Frank Wedekind / Roberta Bergmann (Ill.): Frühlings Erwachen

Ein Klassiker neu entdeckt.

buchumschlag_nominee-700x1053Klassiker haben es in der heutigen Zeit nicht leicht. Der Literaturbetrieb spuckt Jahr für Jahr tausende von Neuerscheinungen aus, deren kurze Blüte oft nur eine Saison andauert. Wie schön, dass sich manche Verlage dann doch noch an echte Klassiker herantrauen. Nun hat mich einer davon sehr neugierig gemacht. Vor 150 Jahren erblickte Frank Wedekind das Licht der Welt. Dies hat der unabhängige kunstanstifter Verlag zum Anlass genommen, um „Frühlings Erwachen“ neu und kunstvoll herauszugeben.

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Askim Utkuseven: Rache auf Türkisch

IMG_8476Ein heiterer türkischer Reigen
„Veganer haben es schwer in der Türkei, ganz besonders die, die wirklich kein Fleisch essen.“ In diesem sarkatisch-selbstironischen Ton sind die Momentaufnahmen in Rache auf Türkisch gehalten: Askim Utkuseven präsentiert Szenen und Skizzen, witzige Augenblicke und feurige Dialoge – die alle einem Motto unterstellt sind, wie beispielsweise Erben, Beten, Betrug, Ehekrach. Jede Geschichte ist kurz, im Durchschnitt etwa zehn Seiten lang – und überaus erheiternd. Da gibt es den jungen türkischen Mann, de ehrenhaft versucht, seine vegan lebende Freundin in der Türkei satt zu bekommen, eine rasante Führerscheinprüfung auf Türkisch oder eine Frau, die weiß, dass ihr Bräutigam sie betrügt und die ihn deshalb finanziell bis auf die Unterhosen auszieht. Da wird geschrien und getobt, auf die Seite gesprungen und köstlich gekocht, alles auf Türkisch eben.

Es braucht wohl jemanden mit einem feinen Blick auf die eigene Kultur, um so spitzfindige Beobachtungen zu Papier zu bringen. Die Autorin zieht zudem die messerscharfe Grenze zu den deutschen Sitten, denn die meisten Erzählungen finden in Deutschland mit Deutschtürken statt. Askim Utkuseven ist in Istanbul geboren und schreibt ganz ausgezeichnet über türkische Klischees: „Hüte deine Zunge, Frau, ich bin ein Türke, ich habe meinen Stolz, und heute siege ich, ich unterwerfe mich weder der Gesellschaft noch meiner Mutter!“ Ich habe mich glänzend amüsiert und kann euch dieses besondere kleine Buch zur Erheiterung für zwischendurch auf jeden Fall empfehlen.

Askim Utkuseven: Rache auf Türkisch. Divan Verlag, 160 Seiten, 15,90 Euro. Hier könnt ihr der Autorin ein bisschen beim Lesen zusehen.

Barbara Yelin: Irmina

IrminaMitgehangen, mitgefangen.

In diesem Jahr habe ich eine literarische Entdeckung gemacht, die mich besonders erfreut: Graphic Novels. Zuletzt konnte mich Jane, der Fuchs & ich vollends entzücken, und auch an die Graphic Journey von Sebastian Lörscher Making Friends in Bangalore erinnere ich mich gern zurück. Irmina von Barbara Yelin ist nun das krönende i-Tüpfelchen.

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Faiz und Julia Tieke – Mein Akku ist gleich leer

Cover-Faiz-Julia-Tieke-Mein-Akku-ist-gleich-leer-mikrotext-2015-400pxDas Thema ,Flucht und Flüchtige’ ist seit einiger Zeit, besonders jedoch nach den jüngsten Unglücken im Mittelmeer, in aller Munde. Welche Änderungen muss unsere Flüchtlings – und Asylpolitik erfahren, damit sich Menschen nicht mehr einem derartigen Risiko aussetzen müssen? Nehmen wir zu viele Flüchtlinge auf? Wie kann man helfen? Trotz vieler Fragen und vorschneller Meinungen bleibt dieses Thema für so manchen ein abstraktes. Schließlich können wir uns glücklicherweise eine solche Notlage oft nicht vorstellen. Mit ,Mein Akku ist gleich leer’ ändert sich das – denn der Flüchtling, um den es geht, bekommt ein Gesicht.

