»Die Gehörlosen« von Rodrigo Rey Rosa

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Die trügerische Ruhe vor der Explosion

Eine Kette großer Vulkane überragt als majestätische Landmarke den Staat Guatemala. In diesem Gebirge entfaltete sich einst die Kultur der Maya, eine der Wiegen der Menschheitskultur. Beide, die Vulkane und die prähistorische Kultur der Maya, sind tragende Leitmotive in Rodrigo Rey Rosas Roman Die Gehörlosen. Im Fall der Vulkane stehen sie für bedrohlich-brodelnde Gefahren unter einer scheinbar ruhigen Oberfläche und im Fall der Maya für die Suche nach Befriedung und Stabilität, die ausgerechnet die unterdrückte und ausgebeutete Minderheit liefern kann. Guatemala gibt sich modern und zivilisiert, ist aber im Inneren ein zerrottetes und handlungsunfähiges Staatsgebilde kurz vor der Explosion. Weiterlesen

Anne von Canal: Der Grund

Canal-1024x683„Wie oft kann ein Mensch von vorn beginnen? Wie viele Chancen hat man? Und wie oft kann man das eigentlich aushalten? Wie oft kann ich mich häuten, bis nichts mehr von mir übrig ist?“ Harte Worte. Es sind die Gedanken von Laurits Simonsen, dessen Leben Anne von Canal in ihrem Roman „Der Grund“ erzählt. „Heimat interessiert mich nicht. Sie ist eine Erfindung jener Leute, die nicht den Mut haben, auf ihre Fähigkeit zur Anpassung zu vertrauen.“

Was muss alles passiert sein, damit ein Mensch so denkt? Wie kommt es zu einer solchen Entwurzelung? Das Buch beginnt mit einem Schiffbruch, die erste Seite zitiert den Funkverkehr zwischen zwei Schiffen, eines davon in Seenot geraten. Es ist ein kurzer Dialog, der immer panischer wird und dann abbricht. Es folgt der dramatische Bericht eines Schiffuntergangs, bei dem 852 Menschen in den eisigen Fluten der Ostsee ertranken. Am 28. September 1994. Das Schiff war die Estonia.

Der Leser wird durch den Einstieg unmittelbar mit dieser Katastrophe konfrontiert, ohne dass klar ist, was das Unglück mit der Romanhandlung zu tun haben wird. Aber es schwingt fortan bei der Lektüre wie ein dunkles Omen mit. Schließlich beginnt man die Zusammenhänge langsam zu erahnen, und als aus der leichten Ahnung nach und nach eine dunklere und dann eine Gewissheit wurde, hatte ich mir beim Lesen unwillkürlich vor Entsetzen die Hand vor den Mund gehalten.  Weiterlesen

Corinna T. Sievers: Die Halbwertszeit der Liebe

Sievers„Mit Frauen ist es wie mit Gott, du kannst sie fürchten und anbeten, aber am Ende vernichten sie dich immer“
„Eine Psychose nennen Psychiater die Liebe, laut Weltgesundheitsorganisation braucht sie zwei bis drei Jahre, um auszuheilen.“ Trotzdem will sich die 45-jährige Schönheitschirurgin Margarete nach ihrer Scheidung auf eine neue Liebe einlassen – sie sucht sogar ganz bewusst danach. Als Objekt ihrer Begierde erwählt sie auf einem Kongress den Facharzt Heinrich: Single, erfolgreich, ein wenig dicklich, überaus neurotisch. Margarete ist sehr groß, sehr schlank, sehr schön und sehr nüchtern. Sie empfindet keinerlei sexuelle Begierde:

„Gern kopuliere ich nicht, weder im Liegen noch im Stehen. Ich kann nicht kopulieren. Ich bin alibidinös.“

Regelmäßig befriedigt sie sich selbst, um Hygiene zu betreiben, Lust verspürt sie dabei keine. Sie gibt sich so, wie die Männer sie haben wollen, stutzt ihr Schamhaar den „Trends“ auf YouPorn entsprechend und achtet aufmerksam auf all die Signale in einem Spiel, das sie nicht beherrscht. Heinrich, so stellt sich bald heraus, findet es erregend, wenn er Konkurrenz hat und eifersüchtig wird. Margarete lässt sich darauf ein – und ahnt nicht, wie gefährlich das noch wird …

