James Leslie Mitchell: Szenen aus Schottland

Mitchell - Szenen aus Schottland

Ackerfurchen in rotem Lehm

Der Geruch von roter Lehmerde steigt in die Nase, feuchtkühle Luft streicht über die Haut, in der Ferne steht die majestätische Hügelkette der Grampians am Horizont, wenn der Nebel ausnahmsweise zerreißt und der Himmel aufklart.

Die Szenen aus Schottland von James Leslie Mitchell sind frei von Dudelsack- und Tartankaroklischee. Sie zeigen Menschen, die versuchen in einer harten, kargen Landschaft zu überleben. So schwer die Entbehrungen auch sind, Mitchell schildert sie mit einer grenzenlosen Liebe zu Land und Leuten. Und diese Liebe verpackt er in wunderbare Worte.

James Leslie Mitchell, geboren 1901, entstammt einer Landarbeiterfamilie aus der Nähe Aberdeens. Als Verwaltungsmann beim Militär arbeitet er in Indien, im Nahen Osten und Ägypten. Ausgeschieden aus dem Militärdienst, ließ er sich1928 in England nieder, wurde Schriftsteller und starb im Alter von nur 34 Jahren. Seine Heimat ließ ihn niemals los, Mitchell blieb im Herzen stets »schottisch«. Weiterlesen

Xaver Bayer: Geheimnisvolles Knistern aus dem Zauberreich

»Die Wirklichkeit wird immer unglaubwürdiger, merkwürdiger auf jeden Fall.«

size_150_image431Erst neulich habe ich ein Buch gelesen, das in jeder Hinsicht erstaunlich war: Nach fünfhundertzwanzig Weltmeertagen von Martin Lechner, dreiundsechzig Kurz- und Kürzestgeschichten irgendwo zwischen zärtlich, komisch und exzentrisch. Ein paar Wochen später kommt mir erneut ein Werk unter, das sich nicht um Konventionen schert, angefangen bei der Gattung. Xaver Bayers Geheimnisvolles Knistern aus dem Zauberreich, vor zwei Jahren im Salzburger Jung und Jung Verlag erschienen, ist weder Roman noch Erzählband, es ist genau das, was der Titel ankündigt: ein geheimnisvolles, knisterndes, zauberhaftes Buch.

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Tomas Espedal: Wider die Kunst

Knausgard lesen oder Espedal? Für mich ganz klar – ich wähle Tomas Espedal. Das hat mehrere Gründe und einer davon ist, dass ich für ein fünfbändiges Werk, in welchem es ausschließlich um Sterben, Leben, Träumen, Liebe und natürlich immerzu um den Autor selbst geht, einfach keine Geduld habe. Auch fehlt mir dazu die Zeit. Den ersten Impuls, Espedal zu lesen, gab diese Begegnung im August 2014 …

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©Mara Giese. Begegnung mit Tomas Espedal. August 2014

Es ist nämlich so, dass Wider die Kunst schon seit längerer Zeit nach mir ruft. Auf dem Sommerfest und zehnjährigem Verlagsjubiläum von Matthes & Seitz im LCB am Wannsee begegneten die Klappentexterin und ich vor zwei Jahren Tomas Espedal. Und dort hat er uns unter anderem von diesem autobiographischen Roman erzählt.  Weiterlesen

Günther Blutke: LEIPZIG Fotografien 1956-1959

Schwarz-Weiß Fotobände ziehen mich magisch an. Vor allem, wenn Leipzig darin die Günther Blutke_LeipzigHauptrolle spielt. Im Mitteldeutschen Verlag aus Halle erschien vor einiger Zeit ein wie oben beschriebener Bildband mit Fotografien aus den späten 50er Jahren. Der Fotograf Günter Blutke war zu dieser Zeit Student an der Leipziger Universität und versammelt seine Eindrücke in diesem schmalen Band.

Sein Spektrum an Fotomotiven ist mannigfaltig: von 1. Mai-Aufmärschen über Studenten aus aller Welt bis hin zu typischen Leipziger Gebäuden. Aus dem Innenstadtbereich wird die Hainstraße und der Marktplatz . Alltagszenen mit Kindern, arbeitenden Menschen auf Baustellen wechseln mit Portraitaufnahmen. Leipzig im Winter: mit Schlittschuhfahrenden Kinder, im Clara-Zetkin-Park oder Rodeln am ehemaligen Dimitroffplatz. Da Blutke zu der Zeit selbst an der Universität Leipzig eingeschrieben war, gibt es sehr viele Fotos von (ausländischen) Kommolitonen und auch vom berühmten Rektor Georg Mayer.

Bilder der Leipziger Messe sind ebenso zu finden wie von Kohlekumpels in Espenhain und Ruderbooten auf dem Elsterbecken. Des Weiteren das Zentralstadion, einst mit 100.000 Plätzen das größte in Deutschland, der Leipziger Zoo, der Kopfbahnhof und das Parkcafe im Clara-Zetkin-Park. Obwohl ich erst Jahrzehnte später geboren wurde, erinnert mich vieles auf den Bildern an meine eigene Kindheit, vieles ist mir wohl bekannt.