Faiz, Student der englischen Literatur, hat das im Norden Syriens gelegene Aleppo durchaus nicht aus wirtschaftlichen Gründen verlassen. 2011 schloss er sich der syrischen Protestbewegung gegen staatlich legitimierte Gewalt und Unterdrückung an. Er dokumentierte damals Repressionen gegen Aktivisten und gründete gemeinsam mit ihnen ein Zentrum für Zivilgesellschaft. Außerdem half er, einen Sendemast für unabhängiges Radio – und damit für freie, nicht von staatlicher Seite überwachte Informationsverbreitung – zu betreiben. Anfang 2014 jedoch übernahm der IS die Kontrolle in der Region und drohte Faiz aufgrund seines zivilgesellschaftlichen Engagements mit der Enthauptung. Er floh, um sein Leben zu retten, zunächst in die Türkei, konnte aber auch dort seine Arbeit nicht fortsetzen. Julia Tieke traf Faiz zum ersten Mal in der Türkei für ein Syrien-Radiofeature, das die Begegnungen von Radiomachern zwischen Berlin und Aleppo dokumentieren sollte.

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Lola Shoneyin: Die geheimen Leben der Frauen des Baba Segi

Lola_Shoneyin_die_geheimen_leben_der_frauen_des_baba_segiFinsteres Nigeria, von der Literatur hell erleuchtet.

Nigeria ist finster und strahlend zugleich. Natürlich bewegen mich die furchtbaren Nachrichten über die Gewalt der Terrorsekte Boko Haram. Mit großer Sorge denke ich an die vielen unschuldigen Toten, die zahlreichen Opfer der Gräueltaten und an die zweihundert entführten Schulmädchen, von denen bis heute jede Spur fehlt. Zudem bin ich fassungslos über die Armut in dem afrikanischen Land, das aufgrund seiner reichlichen Ölvorkommen gar nicht arm sein müsste. Ein Widerspruch, der sich leider oft in Afrika findet. Das Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich fördert die Korruption und bietet gleichzeitig einen Nährboden für Menschen, die von Gier und Macht angetrieben werden. Im Gegensatz dazu leuchten die Stimmen der nigerianischen Gegenwartsliteratur wie eine Hoffnungskerze. Viele Bücher aus diesem zerrissenen Land begeistern mich auf ihre Weise. Und ich weiß am Ende nicht, ob ich weinen oder lachen soll über diesen Zwiespalt, den ich mit Nigeria verbinde.

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Iwan Bunin: Vera

BuninVera-US-uc.indd“Für die strenge Kunst, in der er die klassische russische Tradition in der Prosadichtung weitergeführt hat”. Für diese Kunst erhielt Iwan Alexejewitsch Bunin 1933 als erster russischer Schriftsteller den Nobelpreis für Literatur. Neben lyrischen Werken und übersetzerischen Arbeiten ist er vor allem durch seine Prosa bekannt geworden.

In dem zuletzt erschienenen Erzählband „Vera“ werden Scheiternde versammelt und dessen Schicksale beschrieben. Dabei steht vor allem das ländliche Leben Russlands des beginnenden 20. Jahrhunderts im Mittelpunkt. Eine eher pessimistische, melancholische Grundstimmung durchzieht das Buch. Weiterlesen

Michael Weins – Sie träumt von Pferden

Sie_traeumt_von_Pferden_Cover-620x947In Michael Weins’ Geschichten mit Tieren kann schonmal ein Wolf mit Mariacron auf seiner Wohnwagen-Ottomane sitzen und den einstigen Ruhm betrauern. Riesige Teddybären aus blauem Plüsch können einen ganz fest ans Herz drücken oder Katzen neben Kindern eine leerstehende Ruine bewohnen. Ihnen allen eigen aber ist die Einfühlsamkeit und Aufrichtigkeit, mit der sie erzählt sind. Man muss sie dafür lieben.

Sanfter Regen fällt wie eine Markise vor den Träumen der Welt.

Sehr oft in Michael Weins’ Geschichten geht es um schmerzliche Erfahrungen. Schon in Goldener Reiter drehte sich alles um einen Jungen, der mit der psychotischen Erkrankung seiner Mutter umgehen musste; geschrieben vor einem autobiographischen Hintergrund. Weins arbeitet selbst als Psychologe und kommt so gleichsam ständig in Kontakt mit den leidvollen Erfahrungen anderer. Das Besondere ist die Art, wie er sie in Worte kleidet, wie er Geschichten daraus spinnt, die trotz ihres häufig traurigen Inhalts stärkend und aufbauend sind, wie er aus Individuellem Universelles macht. Eben jenen Zauber kann man nun auch wieder in ,Sie träumt von Pferden‘ entdecken. Hier geht es um einen Jungen, der sich in seiner Außenreiterrolle dafür entscheidet, den Wolf zu besuchen, der in einem Wohnwagen etwas außerhalb des Viertels sehr abgeschottet lebt. Er war einst berühmt als ,der große böse Wolf’, bekannt aus Geschichten mit Zicklein, Schweinen und einem Mädchen mit roter Kappe. Jetzt gilt er bloß noch als verweichlichter “Schwuli”, wie die Jungs auf ihren fuchsschwanzdekorierten Motorrädern sagen. Und weil der Junge ihn besucht, gerät er mindestens ebenso schnell ins Fadenkreuz der Halbstarken. Durch eine kleine Lüge lässt er sich schließlich zu einer ungeheuerlichen Tat hinreißen.

