Eva Ladipo: Wende

Ladipo-Wende

Trägt ein Buch den Titel „Wende“ denkt man unwillkürlich an die Ereignisse im Jahr 1989, an den Zusammenbruch der DDR und die deutsche Wiedervereinigung. Dies spielt im Roman von Eva Ladipo auch durchaus eine wichtige Rolle, im Mittelpunkt steht allerdings ein ganz anderer Umbruch: Es geht um Ursachen und Folgen der Energiewende, um Gewinner und Verlierer, um Macht und Abhängigkeit und um Politik. Die Autorin verknüpft die Geschehnisse beider Wenden miteinander, bietet dem Leser einen spannenden Polit-Thriller und legt gleichzeitig den Finger auf eine der großen Lebenslügen unserer Industrienation.

Die Geschichte beginnt mit einem Selbstmord. Zumindest scheint es ein Selbstmord gewesen zu sein, nur der Leser weiß es bereits nach den ersten Sätzen besser. Martin Jäger heißt der Tote, einst ein überzeugter Grüner. Bis er festgestellt hatte, dass radikaler Klimaschutz und Verzicht auf Atomkraftwerke nur schwer miteinander vereinbar sind. Diese Erkenntnis machte ihn zum Ausgestoßenen, zum Einzelgänger, zu einem kritischen Verteidiger der Atomindustrie. Bis er auf Informationen stieß, die er nicht hätte kennen dürfen.

Einer seiner wenigen Bekannten ist René Hartenstein, vom Typ her das komplette Gegenteil, gut aussehend, sportlich, intelligent, ein wahrer Sunnyboy. Aus einer zerrütteten Familie in der ostdeutschen Provinz stammend, hatte er es geschafft Karriere zu machen und war im Management der Atomsparte eines Energiekonzerns gelandet. Die Zukunft lag weit ausgebreitet vor ihm, bis durch die Katastrophe von Fukushima alles anders wurde. Alles. Sein Job ist weg. Und René hat auf einmal viel Zeit. Zeit, um zu überlegen, wie es bei ihm weitergehen soll, aber auch Zeit zum Nachdenken. Zum Beispiel über seinen Kollegen Martin Jäger, den der Jobverlust zum Selbstmord getrieben hat.

Es sind mehrere Erzählschienen, auf denen wir Hartenstein begleiten: Seine Suche nach einer neuen Tätigkeit führt ihn nach London, wo er bei einer Investmentfirma anheuert, die sich auf den Energiesektor spezialisiert hat. Geleitet von einer charismatischen Frau, um einiges älter als er, geheimnisvoll, unnahbar und offensichtlich extrem erfolgreich. Sie stellt ihn ein, fördert und protegiert ihn. Und weckt Renés Neugier.

Die zweite Erzählschiene beschäftigt sich mit Renés Suche nach Informationen über diese Frau, über ihre Herkunft, ihre Geschichte. Dies erweist sich als nicht besonders einfach und führt ihn zurück in die Gegend Ostdeutschlands, aus der er selbst stammt. Zurück in die Geschichte. In der er ein schwarzes Loch entdeckt, in dem ganze Biographien verschwunden sind.

Die dritte Erzählschiene ist geprägt von seinem schlechten Gewissen über Jägers Tod, der kurz vor seinem Selbstmord noch wegen etwas Wichtigem mit ihm sprechen wollte. Doch René hatte ihn abgewimmelt. Jetzt versucht er herauszufinden, was dieses Wichtige wohl gewesen sein könnte. Auch dies wird eine Reise voller Überraschungen und unerwarteter Erkenntnisse werden. Und auch diese Reise führt ihn zurück in die Geschichte, diesmal in die Westdeutschlands. Auch hier findet er ein schwarzes Loch; er öffnet verborgene Schubladen der Vergangenheit, die besser geschlossen geblieben wären.