Und wieder ist es die unnachahmliche Wirkung und Atmosphäre der Schwarz-Weiß Bilder, die beim Betrachter eine wehmütige Stimmung auslösen. Auch ich, als Leipzigerin, spüre wie mich jede einzelne Aufnahme emotional erreicht. Die Nachkriegszeit, gerade mal zehn Jahre ist der 2. Weltkrieg Geschichte, ist auf vielen Bildern gegenwärtig und Leipzig kann sich, im Gegensatz zu Dresden, glücklich schätzen dass viele historische Gebäude erhalten geblieben sind.

Blutke, Günter: Leipzig. Fotografien 1956-1959. Bildband. Mitteldeutscher Verlag; 80 Seiten; 7,95 Euro

Eva Ladipo: Wende

Ladipo-Wende

Trägt ein Buch den Titel „Wende“ denkt man unwillkürlich an die Ereignisse im Jahr 1989, an den Zusammenbruch der DDR und die deutsche Wiedervereinigung. Dies spielt im Roman von Eva Ladipo auch durchaus eine wichtige Rolle, im Mittelpunkt steht allerdings ein ganz anderer Umbruch: Es geht um Ursachen und Folgen der Energiewende, um Gewinner und Verlierer, um Macht und Abhängigkeit und um Politik. Die Autorin verknüpft die Geschehnisse beider Wenden miteinander, bietet dem Leser einen spannenden Polit-Thriller und legt gleichzeitig den Finger auf eine der großen Lebenslügen unserer Industrienation. Weiterlesen

Synke Köhler: Kameraübung

Köhler „Der Alltag ist ein Schmetterling“
„Man muss sich ihm behutsam nähern, der Alltag ist kamerascheu, er flattert davon. Das Herkömmliche, Gewöhnliche soll in den Kasten.“ So steht es in einer von Synke Köhlers Geschichten, so gilt es auch für dieses Buch. Die deutsche Autorin, die an der Drehbuchwerkstatt München sowie am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert hat, erzählt darin vom Kleinen, das – zusammengesetzt in tausend Varianten – das große Ganze ergibt, von Momentaufnahmen und schmalen Szenen, gerupft aus fiktiven Leben.

„Ich hasse das Meer. Ich habe das Meer immer gehasst. Am liebsten sitze ich hier, in meinem schattigen Kabuff, und döse vor mich hin. Ich verstehe nicht, was die Leute hier wollen. Und ich weiß auch nicht, was ich hier soll. Die Sonne. Es ist viel zu heiß und viel zu hell.“

Das sagt einer, der am Meer lebt, auf einer Insel voller Touristen, mit einer Mutter, die hinter dem Haus begraben liegt. Eine andere Ich-Erzählerin wohnt in einem großen Haus zusammen mit einer Gruppe aus Freunden und Kindern. Es gibt dort keinen Handyempfang, dafür aber viel Grund. Auf diesem Grund sitzt eines Tages ein Mann, den niemand kennt und der da nicht mehr weggeht. Aus der Reihe tanzt auch eine Mutter, die während einer Wanderung einfach irgendwo abbiegt. Wie eine Kamera, ein Fotoapparat, nimmt Synke Köhler in ihren sehr kurzen Geschichten solche Augenblicke auf, hält sie fest wie auf einem Foto, das man betrachtet und wieder weglegt.

Nachdem ich Kameraübung gelesen hatte, blieb es aus diversen Gründen eine Weile liegen. Als ich es für diese Besprechung wieder in die Hand genommen und meine Notizen dazu durchgeblättert habe, habe ich gemerkt: Ich kann mich an keine Geschichte erinnern. Nicht an eine einzige. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie nicht gut wären. Es heißt vielmehr, dass a) ich mein Gedächtnis nur selektiv nutze und b) die Short Storys sehr schlicht und aus dem Leben gegriffen sind. Sie kommen nicht kunstvoll aufgebrezelt daher, sie sind zurückhaltend und ja, doch, ein wenig unscheinbar. Ich hab sie gern gelesen, mit einem auf unspektakuläre Weise angenehmen Gefühl.

Synke Köhler: Kameraübung. Verlag Kremayr & Scheriau 2016, 128 Seiten, 16,90 Euro.

Pierre Bost – Bankrott

Bost, Bankrott.inddBankrott gehen kann man auf ganz unterschiedliche Weise – ganz klassisch finanziell, aber auch persönlich, moralisch. In Pierre Bosts ursprünglich 1928 erschienenen Roman gerät Zuckerfabrikant Brugnon in einen Strudel des Scheiterns, der in einer ganz umfassenden Weise sein bisheriges Leben wie ein zerstörerischer Strom mit sich reißt. Am Ende ist er persönlich und finanziell ruiniert.

