Andreas Séché: Zwitschernde Fische

Eine Hommage an die Literatur – und an die Liebe

seche„Ausgerechnet im Buchladen fing er Feuer. Und so hatte er seine wundersamsten Erlebnisse an einem Ort, wo manche das Abenteuer gar nicht erst suchten, obwohl er doch voll davon war.“ Denn als Yannis eines Tages eine ihm bisher unbekannte alte Buchhandlung in Athen betritt, ist es um ihn geschehen: Er verliebt sich in den geheimnisvollen Ort, in die zahlreichen Bücher – und in die schöne Buchhändlerin Lio. In ihr scheint er eine Seelenverwandte gefunden zu haben, die die Literatur ebenso achtet wie er. Immer wieder kehrt Yannis in die Buchhandlung zurück, in der es außer ihm nie einen Kunden gibt, und wird bereits von Lio erwartet, die mit ihm über die großen Romane der Weltgeschichte spricht, über Dostojewski und Shakespeare, über Huckleberry Finn und Erich Maria Remarque und ihre Bedeutung für die Geschichte. Kaum ist Yannis der bezaubernden Lio begegnet, häufen sich in seinem Leben merkwürdige Ereignisse – und alles wird noch rätselhafter, als Lio plötzlich verschwindet. Yannis muss sie finden, um sie zu retten, und er muss dazu die Grenze zwischen Realität und Fiktion überschreiten, um ins Reich der Fantasie zu gelangen …

Zwitschernde Fische von Andreas Séché ist mein Sommerhighlight 2012. Einigermaßen ratlos habe ich nach einem Buch gesucht, das mir Spaß macht und mich berührt, das mich auf leichten Schwingen durch die von Sonnenstrahlen flirrende Luft trägt. Und dann hat Zwitschernde Fische mich gefunden, es kam zusammen mit einer schönen Karte und einem tollen Button, und es flüsterte mir zu, nicht ins Regal gestellt, sondern gleich gelesen werden zu wollen. Ich bin diesem Zwitschern gefolgt und war von der ersten Seite an so begeistert, dass ich den Roman weggelesen habe wie ein Durstiger, der ein Glas Wasser trinkt, ohne abzusetzen. Eine Geschichte über Bücher! Über einen bibliophilen Leser, der ein gutes Buch zum Leben braucht! Und ein Buch über – ach, herrlich, herrlich – die Liebe!

Andreas Séchés zweiter Roman ist wie eine Waldlichtung, auf die das goldene Licht genau im richtigen Winkel fällt, wie der Zuckerguss auf dem Karottenkuchen, wie ein ausgelassenes Lachen an einem verregneten Tag. Es ist heiter und wunderbar unernst, originell und mystisch, es schert sich nicht um die Konventionen der Wirklichkeit, es wartet mit einer recht vorhersehbaren, aber passenden Auflösung auf – und mit allerlei interessanten Informationen zu den weltbewegenden Romanen unserer Zeit. Zwitschernde Fische verwandelt sich außerdem in einen kleinen Krimi, in dem es nicht nur um die Liebe und das Schöne am Lesen geht, sondern auch um Moral und Mord, um Diebstahl und Gerechtigkeit. Andreas Séché hat zu Papier gebracht, was so bedeutsam am Lesen ist, und auch wenn diese Erkenntnisse oft banal sind, sind sie nicht weniger wahr. Ich mag es, dass das Buch mich mehr als einmal überrascht, und ich freue mich über die versteckte Hommage an Hans Christian Andersen. Ich finde in diesem Buch so viele Sätze, die mir ein zustimmendes Seufzen entlocken, dass ich mir daraus ein Haus bauen möchte. Und um nicht weiter zu versuchen, diesen Sätzen mit meinen eigenen Worten gerecht zu werden, lasse ich sie einfach selbst zu euch sprechen – vielleicht passen sie und dieses Buch auch so gut zu euch Buchliebhabern wie zu mir und diesem Sommer.

Ein gutes Buch, dachte der Mann, hat es einfach verdient, dass man den Tag, an dem man es in seiner Büchersammlung willkommen hieß, mit einem üppigen Frühstück beginnt.

Die Macht der Anziehung trägt Sorge, dass die, die es verdienen, wieder zueinanderfinden, egal, unter welchen Umständen und Zufällen sie einander begegnet sind und wieder auseinandergerissen wurden.

Manche fanden erst durch das Lesen wirklich zu sich selbst.

Und wie bei der Liebe braucht man beim Lesen nichts weiter als die Fähigkeit, sich fallen zu lassen.

Man muss Anna Karenina nicht gelesen haben, aber es schadet nicht zu wissen, dass es sich bei Tolstoi nicht um den Namen eines schwedischen Möbelstücks handelt.

Auch ein Menschenleben ist eine Geschichte. Und wäre es nicht eine wunderschöne Möglichkeit, wenn man diese Geschichte jemandem widmen könnte?

Wenn diese schwer zu greifende Anziehung zwischen ihnen tatsächlich Liebe war, dann bestand die Zauberformel der Liebe vielleicht darin, dass man Gefühle laut aussprechen musste, damit sie ihre volle Wirkung entfalten konnten, so wie bei jeder guten Beschwörung.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …

… fürs Auge: das Cover ist das Einzige, was mir an diesem Roman nicht gefällt. Die Aufmachung und der Titel entsprechen in meinen Augen der Märchenhaftigkeit des Buchs überhaupt nicht.
… fürs Hirn: der Reichtum, den die Literatur uns bietet, das Wunderbare am Leben als Leser.
… fürs Herz: dieses perfekte, verträumte Ende!
… fürs Gedächtnis: der Vorsatz, öfter bei ars vivendi und anderen kleinen Verlagen zu stöbern, um noch mehr solcher Buchschätze zu entdecken.

Andreas Séché: Zwitschernde Fische. ars vivendi 2012, 192 Seiten, 16,90 €.

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3 Antworten auf “Andreas Séché: Zwitschernde Fische”

  1. Ich habe von Andreas Séché vor kurzem im Rahmen einer Leserunde sein neuestes Werk gelesen und war sehr begeistert. „Zwitschernde Fische“ steht seitdem auch auf meiner Schnüffelliste.

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    1. „Zwitschernde Fische“ habe ich vor einigen Wochen innerhalb weniger Stunden weggelesen und war unheimlich beeindruckt. Ein grandioses Buch für Bücherliebhaber und die, die dies noch werden wollen. Bin schon auf seinen neuen Roman gespannt. 🙂

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