Indiebookday 2021 ‒ Die Empfehlungen des Teams

Jedes Jahr um die Zeit der Leipziger Buchmesse findet auch ein ganz besonderer Tag für die unabhängigen Verlage statt. Vor nunmehr acht Jahren initiierte der Mairisch Verlag den Indiebookday, um die unabhängigen Verlage zu zelebrieren und ihnen eine Bühne zu bieten. Seitdem wächst dieser Tag stetig und bedächtig von Jahr zu Jahr immer weiter, die Aufmerksamkeit steigt an und wie bei einer Fieberkurve konzentriert sich dann alles auf diesen einen Tag. Man kann von solchen singulären Ereignissen halten, was man mag, aber dieser Tag der unabhängigen Verlage macht viele Menschen auf eben diese kleinen Verlage aufmerksam, die vielleicht vorher keine Ahnung von der Vielfältigkeit des Verlagswesens hatten oder vielleicht mit dem Thema Verlag an sich kaum etwas anfangen konnten. Dank des Indiebookdays hat sich das Bewusstsein auf jeden Fall verstärkt, auch auf die Verlage zu achten und die Arbeit wertzuschätzen, die die „Kleinen“ das ganze Jahr über leisten, insbesondere in solch besonderen Zeiten, wie sie aktuell sind ‒ ohne Messen, ohne Lesungen, ohne Kontakt zu den Leserinnen und Lesern. Mit solch einem Tag wie heute gehen die Indieverlage gestärkt durch das restliche Jahr, wenn auch nur ein kleiner prozentualer Anteil an neuen Leserinnen und Lesern gewonnen wird. Und diese ganze Bandbreite an unabhängiger Verlagsarbeit muss gestärkt werden, damit ein vielstimmiges Nebeneinander diverser und kritischer Stimmen existieren kann: für mehr Bibliodiversität und Wagnis bei der Auswahl der Geschichten.

Doch was macht man denn nun genau an diesem Indiebookday? Eigentlich ganz einfach: Man geht in die (im besten Fall Indie-)Buchhandlung seines Vertrauens und kauft dort seine Bücher wie gewohnt. Allerdings sollte dieses Mal auch ein Titel aus einem unabhängigen Verlag dabei sein (als Tipp: Schaut mal bei uns unter den aufgeführten Verlagen oder bei der Kurt Wolff Stiftung für eine erste Orientierung). Danach fotografiert ihr euch mit diesem Buch und postet dieses Bild in den sozialen Medien unter #indiebookday oder #indiebookday2021. Mehr ist gar nicht zu beachten, außer dass es in diesem wie schon im letzten Jahr mehr ein Tag ist, der verstärkt online stattfinden wird. Allerdings haben die Buchhandlungen offen. Am besten ist momentan natürlich, sich vorher schon Gedanken zu machen und die Bücher dann nur abzuholen: dabei hilft übrigens (auch ganzjährig) Genialokal.

Nun begehen wir also heute zum achten Mal den Indiebookday. Und wir feiern mit. Wir haben uns zusammengesetzt und unsere Favoriten der Indies zusammengetragen ‒ und so lernt Ihr auch gleich unsere neuen Mitgliedern etwas besser kennen. Herausgekommen ist dabei eine bunte Mischung an Büchern, die wir euch natürlich allesamt ans Herz legen möchten. Und wir hoffen, dass Ihr für heute alle fleißig Indiebücher bestellt habt oder noch kaufen werdet. Und nun, Vorhang auf für unsere Buchparade zum Indiebookday.

Mareike Fallwickl

Ein Buch wie ein Messer, aufwühlend, heftig, grauenvoll ‒ und dabei in jeder Hinsicht ein Abbild der Realität. Es geht um Femizide in Brasilien, um Täter, die davonkommen, um eine hinkende Justiz und eine Protagonistin, deren Mutter ebenfalls ermordet wurde ‒ vom eigenen Mann. Ein ungemein krasses und absolut wichtiges Buch.

Patricia Melo ‒ Gestapelte Frauen | aus dem Portugiesischen übersetzt von Barbara Mesquita | Unionsverlag, 256 Seiten, 22 Euro

Sie ist allein in Amerika unterwegs und trifft durch Zufall auf Kate. Gemeinsam begeben die beiden Frauen sich auf einen Roadtrip, aus dem nichts erwartbar und nichts vorhersehbar ist. Ein wilder, ungewöhnlicher Roman, für den man Geduld und Nerven braucht, der einen mit schönen Sprachbildern und originellen Ideen belohnt.

