Petra Piuk: Lucy fliegt

PiukPerfide Persiflage auf die „Generation GNTM“
„Ich ändere meinen Namen auf Facebook von Linda auf Lucy. Und meinen Wohnort von Floridsdorf auf Hollywood. Ich weiß, dass ich noch nicht in Hollywood war, aber es geht ja um die Zielvisualisierung und wenn du jeden Tag Floridsdorf liest, dann bleibst du in Floridsdorf, aber wenn du jeden Tag Hollywood liest, dann fliegen dir die Möglichkeiten, nach Hollywood zu kommen, nur so zu.“ Und nach Hollywood will Lucy unbedingt, also uuunbedingt, wirklich, wirklich, so sehr, dass sie alles dafür tut. Das Mädchen aus dem Wiener Plattenbau ist überzeugt davon, dass es eine große Schauspielerin werden wird, und übt schon als Kind die Oscarrede. Das echte Leben ist fad und ohne Perspektiven, aber Lucy lässt sich nicht unterkriegen: Sie glaubt an sich, sie kellnert und spart, sie schläft mit vermeintlichen Regisseuren und zieht sich aus, um an Rollen zu kommen. Sie sieht nichts anderes vor Augen als Hollywood – und sei es noch so weit weg. Sie lässt sich von nichts abhalten: nicht von den Neidern und Klatschweibern, nicht von den vielen Peinlichkeiten und Hindernissen, nicht von fehlendem Talent oder Geld, nicht von der Liebe und nicht von einer Schwangerschaft …

Lucy fliegt von Petra Piuk ist eine Persiflage. Auf ebenso kluge wie eindringliche Weise thematisiert sie den Wahn, dem junge Menschen ihm Zuge von DSDS, GNTM und Konsorten verfallen, immer den schnellen Ruhm vor Augen, der durch die Medien und Fernsehformate so erreichbar und greifbar erscheint. Jeder kann heutzutage berühmt werden, und Protagonistin Lucy ist entschlossen, die Chance – die es nicht gibt – zu nutzen. In einem atemlosen, gehetzten Monolog voll unfertiger Sätze und Ich-red-mir-ein-dass-alles-gut-ist-Mantras erzählt die österreichische Autorin, die im Doku-Soap-Bereich gearbeitet hat und sich somit bestens auskennt, in ihrem ersten Roman von einer Seifenblasenwelt und von Träumen, die zerplatzen. Herrlich ist dabei ihr sarkastischer Ton, der das ganze Buch durchtränkt und die Bitterkeit von Lucys Leben spürbar macht. Das Mädchen geht mit sich selbst hart ins Gericht, doch zwischen all den Durchhalteparolen wallt Verzweiflung auf. Lucy ist völlig blind für die Mechanismen, denen sie sich freiwillig unterwirft: Schon früh setzt sie auf Sex, um beliebt zu sein, und merkt nicht, wie sie sich verschenkt, verheizt, verbrennt. Die, die über sie reden, sind doch nur neidisch, tröstet sie sich. Und springt von einer Falle, die das Leben ihr stellt, in die nächste.

„Die Mama sagt: Und die Gitti, die sich die Brüste fürs Fernsehen machen hat lassen, spricht auch jeder drauf an. Die nennen sie Titti-Gitti, sage ich. Die Mama sagt: Die meinen das ja lieb.“

So klingt Lucy fliegt, und es ist ein böses Buch. Jede Wendung ist schlimmer als die davor, und obwohl die Monolog-Erzählvariante zum Teil wahnsinnig anstrengend ist, ist sie auch genial: Petra Piuk lässt Lucy selbst berichten, was geschehen ist, und schafft es dennoch, die verurteilende Außenwelt sichtbar zu machen. Das ist spannender als ein schlicht chronologisches Erzählen. Alle lachen Lucy aus. Während sie fest an ihren Traum glaubt, nimmt in Wahrheit niemand sie ernst.

