Svenja Leiber: Schipino

Zeit bremsen im russischen Niemandsland

schipinoSchipino: In diesen abgeschiedenen Ort irgendwo in Russland gelangt Jan Riba, ein Deutscher; sein russischer Freund Viktor hat ihn hierher gebracht. Doch nicht Schipino ist das Ziel (zumindest vorerst nicht), sondern weg von daheim: »Weniger fährt er jetzt irgendwo hin, als irgendwo weg«. Riba flieht vor seiner blassen Existenz in Deutschland, seinem Beruf, seiner Frau, seinen Freunden, die ihm nichtssagend und gewöhnlich erscheinen. Im Grunde hat Riba genauso gelebt wie alle anderen, nichts ist da, was es wert wäre, erzählt zu werden.

In Schipino trifft er auf eine Handvoll Menschen, die ihrem Leben ebenso entfliehen wie Riba und doch auch noch ein bisschen in ihm verankert bleiben. Einen Sommer lang sind sie hier, in Schipino, lösen sich aus ihrem Alltag, von ihren Verpflichtungen, nicht aber von ihren Sorgen, finden sich hier zusammen und bleiben zugleich in ihrer Einsamkeit. Sie sind allesamt gebrochene Charaktere, jeder trägt irgendeine Bürde mit sich, die er auch hier nicht abzuschütteln vermag: »vielleicht, vielleicht bist du ja auch einfach zum Untergehen hier, so wie wir«, sagt Wassili zu Riba, der nicht so recht weiß, was er in diesem russischen Niemandsland eigentlich sucht.

Schipino liegt weit im Abseits. So weit, dass es kaum zu erkennen ist. Auf einem Hügel, umringt von Sümpfen, Bächen und Seen. Vier Datschen, mit Pappe gedeckt, morgens und abends bis ans Dach im Nebel, die Fenster mit bunten Leisten geschmückt, die Eingangstüren von Windfängen geschützt, in denen Stiefel, Brennholz und Altglas herumliegen.
Man kommt hierher, bringt den einen oder anderen mit, bleibt einen Juli oder einen August, geht angeln oder sucht Beeren und überdenkt die Geschichte Russlands.
Sie fahren seit Jahren hierher. Einige sind auch schon Jahre geblieben. Was ist ein Jahr? Ein Achtzigstel vielleicht von dem ganzen gottgewollten Kuchen. Ja, oder hier vielleicht etwas mehr als ein Achtzigstel, na und? Sie fällen Bäume, schneiden Fußnägel, melken Kühe, treten Pfade aus, kauen Koriander und hängen an dem Ort. Man ist hier wie in einer Pause ohne Anfang und Ende. Und was verbindet, ist Warten, auf Gäste, auf den Sommer, die Post.

Das Verweilen in Schipino ist mitnichten ein fröhliches, sommerleichtes Beisammensein, es wird viel geschwiegen, wenig geredet über das Leben jenseits dieses Ortes. Von den einzelnen Gästen nimmt Riba – und mit ihm der Leser – kaum mehr als einige Eigenarten wahr, ihren Kummer, ohne jedoch zu erfahren, woher dieser Kummer rührt. Es geschieht nicht viel außer fades Essen zubereiten; das Klavierspiel von Tolik; Darja, die fortwährend Kleider näht, ohne dass sie jemals getragen werden; Angeln. Es geht darum, nutzlos »Zeit zu bremsen«.

Und dann ist da noch Mascha. Eines Tages sagt Lilja zu Riba, er solle auf Mascha warten, und so hat auch er wie die anderen etwas, worauf er wartet, auch wenn er nicht weiß, weshalb. Die Bewohner von Schipino erzählen das eine oder andere über Mascha, bruchstückweise setzt sich ihre leidvolle Lebensgeschichte zusammen und bleibt dennoch merkwürdig verschwommen, ungreifbar: »Mascha? Mascha – ja, das ist eine gute Frage. Aber frag mich lieber, wer sie war. Ich glaube nämlich, es gibt sie gar nicht mehr. Oder es gab sie nie. Oder… eigentlich warten wir doch alle immer auf irgendeine Mascha. Und jede Geschichte, egal, ob wahr oder nicht, erhellt die Wahrheit, hat mal einer gesagt«.

Sie stammt aus einem Nachbardorf, seit ihrer Kindheit ist ihr viel Schlimmes widerfahren, seither versucht sie zu vergessen, denn »[m]anchmal muss man ein bisschen Leben schon begraben, bevor man stirbt, damit man lebt«. Riba versteht, dass Mascha – oder das Warten auf Mascha – notwendig ist für ihn. Immer wieder denkt er an den Brief, den seine Mutter zu Viktor nach Moskau schickte, bevor die beiden Freunde nach Schipino aufbrachen. Er solle einfach »jemanden liebhaben, schrieb sie darin«. Aber wen? Wie? Als der Sommer und Herbst vorübergehen und die anderen – mit Ausnahme der undurchdringlichen Lilja – schon wieder fortgehen, bleibt Riba in Schipino allein zurück, muss allein zusehen, wonach er sucht.

»Du hast zu viel Angst, Iwan«, sagt sie [Anja] leise und dann: »Ich muss los. Mehr kann ich heute nicht erzählen. Du wirst die Straße einfach zurückgehen. Sie führt oberhalb des Sees entlang. Du kannst unten über die Baumstämme an der Flussmündung gehen. Dann bist du wieder in den Wiesen von Schipino.«
Und damit geht sie. Und Grischkowo, der Wald, die Herkulesstauden, die leere Wohnung, alles steht fremd um Riba herum.
Eine andere Ebene, denkt er. Irgendeine andere –
Was wird eigentlich aus einem Handschuh, den man umkrempelt. Was für ein ungreifbarer Raum, denkt er und starrt in die Nacht. Warum lasst ihr mich das alles selber zusammensetzen?

Schipino ist eine stille, melancholische Geschichte, Svenja Leiber erzählt sie mit wenigen Worten – eine Erzählung, die so wortkarg ist wie die Charaktere. Dadurch entsteht etwas sehr Authentisches: Es ist, als ob man Gesprächen von Leuten, die man nicht kennt, für einen kurzen Augenblick zuhört, ohne dass sie sich einem komplett erschließen. Einige sehr kluge Sätze über das Leben und das Warten schnappt man dabei auf, vieles andere bleibt halbfertig im Raum stehen. Diese Sprache trägt viel Poesie in sich, ist manches Mal aber auch schwer zugänglich; nicht immer ist man sich sicher, ob man recht verstanden hat, was vor sich geht. Aber das ist auch gar nicht schlimm, denn für die in Schipino Verweilenden ist das Leben dort und woanders ebenso unverständlich.

Svenja Leiber: Schipino. Schöffling & Co. 2010, 208 Seiten, 18,95 €.

Was andere über dieses Buch sagen:

» FAZ
» Neue Zürcher Zeitung

Was ich über ähnliche Bücher sage:

» Yael Pieren: Storchenbiss
» Thomas Martini: Der Clown ohne Ort

Die Rezension ist zuerst auf SchöneSeiten erschienen.

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2 Antworten auf “Svenja Leiber: Schipino”

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