Olivia Kuderewski ‒ Lux | Voland & Quist, 224 Seiten, 22 Euro

Nicole Seifert

Meine zwei Indie-Lieblinge aus den Frühjahrsprogrammen könnten kaum unterschiedlicher sein: Die elf Kurzgeschichten von Sarah Raich, gerade bei Mikrotext unter dem Titel Dieses makellose Blau erschienen, sind ihr literarisches Debut, und sie haben es in sich, sind abgründig, manchmal hart und sehr modern. Es geht um Frauen, die gern woanders wären, um Männer, die die Welt nicht mehr verstehen, um Mütter und Töchter, um Einsamkeit und Überforderung, um Liebe und die Unmöglichkeit der Nähe (um einen Titel von Margaret Atwood zu zitieren). Jede Erzählung ist ein Blick in einen Abgrund, nach dem man sich kurz erholen und nachdenken muss, vielleicht zurückblättern, vielleicht nochmal lesen, um dann sofort die nächste lesen zu wollen. Sehr starke Texte, die für mich irgendwie sowohl in eine amerikanische, als auch in eine österreichische Erzähltradition gehören – ich bin extrem gespannt auf alles weitere von dieser Autorin. 

Sarah Raich ‒ Dieses makellose Blau | Mikrotext, 120 Seiten, 14 Euro (Taschenbuch)

Der Roman Mrs Palfrey im Claremont, in der Übersetzung von Bettina Abarbanell im Dörlemann Verlag erschienen, ist eine Wiederentdeckung aus den 70er Jahren. Die leider viel zu unbekannte Elizabeth Taylor ist Autorin von elf großartigen, ganz unterschiedlichen Romane. In diesem geht es um die gerade verwitwete Mrs. Palfrey, deren Mittel gerade reichen, um in ein Londoner Hotel zu ziehen, das schon bessere Tage gesehen hat. Genau wie seine Bewohner*innen, die hier dem Altersheim und der Einsamkeit zu entgehen versuchen, die von Klatsch und Erinnerungen und schlechtem Essen leben, sich dabei aber durchaus amüsieren. Der britische Humor und die Mittel der Verwechslungskomödie unterhalten bestens, aber auch hier geht es nicht ohne Blick in den Abgrund, denn Langeweile und das Wissen um den unaufhaltsam näherrückenden Tod lauern hinter jeder Ecke.

Elisabeth Taylor ‒ Mrs Palfrey im Claremont | aus dem Englischen übersetzt von Bettina Abarbanell | Dörlemann, 256 Seiten, 25 Euro (gebunden)|

Britta Fietzke

„Weggehen heißt ein wenig sterben. Ankommen heißt nie ankommen.“ (Migrantengebet, Motto vor Archiv der verlorenen Kinder)

In einer Zeit, in der wir aus allseits bekannten Gründen nicht reisen können, sind Reisen für den Kopf umso wichtiger. Warum also nicht mal in eine völlig existenzialistisch-surreale Welt, die einem Franz Kafka in nichts nachsteht? Zusammen mit dem Ich-Erzähler und Karl Ristikivis Alter-Ego betreten wir in Die Seelen der Nacht an Silvester ein offenstehendes Haus, werden Zeugen eines Stromausfalls, eines Verbrechens, eines Prozesses ‒ und einer Gedankenwelt, die uns unsere eigene Realität infrage stellen lässt. In diesem Sinne: „Schön, dass Sie am Ende doch gekommen sind.“

Karl Ristikivi ‒ Die Nacht der Seelen | aus dem Estnischen übersetzt von Maximilian Murmann | Guggolz, 373 Seiten, 24 Euro

Auf eine gänzliche andere Reise, nämlich einen Roadtrip quer durch die Vereinigten Staaten, macht sich eine Familie aus New York in Valeria Luisellis Archiv der verlorenen Kinder. Und irgendwie ist es auch eine Flucht. Vor der eigenen Familie, deren Geschichte, der Geschichte der vielen fliehenden Kinder aus Südamerika in den Norden und irgendwie auch vor uns selbst. Ich habe dieses Buch fast in einem Rutsch gelesen, weil es tragisch ist und spannend zugleich, und doch auch noch soo lyrisch.

