Ein Kriminalroman über das zweite Gesicht und seine Auswirkungen

Ein Kriminalroman? Ein poetisches Fest!

IMG_20191203_111147_637.jpg

Wenn der Name Richard Lorenz auf dem Buchdeckel als Autorenname steht, greife ich zu, ohne nachzuschauen, um was es geht. Seine Art zu schreiben ist so fern von dem, was man sonst vor die Augen gesetzt bekommt. Keine feingeschliffenen, wohlmeinenden, einstudierten Sätze kommen da aufs Papier, vielmehr traumähnliche Sequenzen, mit Beschreibungen, die viele Situationen so bildhaft vor Augen treiben, dass es beim Lesen fast schon schmerzt, so glücksseelig machen einen die Formulierungen, auch wenn traurige Dinge niedergeschrieben stehen. Dabei vollbringt es der Autor beinahe wie nebenbei, eine spannende Geschichte um eine Frau zu erzählen, die in ihrer Kindheit durch vermeintliche seherische Fähigkeiten einen mehrfachen Kindsmörder überführte und nun in der Gegenwart wieder mit dieser Vergangenheit konfrontiert wird. Wenn man den Klappentext liest und wie das Buch beworben wird, meint man, einen klassischen Kriminalroman vor sich zu haben. Doch bekommt man unter diesem Deckmantel viel mehr als das. Was es genau ist? Darauf möchte ich in der kommenden Besprechung eingehen.

Kleinstadtvorort mit schauriger Vergangenheit

Alles scheint gut geworden zu sein in dem beschaulichen Städtchen, welches zwar als Vorort zu München charakterisiert wird, aber trotzdem namenlos bleibt. Lisbeth, dass Mädchen mit dem Blick hinter die Kulissen, lebt immer noch in ihrem Heimatort ein friedliches Leben mit ihrer Tochter Marlene . Auch der eher als Dorfpolizist verschriehene Josef Cordes , der mit dabei war, als Lisbeth den Schuldirektor Fröbe überführte, der sich für eine große Anzahl an Kindsmorden verantwortlich zeigte, ist immer noch da und lebt mit seinem behinderten Sohn im selben Haus, in dem auch seine „Dienststelle“ untergebracht ist. Doch eigentlich ist er nur zum Warten verdonnert. Wenn es brenzlig wird, muss er warten, bis die Kollegen aus München eintreffen, die ihn mit abschätzigen, mitleidigen Blicken betrachten. Auch Lisbeth knabbert immer noch an ihrer Vergangenheit, die wie ein zäher Kaugummi an ihr haftet, wie es in Kleinstädten und Dörfern immer der Fall ist. Durch ihr Vermögen, verschwundene Dinge wieder zu finden und die Sache mit dem Kindsmörder, der die Herzen zerschneidet, hat sie in dem Ort ihren Ruf weg und wird ihn nicht mehr los.

In diese Ausgangslage geschehen wieder wie nebenbei Morde, die in ihrer Art frappierend an die Taten des Schuldirektors erinnern. Alles fängt im Krankenhaus an, in dem Lisbeth arbeitet. Während ihrer Nachtschicht wird ein Mann ermordet, in dem sein Herz mit einem Messer durchstochen wurde. Keine Anzeichen eines Kampfes oder das sich das Opfer gewehrt hätte. Und plötzlich sind bei Cordes und Lisbeth die Geister der Vergangenheit wieder präsent und arbeiten sich aus den Tiefen des Verstandes nach oben. Als ein zweiter Mord geschieht besteht kein Zweifel mehr, dass der aktuelle Fall mit den Kindermorden der Vergangenheit in Verbindung stehen muss. Steckt da etwa Lisbeths mysteriöser Nachbar Utrecht dahinter? Oder ist Fröbe aus dem Grab auferstanden? Fragen, die es zu lösen gilt, während das Nervenkostüm aller Beteiligten immer dünner wird.