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(…) und ich höre dabei zu, wie ein ganz sonderbarer Laut aus meiner Brust entweicht, ein Laut, den man in ein Einmachglas mit Luftlöchern im Deckel stecken müsste, ein grünes Blatt als Nahrung hinein und den Deckel zuschrauben, ein kleiner pelziger Laut, der sich windet und dreht auf dem Boden des Glases, der sich verpuppt mit etwas Glück, und vielleicht entsteht eines Tages daraus etwas Schönes.

Oft sind es Kinder, die alleingelassen sind mit den Widrigkeiten ihres Lebens. Wie das “Schildkrötenmädchen” Johanna, deren Vater ein Trinker und deren Job es ist, wie sie selbst zynisch sagt, die Toiletten zu putzen. Und am Morgen die leeren Flaschen in den Keller zu bringen. Ihr Bruder ist von zuhause weggelaufen und sie muss Stillschweigen darüber bewahren, wo er sich aufhält. Oder das Mädchen, deren Mutter mehr einem Tier an der Leine gleicht als einer fürsorglichen Vertrauensperson. Man kann viele von Michael Weins’ Geschichten auf ganz unterschiedliche Weise lesen und verstehen. So ist die Mutter an der Leine freilich auch ein hervorragendes Bild für einen über die Grenzen des Kindseins hinaus wirkenden Einfluss, den manche Eltern ausüben. Man trägt und führt ihn mit sich, wohin man auch geht.

Sie erinnert mich daran, dass wir Tiere sind, angezogene Tiere, und dass das gut ist. Ich bin einverstanden damit.

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Es ist das Tierische im Menschen und das Menschliche im Tier, das in den Geschichten immer wieder anklingt. So manche Erzählung wirkt wunderlich, absurd, niemals aber verliert eine von ihnen den Humor. Manchmal ist es Galgenhumor, freilich, aber wer auch den verliert, ist schutzlos ausgeliefert. Mit einer unheimlich bildhaften und poetischen Sprache lenkt Michael Weins durch seine Geschichten, die Illustrationen von Katharina Gschwendtner fangen die traumartige Atmosphäre brilliant ein und bilden sie ab. ,Sie träumt von Pferden‘ ist ein brilliantes, ein wunderschönes, ein verträumtes und grundehrliches Buch (innen wie außen!) über das Leben und wie es eben manchmal so spielt. Und gleichzeitig gibt es das ein oder andere Rüstzeug an die Hand, um gelegentlich mitzuspielen. Eine eindringliche Empfehlung an dieser Stelle!

Michael Weins: Sie träumt von Pferden, mit Illustrationen von Katharina Gschwendtner, mairisch Verlag, 128 Seiten, 9783938539354, 16,90 €

Hedin Brú: Vater und Sohn unterwegs

brú_vater_und_sohn_unterwegs_guggolzEs liegt eine Schule von Grindwalen im Seyrvágsford, eine Anzahl schweigender Wale, die ihre Kreise ziehen und zum offenen Meer streben, da hier ihr Revier nicht liegt; Männer haben sie von ihrer Zugbahn in die Ferne abgedrängt und in die Enge getrieben.

Was für ein bildreicher und spannender Einstieg in den Roman. Eine Grindwaljagd. Der gesamte Ort ist auf den Beinen und auch der 70jährige Ketil und sein jüngster Sohn Kálvur sind in heller Aufregung. Bedeutet eine Herde Grindwale doch Nahrung für eine lange Zeit! Die Aussicht auf Walspeck treibt beide an. Und obwohl Kálvur der Weg zu Fuss wenig begeistert – werden sie doch ständig von schnellen Autos überholt – lässt er sich vom Vater überzeugen und gemeinsam schleppen sie die Last der Harpunen, Speere, Leinen und Fanghaken zum Fjord … und finden Platz in einem kleinen Boot. Was eindrucksvoll harmonisch beginnt, wird in einer blutigen Jagd enden.  Weiterlesen

Jürgen Bauer: Was wir fürchten

41864798zDas Leben von Georg ist bestimmt vom Wunsch nach Kontrolle und Distanz. Gleichzeitig greift eine alles dominierende Angst nach ihm, die Angst davor, die Zügel des Lebens aus der Hand geben zu müssen, manipuliert oder gelenkt zu werden. Diese Angst hat Georg geformt, er hat sich unter Schmerzen und seelischen Qualen diszipliniert, sich zu einem kontrollierten Menschen erzogen, einem Menschen, der alles kontrollieren möchte. Georg hat sein Leben hunderte Male durchgespielt und alles bis zum Ende durchdacht, immer und immer wieder. Er hat hundertfach alle möglichen Wendungen analysiert, er läuft nicht mehr blind in etwas hinein, er hat ein Skript, an das er sich hält, Georg hat einen Plan. Weiterlesen