Valeria Luiselli ‒ Archiv der verlorenen Kinder | aus dem Englischen übersetzt von Brigitte Jakobeit | Kunstmann, 432 Seiten, 25 Euro

Kathrin Schüßler

Beide Bücher, die ich vorstelle, haben etwas gemeinsam und zwar handeln beide von der Findung zu sich selbst und der Frage, was ein erfülltes Leben ausmacht. Bonusland von Götz Nitsche liest sich wie ein Roman, ist aber in Wirklichkeit eine wahre Geschichte. Götz fliegt nach Neuseeland, als ihm zu Hause alles zu eng wird. Dort erkundet er Neuseeland auf einem Fahrrad. Ein klares Ziel hat er nicht, doch nach und nach, und nach vielen Strapazen, aber auch tollen Erlebnissen, versteht Götz die wahre Bedeutung seiner Reise. Dieses Buch ist eine wundervolle und abenteuerliche Reise.

Götz Nitsche ‒ Bonusland | Conbook Verlag, 352 Seiten, 14,95 Euro

Allerorten von Sylvain Prudhomme hat mich sofort nach ein paar Seiten durch den besonderen Schreibstil überzeugt. Sasha hat die Schnauze voll von Paris und zieht in die Provence, in der Hoffnung, dass er dort seine Ruhe findet und Schreiben kann. Durch Zufall trifft er dort auf einen alten Jugendfreund, der oft ohne Vorwarnung verschwindet um per Anhalter durch Frankreich zu reisen. Mittlerweile wirkte er fast sesshaft, doch auch dann verschwindet er plötzlich. Sasha versucht ihn zu verstehen und freundet sich mit der Familie seines Freundes an.

Julian Zündorf

Zum #indiebookday2021 möchte ich drei Neuübersetzungen des japanischen Autors Yukio Mishima (1925‒1970) empfehlen, die bei Kein & Aber erschienen sind und die ganze stilistische wie thematische Bandbreite dieses außergewöhnlichen Erzählers zeigen. Mishima galt in der Nachkriegszeit als einer der globalen Stars der Literaturszene, der sich in nahezu all seinen Werken mit dem Spannungsverhältnis zwischen den Werten der westlichen Moderne und der traditionellen japanischen Kultur auseinandersetzte. Als Schriftsteller war Mishima enorm produktiv, daneben arbeitete er auch als Schauspieler und Model und bezog häufig öffentlich Stellung zu (kultur-)politischen Themen. Später wurde er immer mehr zu einer Art Ikone der Popkultur, bevor ihm dann am Ende seines Lebens – man kann es leider nicht anders sagen – die Sicherung durchbrannte. Im November 1970 überfiel Mishima mit bewaffneten Anhängern das Hauptquartier der japanischen Streitkräfte. Sein dilettantischer Putschversuch, der die Restauration der politischen Vorkriegsordnung zum Ziel hatte, schlug jedoch fehl. Der Autor beging Selbstmord.

Bekenntnisse einer Maske (1949; übersetzt von Nora Bierich, 224 Seiten 20 Euro), Mishimas wohl berühmtester und am deutlichsten autobiographisch gefärbter Roman, schildert die Identitätsfindung eines jungen homosexuellen Mannes im Japan der 1940er Jahre. Der Goldene Pavillon (übersetzt von Ursula Gräfe, 336 Seiten, 22 Euro) aus dem Jahr 1956 beruht auf einer wahren Begebenheit. Im Mittelpunkt dieses sehr komplexen Romans steht ein junger buddhistischer Mönch, der Novize in einem vergoldeten Tempelschrein in Kyoto wird. Zugleich angezogen und verstört von der überirdischen Schönheit des Gebäudes gerät er immer stärker in eine Krise, bis er das Objekt seiner Sehnsüchte und Obsessionen vernichtet. 

Ganz anders wiederum Mishimas später, mit Elementen der Kolportage und des Trivialromans arbeitende Roman Leben zu verkaufen“ (1968; übersetzt von Nora Bierich, 240 Seiten, 22 Euro): Der lebensmüde Werbetexter Hanio will sterben, doch sein Selbstmordversuch scheitert. Daraufhin beschließt er, seine Existenz gegen Bezahlung anderen gänzlich zur Verfügung zu stellen, und schaltet eine entsprechende Annonce. Hanio gerät in verschiedenste, reichlich bizarre Abenteuer, wird u. a. als Killer angeheuert und als Liebhaber und lebende Nahrungsquelle einer Vampirin. Doch immer kommt er mit dem Leben davon.