IMG_20191203_111202_685.jpg

Richard Lorenz beschwört eine Stimmung herauf wie kein Zweiter

Das Richard Lorenz eine poetische, düstere Art zu schreiben hat, kann man in seinen Romanen und Novellen herauslesen. Da geht es mitunter etwas seltsam zu, kann man auch übernatürliches Wittern, doch ist es meist unser Verstand, der uns das vorgaukelt. Nun ist also ein Roman erschienen, der das Label Kriminalroman trägt, was nur unzulänglich das beschreibt, was man letztendlich bekommt. Wer unter der Prämisse in das Buch hineingeht, einen geradlinigen Thriller zu bekommen, der womöglich auch noch blutig ausfällt, der wird garantiert enttäuscht sein. Enttäuscht von der Ausgangslage, dem, wie der Fall beschrieben wird und noch einiges mehr. Alle anderen, die sich von der Vorgabe Krimi lösen, werden ihre wahre Freude mit diesem Buch haben. Doch was steckt alles drin in dieser Geschichte? Zum einen ist es diese düster-besinnliche Stimmung (klingt zwar konträr, trifft es bei den Büchern von Richard Lorenz aber), die auch schon „Frost, Erna Piaf und der Heilige“ und „Amerika-Plakate“ ausgemacht haben. Aber auch die Hauptfiguren in den Geschichten sind Verlorene, durch ihre Vergangenheit gezeichnete Persönlichkeiten. Richard Lorenz findet für diese menschlichen Wesen immer wieder neue Worte und poetische Vergleiche, so dass sie einem lebhaft vor Augen treten. Außerdem ist auch die Hauptfigur in diesem Buch mit einer Gabe beschlagen, die sie an den Rand der Gesellschaft drückt, da sie für die meisten „normal“ denkenden Menschen eine Art Wesen aus der Schattenwelt darstellt, was Lisbeth traurig anmuten lässt. Und genau diese Traurigkeit und Nachdenklichkeit bringt Richard Lorenz grandios zu Papier. Doch auch die anderen Personen in „Hinter den Gesichtern“ haben alle ihre Rucksäcke zu tragen, in denen sie ihre Vergangenheit herumführen und der mit jedem Tag schwerer auf ihnen lastet.

Dazu spielt auch der Ort eine große Rolle in dieser Geschichte. Er bleibt zwar namenlos, aber er hat eine Art Gesicht. Beschrieben wird es als Vorstadt zu München, doch es könnte jede Vorstadt zu einer größeren Metropole sein. Jeder kennt jeden und alle kennen ein Geheimnis von anderen. Abends werden die Rollos herunter gelassen, damit niemand hinter die Fassaden blicken kann sobald es dunkel ist, um zu schauen, was da wirklich vor sich geht. Jeder kennt so eine Stadt oder Ortschaft, wo die Geheimnisse schwer und dunkel wie Blei über den Köpfen hängen. All das zusammen vermengt Richard Lorenz zu eben jenen poetischen Sätzen und Abschnitten, die mit einem Kriminalroman nur noch entfernt zusammen hängen. Es stimmt zwar, dass ein Fall zu lösen ist und das Morde geschehen sind. Doch das ist nur ein Teil dessen, was dieses Buch ausmacht. Lest dieses Buch und lasst euch von dieser einzigartigen, fantasievollen Sprache mitnehmen in eine Stadt, wo hinter den Schatten noch die Gespenster der Vergangenheit lauern.

Richard Lorenz
Hinter den Gesichtern
Luzifer Verlag
293 Seiten
13,95 Euro (Taschenbuch)

Ein Kommentar zu „Ein Kriminalroman über das zweite Gesicht und seine Auswirkungen

Gib deinen ab

Kommentar verfassen - Mit dem Absenden des Kommentars geben Sie gleichzeitig ihr Einverständnis zur Datenschutzerklärung auf dieser Seite

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Erstellt mit WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: