Patrick McGinley: Bogmail. Roman mit Mörder.

bogmail_roman_mit_moerderAls ich kürzlich auf meinem Blog über »Bogmail. Roman mit Mörder« von Patrick McGinley berichtete, sprach ich von einer kleinen Krimi-Sensation. Das ist das Buch immer noch. Seit gestern ist der Krimi überdies in seiner Bekanntheit gewachsen und bei vielen Krimifreunden in aller Munde. Dieses bemerkenswerte Buch aus dem Steidl Verlag schmückt die KrimiZEIT-Bestenliste Dezember 2016. Auf Platz 2 steht es nun dort und macht mich ganz besonders glücklich. Was »Bogmail. Roman mit Mörder« derart auszeichnet? Darüber nun mehr in meiner Rezension.

***

Weiterlesen

10 Lieblings-Indiebooks von caterina

10-indiebooks

Unter dem Hashtag #wereadindie wollen wir Leserinnen und Leser dazu anregen, von ihren liebsten Büchern aus unabhängigen Verlagen zu erzählen. Freilich braucht es dazu keinen Anlass, es lohnt immer, über besondere Literatur zu reden, andere mit der eigenen Begeisterung anzustecken und sich wiederum anstecken zu lassen – wir Indie-Bloggerinnen und -Blogger tun das seit dreieinhalb Jahren unablässig. Und dennoch gibt es nun einen aktuellen Anlass: Im Frühjahr dieses Jahres hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass die jährlichen Ausschüttungen der VG Wort zu Unrecht auch an die Verlage gingen, sie seien lediglich Verwerter, keine Urheber; jetzt wurden die Rückzahlungsaufforderungen verschickt (mehr dazu hier). Kleinverlage trifft dies besonders hart, einigen droht gar die Insolvenz.

Weiterlesen

Juan Gómez Bárcena: Der Himmel von Lima

barcena_himmel_von_lima_secessionCarlos und José sind zwei Studenten aus wohlhabenden Familien im Lima des Jahres 1904.
Einer von vielen Gründen, warum man dieses Buch unbedingt lesen sollte, sind Zeit und Ort der Handlung, denn der junge spanische Autor Bárcena entführt uns an den Anfang des vorigen Jahrhunderts, als Briefe noch mit Tinte und Feder geschrieben, versiegelt und per Schiff zwischen den Kontinenten hin und her geschickt wurden. Es ist eine Zeit, in der alles ruhiger fließt. Die heutige Eile und die Hochgeschwindigkeit der Übermittlung von Gedanken existieren einfach nicht. Eine wundervolle Art der Langsamkeit durchzieht die rasant erzählte Geschichte, lässt vergangene Bilder von Postkutschen und riesigen Ozeandampfern vor dem inneren Auge erstehen. Klug, witzig, sprachlich außergewöhnlich, passt sich die Story dem langsamen Tempo des frühen 20. Jahrhunderts an und ist doch an keiner Stelle langatmig. Man hat das Gefühl, zugleich in einem Klassiker von Flaubert oder Tolstoi und ganz im Hier und Jetzt zu sein.  Weiterlesen

Garry Disher: Bitter Wash Road

disher-bitter-wash-road
Wenn die Buchhändlerin in einer der Buchhandlungen meines Vertrauens mir den Kriminalroman „Bitter Wash Road“ von Garry Disher nicht empfohlen hätte, dann wäre mir ein stilistisch und dramaturgisch perfekt komponiertes Buch entgangen. So aber durfte ich mich mehrere Lese-Abende im australischen Outback herumtreiben, die flirrende Hitze spüren und den Staub auf der Zunge schmecken. Und dabei sein, wenn Constable Paul Hirschhausen in einem Fall ermittelt, bei dem er hineinsticht in ein Nest aus Korruption, Rassismus und mühsam unterdrückter Gewalt.

Das Outback ist eine Welt für sich. Obwohl nur wenige Autostunden von der Großstadt Adelaide und der sie umgebenden fruchtbaren Weinregion entfernt, gelten hier andere Regeln, lebt hier ein anderer Menschenschlag, mürrisch, zäh, desillusioniert, ausgezehrt von den ständigen Mühen, der unwirtlichen und ausgetrockneten Landschaft das Nötigste zum Überleben abzuringen.

