Adelle Waldman: Das Liebesleben des Nathaniel P.

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»Ein weiblicher Blick in die männliche Seele.«

Meistens schreiben Männer über Männer oder Frauen über Frauen. Doch es gibt auch Ausnahmen. So wie »Das Liebesleben des Nathaniel P.« von Adelle Waldman, in dem die Autorin mit der Stimme eines männlichen Protagonisten erzählt. Das Werk hatte sich schon kurz nach seinem Erscheinen vor zwei Jahren in den USA zu einem der meist diskutierten Romane entwickelt. Das hat die Klappentexterin natürlich neugierig gemacht. Und das Innenleben von Männern an sich ist ja sowieso ein spannendes Feld.

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Akram Aylisli – Steinträume

aylisliAkram Aylisli ist einer der bekanntesten aserbaidschanischen Schriftsteller. Er wurde als „Schriftsteller der Nation“ ausgezeichnet, seine Bücher wurden in über 30 Sprachen übersetzt. Sein Erfolg jedoch kehrte sich schlagartig in sein Gegenteil, als im Dezember 2012 ,Steinträume‘ erschien. All seine Ehrungen und Titel wurden Aylisli aberkannt,  es wurde öffentlich zu seiner Verfolgung aufgerufen, seine Bücher wurden verbrannt und er wurde als Feind seines Landes geächtet. Nicht nur er selbst, sondern auch seine Familie musste Repressalien erdulden. Alles wegen eines Romans, der nun auf der Liste der sogenannten „banned books“ steht. Warum?

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Nona Fernández: Die Toten im trüben Wasser des Mapocho

Der Roman von Nona Fernández kostet Kraft und Konzentration denn vom Leser wird so einigesNona Fernandez abverlangt. Nicht nur die häufigen Perspektivänderungen, die eingefügten Rückblicke und die Wechsel zwischen Fiktion und Realität fordern heraus, nein auch die Sprache selbst, getragen von Schmerz und Trauer ist teilweise anstrengend. Die ersten Sätze sind dafür beispielhaft: „Verflucht kam ich zur Welt. Von Mutters Möse bis zu der Kiste, in der ich jetzt liege, war mein Leben verflucht.“

Im eigentlichen Mittelpunkt steht der Fluss Mapocho, der durch die chilenische Hauptstadt Santiago de Chile fließt und verbindendes Element aller Puzzleteile des Romans ist. Er ist der rote Faden des Textes, der Opfer und Verlierer der chilenischen Geschichte aufnimmt und so zum Sammelbecken aller Leidwesen wird: von den Anfängen (mit Pedro de Valdivia) bis zur jüngeren Geschichte des Landes, das vor allem noch unter den Nachwirkungen der Diktatur Pinochets zu leiden hat.

Rucia und Indigo ein Geschwisterpaar, das einer verbotenen Liebe nachgeht aber diese nie ausleben konnte, musste genau diese Tragödie am eigenen Leib erfahren und erst viele Jahre später tragen sie getrennt voneinander Stück für Stück die schmerzvolle Wahrheit ihrer Familie zusammen. Fernández betreibt eine durchgehende Dekonstruktion des menschlichen Körpers, der Geschichte und Geschichtsschreibung und dem Heiligtum Lateinamerikas: der Familie. Die Frage nach dem Tod steht immer wieder im Raum und auch der Feststellung von Faustus, einem greisen Historiker im Roman „Der Tod ist eine Lüge“ muss sich Rucia bei ihrer Suche nach der Wahrheit und dem geliebten Bruder stellen.

Wie so oft bei dem Thema der Vergangenheitsbewältigung in Bezug auf Diktaturen steht die Problematik Lüge versus Wahrheit auch bei Nona Fernández drohend, einschüchternd aber nie wirklich aufklärend im Vorder- und Hintergrund des Erzählten. Eine Geschichte, die verwirrt und zerstörerisch auf ihre Figuren wirkt, die aber auch zum Nachdenken anregt, die anklagt und gelesen werden will.