„Ich gehe nach Hollywood und hole mir den Oscar, ihr werdet schon noch alle sehen. Du und dein Oscar, sagt die Mama, einen Oscar kannst du höchstens als Freund haben.“

Lucy will entkommen, will dem tristen Leben im Wiener Problembezirk entfliehen, doch sie hat sich ein Ziel gesetzt, das nicht zu erreichen ist. Sie kämpft, sie hält den Kopf über Wasser, sie will nicht untergehen. Ich finde ihre Naivität und Skrupellosigkeit unerträglich und leide zugleich mit ihr. Dass wir eine Jugend heranzüchten, die sich verrennt in den Glauben, Glamour, Schönheit und Ruhm mache glücklich, ist beängstigend. Lucy ist eine fiktive Figur und könnte trotzdem nicht realer sein. Das alles zu lesen, ist amüsant, doch das Lachen bleibt mir im Hals stecken, und am Ende des Buchs bin ich bekümmert. Petra Piuk hat nicht nur ein Mädchen, sondern eine halbe Generation porträtiert, die nach Bekanntheit und Beifall giert – um jeden Preis. Denn das Leben, das sie führt, bedeutet ihr gar nichts.

Petra Piuk: Lucy fliegt. Verlag Kremayr & Scheriau 2016, 192 Seiten, 19,90 €.

 

Claudia Piñeiro. Ein wenig Glück

pineiro_ein_wenig_glück_Glücklicherweise wusste ich vor dem Lesen dieses Romans nichts über seinen Inhalt, habe einfach angefangen. „Lies mal die Piñeiro. Die wird dir gefallen.“ Diese zwei Sätze einer guten Freundin noch im Ohr, verzichte ich sogar auf den Klappentext (ein Tipp, den ich unbedingt weitergeben möchte, da dort alles, was den Roman so besonders macht, vorweggenommen wird). Ich starte also völlig ahnungslos mit den ersten Sätzen …

Ich hätte Nein sagen sollen, dass es nicht geht, dass ich nicht wegkann. Irgendwas sagen, egal was. Aber das habe ich nicht getan. Immer wieder habe ich mir die Gründe aufgezählt, warum ich mich, statt Nein zu sagen, am Ende doch bereit erklärt habe. Der Abgrund zieht uns an. Manchmal ohne dass wir es merken. Wie ein Magnet. Dann treten wir an den Rand, blicken in die Tiefe – und könnten springen. Ich bin so jemand. Ich könnte vortreten, mich in die Tiefe stürzen, in die Leere, ins Nichts fallen lassen, nur um – endlich – frei zu sein (S. 10).  Weiterlesen

Vincenzo Latronico: Die Verschwörung der Tauben

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Die Eroberung der Welt mit gewetzten Messern.

Bei Geld hört die Freundschaft auf, sagt der Volksmund, und der behält, das wissen wir, nicht selten recht. Vincenzo Latronico wählt als Generalbass für seinen Roman Die Verschwörung der Tauben eine verschärfte Version der Redensart: Beim ganz großen Geld wird aus Freundschaft Verrat. Die entfesselten, globalen Finanzmärkte funktionieren nur, weil Menschen sie antreiben. Was aber treibt die Menschen an, sich im Streben nach Reichtum, Einfluss und Macht derart zu verbiegen, dass Freundschaft, Moral und Menschlichkeit auf der Strecke bleiben? Mögliche Antworten spielt Latronico in seinem Psychogramm der modernen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung verblüffend schlüssig und spannend durch. Weiterlesen

Yali Sobol: Die Hände des Pianisten

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Diesmal war es verdammt knapp. Tel Aviv ist schwer zerstört, Tausende Menschen sind im Krieg gestorben und nur im letzten Moment konnte die israelische Armee die völlige Katastrophe verhindern. Danach hat sie umgehend die Macht übernommen, um das Land wieder zu stabilisieren, eine zivile Regierung existiert nicht mehr, Generalmajor Meni Schamai herrscht mit seiner Militärjunta über das Land. Das ist die Ausgangslage des Romans „Die Hände des Pianisten“ von Yali Sobol, dessen Handlung in einer nahen Zukunft angesiedelt ist, nach dem letzten Krieg, und das könnte jederzeit sein.