Vor vielen Jahren bin ich durch Australien gereist. Wohl nie werde ich den Moment vergessen, als nach einer halben Nacht im Bus die Sonne aufging, die Fahrt durch eine Pause unterbrochen wurde und ich zum ersten Mal den trockenen Outback-Boden betrat, der in der frühen Morgenstunde ringsumher in einem leuchtenden Rot erstrahlte. Kühle Morgenluft, rote Erde, karg und wunderschön. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht an jene Australien-Reise denke, aber durch dieses Buch wirken die Bilder im Kopf noch einmal intensiver. Denn genau in diese Gegend führt uns der Roman Garry Dishers.

Hier liegt die Kleinstadt Tiverton, in die Constable Paul Hirschausen, genannt Hirsch, vor Kurzem versetzt wurde, um den dortigen Ein-Mann-Polizeiposten zu übernehmen. Nicht ganz freiwillig, wie schnell klar wird. Hirsch ist ein Einzelgänger, ein Polizist, dessen Leben und Karriere nicht so gelaufen sind, wie er sich es vorgestellt hat; mit Folgen die ihn nun in diesen gottverlassenen Ort irgendwo im Niemandsland des Outback geführt haben. Ein paar Straßen, ein Krämerladen, eine Schule, ein Pub. Im Umkreis einsame Farmen, aufgegebene Bergwerkstollen, Wasserlöcher, leere Straßen, auf denen kaum ein Auto unterwegs ist. „Eine Landschaft, die geradezu danach lechzte, dass sich etwas bewegte. Vögel, die wie aus Blech gestanzt wirkten, beobachteten ihn von den Stromleitungen aus. Farmhäuser kauerten stumm hinter Zypressen, Landmaschinen warteten reglos auf Koppeln, bis er vorbeigefahren war.“ Die Stille und die Hitze sind bei diesen Worten schon fast körperlich spürbar.

Hirsch macht sich mit seiner neuen Umgebung vertraut, erlebt stummes Misstrauen seitens der Bewohner und offene Verachtung seitens seiner Kollegen und seines Vorgesetzten aus der Polizeistation im nächstgrößeren Ort. Stoisch perlt beides von ihm ab, er ist ein gescheiterter, desillusionierter Polizist, der zu viel Dinge gesehen hat, die er nicht hätte sehen sollen. Dann wird an einer der Straßen ein Mädchen aus dem Ort überfahren, vermutlich beim Trampen, vermutlich ein Unfall mit Fahrerflucht. Vermutlich.

Vielleicht aber auch nicht.

Hirsch beginnt zu ermitteln, fragt mal hier, mal dort. Die Suche führt ihn kreuz und quer durch die leere Gegend, er lernt die Menschen kennen, die dort leben, Farmer, Arbeiter, aber auch die Bessergestellten des Bezirks; „diese guten alten Jungs, Säulen der Gesellschaft, örtlicher Landadel.“ Man kennt sich, man hilft sich. Er wird von Familiendramen hören und von gescheiterten Existenzen, wird mit Leuten reden, die mit dem Rücken an der Wand stehen, nicht vor und nicht zurück können. Und ganz langsam beginnen sich durch Hirschs Beharrlichkeit die ersten Zusammenhänge herauszuschälen.

Doch was für ein Geflecht aus Gier, Erpressung, Gewalt, sexueller Ausbeutung, Mord und Rassismus er nach und nach aufdecken wird, hätte er sich nicht träumen lassen. Ein Geflecht, das überdeckt wird von der Stille des Outback; eine Stille, die im Verlauf der Handlung des Romans immer tosender wird. Es ist aller mörderischen Dramatik zum Trotz eine vollkommen unhektische Handlung, die menschenfeindliche Schönheit der Landschaft ein wichtiger Teil davon.

Eine Landschaft, die den Menschen nichts schenkt; Hirsch passt gut hierher, auch er will nichts geschenkt haben. Er will nur überleben. Mit Paul Hirschhausen hat Garry Disher einen perfekten Anti-Helden geschaffen. Einen, der nicht austeilt, aber auch nicht einsteckt. Einen, der zuhört, kombiniert, sich auf sein Bauchgefühl verlässt. Der oft zweifelt, ob das, was er tut, auch das Richtige ist. Aber dann einfach weitermacht, mit einer Mischung aus Geradlinigkeit, Instinkt und Bauernschläue seinen Weg sucht.

