schnell übernehmen Gier, Grausamkeit und Selbstjustiz das Ruder. Die Tiere sind den Männern herzlich egal – und Mari auch.

Dieses Buch ist eigentlich kein Roman, sondern eine Kurzgeschichte. Auf die Seitenzahl kommt es nur, weil es außerordentlich luftig gesetzt ist – oft nur ein Absatz pro Seite. Wenn man es als Short Story liest, ergibt es mehr Sinn und passt vom Tempo her besser. In seinem dritten Buch hat der Autor vieles unausgesprochen und unerklärt gelassen – das macht das beklemmende Gefühl natürlich nur umso größer. Sehr detailliert beschreibt er dagegen das skrupellose Morden der Tiere, die Methoden, die Geräusche, das Blut, das Leiden. Dies ist eine sehr eindringliche Geschichte, die ich in kurzer Zeit gelesen habe – dank des oben erwähnten luftigen Satzes –, die mir aber lange im Gedächtnis blieb. Ein Buch über die kälteste Kälte, die es gibt: die menschliche.

Tor Even Svanes: Ins WesteisOsburg Verlag, 198 Seiten, 18 Euro.

Joachim Kalka: Der Mond

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Wenn Sie auf dem Mond leben müssten, was würden Sie am meisten vermissen? – Mondschein!!

So hat Arno Schmidt einmal auf eine Zeitungsumfrage geantwortet. Eine für den Bargfelder Haidedichter nur zu typisch-konsequente Replik, spickte er doch seine Romane und Erzählungen mit allerfeinsten und ausgefallenen Mondmetaphern. Auf der anderen Seite kreidete er seinen schreibenden Kollegen gerne falsche Mondauf- und –untergänge, sowie falsche Mondphasen an. Und er fand viele astronomische Fehler bei den großen, alten Dichtern. Dass immer, wenn Liebende sich still vergnügen, der Vollmond sanft über die Wipfel linst, ob’s passt oder nicht, war (und ist) den Schriftstellern egal. Schmidt nicht. Er selbst ließ einen seiner Roman gar zur Hälfte auf dem Mond spielen, wenn auch nur in der Phantasie: Kaff auch Mare Crisium.  Weiterlesen

Niroz Malek. Der Spaziergänger von Aleppo

malek_der_spaziergänger_von_aleppoIn einer Balance zwischen Traum und Realität erzählt Niroz Malek in diesem schmalen Buch vom Leben im heutigen Aleppo: Geschichten aus einer zerstörten und traumatisierten Stadt – Ruinenlandschaft aus verwinkelten Gassen, zerstörten Kirchen und Moscheen, über welcher düster die alte Zitadelle thront. Bei mir hinterlassen diese Geschichten das Gefühl, im Barcelona der Nachkriegszeit zu sein. Wer dieses Buch aufschlägt und „das Tor öffnet“ (auf dem Buchcover abgebildet: das Eingangstor der Zitadelle von Aleppo), der betritt eine düstere mystische Welt voll dunkler Gestalten – Menschen in ständiger Angst um ihr Leben, Untote, welche nie zur Ruhe kommen und natürlich unzählige Tote.

Dennoch will Niroz Malek diese Welt nicht verlassen. Weiterlesen

Anke Stelling: Bodentiefe Fenster

Stelling-BodentiefeFenster

Im April 1990 lief ich durch ein gigantisches Trümmerfeld. Endlos wirkende Straßenzüge ruinengleicher, aber immer noch prächtiger Häuser unter einem grauen, regnerischen Himmel. Braunkohlegeruch, kaum ein Mensch auf der Straße und was mir besonders in Erinnerung geblieben ist, waren die Metallträger, die aus den bröckelnden, schwarzen Fassaden ragten und damit andeuteten, wo einst Balkone waren. Alles war beeindruckend und trostlos zugleich. Niemals hätte ich es damals für möglich gehalten, dass dieser Bezirk nur fünfzehn Jahre später zu einer der angesagtesten, schönsten und gleichzeitig zu einer der gediegensten und auf eigene Art und Weise spießigsten Wohngegenden Deutschlands werden sollte. Zu einem Bionade-Biedermeier, wie die ZEIT treffend titelte. Genau, es geht um den Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg und Anke Stellings Roman „Bodentiefe Fenster“ führt mitten hinein ins Biotop der unangepassten Angepassten. Weiterlesen