All das wird sich mehr und mehr miteinander verknüpfen, etwas Bedrohliches beginnt zu wachsen; erst andeutungsweise, dann immer schneller und deutlicher. Politische Richtungswechsel erhalten durch geänderte Betrachtungsweisen eine vollkommen andere Bedeutung; die Energiepolitik der letzten Jahrzehnte hat völlig andere Auswirkungen, wenn man den Blickwinkel wechselt. Wenn man sich etwa fragt, wem diese Entwicklung eigentlich nützen könnte. Genau das macht René Hartenstein.

Und schon bald wird er eine Entscheidung treffen müssen. Alleine schon, um zu überleben.

Verpackt als raffinierte Verschwörungstheorie zeigt Eva Ladipo in ihrem Roman die Diskrepanz unserer Wohlstandsgesellschaft. Ein Land, in dem beinahe kollektiv von der Energiewende geschwärmt wird, das aber gleichzeitig seine wirtschaftliche Potenz unzertrennlich an den Klimakiller Automobilindustrie gekoppelt hat. Ein Land, in dem mehr und mehr Landschaften durch Windräder zerstört werden, in dem aber gleichzeitig das Fliegen oftmals billiger ist als das Bahnfahren.

Bissige Seitenhiebe werden ausgeteilt: „Martin Jäger hatte behauptet, die Verteilung der Windräder spiegle die Machtverhältnisse im Land wider. Obwohl die meisten Grün-Wähler im Westen wohnten, standen die meisten Windräder auf dem Festland im Osten. Was sich die Großstadt-Grünen im Westen ausdachten, pflockten sie den Ossis aufs Land. Denen fehlte die Kraft, sich zu wehren. Auf zehn Bürgerinitiativen im Westen kam eine im Osten.“ 

Oder: „Dass die Deutschen Solarenergie toll finden, ändert nichts an ihrer Entfernung zum Äquator. Und dass sie bereit sind, sich den Horizont mit Millionen Windrädern zu verbauen, ändert nichts an deren geringer Leistung. Vor lauter Begeisterung für erneuerbare Energien wird vergessen, dass Stromerzeugung ein paar einfachen physikalischen Gesetzen folgt. Und die besagen, dass die Experimente mit Sonne, Wind und Biogas bald niemand mehr bezahlen kann. Darauf kommt man allerdings nur, wenn man sich die Zeit nimmt nachzurechnen.“

Wahre Worte. Denn letztendlich geht es auch bei der Energiewende um das Geschäft. Dämmvorschriften beim Hausbau, bei denen Materialen verwendet werden müssen, deren Herstellung oder Entsorgung ganz und gar nicht umweltfreunlich sind. Gießkannensubventionen für Windanlagen an unrentablen Standorten und all die anderen Regelungen sind Ergebnisse knallharter Lobbyarbeit unter dem Deckmäntelchen des Klimaschutzes. Oder anders ausgedrückt: Mit unserem Lebensstil, unserem Wahn der Individualmobilität sind wir in einer Sackgasse gelandet. Anstatt Grundlegendes zu ändern, fahren wir immer weiter geradeaus und beruhigen unser ökologisches Gewissen damit, dass wir die Schönheit der Natur oder die Ästhetik der Architektur den selbsternannten Umweltlobbyisten opfern. Hauptsache, man kann mit dem Auto zum Bio-Supermarkt fahren, um Bio-Kartoffeln aus Chile zu kaufen. Es ist so absurd.

Eine Lebenslüge eben.

Oder was wäre, wenn doch mehr dahinter stecken würde?

Eva Ladipo, Wende, Picus Verlag 2016, 328 Seiten, 22,90 €

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2 Antworten auf “Eva Ladipo: Wende”

  1. Ein tolles Buch, ein „Leseschatz“ ;-). Die Geschichte hinterlässt durch ihre realen Bezüge einen bitteren Beigeschmack…
    Danke für die Erinnerung und herzliche Grüße aus Kiel, Hauke

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  2. Na, das klingt doch mal nach einem spannenden und informativen Buch. Irgendwie erinnert mich das an Schätzings Bücher…

    Ich denke, das landet auf meiner Liste. Ein Buch mehr oder weniger auf meinem SuB macht nun auch keinen großen Unterschied mehr! 😉

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