Ist das ein Roman über den Nahost-Konflikt? Eigentlich nicht. Israel ist lediglich eine Metapher, es geht vor allem darum zu erzählen, wie schnell sich in einem Land im Ausnahmezustand totalitäre Strukturen verfestigen können und was dies mit den Bewohnern, den Menschen macht. Weiterlesen

David Prudhomme und Pascal Rabaté: Rein in die Fluten!

rein_in_die_fluten»Rein ins Vergnügen!«

Dieser Sommer hat ja so seine Launen. Aber mit »Rein in die Fluten!« von David Prudhomme und Pascal Rabaté kann er nur besser werden. Der kürzlich erschienene Comic nimmt seine Leser mit ans Meer. So authentisch, dass man nach der Lektüre das Gefühl hat, gerade dort gewesen zu sein. Der Geruch von Sonnenmilch umkreist mich genauso wie das Geschrei der Möwen und der vielen sonnenhungrigen Menschen. Immer noch kichere ich in mich hinein – dank des heiteren, erfrischenden Ausflugs zwischen zwei Buchdeckeln.

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Dany Laferrière – Tagebuch eines Schriftstellers im Pyjama

Pyjama_gr_gerDany Laferrière wäre ein hervorragender Gast auf einer Cocktailparty. Er hat einen Sinn für’s Aphoristische, für geistreiche Bonmots und unkonventionelle Gedanken. Sein 1985 erschienener Debütroman trug den damals unerhört aufreizenden, provokanten Titel Comment faire l’amour avec un nègre sans se fatiguer. Seitdem hat er sich literarisch mit seiner haitianischen Herkunft und seinem Leben in Montréal befasst und sagt: Ich war nie im Exil, ich war auf Reisen.

Laferrière wuchs bei seiner Großmutter auf und arbeitete in jungen Jahren als Journalist, bevor er aufgrund der politischen Situation unter Diktator François Duvalier und dessen Sohn Jean-Claude 1976 mit 23 nach Montréal auswanderte. Einige seiner Vorgängerromane befassten sich mit der Situation in Haiti („Das Rätsel der Rückkehr„, für das er zahlreiche Preise gewann, „Le goût des jeunes filles“ oder „Tout bouge autour de moi“ zum Erdbeben, das Haiti 2010 erschütterte), häufig in erzählerischer Verflechtung mit eigenen Erlebnissen und seinem jetzigen Leben in Montréal und Miami. Auch sein neuer „Roman“, der in diesem Jahr ins Rennen um einen Platz auf der Hotlist geht, behandelt Ereignisse seines Lebens insofern, als er das Schreiben und die Hingabe an das gesprochene Wort in über hundert kleinen Miniaturen unter die Lupe nimmt. Weshalb und wie schreibt ein Schriftsteller? Was sollte er unter allen Umständen vermeiden? Bereits zu  Beginn wird klar, dass Laferrière mit einer gehörigen Portion Selbstironie zu Werke geht, wenn er schreibt:

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James Leslie Mitchell: Szenen aus Schottland

Mitchell - Szenen aus Schottland

Ackerfurchen in rotem Lehm

Der Geruch von roter Lehmerde steigt in die Nase, feuchtkühle Luft streicht über die Haut, in der Ferne steht die majestätische Hügelkette der Grampians am Horizont, wenn der Nebel ausnahmsweise zerreißt und der Himmel aufklart.

Die Szenen aus Schottland von James Leslie Mitchell sind frei von Dudelsack- und Tartankaroklischee. Sie zeigen Menschen, die versuchen in einer harten, kargen Landschaft zu überleben. So schwer die Entbehrungen auch sind, Mitchell schildert sie mit einer grenzenlosen Liebe zu Land und Leuten. Und diese Liebe verpackt er in wunderbare Worte.

James Leslie Mitchell, geboren 1901, entstammt einer Landarbeiterfamilie aus der Nähe Aberdeens. Als Verwaltungsmann beim Militär arbeitet er in Indien, im Nahen Osten und Ägypten. Ausgeschieden aus dem Militärdienst, ließ er sich1928 in England nieder, wurde Schriftsteller und starb im Alter von nur 34 Jahren. Seine Heimat ließ ihn niemals los, Mitchell blieb im Herzen stets »schottisch«. Weiterlesen

Xaver Bayer: Geheimnisvolles Knistern aus dem Zauberreich

»Die Wirklichkeit wird immer unglaubwürdiger, merkwürdiger auf jeden Fall.«

size_150_image431Erst neulich habe ich ein Buch gelesen, das in jeder Hinsicht erstaunlich war: Nach fünfhundertzwanzig Weltmeertagen von Martin Lechner, dreiundsechzig Kurz- und Kürzestgeschichten irgendwo zwischen zärtlich, komisch und exzentrisch. Ein paar Wochen später kommt mir erneut ein Werk unter, das sich nicht um Konventionen schert, angefangen bei der Gattung. Xaver Bayers Geheimnisvolles Knistern aus dem Zauberreich, vor zwei Jahren im Salzburger Jung und Jung Verlag erschienen, ist weder Roman noch Erzählband, es ist genau das, was der Titel ankündigt: ein geheimnisvolles, knisterndes, zauberhaftes Buch.