Unser Indiebookday 2017

Für manch einen gibt es im Jahr kein schöneres Fest als Weihnachten, andere freuen sich über die vielen langen Wochenenden im Mai und Juni. Für uns Freunde der besonderen Literatur ist der einzig wahre Feiertag der Indiebookday. Der Hamburger mairisch Verlag hat ihn 2013 initiiert, um die unabhängigen Verlage und ihre fantastischen Programme ins Bewusstsein der Leser zu bringen. Von dieser wunderbaren Idee ließen wir uns damals anstecken und riefen kurzerhand We read Indie ins Leben, bis heute ein Herzensprojekt von uns allen. Welche schönen Bücher wir am vergangenen Samstag, dem fünften Indiebookday, entdeckt haben, das zeigen wir euch hier.

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Kathy Zarnegin: Chaya.

»Das ganze Leben ein Gedicht.«

Wäre das schön! Wenn man nur von Gedichten und der Philosophie leben könnte. Eine traumhafte Vorstellung, die mir Chaya zuflüstert. Ich nicke ihr mit leuchtenden Augen zu und lächle über die junge Frau, an deren Seite ich für kurze Zeit weilen konnte. Ach, ich werde sie vermissen, meine neue Freundin. Wir haben uns im gleichnamigen Buch getroffen, das Kathy Zarnegin geschrieben hat. Die Autorin hat meinen wintermüden Geist mit Sonne aufgeladen, auch wenn man dem Buch diese Kraft auf dem ersten Blick nicht ansieht. Eher unauffällig liegt es derzeit zwischen den farbenfrohen Büchern der Saison, doch das im weissbooks-Verlag erschienene Buch ist so überhaupt nicht zurückhaltend. Bereits auf den ersten Seiten weht eine selbstbewusste Prise. Weiterlesen

Amsél: Wiedersehen in Tanger

Amsél, Wiedersehen in Tanger„Es heißt, Tanger sei wie ein Spiegel: Wer sich darin erblickt und nicht aushält, was er sieht, muss unverzüglich abreisen. Wer es aber schafft zu ertragen, was der Spiegel ihm zeigt, der muss immer wieder zurückkehren, den lässt die Stadt nicht mehr los.“

Ein Gastbeitrag von Timo Brandt

Ganz in der Nähe der Straße von Gibraltar, den Säulen des Herkules, liegt die Stadt Tanger – ein mystischer Ort (an dem es, wie an so vielen mystischen Orten, vor profanen Dingen nur so wimmelt – vielleicht fallen sie einem aber auch nur besonders ins Auge). Beiden Seiten wird in diesem Buch Rechnung getragen: dem Profanen in den Beschreibungen der Landschaft und den meisten Geschehnissen, das Mystische liegt tief in den Figuren und findet zwischen ihnen statt, bevölkert ihre Geschichten, ihre Ansichten. Egal wie gewöhnlich (und darin schön wie schrecklich) die Welt draußen ist – die Figuren schöpfen die Mysterien aus sich selbst, aus ihren Empfindungen, Gedanken, Eindrücken.

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Vorfreude auf den Indie-Frühling

fruehling

Wir Bücherfreunde sind den Jahreszeiten immer ein Stück voraus. Während es draußen noch wahlweise schneit, stürmt oder regnet, sind wir von We read Indie bereits im Frühling angekommen, und zwar im Literaturfrühling. Die Verlage haben die neue Saison eingeläutet und beglücken Liebhaber der belles lettres mit farbenprächtigen Programmen, allen voran unsere geliebten Indies. Worauf wir uns besonders freuen, das zeigen wir euch in diesem kleinen Beitrag, und natürlich sind wir auch gespannt auf eure Favoriten.

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