Nona Fernández: Die Toten im trüben Wasser des Mapocho. 2012 Septime Verlag, 260 Seiten, 20,90 Euro. Aus dem chilenischen Spanischen Anna Gentz.

Wolfgang Popp – Die Verschwundenen

poppAuch wenn wir uns manchmal dessen gar nicht bewusst sind: Jeden Tag verschwinden Menschen aus unserem Fokus, die wir einmal kannten. Manche gut, andere nur flüchtig, in ganz verschiedenen Kontexten. Wenn wir manche davon wiedertreffen, ist Vieles ganz anders geworden, haben sich Leben und Prioritäten plötzlich verschoben. Was früher einmal passte, kann heute Reibung verursachen. Wolfgang Popp erzählt gekonnt von Wiederbegegnung und Verlusten und strickt dabei ein Netz, das über die Grenzen der einzelnen Geschichten hinaus wirkt.

Keiner tauscht sich so offen aus, bemerkte ich erstaunt, wie zwei Fremde im Schutz ihrer Fremdheit.

Ein Hotelkritiker trifft in Neapel auf einen ehemaligen Lehrer, der damals überraschend und plötzlich gekündigt hatte und aus der Stadt verschwunden war. Ein sterbender Jugendfreund bittet den anderen nach Jahren der Funkstille seine Notizen in Buchform zu gießen und zu veröffentlichen. Nicht Eulen nach Athen, sondern das Foto eines vermeintlich ausgestorbenen Käuzchens wollen zwei alte Freunde aus Griechenland heraustragen, um ein hohes Preisgeld einzustreichen. Ein Mann entscheidet sich mit seinem Liebhaber für eine Expedition zu den südamerikanischen Pequod und wird über die Erforschung ihrer Sprache langsam wahnsinnig. In einer Hafestadt Sri Lankas kommt es schließlich zur Jagd auf einen Mörder. Wolfgang Popps Erzählungen verbindet nicht nur das Element des Verschwindens und Untertauchens, sondern der menschlichen Geheimnisse, die nicht selten unmittelbar mit ihrem Verschwinden verbunden sind. Was können Menschen in sich tragen, ohne ihre Umwelt davon in Kenntnis zu setzen? Und welche dieser unbeleuchteten Winkel des Lebens können Menschen dazu veranlassen, entweder vom Erdboden zu verschwinden oder gar nach Jahren wieder aufzutauchen?

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Assia Djebar: Das verlorene Wort

Djebar_Das_verlorene_WortDer Unionsverlag Zürich feiert in diesem Jahr sein 40jähriges Jubiläum. Tschingis Aitmatow, Leonardo Padura, Jean-Claude Izzo, Celil Oker, Assia Djebar … die Zahl der Autoren ist groß. Und die Auswahl der Länder, in die man sich gedanklich träumen kann, scheint endlos. Es lohnt sich unbedingt, mal auf die Website des Verlages zu gehen und gemeinsam mit Lesern durch die Welt zu reisen und zu stöbern in: Lieblingsbücher aus 40 Jahren. Da ist kein Kontinent, der fehlt.

Assia Djebar copyright Giovannetti/effigie

Assia Djebar
copyright Giovannetti/effigie

Meine Wahl aus der Fülle der Namen ist auf die algerische Autorin Assia Djebar (30.06.1936-06.02.2015) gefallen. Sie ist eine der ganz großen Dichterinnen des Maghreb. In dem Roman Das verlorene Wort beschreibt sie die Zerrissenheit ihrer Heimat Algerien auf ganz besondere Weise. Sie verwebt die politischen und religiösen Auseinandersetzungen ihres Heimatlandes mit einer Liebesgeschichte zu einem feinen Teppich. Ich als Leser kann auf diese Weise die harten Fakten “aushalten”. Gleichzeitig schafft Djebar unvergessliche Bilder. Wenn sie beschreibt, wie Nadijas Augen lachen zwischen Berkanes Händen und er den Saum ihrer Lippen mit dem Finger nachfährt. Wenn Djebar dieses Dich kennen bis zur Ermüdung beschreibt.