Das Wort Bankrott geht ursprünglich auf den italienischen Ausdruck „banca rotta“ zurück, der soviel wie „zerschlagener Tisch“ bedeutet. Dem zahlungsunfähigen Schuldner wurde zur Zeit der Renaissance der Tisch zerstört, an dem Geldwechsler ihre Dienste anboten, wenn er seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen konnte. Um Verpflichtungen geht es auch Bosts Protagonist Brugnon in erster Linie. Er übernimmt als Nachfolger seines Vaters den Familienbetrieb und macht sich schnell als windiger, gelegentlich ungestümer Unternehmer einen Namen, dem in der einschlägigen Boulevardpresse der Ruf vorauseilt, verrückt zu sein. Oder psychisch wenigstens verhaltensauffällig. Schon sein Vater hatte Brugnons Eifer nie dämpfen oder in die Schranken weisen können; er ist das, was wir heute einen Workaholic nennen. Stets auf seinen Erfolg bedacht, diszipliniert, bis zur vollständigen Erschöpfung seinem Beruf ergeben, der ihn ausfüllt und keinen Platz für etwas anderes in ihm lässt. Brugnon verachtet faule Menschen, denen das Nichtstun und die Muße irgendeinen Gewinn bedeuten. Für ihn ist Gewinn in Zahlen und nicht selten etwas waghalsigen Geschäftsabschlüssen messbar, nicht in persönlicher Erfüllung oder Glück. In Brugnons Leben fällt beides auf verhängnisvolle Art zusammen und kündigt den Zusammenbruch schon lange vor den ersten Rissen an, die sich durch seine tatkräftige Fassade ziehen.

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Vorfreude auf den Indiebook-Herbst

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Quer über die Kontinente, durch Länder und Städte rasen wir heute mit unseren Favoriten aus den Vorschauen der unabhängigen Verlage für den Herbst 2016. Wild, verrückt und schön! Von Europa über Afrika und Asien bis nach Amerika besuchen wir u.a. Irland, die Schweiz und Niederlande, Marokko, die Türkei, Kalkutta und Damaskus, Kuba, Argentinien, die USA … Die Auswahl ist ebenso groß wie die Vielzahl der Verlage. Extrem spannende und ungeheuer mutige Bücher sind dabei. Melancholische Texte und Texte voller Gefühl. Und natürlich findet Ihr hier wieder viele liebevoll gestaltete und ganz besonders schöne Ausgaben.

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Henrik Rehr: Der Attentäter

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Terroristische Anschläge und deren Gründe beherrschen die aktuelle Nachrichtenlage. Aber sie sind kein neues Thema, denn Attentate aus politischen, ideologischen oder fanatisch-religiösen Anlässen gibt es schon immer. Vor etwas mehr als einem Jahrhundert setzten die Schüsse des serbischen Terroristen Gavrilo Princip die halbe Welt in Brand, als er in Sarajevo den östereichisch-ungarischen Thronfolger und dessen Frau erschoß. Serbe, Nationalist, Terrorist – wer war dieser Princip? Wie wurde er zu einem Attentäter, der bereit war, sein eigenes Leben für diesen Anschlag wegzuwerfen? Was waren seine Beweggründe? Darüber gibt ein ganz besonderes Buch Auskunft, die Graphic Novel „Der Attentäter“ von Henrik Rehr. Der Untertitel macht das Anliegen des Autors und Zeichners deutlich, „Die Welt des Gavrilo Princip“ zu beschreiben. Weiterlesen

Guntram Vesper: Frohburg

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Irgendwo im Land gibt es den Ort, die Straße, das Haus, wir haben dort die Kindheit verbracht, wir kommen schwer davon los.

Acht Jahre lang hat Guntram Vesper geschrieben, als Material dienten lebenslang geführte Notizhefte und Tagebücher, sorgfältig angelegte Sammelmappen und gespeicherte Erinnerungen. Das Ergebnis war Frohburg, »1.000 Seiten und kein bisschen zu lang«, urteilte Andreas Platthaus in der FAZ. »Mammuts sind ausgestorben«, konterte Malte Bremer auf literaturcafe.de. Beides stimmt, Frohburg ist ein störrisch-schwerfälliger Koloss, der sich aus einer untergegangen Literaturepoche in unsere Zeit hinübergerettet hat, und Frohburg ist ein schillerndes Erinnerungsbuch, das Autobiographie, Geschichtsschreibung und fabulierfreudige Fiktion unter einen Hut bekommt.

Frohburg ist ein Heimatroman, allerdings keiner im Sinne einer verklärten Rückschau. Das Städtchen, südlich von Leipzig, das Vesper im Alter von 16 Jahren mit seinem Bruder und den Eltern Richtung Bundesrepublik verließ, dient lediglich als Nukleus und als Anker einer Biographie des 20. Jahrhunderts. Selbst Erinnertes und die Erzählungen des Vaters, dritter und vierter Personen mischt, schichtet, faltet und verschränkt Vesper zu (s)einer Lebenserzählung, der Biografie eines Landes, einer Zeit. Die fällt immer wieder auf das zurück …

…was ich auch jetzt noch mit Frohburg verbinde, der Vaterstadt, der Mutterstadt, sie lieferte im rein guten, so es das gibt, und im weniger guten, die Meßlatte, die Richtschnur und, im heutigen Sprachgebrauch, die Grundkonfiguration.

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