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Tomas Espedal: Wider die Kunst

Knausgard lesen oder Espedal? Für mich ganz klar – ich wähle Tomas Espedal. Das hat mehrere Gründe und einer davon ist, dass ich für ein fünfbändiges Werk, in welchem es ausschließlich um Sterben, Leben, Träumen, Liebe und natürlich immerzu um den Autor selbst geht, einfach keine Geduld habe. Auch fehlt mir dazu die Zeit. Den ersten Impuls, Espedal zu lesen, gab diese Begegnung im August 2014 …

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©Mara Giese. Begegnung mit Tomas Espedal. August 2014

Es ist nämlich so, dass Wider die Kunst schon seit längerer Zeit nach mir ruft. Auf dem Sommerfest und zehnjährigem Verlagsjubiläum von Matthes & Seitz im LCB am Wannsee begegneten die Klappentexterin und ich vor zwei Jahren Tomas Espedal. Und dort hat er uns unter anderem von diesem autobiographischen Roman erzählt.  Weiterlesen

Günther Blutke: LEIPZIG Fotografien 1956-1959

Schwarz-Weiß Fotobände ziehen mich magisch an. Vor allem, wenn Leipzig darin die Günther Blutke_LeipzigHauptrolle spielt. Im Mitteldeutschen Verlag aus Halle erschien vor einiger Zeit ein wie oben beschriebener Bildband mit Fotografien aus den späten 50er Jahren. Der Fotograf Günter Blutke war zu dieser Zeit Student an der Leipziger Universität und versammelt seine Eindrücke in diesem schmalen Band.

Sein Spektrum an Fotomotiven ist mannigfaltig: von 1. Mai-Aufmärschen über Studenten aus aller Welt bis hin zu typischen Leipziger Gebäuden. Aus dem Innenstadtbereich wird die Hainstraße und der Marktplatz . Alltagszenen mit Kindern, arbeitenden Menschen auf Baustellen wechseln mit Portraitaufnahmen. Leipzig im Winter: mit Schlittschuhfahrenden Kinder, im Clara-Zetkin-Park oder Rodeln am ehemaligen Dimitroffplatz. Da Blutke zu der Zeit selbst an der Universität Leipzig eingeschrieben war, gibt es sehr viele Fotos von (ausländischen) Kommolitonen und auch vom berühmten Rektor Georg Mayer.

Bilder der Leipziger Messe sind ebenso zu finden wie von Kohlekumpels in Espenhain und Ruderbooten auf dem Elsterbecken. Des Weiteren das Zentralstadion, einst mit 100.000 Plätzen das größte in Deutschland, der Leipziger Zoo, der Kopfbahnhof und das Parkcafe im Clara-Zetkin-Park. Obwohl ich erst Jahrzehnte später geboren wurde, erinnert mich vieles auf den Bildern an meine eigene Kindheit, vieles ist mir wohl bekannt.

Und wieder ist es die unnachahmliche Wirkung und Atmosphäre der Schwarz-Weiß Bilder, die beim Betrachter eine wehmütige Stimmung auslösen. Auch ich, als Leipzigerin, spüre wie mich jede einzelne Aufnahme emotional erreicht. Die Nachkriegszeit, gerade mal zehn Jahre ist der 2. Weltkrieg Geschichte, ist auf vielen Bildern gegenwärtig und Leipzig kann sich, im Gegensatz zu Dresden, glücklich schätzen dass viele historische Gebäude erhalten geblieben sind.

Blutke, Günter: Leipzig. Fotografien 1956-1959. Bildband. Mitteldeutscher Verlag; 80 Seiten; 7,95 Euro