Wer das Schnäuzchen voll hat vom eintönigen Einheitsbrei, der greife bitte zu Die Halbwertszeit der Liebe. Dieses Buch ist extrem: extrem amüsant, extrem anregend, extrem originell. Mit einer bewundernswert prickelnden Ironie erzählt die Kieferorthopädin Corinna T. Sievers, die bereits mehrere Romane veröffentlicht hat, von einer ungewöhnlichen Frau, die an einer Krankheit leidet, über die kaum jemals gesprochen wird. Protagonistin Margarete ist schön, gebildet, reich und hochbegehrt – nur sie selbst kann nicht begehren. In ihrem Körper tanzen keine Hormone Polka, sexuelle Lust ist ihr fremd, bei jedem noch so guten Stimulus bleibt sie trocken. Spezielle Medikamente wirbeln sie innerlich ein wenig auf, doch generell ist Margarete über die Maßen kontrolliert und emotionslos. Wie sie an die Liebe herangeht, ist so gefühlsbefreit, dass das Buch zu einem höchst kuriosen Lesevergnügen wird.

Mit diesem Roman ist Corinna T. Sievers etwas Eigenartiges gelungen: Er ist sehr nüchtern und sehr pathetisch zugleich. Der Stil ist offen und frei, erfrischend unverschämt, herrlich sarkastisch, sehr trocken, und dennoch an mancher Stelle überkandidelt, hochgeschaukelt, gefühlsbeladen. Das ist eine spannende Mixtur, die das Verlogene, Geheuchelte der Protagonisten spiegelt sowie der noblen Gesellschaft, in der sie sich bewegen: Hier zählen Schönheit, teure Autos, schicke Kleider, Intellekt, Ansehen und Geld. Die Ärzte sind gelangweilt und spielen, um sich die Zeit zu vertreiben, mit all dem, was ihnen ohnehin nichts bedeutet – und möge es dabei auch um Leben und Tod gehen. Dies nimmt die Autorin mit einer niveauvoll erzählten, perfiden und witzigen Geschichte auf die Schippe. Ein Buch, das mich wunderbar unterhalten hat in seiner Andersartigkeit. Well done!

Corinna T. Sievers: Die Halbwertszeit der LiebeFrankfurter Verlagsanstalt 2016, 224 Seiten, 22 €.

Martin Lechner: Nach fünfhundertzwanzig Weltmeertagen

»Leiden Sie an Üblichkeit?« 

lechner2014 erschien Martin Lechners Debütroman Kleine Kassa im Residenz Verlag und schaffte es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises. Nun folgt ein Band mit Erzählungen, der den schönen Titel Nach fünfhundertzwanzig Weltmeertagen trägt. »Erzählungen«, so steht es zumindest auf dem Einband, die gute alte short story darf man bei Lechner aber nicht erwarten. Einer der letzten Texte im Buch, »Ein alter Schuh ist auch ein alter Freund«, sollte eigentlich ganz vorne stehen, nimmt der Autor darin doch Stellung zu seiner Poetik: »Ich suche eine Art zu erzählen, die die Sinne entzündet. Die die Ohren öffnet. Für die Stimmen unterm Schuh, zum Beispiel. Leiden Sie an Üblichkeit?, flüstern sie, sobald ich meine Sohle hebe.« Und weiter:

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Andor Endre Gelléri: Die Großwäscherei.

»Zisch, dampf, sprüh – der Sound einer Großwäscherei.«andor_endre_gelleri_die_grosswäscherei

Kann ein Buch Funken versprühen? Aber natürlich – hier kommt der Beweis! »Die Großwäscherei« von Andor Endre Gelléri hat mich aus dem Lesesessel gehoben und wie eine Uhr aufgezogen. Ganz aufgedreht war ich während der Lektüre, weil der ungarische – leider viel zu früh verstorbene – Autor ein begnadeter Wortakrobat ist. Und mich mit beinah jeder seiner poetischen und bildreichen Zeilen entzückt hat. Ich vernasche ja zu gern schön geschriebene Bücher und fühlte mich hier einer nektarliebenden Biene sehr ähnlich.

