Lola Shoneyin: Die geheimen Leben der Frauen des Baba Segi

Lola_Shoneyin_die_geheimen_leben_der_frauen_des_baba_segiFinsteres Nigeria, von der Literatur hell erleuchtet.

Nigeria ist finster und strahlend zugleich. Natürlich bewegen mich die furchtbaren Nachrichten über die Gewalt der Terrorsekte Boko Haram. Mit großer Sorge denke ich an die vielen unschuldigen Toten, die zahlreichen Opfer der Gräueltaten und an die zweihundert entführten Schulmädchen, von denen bis heute jede Spur fehlt. Zudem bin ich fassungslos über die Armut in dem afrikanischen Land, das aufgrund seiner reichlichen Ölvorkommen gar nicht arm sein müsste. Ein Widerspruch, der sich leider oft in Afrika findet. Das Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich fördert die Korruption und bietet gleichzeitig einen Nährboden für Menschen, die von Gier und Macht angetrieben werden. Im Gegensatz dazu leuchten die Stimmen der nigerianischen Gegenwartsliteratur wie eine Hoffnungskerze. Viele Bücher aus diesem zerrissenen Land begeistern mich auf ihre Weise. Und ich weiß am Ende nicht, ob ich weinen oder lachen soll über diesen Zwiespalt, den ich mit Nigeria verbinde.

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Iwan Bunin: Vera

BuninVera-US-uc.indd“Für die strenge Kunst, in der er die klassische russische Tradition in der Prosadichtung weitergeführt hat”. Für diese Kunst erhielt Iwan Alexejewitsch Bunin 1933 als erster russischer Schriftsteller den Nobelpreis für Literatur. Neben lyrischen Werken und übersetzerischen Arbeiten ist er vor allem durch seine Prosa bekannt geworden.

In dem zuletzt erschienenen Erzählband „Vera“ werden Scheiternde versammelt und dessen Schicksale beschrieben. Dabei steht vor allem das ländliche Leben Russlands des beginnenden 20. Jahrhunderts im Mittelpunkt. Eine eher pessimistische, melancholische Grundstimmung durchzieht das Buch. Weiterlesen

Michael Weins – Sie träumt von Pferden

Sie_traeumt_von_Pferden_Cover-620x947In Michael Weins’ Geschichten mit Tieren kann schonmal ein Wolf mit Mariacron auf seiner Wohnwagen-Ottomane sitzen und den einstigen Ruhm betrauern. Riesige Teddybären aus blauem Plüsch können einen ganz fest ans Herz drücken oder Katzen neben Kindern eine leerstehende Ruine bewohnen. Ihnen allen eigen aber ist die Einfühlsamkeit und Aufrichtigkeit, mit der sie erzählt sind. Man muss sie dafür lieben.

Sanfter Regen fällt wie eine Markise vor den Träumen der Welt.

Sehr oft in Michael Weins’ Geschichten geht es um schmerzliche Erfahrungen. Schon in Goldener Reiter drehte sich alles um einen Jungen, der mit der psychotischen Erkrankung seiner Mutter umgehen musste; geschrieben vor einem autobiographischen Hintergrund. Weins arbeitet selbst als Psychologe und kommt so gleichsam ständig in Kontakt mit den leidvollen Erfahrungen anderer. Das Besondere ist die Art, wie er sie in Worte kleidet, wie er Geschichten daraus spinnt, die trotz ihres häufig traurigen Inhalts stärkend und aufbauend sind, wie er aus Individuellem Universelles macht. Eben jenen Zauber kann man nun auch wieder in ,Sie träumt von Pferden‘ entdecken. Hier geht es um einen Jungen, der sich in seiner Außenreiterrolle dafür entscheidet, den Wolf zu besuchen, der in einem Wohnwagen etwas außerhalb des Viertels sehr abgeschottet lebt. Er war einst berühmt als ,der große böse Wolf’, bekannt aus Geschichten mit Zicklein, Schweinen und einem Mädchen mit roter Kappe. Jetzt gilt er bloß noch als verweichlichter “Schwuli”, wie die Jungs auf ihren fuchsschwanzdekorierten Motorrädern sagen. Und weil der Junge ihn besucht, gerät er mindestens ebenso schnell ins Fadenkreuz der Halbstarken. Durch eine kleine Lüge lässt er sich schließlich zu einer ungeheuerlichen Tat hinreißen.