Katharina Herzberger

Zum Indiebookday möchte ich zwei Sachbücher empfehlen, die mir in den letzten Monaten die Augen geöffnet haben. Die Anthologie Kinderkriegen. Reproduktion reloaded, herausgegeben von Barbara Peveling und Nikola Richter bei Edition Nautilus, bietet eine beeindruckende Bandbreite an Stimmen zum Thema. Essays gibt es nicht nur zu Kinderwunsch, Familienplanung, Schwangerschaft, Geburt und Elterndasein, sondern auch zu weiterhin tabuisierten Themen wie Fehlgeburt, Abtreibung, Eizellenspenden, oder weiterführenden Überlegungen zu Klimakrise, Hochsensibilität, Identitätskrisen und deutschem Bürokratiewahn. Dabei berichten Mütter und Väter, Verwandte, Menschen mit oder ohne Kinderwunsch, hetero- und homosexuelle Paare, Pflegeeltern und viele mehr. Ein vielfältiges, stimmenreiches Werk, das mit jedem Essay neu zum Denken anregt.

Barbara Peveling & Nikola Richter (Hrsg.) ‒ Kinderkriegen. Reproduktion reloaded | Edition Nautilus, 352 Seiten, 20 Euro

Neu aufgelegt hat der Orlanda-Verlag im letzten Jahr Katharina Oguntoyes Schwarze Wurzeln. Afro-deutsche Familiengeschichten von 1884 bis 1950. Ihre Magisterarbeit erschien zuerst 1997 und war lange nicht verfügbar. Ein umso größeres Glück, dass dieses historische Werk jetzt wieder im Druck ist, denn es schildert als eines der ersten die Lebensrealitäten von Afrikanern und Afro-Deutschen in Deutschland. Vielen mag nicht bewusst sein, welche Auswirkungen die Kolonialzeit Deutschlands hatte, so kurz sie vergleichsweise war, und welche Schicksale sich daraus ergaben. Oguntoye richtet ihren Blick auf konkrete Personen, deren Leben und deren Familien sie nachverfolgt, vom Ende des 19. Jahrhunderts, über den Nationalsozialismus bis zur Nachkriegszeit. Ungemein lehrreich, augenöffnend und, leider, bedrückend.

Katharina Ogunoye ‒ Schwarze Wurzeln | Orlanda Verlag, ca. 200 Seiten, 18 Euro

Alexander Rudolfi

Alphabetisches Afrika/Alphabetical Africa von Walter Abish erzählt sich, wie der Name schon ankündigt, entlang des Alphabets, im ersten Kapitel beginnt noch jedes Wort, als Alliteration mit A, im zweiten mit A oder B, im dritten kommt das C hinzu – einmal bis zum Z und zurück. Und schafft es dabei, einen Krimi zu erzählen, in dem wir in die Verfolgungsjagd des geschlechtslosen Ich, aka Autor/in, einsteigen: Alva hinterher, die mit einem Koffer voller Diamanten flüchtet, den Assasinatoren Alex und Allen nach, quer durch die Länder Afrikas. Abish setzt sich in dieser Odyssee auf die skurrilste Art, mit dem Thema Kolonialisierung auseinander: In Tansania trifft man auf Queen Quat, deren Gender wiederum ganz unklar ist, und der sich seinen Reichtum damit erworben hat, dass sie – ganz im Sinne der belgischen Karte – das ganze Land hat orange streichen lassen. Zudem werden die Kämpfe der Indigenen sowie der Problematik der Geschichtsschreibung über solche Ereignisse thematisiert, während der Kontinent scheinbar immer weiter schrumpft. Die Herausforderung, einen so rigiden sprachlichen Formalismus (mit Humor) zu übersetzen, wird hier zu einer besonderen Aufgabe, wenn etwa das Kapitel zu Q im Original mit dem Wort Questions beginnt. Sodass man sich immer wieder darüber freuen kann, im Buch sowohl das englische Original, als auch die deutsche Übersetzung zu finden. Es ist gerade dann besonders spannend, wenn nur wenige Buchstaben zur Verfügung stehen, also der Bewegungsfreiraum von Autor, wie Übersetzer (im Sinne des OULIPO) eingeschränkt ist und beide zur Kreativität fordert. Ein Buch, das einen Vergleich wohl nur mit George Perecs „Anton Voyls Fortgang“ [dt. erschienen bei Diaphanes] finden kann, in dem der Autor auf den Buchstaben E verzichtet, in dieser Form aber, soweit ich weiß, bisher einzigartig geblieben ist. Im Abenteuer des Lesens, wörtlich genommen, ist dieses Buch eine sehr besondere Erfahrung und daher auch eine besondere Empfehlung meinerseits!

