Verlegen um jeden Preis. Kurt Leo Maschler und der Atrium Verlag. Der Verleger von Erich Kästner. Zum Gedenken an den 10. Mai, Tag der Bücherverbrennung

Wer heute den Krimi „64“ von Hideo Yokoyamas in die Hand nimmt, oder schon einmal in den Graphic Novel „Logicomix“ geblättert hat, ahnt nicht unbedingt, was es mit dem Atrium Verlag auf sich hat, in denen diese Bücher erscheinen. Der Atrium Verlag bezeichnet sich selbst als „Erich Kästner Verlag“ (bewusst ohne Bindestriche, weil Kästner sie nicht ausstehen konnte), weil seine Werke eng mit der Gründungsgeschichte des Verlags verknüpft sind.

1933 sah Erich Kästner zu, wie die Nationalsozialisten seine Bücher verbrannten. Er entschied sich gegen eine Emigration und blieb, trotz drohendem Schreibverbot, in Deutschland. Der Verleger und Buchhändler Kurt Leo Maschler war einer der Personen, die versuchten, ihn zur Flucht zu überreden. Dazu sagte er später:

„Da ich Kästner nicht dazu bewegen konnte zu emigrieren, emigrierte ich seine Bücher. Ich fuhr in die Schweiz und gründete den Atrium Verlag.“

Verleger in Berlin, Basel, Zürich, Wien

Kurt Leo Maschler wurde 1898 als Sohn einer Berlinerin und eines Österreichers geboren. Er machte eine Lehre als Verlagsbuchhändler und wurde bereits 1919 Geschäftsführer der Großbuchhandlung „Donnay und Maschler“. 1924 gründete er in Frankfurt am Main die Großbuchhandlung Kurt Maschler, bevor er 1924 Direktor des Josef Singer Verlags in Berlin wurde. Der Verlag wuchs und betrieb neben dem Verlagsgeschäft ein sogenanntes Großantiquariat. Sein Lager in Leipzig umfasste 500.000 Bücher, das er auch bei Leipziger Buchbindereien hatte. Da er einen österreichischen Pass hatte, konnte er als Jude länger beruflich tätig sein, als seine Kollegin Edith Jacobsohn. Die erfahrene Verlegerin liebte englische Literatur und übersetzte englische Kinderbücher wie Doktor Dolittle oder Pu der Bär ins Deutsche. Sie gründete im April 1924 den Kinderbuchverlag Williams & Co. 1927 übernahm sie den Verlag ihres verstorbenen Mannes, die Weltbühne.

Edith Jacobsohn verlegte seit 1928 alle Kinder- und Jugendbücher von Kästner, während seine Romane in der Deutschen Verlagsanstalt erschienen. Am Tag des Reichstagsbrands 1933 musste sie als Verlegerin und Jüdin fliehen. Als sie den Verlag verkaufen musste, erwarb ihn Maschler und von beiden Verlagen alle Rechte an Kästners Büchern, damit diese weiter gedruckt und verkauft werden konnten.

1935 gründete er dafür einen neuen Verlag in der Schweiz. Er benannte es nach einem Berliner Kino: „Atrium“. Zunächst führte er ihn in Basel und verlegte ihn nach Zürich. Er wurde aus der Schweiz ausgewiesen, da „in der [Züricher] Bahnhofstrasse schon genug Hochdeutsch gesprochen wurde“, wie ihm gesagt wurde. Das spielt darauf an, dass viele Verleger und Schriftsteller aus Deutschland geflohen sind und versuchten, in der Schweiz weiterzuarbeiten. Der Schweizer Buchbranchenverband, der auch für Empfehlungsschreiben an die Schweizer Regierung zuständig war, beäugte diese Entwicklung kritisch. Der Verband war beeinflusst von den politischen Diskussionen, der dortigen Überfremdungsdebatte und von der Angst vor der deutschen Konkurrenz für die Schweizer Buchbranche.

Maschler leitet den Verlag zunächst von Berlin aus weiter. Maschler verfügte über einen österreichischen Pass, so dass er trotz seiner jüdischen Herkunft weiterhin in Deutschland arbeiten durfte. Das nutzte er auch, um andere WeggefährtInnen, SchriftstellerInnen und Verlage zu helfen.

Doch der Pass half ihm nur bis zum 31. Mai 1937, da wurde er von der Reichsschriftumkammer ausgeschlossen und erhielt Berufsverbot. Sein Verlag wurde von einem Sturmführer liquidiert, von der Liquidation hat er nichts erhalten. Seine Verlagsräume durfte er nicht mehr betreten und, bis auf ein Belegexemplar je Titel und seiner Unterlagen, wurde alles von der Gestapo mitgenommen.