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(…) und ich höre dabei zu, wie ein ganz sonderbarer Laut aus meiner Brust entweicht, ein Laut, den man in ein Einmachglas mit Luftlöchern im Deckel stecken müsste, ein grünes Blatt als Nahrung hinein und den Deckel zuschrauben, ein kleiner pelziger Laut, der sich windet und dreht auf dem Boden des Glases, der sich verpuppt mit etwas Glück, und vielleicht entsteht eines Tages daraus etwas Schönes.

Oft sind es Kinder, die alleingelassen sind mit den Widrigkeiten ihres Lebens. Wie das “Schildkrötenmädchen” Johanna, deren Vater ein Trinker und deren Job es ist, wie sie selbst zynisch sagt, die Toiletten zu putzen. Und am Morgen die leeren Flaschen in den Keller zu bringen. Ihr Bruder ist von zuhause weggelaufen und sie muss Stillschweigen darüber bewahren, wo er sich aufhält. Oder das Mädchen, deren Mutter mehr einem Tier an der Leine gleicht als einer fürsorglichen Vertrauensperson. Man kann viele von Michael Weins’ Geschichten auf ganz unterschiedliche Weise lesen und verstehen. So ist die Mutter an der Leine freilich auch ein hervorragendes Bild für einen über die Grenzen des Kindseins hinaus wirkenden Einfluss, den manche Eltern ausüben. Man trägt und führt ihn mit sich, wohin man auch geht.

Sie erinnert mich daran, dass wir Tiere sind, angezogene Tiere, und dass das gut ist. Ich bin einverstanden damit.

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Es ist das Tierische im Menschen und das Menschliche im Tier, das in den Geschichten immer wieder anklingt. So manche Erzählung wirkt wunderlich, absurd, niemals aber verliert eine von ihnen den Humor. Manchmal ist es Galgenhumor, freilich, aber wer auch den verliert, ist schutzlos ausgeliefert. Mit einer unheimlich bildhaften und poetischen Sprache lenkt Michael Weins durch seine Geschichten, die Illustrationen von Katharina Gschwendtner fangen die traumartige Atmosphäre brilliant ein und bilden sie ab. ,Sie träumt von Pferden‘ ist ein brilliantes, ein wunderschönes, ein verträumtes und grundehrliches Buch (innen wie außen!) über das Leben und wie es eben manchmal so spielt. Und gleichzeitig gibt es das ein oder andere Rüstzeug an die Hand, um gelegentlich mitzuspielen. Eine eindringliche Empfehlung an dieser Stelle!

Michael Weins: Sie träumt von Pferden, mit Illustrationen von Katharina Gschwendtner, mairisch Verlag, 128 Seiten, 9783938539354, 16,90 €

Hedin Brú: Vater und Sohn unterwegs

brú_vater_und_sohn_unterwegs_guggolzEs liegt eine Schule von Grindwalen im Seyrvágsford, eine Anzahl schweigender Wale, die ihre Kreise ziehen und zum offenen Meer streben, da hier ihr Revier nicht liegt; Männer haben sie von ihrer Zugbahn in die Ferne abgedrängt und in die Enge getrieben.

Was für ein bildreicher und spannender Einstieg in den Roman. Eine Grindwaljagd. Der gesamte Ort ist auf den Beinen und auch der 70jährige Ketil und sein jüngster Sohn Kálvur sind in heller Aufregung. Bedeutet eine Herde Grindwale doch Nahrung für eine lange Zeit! Die Aussicht auf Walspeck treibt beide an. Und obwohl Kálvur der Weg zu Fuss wenig begeistert – werden sie doch ständig von schnellen Autos überholt – lässt er sich vom Vater überzeugen und gemeinsam schleppen sie die Last der Harpunen, Speere, Leinen und Fanghaken zum Fjord … und finden Platz in einem kleinen Boot. Was eindrucksvoll harmonisch beginnt, wird in einer blutigen Jagd enden.  Weiterlesen

Jürgen Bauer: Was wir fürchten

41864798zDas Leben von Georg ist bestimmt vom Wunsch nach Kontrolle und Distanz. Gleichzeitig greift eine alles dominierende Angst nach ihm, die Angst davor, die Zügel des Lebens aus der Hand geben zu müssen, manipuliert oder gelenkt zu werden. Diese Angst hat Georg geformt, er hat sich unter Schmerzen und seelischen Qualen diszipliniert, sich zu einem kontrollierten Menschen erzogen, einem Menschen, der alles kontrollieren möchte. Georg hat sein Leben hunderte Male durchgespielt und alles bis zum Ende durchdacht, immer und immer wieder. Er hat hundertfach alle möglichen Wendungen analysiert, er läuft nicht mehr blind in etwas hinein, er hat ein Skript, an das er sich hält, Georg hat einen Plan. Weiterlesen