Und das alles erzählt in einer Sprache voll brillanter Kargheit, ruhig, der Unwirtlichkeit des Outback angemessen; immer wieder blitzen dabei Momente erhabener Schönheit auf: „Die Straße zog einen Strich über eine breite, flache Ebene. Hirsch hatte das Gefühl, als würde er weit über dem Meeresspiegel fahren, der Himmel ausgedehnt und nicht mehr drückend, die Hügel zu beiden Seiten nur ein weit entfernter Schimmer.“

Wer noch nie in Australien war, bekommt mit diesem Buch einen Eindruck von der riesigen, leeren Weite mit ihrer Stille, in der nur das Rauschen des Windes zu hören ist. Bei denjenigen, die schon einmal dort waren, wird eine Sehnsucht geweckt.

Eine Sehnsucht nach roter Erde im frühen Morgenlicht.

Garry Disher, Bitter Wash Road, Aus dem Englischen von Peter Torberg, Unionsverlag 2016, € 21,95

Paul Bokowski: Hauptsache nichts mit Menschen

This guy’s a super freak!
Ich stelle mir vor, dass Paul Bokowski früher eines dieser Kinder war, die unfreiwillig komisch sind. Dass er damals schon eine nerdige Brille trug, sich dumme Polenwitze anhören musste und irgendwann aus der Not eine Tugend machte, indem er sein Leben der Satire verschrieb. Ich stelle mir außerdem vor, dass Paul Bokowski im alltäglichen Umgang ein eher grantiges Kerlchen mit einem feinen Sinn für Humor ist, das nur wenig von dem, was die Welt bietet, lustig findet. Nichts davon weiß ich, das sind nur Vermutungen. Sicher ist aber, dass Paul Bokowskis Buch Hauptsache nichts mit Menschen unfassbar komisch ist. Sehr intelligent ist sein Witz, herrlich böse seine Darstellungsweise und wunderbar raffiniert sind die vielen kleinen fiesen Pointen. Geschickt bringt er verschiedene Tabus rund um Sex, Kinderarbeit und Körperlichkeit zur Sprache, sodass der Leser seine Hemmungen überwinden und dem Schrecken ins Gesicht lachen kann. Was ja die Definition von Schwarzem Humor ist.

Ein wildes Sammelsurium aus Dialogen, E-Mails, kurzen Alltagsbeobachtungen und amüsanten Notizen findet sich in diesem Buch, das mich wunderbar unterhalten hat. Ein besonderes Highlight ist die Schlager-Nackt-Party, grenzgenial das Evangelium nach Facebook, zum Schmunzeln die Skype- und Telefongespräche mit den Eltern. Den Berliner Bezirk Wedding, in dem Paul Bokowski wohnt, macht er immer wieder zum Thema und nimmt dabei dessen Bewohner, die hippen Berliner und sich selbst auf die Schippe. Zwar war ich erst zweimal in der deutschen Hauptstadt und kenne den Wedding nicht, aber Paul Bokowskis Schmäh ist städte- und staatenübergreifend. Berliner sollten das Buch sowieso lesen! Genau wie alle anderen. Für gewöhnlich bin ich mit Empfehlungen zurückhaltend, wenn jemand fragt: „Hast du was Lustiges zu lesen?“, weil ich der Annahme zustimme, dass das Witzverständnis sehr individuell ist und jeder eine eigene Art von Humor hat. In diesem Fall verhält es sich aber anders. Denn wer dieses Buch nicht witzig findet, hat gar keinen Humor!

Paul Bokowski, Hauptsache nichts mit Menschen. Satyr Verlag, 160 Seiten, 11,90 Euro.

 

Joost Zwagerman: Duell

zwagerman_duell_buch

Faust versus Rothko

Mit seiner Novelle Duell beschenkt uns der niederländische Schriftsteller und Essayist Joost Zwagerman mit eine rasanten Satire auf den Kunstbetrieb. Es ist eine Geschichte voller Witz, Action, kluger Gedanken und einer gehörigen Portion Slapstick. Im Mittelpunkt steht die größte anzunehmende Katastrophe für einen Museumsdirektor. Eine Faust durchschlägt ein Gemälde im Wert von 30 Millionen Euro.

Er hatte noch nie eine Leinwand reißen hören. Ein lautes Knacken ertönte, wie von einem Ast, der entzweibricht – ein unerwartet schroffes Geräusch für eine so fragile Leinwand. (…) Er betrachtete die Farben. Sie zerfielen. Blau zerbröckelte in tausend Splitter, Rot wurde gespalten, Gelb brach auf, und natürlich zerriß mit den Farben die gesamte Leinwand.

