Carlos Gamerro: Das offene Geheimnis

Der einfache Tatbestand „Ein Mann wurde ermordet.“ lässt viele verschiedene Versionen Carlos Gamerro_das offene geheimnisdes Tatherganges zu. Noch dazu wenn der Mord in der argentinischen Provinz der 70er Jahre begangen wurde. Jeder der Dorfbewohner hat Jahrzehnte später seine ganz eigene Geschichte zu erzählen und Gamerro gelingt es auf einzigartige Weise die Stimmung einer Gemeinschaft einzufangen, die vom allgegenwärtigen Klatsch und Tratsch, mit all seiner Niedertracht und Bosheit geprägt ist.

Fefe verbringt als Kind jedes Jahr mehrere Monate bei seinen Großeltern in dem Dorf seiner Mutter. Nach fast 20 Jahren kommt er zurück, um alte Freunde wieder zusehen und um herauszufinden warum Darío Ezcurra ermordet wurde. Die Atmosphäre in einem Dorf ist schon ganz speziell, so auch im argentinischen Mahiguel, unweit von Rosario gelegen. Hier kennt jeder jeden, jeder hat Recht, weiß es besser und Feindseligkeiten zwischen den Familien werden vererbt. Fefe erfährt bei seiner Recherche mehr als ihm lieb ist und er muss erkennen, dass es eine Vielzahl von Wahrheiten gibt.

Darío Ezcurra war ein Maulheld, Revolutionär, Fraueneroberer aber vor allen vielen aufgrund seines Auftretens und Gebarens ein Dorn im Auge. Mit Rosas Paz, seinem Widersacher aus dem Nachbardorf, lag er seit Jahren im Streit. Der damalige Polizeichef Neri musste das aufgrund eines Befehls von „oben” ändern. Um sich nicht allein verantworten zu müssen, besuchte er nahezu jeden Mitbürger, um sich ein Einverständnis für die Liquidation Ezcurras geben zu lassen. Fefe geht 20 Jahre den gleichen Weg und Erschreckendes kommt bei den Gesprächen zum Vorschein:

Wie viele Tode gab es damals in Argentinien? Dreißigtausend, sagen Sie? Da übertreiben Sie aber ein wenig. Das waren doch maximal … sagen wir mal zehntausend. Passt mathematisch gesehen auch besser in meine Argumentation. Wenn ich mich nämlich nicht täusche, hatten wir zu dieser Zeit fünfundzwanzig Millionen Einwohner. Erinnern Sie sich noch? Wenn wir das dann ins Verhältnis setzen, heißt das ein Opfer pro zweitausendfünfhundert Einwohner. Sie dürfen mich ruhig unterbrechen, wenn ich etwas Falsches sage. Hier in Malihuel gab es genau einen Toten, und wir hatten damals dreitausend Einwohner. Das heißt, wir lagen sogar noch unter dem Durchschnitt. […] Damit möchte ich nicht alles rechtfertigen, was damals vorgefallen ist, sondern lediglich betonen, dass das, was in Malihuel passiert ist, damals in ganz Argentinien passierte. Deshalb sage ich auch, wenn wir jetzt anfangen, Malihuel zu verurteilen dann müssen wir die ganze Nation verurteilen.

„Das offene Geheimnis“ ist demzufolge nicht nur ein spannendes Buch mit einem überraschenden Ende, sondern zugleich auch Anklage gegen die argentinische Militärdiktatur der 70er Jahre. Gamerro analysiert genau die Strukturen von Schuld und Schuldzuweisungen und zeigt auf, wie Mitverantwortliche zwei Jahrzehnte später sich jeglichem Pflichtgefühl entziehen und sich als Opportunisten offenbaren.

Carlos Gamerro: Das offene Geheimnis. Original: El secreto y las voces. Aus dem argentinischen Spanisch von Tobias Wildner. Septime Verlag, Wien 2013. 344 Seiten. 21,90 EUR
 

Albena Dimitrova: Wiedersehen in Paris

dimitrova_wiedersehen_in_parisSie sind sorglos, sie sind verrückt, sie sind extrem unvorsichtig. Alba und Guéo begegnen sich in einem Sanatorium  im sozialistischen Bulgarien. Was als leise sanfte Sympathie füreinander und als kleine Rauchergemeinschaft mit klugen Gesprächen beginnt, entwickelt sich schnell zu einer Amour fou im doppelten Sinne. Alba ist siebzehn, Guéo etwa fünfundfünfzig und verheiratet. Sie, ein einfaches Mädchen mit einer Amnesie im linken Bein. Er, ein Mitglied des Politbüros Bulgariens zur freiwilligen Elektroschock-Therapie. Elektroschock als Droge, um zu vergessen.