Walter Abish ‒ Alphabetisches Afrika/Alphabetical Africa | übersetzt von Jürg Laederach | Urs Engeler Editor, 207 bzw. 370 Seiten,

Das Thema psychische Krankheit und Gesundheit wird seit Beginn der massenhaften Isolation zunehmend öffentlich verhandelt. Mehr Menschen sind davon betroffen und diejenigen, die bereits vorher betroffen waren, auch mit schwereren Erscheinungen. Bei Stephan Roiss’ Triceratops werden wir in kurzen, prägnanten Absätzen und mitunter verstörenden Kapiteln in die seelische Provinz einer Familie geführt. Ein konsequent „Wir“ genannter Ich-Erzähler steht ebenso zwischen Verletzbarkeit und drohendem Unheil, wie der Rest seiner Familie zwischen christlicher Mystik und psychiatrischer Klinik steht. Erzählerisch nähert er sich seinen Eltern, der esoterischen Tante, seiner Schwester, seiner Großmutter und dem verstorbenen Großvater an, während man sich als Leser*in ständig fragt: wer ist hier eigentlich wie versehrt? Im Verlauf des Romans entwickelt sich diese anamnetische Spurensuche zu einem, immer klarer strukturierten, immer eindeutiger wahrgenommenen und rasant erzählten Roman über psychische Krankheit und das Erwachsenwerden, der gegen Ende erneut an Dichte gewinnt, und dennoch leichtgängig bleibt. Triceratops belässt uns mit seiner Erzählhaltung ständig im Vagen darüber, ob wir gerade alleine sind oder unter anderen, ob wir einer sind oder mehrere, wodurch die Leser*innen, besonders zu Beginn, die unbequem dünne Linie zwischen Einbildung und Abbildung entlangschreiten, wie man es vielleicht von Dostojewski kennt. Wir wird zu einem Ich, das sich abspaltet. Man lernt mehr über eine Gesellschaft aus ihrem Blick auf den Wahnsinn, als man dabei über den Wahnsinn erfährt. Dass er bei uns als Tabu-Thema gilt, schafft einen nicht unwesentlichen Teil der Aufgabe, die für die Literatur heute entstanden ist. Und weil es ein Bewusstsein für das Gefühl dafür schafft, sich (mit dem Erzähler) nicht allzuweit weg davon zu befinden, ist dieses Buch eine Empfehlung!

Stephan Roiss ‒ Triceratops | Kremayr und Scheriau, 208 Seiten, 20 Euro

Katharina Severa

Jüngst habe ich eine ganz bewundernswerte Autorin für mich entdeckt – Kim Thúy – und zuletzt ihren kleinen, feinen Roman Die vielen Namen der Liebe gelesen, der im Verlag Antje Kunstmann erschienen ist. Darin erzählt die Protagonistin Vi von ihrem Leben zwischen Vietnam, ihrem Geburtsland, das sie als Achtjährige mit der Mutter und ihren drei Brüdern verlassen hat und Kanada, wo für sie ein vollkommen neues und anderes Leben begann. Erst als Erwachsene kehrt sie zeitweise nach Vietnam zurück und begegnet dort ihren Erinnerungen, die in zahlreichen Namen, Orten und vor allem Speisen stecken. „Die vielen Namen der Liebe“ ist ein Roman über Heimat, Familie, Tradition und vor allem aber Selbstbestimmtheit.