Maschler wanderte (eher floh) im August 1937 mit seiner Familie nach Wien und führte, von dort aus, die Geschäfte weiter. Seine Druckerei befand sich im heutigen Tschechien und die Bücher aus dem Atrium Verlag waren bis Kriegsausbruch 1939 hinein sogar in Deutschland erhältlich, was aber ein großer organisatorischer Aufwand bedeutete. Ein Angestellter denunzierte ihn, wenige Tage nach dem „Anschluss“ Österreichs, dafür, dass er „Exilantenliteratur“ verlegte. Maschler und seine Familie konnten ihrer Verhaftung entgehen, doch dieses Mal konnte er nur mit einer Mappe Autorenverträge nach Amsterdam fliehen. 1939 erhielt er eine Einreisegenehmigung für Großbritannien. Er konnte durch Eigentumsübertragungen die Rechte des Williams Verlags und des Atriums Verlags (und sicherlich durch die Mithilfe von engagierten HelferInnen) wahren und arbeitete mit dem auch nach London geflüchteten Illustrator Walter Trier an Kinderbuchprojekten weiter und freundete sich mit ihm an.

Die Flucht aus Wien gelang ihm in der sprichwörtlich letzten Sekunde. In seinem Büro und bei ihm zuhause beschlagnahmte die Gestapo alles. Gesundheitlich angeschlagen, aber mit starkem Willen, konnte er eine bezahlte Tätigkeit in der Londoner Verlagsbranche finden (eine Kunstbuchreihe bei Faber & Faber) und konnte Kästners Bücher in dreißig Ländern veröffentlichen. 1955 war er auch Gabriele Tergits Agent. Er versuchte, ihr zu helfen und einen neuen Verlag zu finden, da sie im Exil weitgehend in Vergessenheit geriet. Heute wird sie neu aufgelegt und entdeckt, etwa ihr Familienroman „Die Effingers“ oder das bekannte „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“.

Er führte den Atrium Verlag in London bis 1976 weiter und verkaufte ihn dann an den Oetinger Verlag.

Was wurde aus dem Verlag Williams & Co.?

Edith Jacobsohn starb bereits 1935 verarmt in London, doch ihr Verlag Williams & Co. konnte gerettet werden: Nachdem Kurt Maschler ebenfalls Deutschland verlassen musste, übertrug er der bereits von Jacobsohn ernannten Geschäftsführerin des Williams Verlags, Cecilie Dressler, Ende 1936 inoffiziell die Anteile des Verlages Williams und Co., damit nach außen nicht erkennbar war, dass er weiterhin Eigentümer des Verlages war. 1941 musste der Verlag aus rechtlichen Gründen in Cecilie Dressler Verlag umbenannt werden. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs erhielt Dressler als eine der ersten Berliner VerlegerInnen eine Verlagslizenz von den Allierten. 1971 wurde der Verlag vom Friedrich Oetinger Verlag übernommen. Der Atrium Verlag verfügt bis heute über die Gesamt-Weltrechte für alle Kästner Bücher. In Deutschland erscheinen die Kinderbücher von Erich Kästner im Cecilie Dressler Verlag.
Am 25. März 1986 verstarb Maschler in London. Er widmete sein Leben voller Leidenschaft den Büchern, auch auf Kosten seines Privatlebens und seiner Gesundheit. Er kämpfte lange für eine Entschädigung, die ihm durch den Verlust seines Verlags entstand. Gleichzeitig bewundere ich, welche Mittel und Wege er allein schon genommen hat, nur um Erich Kästners Bücher weiterhin verlegen zu können.

Kathrin Schwarz

 

Quellenverweise/ Vereinfachte Bibliographie

Hanuschek, Sven. Erich Kästner.

Maschler, Kurt L. Typoskript. Aus der Akte des LABO 61.492.

Maschler, Kurt L. Interview im Börsenblatt 1982.

Schmideler, Sebastian. Erich Kästner-so noch nicht gesehen.

Tergit, Gabriele. Die verlorenen Jahre.

https://www.buchmarkt.de/menschen/runde-geburtstage/n-a-558/

https://www.lg-buch.de/node/68

http://www.atrium-verlag.com

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Ein Kommentar zu „Verlegen um jeden Preis. Kurt Leo Maschler und der Atrium Verlag. Der Verleger von Erich Kästner. Zum Gedenken an den 10. Mai, Tag der Bücherverbrennung

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  1. Liebe Kathrin!

    Ein wunderbarer Bericht: Ich war erstaunt über die Verschachtelungen der Verlage („Wer warum wie und wo!“)…

    …und sende posthum meinen Dank und meine Hochachtung an die vielen mutigen Literatur-Freunde, die trotz widriger Umstände ihr Ziel nie aus den Augen verloren haben! Respekt!

    Lieben Gruß
    Andreas

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