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Rabih Alameddine. Eine überflüssige Frau

alameddine_eine_überflüssige_frauBleibt von jedem gelesenen Roman vielleicht einfach nur ein Bild im Kopf, eine einzelne Szene? Was beispielsweise wird dem Leser dieser Lektüre geblieben sein? Fragen, die sich die etwa 70-jährige Aaliya auf Seite 200 stellt.
Nachdenklich schlage ich das Buch zu und weiß es sofort. Ich werde immer an ein kleines Zimmer in Beirut denken. Vor dem Fenster flackert eine Straßenlaterne (je nach Stromversorgung stark oder schwach). Ich werde den marineblauen Chenille-Sessel sehen, den Gebetsteppich mit dem nach Mekka zeigenden Kompass als Bettvorleger und Kisten voll mit handschriftlichen Übersetzungen der Romane von Tolstoi, Pessoa, Kundera und Nabokov ins Arabische. Aaliyas Wohnung ist mir während des Lesens so vertraut geworden, dass ich für eine Verfilmung das perfekte Setting herrichten könnte. Ach, ja! Inclusive des verstaubten Spiegels. Denn so blitzblank die Wohnung, so halbblind ist der Spiegel. Aaliya ist in einem Alter, da sie sich selbst nicht mehr anschauen mag.

Ihre Leidenschaft ist das Lesen. Überall in ihrer Wohnung stehen Büchertürme herum. Begleitet vom Duft des Jasmins spazieren wir mit ihr durch die Weltliteratur und träumen uns weit weg aus dem Libanon: Meine Bücher verraten mir, wie das Leben in einem zuverlässigen Land ist … Im Vergleich mit dem Mittleren Osten ist die Welt von Burroughs und Garcia Marquez viel vorhersehbarer. Dickens‘ Londoner sind vertrauenswürdiger als die Libanesen (S. 84/85). Weiterlesen

Giftgrün und gallig – Der Höllenknirps Alper und der Alltag in der Türkei

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Er ist schon ein rechter Satansbraten, der kleine Alper Kamu, ein vorlauter Knirps von fünf Jahren, der beim Frühstück Nietzsche oder Dostojewski liest, die Vorschule als Hölle betrachtet und niemals, aber wirklich niemals erwachsen werden möchte. Eigentlich lebt Alper ein ganz gewöhnliches Leben in einem Istanbuler Arbeiterviertel, wären da nicht diese Verbrechen, über die er wie zufällig stolpert. Aber vielleicht stößt er auch nur auf kriminelle Machenschaften, weil er so sensibel ist und seine Mitmenschen genau beobachtet. Denn Alper ist nicht nur ein frecher Knirps und wachsamer Kriminalist, sondern auch hochintelligent und ein begnadeter Psychologe. Weiterlesen

Sascha Reh: Gegen die Zeit

Reh2Zwischen 1970 und 1973 schaute die ganze Welt auf Chile. Dessen Präsident Salvador Allende versuchte in dieser Zeit auf demokratischem Weg einen sozialistischen Staat aufzubauen. Die drei Jahre waren geprägt von der Hoffnung derer, die an eine gerechte Gesellschaft glaubten, und dem Hass derjenigen, die befürchteten, dadurch ihre privilegierte Stellung zu verlieren. Letztendlich saß Allende zwischen allen Stühlen, denn den einen gingen seine Reformen nicht weit genug, sie forderten einen noch radikaleren, revolutionären Umbau der Gesellschaft. Den anderen war jeder noch so kleinste Schritt in Richtung Sozialismus ein Dorn im Auge. Wie alles ausging, ist bekannt. Am 11. September 1973 putschte das Militär und Allendes Utopie ging unter in Schüssen, Explosionen und einer Welle der Gewalt. Mitten hinein in die dramatischen Stunden dieses Putsches führt uns Sascha Rehs Roman „Gegen die Zeit“. Weiterlesen