Daniel Woodrell: In Almas Augen

woodrell-in-almas-augen„Das Haar war weiß, mit Grau verschmiert, die Farbe einer Zeitung, die im Regen liegt, bis die Schlagzeilen über das Papier geflossen sind. So beschreibt Daniel Woodrell gleich auf der ersten Seite seines Romans „In Almas Augen“ die Hauptperson der Geschichte, Alma deGeer Dunahew. Es ist nur ein einziger Satz, der eine ältere Dame vor unserem Auge entstehen lässt, ein wenig eigen, nicht besonders adrett. Ich habe sie ins Kaffeehaus ausgeführt.

Aber der Reihe nach. Ich hatte einen freien Tag und habe ihn genutzt, um endlich einmal wieder ausgiebig meiner Lieblingsbeschäftigung zu frönen: Lesend im Kaffeehaus sitzen. So bin ich mit „In Almas Augen“ durch Kölner Cafés gezogen, habe von elf Uhr vormittags bis fünf Uhr nachmittags etwa eineinhalb Liter Kaffee getrunken und das ganze Buch in einem Zug durchgelesen, unterbrochen nur durch die Ortswechsel von Café zu Café. Das Wetter war grau und trübe, es herrschte eine seltsam unwirkliche Stimmung in der Stadt. Dazu war ich die ganze Zeit von beruhigenden Kaffeehausgeräuschen umgeben, den gedämpften Stimmen, dem Brummen der Kaffeemaschinen, dem Klirren der Tassen und Gläser und konnte dabei völlig abtauchen, hinein in die Geschichte, nach Arbor, in eine 4.000-Einwohner-Kleinstadt am Ufer des Missouri, irgendwo in den USA, „voller müder Herzen und verworrener Seelen.

Der Ich-Erzähler des Romans ist Almas Enkel und er berichtet uns von den Geschehnissen, als sie noch eine junge Frau war, im Jahr 1929. Damals gab es in Arbor einen Tanzsaal, der in einem großen Gebäude direkt über einer Autowerkstatt untergebracht war. Die Tanzveranstaltungen darin zählten zu den wenigen Abwechslungen im harten Alltag der Kleinstadtbewohner. Im Sommer 1929 explodiert das Haus und die Tanzhalle, 42 Menschen sterben. Werden zerfetzt, erschlagen, verbrannt. Auch Almas Schwester Ruby ist unter den Toten. Die Stadt ist traumatisiert, hektisch wird nach den Verursachern der Katastrophe gesucht, aber alle Verdächtigungen und Nachforschungen verlaufen im Sande. Das Unglück wird nie aufgeklärt.

Almas ahnt was passiert ist und der Leser erfährt so nach und nach die Familiengeschichte, bis hin zu dem erzählenden Enkel. Es ist eine bittere Geschichte, voller Armut, Schmerz, Leidenschaften, Tragik und Enttäuschungen. „Sie verlor zwei Söhne, ihren Ehemann, ihre Schwester und verdiente wenig. Meist stand sie nur einen zerschlagenen Teller oder ein lautes Widerwort vor der völligen Armut.“ Alma ist eine einfache Frau, die als Hausmädchen bei der angesehenen Bankiersfamilie Glencross arbeitet. Täglich muss sie die halbleer gegessenen Teller abräumen und die Essensreste an die Schweine verfüttern, während ihre eigenen Kinder hungrig zu Hause auf sie warten. Es ist eine ungerechte Welt und sie ist vollauf damit beschäftigt, sich und ihre Familie irgendwie durchzubringen. Ihr Mann war ein Säufer, nachdem sie ihn aus der Hütte, in der sie wohnten, herausgeworfen hat, versuchte er irgendwann, wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Doch gerade, als er sein Leben wieder halbwegs im Griff hatte, kam er bei einem Autounfall ums Leben.

Als Almas Schwester Ruby ein Verhältnis mit Arthur Glencross beginnt, wird die Geschichte kompliziert. Und so kommt eines zum anderen, alles hängt miteinander zusammen: Der Autounfall, bei dem Almas Mann starb, das Verhältnis zwischen Ruby und Glencross, einem der wichtigsten Männer der Stadt. Einen anderer Bewohner Arbors wird von seiner kriminellen Vergangenheit als früheres Mitglied eines Verbrechersyndikats in St. Louis wieder eingeholt und es gibt einen fanatischen Priester, der gegen die Tanzveranstaltungen hetzt, weil er sie als Todsünden verabscheut. Irgendwann dann die Katastrophe. Die Toten. Das Elend. Viele ahnen die Zusammenhänge, aber niemand möchte darüber reden, die bald darauf einsetzende Weltwirtschaftskrise lässt die Geschehnisse bald verblassen. Nur Alma macht den Mund auf, weiß, was passiert ist, kann es aber nicht beweisen, steigert sich immer tiefer hinein und verliert darüber fast den Verstand. Keiner will ihr glauben, niemand mit ihr zu tun haben. Erst 45 Jahre später rekonstruiert ihr Enkel die Ereignisse.