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Giuliano Musio: Scheinwerfen

IMG_8607Die fatale Macht der Erinnerung
Die Weingarts haben eine sehr spezielle Gabe: Wenn sie jemanden berühren, können sie seine verdrängten Erinnerungen sehen. Jeder aus der Familie, der seine Initiation hatte, spürt dadurch jene Erlebnisse auf, an die die Menschen selbst nicht mehr herankommen. Die Brüder Julius und Toni haben dieses Talent von ihrem Vater geerbt, ihre Mutter hat daraus ein florierendes Geschäft gemacht: Die Kunden geben sich die Klinke in die Hand, um mithilfe der Weingarts verlorene Schlüssel, den Namen eines Vergewaltigers oder ein Gefühl aus der Kindheit wiederzufinden. Cousine Sonja, die zugleich die Freundin von Julius ist, arbeitet ebenfalls in diesem eigenartigen Familienbetrieb mit, und auch Halbbruder Res, von dessen Existenz niemand wusste, beherrscht das Scheinwerfen. Doch während die Klienten von dieser Weingart’schen Gabe profitieren, wird das Scheinwerfen für Toni, Julius, Sonja und Res zum Fluch – für jeden von ihnen aus einem anderen Grund …

Was für ein Debüt! Was für eine Story! Was für ein Vergnügen! Der Schweizer Autor Giuliano Musio erzählt in Scheinwerfen eine abstruse, spannende und gefühlvolle Geschichte, die völlig unglaubwürdig ist und dabei doch absolut realistisch erscheint. Schon in der Luftschacht-Vorschau hab ich große Lust auf dieses Buch mit der originellen Story bekommen: Ich war neugierig auf diese Romanfiguren, die eintauchen können in die Erinnerungen fremder Menschen. Und als ich angefangen habe, Scheinwerfen zu lesen, blieb mir erst mal die Spucke weg: Ich war sofort am Haken von Giuliano Musio aufgespießt und wollte dieses Buch auf der Stelle verschlingen.

Vier Menschen stehen in diesem Buch im Mittelpunkt und tragen ihre jeweilige Perspektive zur Geschichte bei: Julius, Sonja, Res und Toni. Einer von ihnen liebt den falschen Mann. Einer kann überhaupt nicht scheinwerfen, sondern tut nur so. Und alle verbindet nicht nur dasselbe Erbmaterial, sondern auch ein schreckliches Geschehnis in der Vergangenheit, an das sie sich selbst nicht mehr erinnern können. Behutsam löst Giuliano Musio Schicht um Schicht das Vergessen und hantiert dabei gekonnt mit den Fäden eines fesselnden Verwirrspiels: Was ist damals wirklich passiert? Wer sagt die Wahrheit? Und was weiß ein jeder wirklich über die Menschen, die er liebt? Am Ende knallt es für alle Figuren noch einmal so richtig, was mich sehr überrascht hat. Lange hab ich kein Buch mit einer derartigen Sogwirkung gelesen – und will es euch deshalb dringend empfehlen.

Giuliano Musio: Scheinwerfen. Luftschacht Verlag 2015, 404 Seiten, 25,20 Euro. Hier findet ihr die Website des Autors.

Carl Nixon: Lucky Newman

Nixon_Lucky_NewmanEin Erzähler erzählt einem Erzähler die Geschichte seiner Mutter Elizabeth Whitman. Dieser schreibt die Geschichte auf, lässt Dinge weg, erfindet Neues hinzu. Nie weiß ich als Leser, was eigentlich “wahr” oder was reine Phantasie des Chronisten Carl Nixon ist. Und genau das bereitet mir größten Genuss! Ich fühle mich beim Lesen, als sei ich angekommen im Paradies der ganz großen Erzählkunst.