Gesa Olkusz: Legenden

„Familie, sagte er, man kann ihr einfach nicht entkommen“

In einer Schneenacht in Berlin trifft Filbert auf Mae, und sie verlieben sich, einfach so. Zwei Wochen später jedoch reist Filbert überstürzt nach Kanada, um dort nach seinem Großvater Stanis zu suchen, den er eigentlich für tot hielt – verraten von seinem Nachbarn Erich Mühlenthal, abtransportiert, hingerichtet. Doch das ist nur eine jahrzehntelang aufrechterhaltene Lüge. Die Wahrheit aufzudecken, ist aber gar nicht so einfach, denn erst einmal findet Filbert nur den Jungen Aureliusz, der in einer stillgelegten Fabrik eine Kutsche bauen will, um Stanis’ größten Fehler auszubessern – in der Vergangenheit. Und während Mae seine Träume träumt, verliert sich Filbert zunehmend in den verrückten Geschichten, die längst vergangen oder vielleicht nur erfunden sind. Weiterlesen

Indiebookday 2015 – ein großes Freudenfest!

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Schöner kann ein Indiebookday nicht beginnen, als mit einer persönlichen Indiebookempfehlung. In der Berliner Buchhandlung Hundt Hammer Stein zögert eine Kundin. In der Hand hält sie Das achte Leben (Für Brilka) von Nino Haratischwili, erschienen bei der Frankfurter Verlagsanstalt. Doch wie gut, dass zwei We-read-Indie-Damen direkt daneben stehen und ihre große Begeisterung für dieses Buch aus den Augen sprühen lassen. Daraufhin überlegt die Kundin nicht mehr lange, bedankt sich und schon klingelt die Kasse. Weiterlesen

Julia Wolf: Alles ist jetzt

wolfcoverEines jedenfalls ist vollkommen klar: So manche Erinnerungen verfügen über scharfe Reißzähne, mit denen sie die Vergangenheit schmerzlich gegenwärtig erscheinen lassen, wann immer die Gegebenheiten günstig sind. Julia Wolfs Debütroman erzählt in drastischer und knapper Form von dem Kampf einer jungen Frau gegen die Wunden von gestern. Weiterlesen

Lydia Tschukowskaja: Untertauchen

41843975nWer mich kennt weiß, dass ich die Bücher aus dem Dörlemann Verlag ganz besonders schätze. Immer wieder veröffentlicht der unabhängige Verlag aus der Schweiz wundervolle Bücher, nach deren Lektüre ich die Welt aus großer Dankbarkeit dafür umarmen möchte, dass es solche schönen Publikationen gibt. Der Verlag ist für mich auch aufgrund der liebevollen und hochwertigen Ausstattung seiner Ausgaben ein Garant für Qualität. Weiterlesen

We talk Indie: Im Gespräch mit dem Wallstein Verlag

Nur noch wenige Tage, dann ist es wieder soweit! Am 21. März feiern wir zum dritten Mal den Indiebookday. Ein schöner Anlass, um in die weite Welt der unabhängigen Verlage zu schauen. Viele Neugründungen hat es in den letzten Jahren gegeben – eine der jüngsten ist sicher die des Guggolz Verlages im Sommer 2014. Im Frühjahr 2012 startete mit vier Titeln der Verlag binooki und der Verlag für Kurzes im Jahr 2011. Mit dem Verlagshaus J. Frank Berlin, gegründet 2005, feiern wir in diesem Jahr zehnjähriges Jubiläum. Und mit dem Verlag Voland & Quist (2004) konnten wir uns im vergangenen Jahr über 10 Jahre Verlagsgeschichte freuen!

Auf eine fast 30jährige Verlagsgeschichte kann der Wallstein Verlag zurück schauen. Die Herausforderungen, damals einen Verlag zu gründen, waren den heutigen sicher ähnlich, im Detail aber doch anders. Im Gespräch mit Thorsten Ahrend, Gesellschafter des Verlages und Lektor für Deutsche Literatur, haben wir Einiges zum Verlag mit besonderem Fokus auf sein Belletristik-Programm erfahren.  Weiterlesen