Anke Stelling: Schäfchen im Trockenen

Wieder nimmt uns Anke Stelling mit in die heile Welt des Prenzlauer Bergs nach Berlin, wo alternativ-kollektive Lebensentwürfe mit unendlichem Individualismus zusammenstoßen. Der neue Roman Schäfchen im Trockenen (Verbrecher Verlag) steht dem Vorgänger in nichts nach und legt den Finger unbeirrt weiter in die Wunde.

Resi sitzt in ihrem Zimmer, also der Abstellkammer neben der Küche, und schreibt. Vielmehr raucht sie und würde gern schreiben, aber die Wörter wollen nicht aufs Papier respektive in den altersschwachen Laptop. Nur noch ein paar Minuten, dann werden die Kinder wieder in die Wohnung einfallen. Zumindest die älteren, das kleinste muss abgeholt werden. Könnte wieder spät werden. Und dann liegt da noch dieser Brief eines ehemaligen Freundes: die Kündigung der Wohnung, in der Resi mit ihrer Familie seit Jahren lebt. Fünfköpfige Familie, niedriges Einkommen, hohes Gentrifizierungslevel: Da geht der Blutdruck hoch.

An Resis Seite verfolgen wir die Ereignisse rund um sie und ihre Familie. Die Realität wird jedoch immer wieder von Wünschen, Ängsten und Schreckensszenarien überlagert. So mischen sich das, was ist, und das, was sein soll und nie sein wird, zu einem Amalgam, das unsere Wirklichkeit wunderbar beschreibt. Damit schließt Anke Stelling in Thema, Milieu und bisweilen schmerzhafter Ehrlichkeit genau da an, wo sie mit Bodentiefe Fenster aufgehört hat.

Im Gegensatz zum Vorvorgänger wurde Schäfchen im Trockenen nun mit einem großen Preis ausgezeichnet, dem Preis der Leipziger Buchmesse. Das beschreibt sehr gut das Verhältnis der beiden Bücher zueinander. Denn in vielerlei Hinsicht perfektioniert Schäfchen im Trockenen für mich das, was schon Bodentiefe Fenster ausgezeichnet hat, und macht den Roman dadurch zu einem starken Stück Literatur, das auch außerhalb seines Sujets wunderbar funktioniert. Vor allem, weil es durch das Einziehen mehrerer Erzählebenen komplexer wie literarischer ist, spielerischer und doch mindestens genauso ernst und bitter.

»Tu was du willst« lautete die Devise, nach der wir erzogen worden waren, das Mantra der sogenannten sexuellen Revolution und die größte Lüge von allen. Denn es gab gleichzeitig noch die Scham, die weiterhin ausgeteilt wurde in erstaunlich ungleich großen Portionen; ich bin randvoll mit ihr, kann mich nicht bewegen aus Sorge, dass sie überschwappt.

Die »größte Lüge von allen« ist das Schicksal der Kinder der 68er und eins von Stellings Lieblingsthemen. Das paradoxe Nebeneinander von Freiheit und Scham ist es in der Situation, aus der das Zitat stammt. Die Ungleichheit ist hier klar: Die Freiheit wurde über den Söhnen ausgeschüttet, für die Töchter blieb nur die Scham, die ihnen die Freiheit verschränkt. Und mit ihr die Erziehung zu emotionalen Arbeiterinnen, Familienmenschen, während die Söhne zu selbstbewussten Machern erzogen wurden, denen die Welt im wahrsten Sinne des Wortes gehören sollte.

Gleichzeitig dreht sich Schäfchen im Trockenen aber noch um eine zweite Aporie der Freiheit. Nämlich auch ihr böser Zwilling, die Notwendigkeit, ist ungleich verteilt. Manche kriegen Unmengen davon, andere nur mal hier und da einen Anflug. Das klingt an, wenn der oben zitierte Absatz zu Ende geht:

Ich kann ganz gewiss nicht mit Ulf im Stehen auf der Straße vögeln, obwohl es vielleicht das einzig Sinnvolle wäre, was wir noch miteinander tun könnten; statt dessen sehe ich ihm nach, wie er den Schlüssel in die weiß lasierte Vollholztür steckt, die er bei einem befreundeten Tischler in Auftrag gegeben hat, und kehre dann müde zurück zu der anderen Tür, deren Schlüssel ich bald abgeben muss, apropos, wie viele müssten das wohl sein, wie viele hat Frank uns damals gegeben? Scheißschlamperei mal wieder, Scheißschlampe bin ich, da sieht man es doch gleich.

Sexismus und ökonomische wie soziale Ungleichheit sind in Schäfchen im Trockenen aufs Engste verknüpft. Trifft ersterer vor allem Resi allein, in ihrer Beziehung, in ihren Freundschaften und auch in ihrem Job, ist zweitere für sie wie auch ihre Familie prägend. Wieso fahren alle anderen Kinder immer in Urlaub und wir nicht? Das muss man Kindern erstmal erklären. Und wo werden wir wohnen, wenn wir die Wohnung tatsächlich verlassen? Marzahn schwebt als Symbol der untersten Unterschicht immer wieder drohend über Resi und wird zur Plattenbaufestung ihrer Sorgen. Dass alle ihre Freunde gerade ein unfassbar schickes Bauprojekt mit klasse Ökobilanz und neuester Architektur am Laufen haben, macht es auch nicht besser.

In Schäfchen im Trockenen macht Anke Stelling alles richtig. Ihr Roman ist eine ätzende Parabel auf die Ungleichheit unserer Gesellschaft, und das gleich auf mehreren Ebenen. Es ist literarisch, spielerisch und gemein, trotzig und kämpferisch, aber auch voller Schmerz und Resignation. Ein Buch, das in die Gegenwart passt wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge.

 

Anke Stelling: Schäfchen im Trockenen. 272 Seiten. 22 Euro. Erschienen im August 2018 im Verbrecher Verlag.

Diese Rezension erschien zuerst auf Poesierausch.

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