Die 1969 in Bulgarien geborene Albena Dimitrova erzählt in dem kaum 200 Seiten langen Roman von dieser Wahnsinns-Affäre zwischen Alba und Guéo. Sie erzählt auch von Korruption und von Bespitzelung im sozialistischen Bulgarien. Packend und sprachlich radikal reduziert, beschreibt sie die letzten Tage eines untergehenden Systems. Und die wenigen Tage einer ganz großen Liebe. Weiterlesen

Roger Clarke – Naturgeschichte der Gespenster

msb-cover-978-3-95757-102-1Wenn es mehr zwischen Himmel und Erde gibt, als wir gegenwärtig nachzuweisen oder in Worte zu fassen in der Lage sind, liefert Roger Clarke uns umfassendes und glänzend recherchiertes Material, auf dessen Basis wir Überlegungen anstellen können. Quer durch die Jahrhunderte untersucht er Geistererscheinungen, Spukphänomene und Legenden und setzt sie kenntnisreich in einen größeren historischen Kontext. Es ist im besten Sinne drin, was draufsteht: eine nahezu erschöpfend genaue Beweisaufnahme des Übernatürlichen

In diesem Buch geht es also nicht um die Frage, ob es Geister gibt oder nicht, sondern darum, was wir sehen, wenn wir einen Geist sehen, und um die Geschichte, die wir uns davon erzählen.

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Irmgard Fuchs: Wir zerschneiden die Schwerkraft 

thumb_IMG_6302_1024Vom Spiel mit Leichtigkeit und Schwere
Dieses Buch schwebt. Grafisch zeigt sich das an den Weltallbildern, die das Cover sowie jeden Geschichtenbeginn zieren. Inhaltlich ist die Schwerkraft im Titel ein ums andere Mal Thema: Einer verschickt Botschaften mit einer Silvesterrakete, ein anderer reist in einem Koffer ins All. Gemeinsam haben die Figuren eine gewisse Verlorenheit. Sie sind allein, einsam, zerstreut – und definitiv verrückt. Manche von ihnen haben einen derartigen Knall, dass ich kaum ein Wort, das sie mir erzählen, verstehe. Das ist freilich ebenso amüsant wie anstrengend. Andere wiederum verstecken ihren Wahnsinn besser – und die finde ich ganz besonders interessant.

Prinzipiell macht mir Irmgard Fuchs die Sache mit dem Verstehen nicht so leicht. Die junge Salzburgerin hat unter anderem Sprachkunst studiert und zeigt in ihrem ersten Buch, was man da so lernt: offenbar den Mut, experimentell mit Sprache und ihrer Form umzugehen. Nicht zu wild, nein, keine Sorge, da habe ich schon Krasseres gesehen (und denke beispielsweise an Menschen aus Papier von Salvador Plascencia), aber durchaus auf originelle und beachtenswerte Weise. Inhaltlich gefällt mir nicht jede Geschichte, und ich wollte sie auch nicht alle zu Ende lesen. Einige jedoch haben mich sehr fasziniert und zum Schmunzeln gebracht. Und aufgrund seiner Außergewöhnlichkeit ist dieses Buch einmal mehr ein solches, das ich noch ein bisschen für sich selbst sprechen lassen möchte, damit ihr ein Gefühl dafür bekommt, wie es sich anhört:

Meine Augen sind geschlossen wie vor einem Kuss.

Um mich nicht dem Gefühl der Überflüssigkeit zu überlassen, habe ich mich daran gewöhnt, innerlich taub zu sein und mich wie ein glänzendes Polyestermöbel zu fühlen, das zwar etwas abgelebt, aber immer noch einsatzfähig ist.

Auf der Straße wird mir die unnütze Zitrusfrucht jedoch sofort lästig und ich lege sie im Vorübergehen auf den Sattel eines abgesperrten Fahrrads. Nach ein paar Metern muss ich über die Vorstellung der davonradelnden Zitrone lächeln und ich schaue mich noch einmal nach ihr um, damit ich ihr Bild nicht vergesse.

Der Schwindel wird stärker, in ihm entfaltet sich das längst vergessene Gefühl, wie gut es getan hat, als junger Mann im Sommer kurze Hosen zu tragen.

der punkt, an dem das blut den stoff traf, war fast die gleiche stelle, wie die, an der mein stechender schmerz sitzt – nur spiegelverkehrt

Irmgard Fuchs: Wir zerschneiden die Schwerkraft. Kremayr & Scheriau 2015, 208 Seiten, 19,90 Euro.