Weiterlesen

10 Jahre kunstanst!fter verlag

10jahrekunstanstifter_wacker-498x700

Poster zum 10-jährigen Jubiläuim

Erst vor einiger Zeit stellte sich der kunstanst!fter verlag in unserer Reihe We talk Indie vor. Die Mannheimer feiern dieses Jahr ihr erstes großes Jubiläum! Anlass genug sich mal im Netz bzw. viel mehr unter den Bloggerkollegen umzuschauen, was der Verlag so alles auf den Buchmarkt zaubert. Denn die Bandbreite ist groß:  Kurzgeschichtensammlungen, Erzählungen, Märchen, neue zeitgenössische Texte ebenso wie klassische Werke, Back- und Kochbücher, Reiseführer und Kinderbücher.

Verleger Niklas Thierfelder verrät: „Unser Herz schlägt für schräge, witzige, absurde, skurrile, außergewöhnliche, provokante, aber intelligente und handwerklich sowie formal gut angefertigte Zeichnungen. Wir schätzen Illustrator/-innen und Buchgestalter/-innen, die in ihrer Arbeit Grenzen überschreiten; oft junge, unbekannte Talente mit genialen Ideen.“ Natürlich sind auch die We read Indie-Autoren völlig hin und weg vom Verlagsprogramm und haben ihre Lieblinge für Euch zusammengestellt:

Weiterlesen

Thomas Willmann: Das finstere Tal

willmann_dasfinsteretal

Sprachgewaltig. Das fällt mir als Erstes zum Buch „Das finstere Tal“ von Thomas Willmann ein. Ein einsames Dorf in den Bergen. Ein düsteres Geheimnis. Ein Fremder. Eine Abrechnung – das alles zusammen ergibt eine mitreißend erzählte Geschichte, atemberaubend und fesselnd bis zum Schluss.

Irgendwann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: In einem namenlosen Gebirge, wohl den Alpen, liegt inmitten einer großen Hochebene ein Dorf. Erreichbar ist diese Hochebene nur durch einen mühsam zu begehenden, steilen und schmalen Pfad, der am Ende durch eine enge Felsspalte führt, „wenig mehr als ein halb verwitterter Fußsteig – viel Verkehr herrschte nicht, hatte nie geherrscht zwischen den Bewohnern der Ebene und denen des riesigen Felskessels hier in der Höhe. Dass dort so nah unter dem Himmel jemand lebte, war unten kaum mehr als eine halb vergessene Legende. Und das war den Leuten hier oben gerade recht. So ist das Dorf, sind die Menschen dort, fast völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Ihr Horizont endet an den steilen Felswänden, die in der Ferne die Hochebene umgeben. Auf den anstrengenden Weg nach unten machen sich höchstens der Krämer und seine Frau einmal im Jahr. Doch es ist keine Idylle dort oben: Das Leben ist hart und voller Mühen, die Menschen sind freudlos, gezeichnet von anstrengender körperlicher Arbeit. Aber die Abgeschiedenheit ihrer Hochebene ist ihre Welt. Sie kennen keine andere. Beherrscht wird diese Welt vom Brenner Bauern und seinen sechs Söhnen, dessen Hof weit außerhalb des Dorfes düster hinter einem Wald am Rand des Talkessels liegt. Und düster ist auch die Stimmung, in die der Leser direkt hineingeworfen wird. Ein dunkles Geheimnis liegt über allem.

Zu Beginn der Geschichte erklimmt der Kunstmaler Greider – Vornamen sind überflüssig – mit seinem vollgepackten Maultier den unwegsamen Pfad, durchquert die schmale Felsspalte und tritt ein in die fremde Welt der Hochebene. Bald erreicht er das Dorf mit seinen kargen, schmucklosen, niedrigen Häusern. Die Bewohner empfangen ihn neugierig, aber misstrauisch und abweisend, am liebsten hätten sie ihn wieder ins Tal hinuntergejagt. Greider erklärt, dass er im Dorf überwintern wolle um zu malen und als er mit einem Beutel voller Goldstücke zeigt, dass er üppig dafür bezahlen kann, wird ihm widerstrebend im Hof der Witwe Gader und ihrer Tochter Luzi ein Quartier zugewiesen. Dann kommt der Winter: „Es war kalt geworden in der Hochebene. Seine ersten zwei, drei Wochen hatte Greider den Bergkessel noch erfüllt gefunden von einem hartnäckigen Nebel, der aus allem die Farben zu saugen schien und der manchmal erst mittags widerwillig der Sonne Durchlass gewährte. Doch diesem fahlen Dunst war es jetzt selbst zu ungastlich geworden, und an seiner statt bleichte in den frühen Stunden des Tages ein pelziger Raureif die Welt. Als wolle der Winter Maß nehmen für das weiße Tuch aus dickerem Stoff, das er bald über alles breiten würde.“

