Zeina Abirached – Das Spiel der Schwalben

Das_Spiel_der_Schwalben_Cover_webZeina Abiracheds Graphic Novel spielt 1984 in Beirut, mitten im libanesischen Bürgerkrieg. Sie ist damals drei Jahre alt und kennt die Welt ausschließlich im Kriegszustand. Zurückgezogen in einem Wohnhaus, das durch Sandsäcke und Stacheldraht weitgehend isoliert in einer künstlichen Sackgasse liegt, lebt sie mit ihrem Bruder, ihren Eltern und den Nachbarn in ständiger Anspannung. Einer Anspannung aber, die längst zum Alltag gehört und von den Bewohnern immer wieder durchbrochen wird. Mit Humor, Witz und Geschichten begegnen sie den Grauen des Krieges.

Zeina Abiracheds Eltern besuchen an diesem Tag 1984 gerade Zeinas Großmutter, als die Bombardements in der Stadt so massiv werden, dass sie vorerst nicht nach Hause zurückkehren können. Obwohl ihr Wohnhaus nur wenige Straßen von ihrer Mutter entfernt liegt, wäre die Gefahr auf offener Straße viel zu groß. Während man im Viertel bereits recht pragmatisch Strategien entwickelt hat, dem günstig positionierten Heckenschützen auszuweichen – eine penibel einstudierte Choreographie aus Rennen, Warten, Klettern und Springen -, zwingen die Bombardements noch immer zum Rückzug. Der Krieg ist allgegenwärtig, keine unsägliche Ausnahmeerscheinung mehr, sondern eine dauerhafte Lebenswirklichkeit – zu diesem Zeitpunkt schon seit 1975. Mit fortschreitender Eskalation verringert sich der Lebensraum, verkleinern sich die Orte, an denen man noch in Sicherheit ist. Im Wohnhaus bildet die Diele im ersten Stock den Mittelpunkt, an dem die Nachbarn zusammentreffen und sich über die neuesten Entwicklungen auf dem Laufenden halten. Zeira und ihr Bruder bereiten dort mit Nachbarin Anhala Sfouf zu, einen besonderen Kuchen, für den ausschließlich Öl, Zucker, Mehl und Kurkuma gebraucht werden. Sie lauschen dort Ernest, dem gut gekleideten Herrn, der selbst im Krieg mit modischem Chic die Haltung zu wahren versucht und für die Kinder ganze Passagen aus Cyrano de Bergerac zitiert.

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Chucri, Sohn der Hausmeisterin, bringt gewaschenen Salat vorbei – ein Geschenk, mit dem man im Libanon dem Hausherrn große Achtung erweist. Sein Vater starb im Bürgerkrieg und er kümmert sich seitdem nicht nur um seine Mutter, sondern auch um einen Generator im Haus, der die nötigsten Geräte mit Strom versorgt. So kann man mit seiner Hilfe entweder einen Teil der Wohnung beleuchten, den Fernseher einschalten oder den Staubsauger anwerfen, freilich nicht alles gleichzeitig. Dazu kommt auch Khaled aus dem vierten Stock, der einst ein erfolgreiches Restaurant geführt hat und jetzt als Kenner der Materie regelmäßig manch edlen Tropfen aus dem Keller seines ehemaligen Restaurants zu den nachbarschaftlichen Zusammenkünften mitbringt. Aus dem Radio tönen die neuesten Nachrichten über Verletzte, Tote und Frontlinien, während Zeina, ihr Bruder, Anhala, Ernest, Chucri, Khaled und seine Frau Linda auf die Rückkehr von Zeinas Eltern warten. Es wird viel geraucht, debattiert, erzählt und getrunken. Immer wieder flammt Sorge auf, ob die beiden zurückkehren, auch wenn sie gut vor den Kindern verborgen wird.

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Überhaupt wachsen die Kinder behütet und in eigentümlicher Distanz zum Geschehen außerhalb der Hausmauern auf. Ihr war daran gelegen, sagt Zeina Abirached in einem WELT-Interview, die kindliche Perspektive auf den Krieg abzubilden. Bis sie neun oder zehn Jahre alt gewesen sei, habe sie nie realisiert, was sie erlebt habe. Das war sicher auch darin begründet, dass die Kinder das Haus kaum verließen und vor ihnen selten offen über den Krieg gesprochen wurde. Vielmehr fanden auch die Erwachsenen ihren spielerischen Umgang mit einer Situation, die ganz nüchtern und ernst nicht zu ertragen gewesen wäre. Zeina Abirached zeichnet eindrücklich, kindlich und einfach – mit einem offensichtlichen Hang zum Ornamentalen. Viele ihrer Bilder sind dominiert von wiederkehrenden und regelmäßigen Mustern und Formen. Die entdeckt sie sowohl in der Kartographie und den Barrikaden ihres Viertels wie auch in Autoschlangen, Rauchschwaden, Kronleuchtern und Haaren. Es ist ein ganz besonderer und kulturell beeinflusster eigener Blick, der sich stilistisch in ihren Zeichnungen niederschlägt. Sehr oft und nicht zufällig wird Abirached auch des Sujets und der Perspektive wegen mit Marjane Satrapi verglichen, die mit „Persepolis“ ihre Kindheit im Iran thematisierte. „Das Spiel der Schwalben“ ist nicht bewusst von Satrapi beeinflusst, aber gewinnt eine ganz ähnliche Eindrücklichkeit, obwohl sich der Krieg dort abspielt, wo er für den Leser nicht sichtbar ist. Draußen, außerhalb des Hauses. Er erfährt, ähnlich wie Zeina selbst, nur die unmittelbaren Auswirkungen auf die Bewohner. Das macht diese Graphic Novel stark, menschlich, berührend. Weil sie vorurteils – und wertfrei aus der kindlichen Perspektive von Menschen erzählt, die trotz der Erschütterungen des Krieges zu (über)leben versuchen. Der Libanesische Bürgerkrieg endete 1990. Zeina Abirached, die heute in Paris lebt, hat noch weitere Bücher über ihre Kindheit im Krieg veröffentlicht, u.a. „Ich erinnere mich„. Es ist ein Thema, zu dem sie immer wieder zurückkehrt.

Im Herbst 2016 erscheint im avant-Verlag Piano Oriental, eine neue Graphic Novel von Zeina Abirached.

Zeina Abirached: Das Spiel der Schwalben, aus dem Französischen von Paula Bulling und Tashy Endres, avant-verlag, 182 Seiten, 19,99 €

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