 

Sandra Weihs: Das grenzenlose Und

weihs_das_grenzenlose_undDarf ein Buch das? Mich so aufwühlen und erschüttern? Mich gleichzeitig tieftraurig und grenzenlos glücklich machen? Ja. Ja. Und Ja! Ich will vorläufig nur noch solche Texte! Dank Sandra Weihs habe ich meine Messlatte wieder ganz oben verortet. Leicht wie ein Papierflieger ist er nicht, der Roman. Vom ersten Moment, da er mit der Post aus Frankfurt zu mir kam, spürte ich – das ist kein Urlaubsroman, das ist auch keine Weihnachts- oder Neujahrslektüre. Und so kommt es, dass das Buch in seinem hoffnungsvollen Blau schon einige Wochen hier liegt …
Nun ist das Jahr noch so herrlich neu und frisch, die alten Bücher sind gelesen, die neuen warten schon. Überall stapeln sich die Verlagsvorschauen 2016. Ein kleiner Grenzgang also. Ein Spaziergang auf der Grenze zwischen dem alten und dem neuen Bücherjahr. Vor wenigen Tagen im Morgengrauen war ich dann schließlich bereit für Maries Geschichte. Ich habe den ersten Satz zaghaft, den zweiten Satz neugierig gelesen. Weiterlesen

Daniel Woodrell: Tomatenrot

»Ich war am Rand der Welt geboren, klar, aber in die Grube war ich selbst gesprungen.«

woodrell_tomatenrotDie Ozark Mountains kenne ich gut, ich war schon ein paarmal da. Eine raue, nicht gerade gastfreundliche Gegend, die sich über weite Teile des südlichen Missouri und des nördlichen Arkansas erstreckt. Wahrscheinlich gibt es auch reizende Ecken, aber ich halte mich für gewöhnlich dort auf, wo es ungemütlich ist. Wo es wehtut. Und obwohl mit etlichen Blessuren zu rechnen ist, kehre ich immer wieder zurück. Schuld daran ist Daniel Woodrell, der selbst aus dem Gebiet stammt und die meisten seiner Bücher ebendort ansiedelt. Tomatenrot ist eines davon, und dem Liebeskind Verlag ist es zu verdanken, dass dieser Roman aus dem Jahre 1998, einst bei Rowohlt erschienen, zuletzt aber nur noch antiquarisch erhältlich, hierzulande nicht in Vergessenheit gerät.

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Vorfreude auf den Indie-Frühling

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Wir träumen von Kirschblüten, Glockenblumen, Hummeln und grünen Zweigen. Denn das ist ja klar! Der Frühling kommt und mit ihm wieder viele aufregende, außergewöhnliche, exotische, traurige, schöne, lustige und absolut einmalige neue Bücher. Während also die Stadt im Schnee versinkt und es überall weiß glitzert, versinken wir in den vielversprechenden Vorschauen der unabhängigen Verlage und stöbern schon mal für Euch. Eine kleine Vorauswahl findet Ihr hier.  Weiterlesen

Ruth Landshoff-Yorck: Das Mädchen mit wenig PS.

ruth_landshoff_yorckZufälle können wunderbar sein, voller Zauberei und Glückseligkeit. Vor allem, wenn sie so bezaubernd wie diese Begebenheit daher kommen: Während mir mein Liebster die Tage aus einem Buch von Irmgard Keun vorliest, entzückt mich gleichzeitig Ruth Landshoff-Yorck, deren Todestag sich am heutigen 19. Januar zum fünfzigsten Mal jährt. Zu diesem Anlass hat der Berliner Aviva Verlag »Das Mädchen mit wenig PS« herausgebracht, das ich heute vorstellen möchte. Und euch so gleichsam an der Keun-Landshoff-Yorck-Zauberei teilhaben lasse.

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Juri Sternburg – Das Nirvana-Baby

K_Cover_VorlageWas ist Widerstand in einer Zeit, in der selbst konsum – und gesellschaftskritische Statements als Sticker bei Nanu-Nana verkauft werden? Es ist vergleichsweise gleichgültig, gegen was man zu protestieren gewillt ist, der Protest gehört zum System und kann ihm kaum ernsthaft gefährlich werden. Engagement erschöpft sich nicht selten in energischen Klicks auf Facebook, dem Unterzeichnen von Online-Petitionen oder einem modifizierten Benutzerbild. Der Protagonist in „Das Nirvana-Baby“ hingegen plant etwas Größeres, – einen Anschlag, nackte Gewalt, Sinnlosigkeit. Wenn er nur erstmal das Bekennerschreiben formulieren könnte.