Im Jahr 1919 wartet Elizabeth noch immer auf ihren im Krieg verschollenen Mann Jonathan. Dem gemeinsamen Sohn Jack (4 Jahre) erzählt sie Abend für Abend als Trost für den verlorenen Vater Geschichten vom mutigen Ballonfahrer, einem Tiger und der Mondjungfrau. Tags arbeitet sie als Krankenschwester. Weiterlesen

Ulla Lenze: Die endlose Stadt

»Du wirst zur Stadt, sobald du sie betrittst«

41776151z»Seit ich 16 bin, reise ich nach Indien. Oft mit dem Gefühl, in ein inneres Trödeln zu geraten, auch Freiheitsräusche, schon weil die gewohnten kulturellen Codes ausgehebelt sind.« Dies schreibt die Autorin Ulla Lenze zu Beginn des Jahres in der Welt, nachdem sie auf Einladung des Goethe-Instituts Frank-Walter Steinmeier durch Delhi begleitet hat. Eine ähnliche Situation schildert die erste Szene ihres Romans Die endlose Stadt, den sie etwa zeitgleich fertiggestellt hat und der nun in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen ist. Da wandelt der Außenminister samt »Entourage« durch Istanbul, darunter die Fotografin Holle Schulz, die wie ihre Schöpferin in ein inneres Trödeln gerät, immer wieder ihre Freiheit und ihr Selbstverständnis als Künstlerin hinterfragt. Weiterlesen

Frank Wedekind / Roberta Bergmann (Ill.): Frühlings Erwachen

Ein Klassiker neu entdeckt.

buchumschlag_nominee-700x1053Klassiker haben es in der heutigen Zeit nicht leicht. Der Literaturbetrieb spuckt Jahr für Jahr tausende von Neuerscheinungen aus, deren kurze Blüte oft nur eine Saison andauert. Wie schön, dass sich manche Verlage dann doch noch an echte Klassiker herantrauen. Nun hat mich einer davon sehr neugierig gemacht. Vor 150 Jahren erblickte Frank Wedekind das Licht der Welt. Dies hat der unabhängige kunstanstifter Verlag zum Anlass genommen, um „Frühlings Erwachen“ neu und kunstvoll herauszugeben.

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Askim Utkuseven: Rache auf Türkisch

IMG_8476Ein heiterer türkischer Reigen
„Veganer haben es schwer in der Türkei, ganz besonders die, die wirklich kein Fleisch essen.“ In diesem sarkatisch-selbstironischen Ton sind die Momentaufnahmen in Rache auf Türkisch gehalten: Askim Utkuseven präsentiert Szenen und Skizzen, witzige Augenblicke und feurige Dialoge – die alle einem Motto unterstellt sind, wie beispielsweise Erben, Beten, Betrug, Ehekrach. Jede Geschichte ist kurz, im Durchschnitt etwa zehn Seiten lang – und überaus erheiternd. Da gibt es den jungen türkischen Mann, de ehrenhaft versucht, seine vegan lebende Freundin in der Türkei satt zu bekommen, eine rasante Führerscheinprüfung auf Türkisch oder eine Frau, die weiß, dass ihr Bräutigam sie betrügt und die ihn deshalb finanziell bis auf die Unterhosen auszieht. Da wird geschrien und getobt, auf die Seite gesprungen und köstlich gekocht, alles auf Türkisch eben.

Es braucht wohl jemanden mit einem feinen Blick auf die eigene Kultur, um so spitzfindige Beobachtungen zu Papier zu bringen. Die Autorin zieht zudem die messerscharfe Grenze zu den deutschen Sitten, denn die meisten Erzählungen finden in Deutschland mit Deutschtürken statt. Askim Utkuseven ist in Istanbul geboren und schreibt ganz ausgezeichnet über türkische Klischees: „Hüte deine Zunge, Frau, ich bin ein Türke, ich habe meinen Stolz, und heute siege ich, ich unterwerfe mich weder der Gesellschaft noch meiner Mutter!“ Ich habe mich glänzend amüsiert und kann euch dieses besondere kleine Buch zur Erheiterung für zwischendurch auf jeden Fall empfehlen.

Askim Utkuseven: Rache auf Türkisch. Divan Verlag, 160 Seiten, 15,90 Euro. Hier könnt ihr der Autorin ein bisschen beim Lesen zusehen.