Kim Thúy ‒ Die vielen Namen der Liebe | übersetzt von Andrea Alvermann und Brigitte Große | Kunstmann, 144 Seiten, 18 Euro

Mein zweiter Tipp ist Sarah Schmidts bitter-humoriger Roman Eine Tonne für Frau Scholz aus dem Verbrecher Verlag, in welchem die Protagonistin Nina in einem Anflug von Unzufriedenheit mit dem Leben im Allgemeinen und mit der schmallippigen Nachbarin Frau Scholz im Besonderen beginnt, dieser ungebeten die Kohleeimer aus dem Keller zu schleppen und vor deren Tür zu stellen. Dank erwartet sie dafür keinen (insgeheim natürlich doch) und bekommt ihn auch nicht. Unter der zunächst harschen Reaktion der alten Frau auf diese Übergriffigkeit blitzt jedoch unerwartet etwas Nahbares hervor, das Nina zu interessieren beginnt und so schenkt sie Frau Scholz zunehmend Aufmerksamkeit. Während sie allmählich Zugang zur einst unliebsamen Nachbarin findet, gerät ihr eigenes Leben immer mehr aus den Fugen und droht schon bald zu implodieren. Plötzlich ist Frau Scholz so etwas wie Ninas (äußerst unfreiwilliger) Fels in der Brandung.

Sarah Schmidt ‒ Eine Tonne für Frau Scholz | Verbrecher, 224 Seiten, 19 Euro (momentan leider vergriffen)

Marina Müller-Nauhaus

In Rebecca Solnits Essayband über das Verlieren gehen Menschen, Gegenstände, aber auch Geschichten verloren, verlieren sich, was nicht immer auch bedeuten muss, dass sie sich verirren. Und durch all diese Gedanken schlängelt sich dieses ganz besondere Blau, denn „Die Welt ist an den Rändern und in den Tiefen blau“. Genau dort also, wo man sich am besten verlieren kann. Ein wunderbares kluges Buch, welches seine Zeit braucht.

Rebecca Solnit ‒ Die Kunst, sich zu verlieren | übersetzt von Michael Mundhenk | Matthes & Seitz, 204 Seiten, 22 Euro

Julia Bernhards Wie gut, dass wir darüber geredet haben erzählt vom Familienessen mit unangenehmen Gesprächen über Liebeserklärungen an den eigenen Hund bis zu vernachlässigten Zimmerpflanzen: Julia Bernhard präsentiert zehn absurde und doch alltägliche Szenen, die von der Illustratorin perfekt in unaufgeregt-klaren Zeichnungen eingefangen werden. Ein großer Spaß für alle, die eine besonders ansprechende Ausrede fürs Prokrastinieren vor dem Leben benötigen.

Julia Bernhard ‒ Wie gut, dass wir darüber geredet haben | Avant, 96 Seiten, 20 Euro

Marc Richter

Zum heutigen Indiebookday präsentiere ich euch zwei Tipps aus dem eher fantastischen Genre, was bei der Betrachtung der Literatur, ähnlich der Lyrik, immer etwas abschätzig oder nachlässig behandelt wird. Diese zwei Tipps sind eher ungewöhnlicher Natur und nichts für die Zartbesaiteten unter uns, da es stellenweise recht brutal zur Sache geht.

Den Anfang macht Der Heilige mit der roten Schnur von Flavius Ardelean, erschienen im Homunculus Verlag. Diese Geschichte ist eher ein düsteres Märchen, ein Beginn einer Sage, die mit dem Heiligen ihren Anfang nimmt und den Kampf zwischen Gut und Böse behandelt. Es ist ungewöhnlich, es ist düster und es ist richtig gut gestaltet, außen wie innen. Ein wahres Kunstwerk für den kleinen Geldbeutel.

Flavius Ardelean ‒ Der Heilige mit der roten Schnur | aus dem Rumänischen übersetzt von Eva Ruth Wemme | Homunculus, 216 Seiten, 22 Euro

Joe Hill? Bei einigen wenigen wird es da sicher klingeln. Ist er nicht? Doch genau, der ist es, der Sohn von Stephen King. Und er schreibt genau solche gruseligen Geschichten wie sein berühmter Vater. Als letztes Jahr am ersten April die Nachricht lanciert wurde, dass Joe Hill beim Festa Verlag herauskommt, dachten alle an einen Aprilscherz. Aber es war keiner und so kann ich euch dieses Buch hier präsentieren, das vier Novellen beinhaltet, die inhaltlich genauso von seinem Vater stammen könnten. Eine klingt verrückter als die andere. Ein Fotograf, der durch seine Bilder Gedächtnisse löscht oder Unwetter, die Glas regnen lassen. Neugierig geworden, dann auf in die ungewöhnlichen Wetter.

Joe Hill ‒ Strange Weather | aus dem Englischen übersetzt von Susanne Picard | Festa Verlag, 652 Seiten, 24,99 Euro

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