Der kürzlich neu gegründete Korbinian Verlag will mit seinen literarischen Schützlingen anecken, wie er auf seiner Homepage zu Protokoll gibt. Katharina Holzmann, Sascha Ehlert und David Rabolt haben den Verlag gegründet, den sie sich selbst wünschen. Frei nach dem Motto: Wenn noch nicht existiert, was du dir vorstellst, mach es selbst. Sie sind sich bewusst, dass eine Verlagsneugründung im Jahr 2015 nicht unbelastet oder leichtfüßig geschieht, aber mit dieser speziellen Mischung aus Leidenschaft und Wahn haben sie dann doch vorerst die Zweifel unschädlich gemacht. Die erste Veröffentlichung, „Das Nirvana-Baby“ von Juri Sternburg, ist ungehobelt, hoffnungslos und irgendwie hip (wie Berlin?). Sternburg ist in der Theaterszene Berlins sehr umtriebig, sein Stück „der penner ist jetzt schon wieder woanders“ feierte 2012 am Berliner Maxim Gorki Theater Premiere. Er schrieb und schreibt Artikel und Kolumnen für zahlreiche Magazine, darunter taz, HATE, Juice und VICE. Und nun diese Novelle von scheiterndem Widerstand, der sich im Falle Pauls bereits darin erschöpft, sich der Polizei gegenüber des Namen des russischen Anarchisten Bakunin zu geben.

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Marianne Jungmaier: Das Tortenprotokoll

Jungmair„Ich frage mich, ob es gesund ist, zu leben, wo andere sterben“
„Schweigen ist ein Talent in dieser Familie, von Generation zu Generation weitergegeben, es wird hier beherrscht wie nirgendwo sonst. Um dieses Schweigen zu verstehen, brachte ich mir eine Kartografie bei, machte mir Landkarten und Pläne, für Großmutter, Mutter und Vater, um Blicke, Handbewegungen und Körperhaltungen zu deuten.“ Auf diese Kartografie muss die junge Friederike zurückgreifen, als sie aus Berlin ins heimatliche österreichische Dorf zurückkehrt, weil die Großmutter gestorben ist. Obwohl Friederike keine gute Beziehung hatte zu der Frau, die sie als schweigsam und wenig liebevoll in Erinnerung hat, ist sie traurig. Sie findet es schrecklich zuhause: „Nichts ist so trostlos wie ein Winter in diesem Dorf, die schwarzschattigen Umrisse der Bäume geben mir Recht.“ Zu den Eltern und zur Schwester hat sie keinen Bezug, und deren Schweigsamkeit bestätigt sie darin, dass es richtig war fortzugehen. Einzig Tobias ist ihr ein Anker, Tobias, den sie schon geliebt hat, als sie noch zu jung dafür waren und den sie dann ohne ein Wort des Abschieds verlassen hat. Noch trauriger wird Friederike, als sie Briefe findet, versteckt von der Großmutter, die offenbar einen Liebhaber hatte – heimlich. Wer war er? Und warum durfte das niemand wissen?

Die junge österreichische Autorin Marianne Jungmaier, 1985 geboren, hat in ihrem Erstling – dessen Cover ich sehr schön finde – die Melancholie zwischen zwei Buchdeckeln eingefangen. Ihr Roman ist eine Ode an die Traurigkeit, an die Vergänglichkeit, an das ungelebte Leben. Sie hat eine Familie kreiert, die einfach nur existiert – ohne Zusammenhalt. Man liebt sich mit Süßspeisen, Torten und Cremen, nicht mit Worten und Gesten. Protagonistin Friederike kehrt – ein klassisches Romansetting – für ein Begräbnis nachhaus zurück, wo sich nichts verändert hat, und entdeckt das geheime Doppelleben der Großmutter. Das Rätsel ist bald gelöst, die Liebesgeschichte ist simpel und passend und süß. Alles ist schön formuliert und fein austariert, wenn auch vielleicht ein bisschen zu gewollt. Die allzu betonten Wiederholungen waren mir ein wenig zu viel, das Schweigen, die Mehlspeisen, das Trostlose. Vermisst habe ich an diesem Buch irgendeine Art von Entwicklung: Friederike verhält sich exakt wie ihre Familie – und merkt es nicht. Sie lebt ihre Liebe zu Tobias nicht, sie schweigt ihn an, sie schweigt die Eltern an – und hält sich für was Besseres, weil sie flieht. Ein Erkenntnismoment, ein inneres Vorankommen hätte ihr gutgetan, und dem Roman auch, aber einen Konflikthöhepunkt gibt es nicht, auch kein Auflösen der Situation. So bleibt er ein Abbilden, eine Momentaufnahme, ein Stillleben. Aber immerhin ein gut lesbares.

Marianne Jungmaier: Das Tortenprotokoll, Verlag Kremayr & Scheriau 2015, 208 Seiten, 19,90 €.