Eine harte, gnadenlose und mitreißende Geschichte. Erzählt in einer lakonischen Sprache, die es schafft, mit einem einzigen Satz eine Person zu beschreiben oder ein ganzes Stimmungsbild zu schaffen. Und zum Schluss liegen die einzelnen Teile der Handlung wie ein Puzzle zusammen und der Leser erkennt die ganze Tragödie.

Dann hatte ich das Buch fertig gelesen und bin wieder aufgetaucht. Erstaunlicherweise war ich nicht in Arbor, Missouri, es war auch nicht das Jahr 1929, sondern ich saß immer noch in einem Café. Mit Alma.

Daniel Woodrell, In Almas Augen. Aus dem Amerikanischen von Peter Torberg. Liebeskind Verlag 2014, € 16,90

Peter Verhelst: Eine handvoll Sekunden

Verhelst - Eine handvoll Sekunden

Eine extreme Grenzerfahrung hat den belgischen Schriftsteller Peter Verhelst dazu geführt, die Arbeit an Eine handvoll Sekunden aufzunehmen. Ausgangspunkt ist ein schwerer Verkehrsunfall, in den Verhelst im April 2013 mit seinem Wagen verwickelt wird. Als er auf der Autobahn einen Lastwagen überholt, löst sich bei diesem ein Reifen, Verhelsts Auto wird getroffen und überschlägt sich mehrere Male, doch der Schriftsteller bleibt beinahe unverletzt. Im Krankenhaus und später bei der Rekonvaleszenz zuhause beschäftigt den Schriftsteller dieser Moment höchster Gewalt in vielfacher Hinsicht.

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Laurie Penny – Babys machen

geb_SULaurie Penny gilt, spätestens seit „Unsagbare Dinge“ und „Fleischmarkt“ als starke feministische Stimme unserer Zeit. In ihrem jünst erschienenen Erzählband führt sie auf so bitterböse wie treffsichere Art Klischees und Rollenbilder vor, indem sie sie gnadenlos überzeichnet. Eine Frau, die sich selbst ein Baby konstruiert? Mord als Kunst? Industrielle Produktion von Katzenvideos? Alles ist möglich!

Wie wäre es, wenn ich mein Baby tatsächlich nach meinen Wünschen gestalten könnte? Nicht nur, indem ich aus einem Katalog auswähle, nein. Selbst ist die Frau! Mittels praktischer Ingenieursfähigkeiten könnte jede Frau in der Garage ihr Baby zusammenschrauben wie die neuen dekorativen Wohnzimmermöbel. Es sähe einem echten Baby täuschend echt und verhielte sich auch so. Bloß verletzen könnte es sich nicht.

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Maeve Brennan: New York, New York

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Foto: Karl Bissinger

Heute ist ein besonderer Tag, der mich einerseits beglückt und andererseits ein bisschen traurig macht. Glücklich bin ich darüber, dass ich auf meinem Blog den 100. Geburtstag einer bemerkenswerten Autorin zelebrieren kann. Traurig hingegen macht mich die Tatsache, dass ich in sämtlichen Literaturkalendern keinen Eintrag über Maeve Brennan finde. War die Autorin am Ende zu unbekannt? Oder hat man sie übersehen? Nun, es ist wie es ist, und ich kann die frohe Kunde übermitteln, dass Maeve Brennan eine außergewöhnliche Journalistin und Schriftstellerin war, von der ich euch heute berichten und auf die ich anstoßen möchte. Cheers!

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Sebastian Barry: Ein langer, langer Weg

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Für Irland waren die Jahre zwischen 1914 und 1918 in besonderer Weise schicksalhaft. Seit Jahrhunderten litt das verarmte Land unter dem Joch der englischen Herrschaft, doch kurz vor dem ersten Weltkrieg war zum ersten Mal konkret von einer Politik der Selbstbestimmung die Rede. Tausende von jungen Männern meldeten sich daher 1914 freiwillig für die englische Armee, in der Hoffnung, dass Irland als Anerkennung für seinen Einsatz an der Seite Englands ein autonomer Teil des britischen Commonwealth würde. Allerdings stellten sich insbesondere die englandtreue Bevölkerung der nordirisichen Region Ulster und die konservativen Kräfte Englands gegen eine solche politische Entwicklung, es kam schon damals zu ersten Unruhen in der Bevölkerung.In dieser Zeit spielt der Roman „Ein langer, langer Weg“ von Sebastian Barry. Weiterlesen

Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses.