Der Schnee  fällt und die Abgeschiedenheit wird total. Greider ist zusammen mit den Bewohnern des Hochtals eingeschlossen und beginnt seine Umgebung zu erkunden, erst das Dorf, später führen ihn seine Streifzüge auch in die entlegensten Winkel der Hochebene. Er zeichnet, macht Skizzen. Mit der Zeit gewöhnen sich die Bewohner an seinen Anblick, er ist ihnen ein gleichgültig Geduldeter. Nur der Kontakt zu seiner Gastwirtin und ihrer Tocher wird herzlicher, Greider verbringt Weihnachten mit ihnen zusammen, erlebt mit, wie sich Tochter Luzi mit dem Sohn eines Nachbarhofs verlobt. Der Schatten, der über der gesamten Stimmung liegt, nimmt nun eine dunklere Färbung an. Luzi freut sich auf die Hochzeit, hat aber auch Angst vor etwas Ungenanntem. Der Leser beginnt förmlich die Unruhe zu spüren. Gleichzeitig wird in geschickt eingebauten Rückblenden nach und nach klar, was Greider genau an diesen Ort geführt hat. Er ist wirklich Kunstmaler, aber es gibt auch noch einen anderen Grund, der tief in der Vergangenheit liegt. Und an den niemand im Dorf erinnert werden möchte.

Dann verunglückt einer der Söhne des Brenner Bauern beim Arbeiten an der Holzrutsche, mit der die gefällten Bäume von den Steilhängen ins Dorf befördert werden. Ein zweiter Sohn des Brenner Bauern wird kurz darauf tot im Mühlenbach gefunden. Die Geschichte nimmt Fahrt auf und ganz langsam fängt der Leser an zu verstehen, was für ein finsteres Geheimnis auf der Hochebene und ihren Bewohnern liegt. Doch wie monströs dies ist, kommt erst allmählich zum Vorschein. Und jetzt geht es nur noch um eines: Vergeltung. Es fließt Blut.

Gegen Ende fällt ein bemerkenswerter Satz: „Freiheit ist ein Geschenk, das sich nicht jeder gern machen lässt. Den musste ich noch loswerden, aber mehr kann ich nicht schreiben, ohne zuviel zu verraten. „Das finstere Tal“ ist ein Buch, in dem Sprache, Handlung und Stimmung perfekt zueinanderpassen. Eine Geschichte über Rache und Gerechtigkeit. Ein Alpenwestern. Und augenzwinkernd hat der Autor im Nachwort dem Buch Ludwig Ganghofer und Sergio Leone als Schutzheilige anempfohlen. Nur die Mundharmonika fehlt.

Ganz großes Kino*. Unbedingt lesen!

_________________________
*Nicht nur als Kopfkino: Auch die Verfilmung ist sehr gelungen.

Thomas Willmann, Das finstere Tal, Liebeskind Verlag 2010, 320 Seiten, 19,80 €

Ross Thomas, Dominique Manotti & Nathan Larson

»Es ist eine ziemlich widerliche Welt. Ich bin nur der Erzähler, Zuckerschnute.«

larson-manotti-thomas-sw

In Hamburg gibt es diesen jungen Indie-Verlag, der sich gut gemachter Spannungsliteratur verschrieben hat. Und diesen Verleger, der höchstpersönlich mit seinen Büchern durch die Republik reist. Die Rede ist von Wolfgang Franßen, der zum einen vor gut zwei Jahren den Polar Verlag gründete und zum anderen die Veranstaltungsreihe Talk Noir ins Leben rief (hier mehr dazu). Nach Hamburg, Berlin und Münster feierte das Format kürzlich Premiere in Frankfurt: eine Bar, drei professionelle Leser und drei Bücher, ein aufgeschlossenes Publikum und ein paar Biere – Literaturvermittlung jenseits der Wasserglaslesung. Am Tresen vom Café Luise saßen neben Initiator Franßen der Kritiker Alf Mayer und ich, gemeinsam sprachen wir über drei Krimis, die vom Kreislauf des Geldes, von der Weltwirtschaft, von schmutzigen Geschäften erzählen: Ross Thomas’ Fette Ernte, Dominique Manottis Schwarzes Gold und Nathan Larsons Zero One Dewey.

Weiterlesen