[Gastrezension] Ana Paula Maia: Krieg der Bastarde

krieg-der-bastarde „Nimm dein Ohr und halt den Mund“, klingt ohne Zusammenhang sicher absurd und schräg, ist in der hier beschriebenen Szene in dem Roman Krieg der Bastarde von Ana Paula Maia aber ernst gemeint und absolut existentiell. Es geht um Leben und Tod. Der uns diese Story erzählt, ist Dimitri Calaros, Sohn eines Griechen. Ein Bastard, wie er sich selbst nennt, der über alles Bescheid weiss und sich mit seiner Stimme immer mal berichtend aus dem Off meldet.

Eine brasilianische Metropole und starker Verkehr auf den Straßen. Man spürt das Fieber der Großstadt mit all ihren Farben, Geräuschen und Gerüchen.

Amadeu ist im Stress, aber happy. Denn er hat bei einem Toten eine rote Tasche gefunden, voll mit kleinen, weißen Päckchen. Kokain im Wert von 200.000 Reales. Ihm lacht das Glück, denkt er. Und er will, „dass es nun pronto über die Bühne geht“. Dringend braucht er das Geld. Für sich, aber auch für seine Geliebte Gina Trevisan (Spezialgebiet Thaiboxen). Gina ist hoch verschuldet und will deshalb ein illegales Brazilian Vale Tudo Fighting austragen. Sie hofft auf Sieg.

Vorerst versteckt Amadeu die rote Tasche unter den morschen Dielen seines Dachbodens und verlässt in bester Stimmung die Wohnung. Viel zu vertieft in seine Gedanken, bemerkt er kaum das Tosen der Großstadt und läuft vor die Räder eines heranrasenden Taxis. Stop – nicht gelaufen sei er, schaltet sich hier wieder der Erzähler Dimitri ein, sondern „wie ein Känguruh, wie eine Gazelle direkt vor’s Taxi gesprungen.“ Amadeu wird durch diese Unachtsamkeit nicht nur sein Ohr verlieren. –

Eine Vielzahl von Verwicklungen, ausgelöst durch die rote Tasche, setzt ein. Nicht ganz unbeteiligt an der verblüffenden Auflösung ist schließlich ein Chihuahua, ein Hündchen, so klein, dass man es in eine Jackentasche stopfen kann.

Dieser sehr kurze aber intensive Roman hat es in sich. Man hat beim Lesen das Gefühl, sich mitten unter all den schrägen Außenseitern zu befinden: Kleinkriminelle, Pornodarsteller und Drogendealer. Sie sind die Helden dieser sehr klugen, melancholischen und absurden Story. Die Dialoge sind manchmal so witzig, als würden sich mal eben Samuel L. Jackson und John Travolta in „Pulp Fiction“ einen kleinen Schlagabtausch liefern. Kultig und absolut lesenswert. Mein Lieblingsbuch aus Brasilien, das in diesem Jahr Gastland auf der Frankfurter Buchmesse gewesen ist.

Ana Paula Maia: Krieg der Bastarde. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Wanda Jakob. A1 Verlag 2013, 208 Seiten, 18,80 €.

Herzlichen Dank an Jacqueline Masuck von Masuko liebt Bücher für den Gastbeitrag!

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