elif_shafak_der_geruch_des_paradieses»Welchen Lebensweg soll ich einschlagen?« Ich spüre den Blick von Peri auf mir und drehe mich verlegen zur Seite. Diese große existenzielle Frage hallt durch Elif Shafaks Romanheldin direkt zu mir. Peri erinnert mich an eine junge Biene, die zu lange am süßen Nektar genascht hat. Nun ist sie ganz mit Blütenstaub gefüllt und sie weiß nicht, wohin mit dem Gewicht. In ihrem Falle sind es allerhand Gedanken und Gefühle. Sie arbeiten in ihr wie fleißige Ameisen, und der Wind bahnt sich einen Weg durch ihren Kopf, doch die Gedanken über Gott, das Gute und das Böse, die verschlüsselten Träume und die Einsamkeit des jungen René Descartes, sie wollen partout nicht verschwinden.

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Von Nähe und Ferne

Literatur_2017_print.inddGedanklich bin ich immer sofort auf Entdecker-Tour und verliere mich in Träumereien, wenn ich durch die Kalender-Abteilung einer großen Buchhandlung gehe. Ich mag großformatige Kalender mit hochqualitativen Fotografien von fernen Ländern, alten Baumalleen oder Meeresstränden. Ich mag ganz besonders den Mare-Kalender. Ich mag auch spirituelle Kalender mit Buddha-Motiven.
Doch nichts mag ich so sehr wie Literaturkalender. Und hätte ich einen einzigen Wunsch frei, ich würde mir immer wieder einen Literaturkalender wünschen. Weiterlesen

We talk Indie: Im Gespräch mit dem Kindermann Verlag

Es wird mal wieder Zeit für einen Kinderbuchverlag. Und so haben mit dem Kindermann Verlag aus Berlin gesprochen. Diesen hatten wir bereits Anfang des Jahres in einem Special auf we read indie kurz vorgestellt. Verlegerin und Autorin Barbara Kindermann erzählt von den Anfängen und ihrer Liebe zu den Klassikern.

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v.r.n.l.: Anna Kindermann, Barbara Kindermann und Julia Hoffmann

Wie ist es zur Gründung des Verlages gekommen?

Durch eine Idee. Mein Wunsch war es, Kinder schon in einem Alter mit Weltliteratur in Berührung zu bringen, in dem sie noch darauf gespannt sind und Freude daran haben, und noch nicht durch die schulische Pflichtlektüre vielleicht für immer für die Klassiker verloren sind. Die Geschichten sollen primär fesseln und spannend sein, sekundär den Kindern etwas näherbringen, das ihnen auch im späteren Leben wieder begegnen und von Interesse sein wird. Lange vor PISA und Klassikerboom hatte ich diese Idee, große Klassiker in leicht verständlicher Prosa für Kinder nachzuerzählen, das führte zur Verlagsgründung. Weiterlesen

Indiebooks – 10 Lieblinge von Jochen

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So schließt eine Erklärung der Kurt Wolff Stiftung zum BGH-Urteil in Sachen VG-Wort. Worum geht es? Nun, kurz gesagt:  Die VG-Wort hat als Verwertungsgesellschaft in der Vergangenheit nicht nur an Autoren, also die Urheber, Gelder ausgeschüttet, sondern auch an Verlage. Das war nicht korrekt. Die Verlage müssen diese Gelder nun zurückzahlen. Das Urteil ist juristisch wasserdicht, aber bringt viele Verlage in finanzielle Schieflage, weil entsprechende Rücklagen fehlen.

Mehr denn je gilt nun das Motto: #wereadindie. Unter diesem Hashtag können und sollen Empfehlungen von Lieblingsbüchern aus kleinen Verlagen untermauert werden. Aus unserem Blog-Team hat Sophie  mit 10 Lieblingstiteln den Anfang gemacht,  Caterina hat den Stab übernommen und weitergereicht. Nun stelle ich zehn Bücher aus zehn unabhängigen Verlagen vor, die mir besonders am Herzen liegen und die belegen, wie vielfältig und reich das Angebot der Indies ist.  Weiterlesen

Patrick McGinley: Bogmail. Roman mit Mörder.

bogmail_roman_mit_moerderAls ich kürzlich auf meinem Blog über »Bogmail. Roman mit Mörder« von Patrick McGinley berichtete, sprach ich von einer kleinen Krimi-Sensation. Das ist das Buch immer noch. Seit gestern ist der Krimi überdies in seiner Bekanntheit gewachsen und bei vielen Krimifreunden in aller Munde. Dieses bemerkenswerte Buch aus dem Steidl Verlag schmückt die KrimiZEIT-Bestenliste Dezember 2016. Auf Platz 2 steht es nun dort und macht mich ganz besonders glücklich. Was »Bogmail. Roman mit Mörder« derart auszeichnet? Darüber nun mehr in meiner Rezension.

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