Yoko Ogawa: Schwimmen mit Elefanten

»Der Ozean des Schachs dehnte sich endlos aus und war unermesslich tief, aber sie hatten nichts zu befürchten«

Yoko Ogawa - Schwimmen mit Elefanten (Liebeskind Verlag)Es ist noch nicht lange her, dass Haruki Murakami und ich aneinandergeraten sind, seither tänzle ich misstrauisch um ihn herum, bin manches Mal kurz davor, ihm zu verzeihen und die Hand zu reichen, um dann in letzter Sekunde doch zurückzuweichen. Dabei ist, so liest man andernorts, sein neuester Roman Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki ein »Gesamtkunstwerk«, eine »besonders köstliche Delikatesse«. Die Zweifel bleiben, und dennoch bin ich nun erneut mit der japanischen Literatur auf Tuchfühlung gegangen – nicht mit dem Großmeister, sondern mit Yoko Ogawa, die als eine der wichtigsten Schriftstellerinnen ihres Landes gilt und deren umfangreiches Werk im Liebeskind Verlag erscheint.

Schwimmen mit Elefanten, dieser rätselhafte Titel spiegelt die traumhaft-surreale Atmosphäre wider, in die der Leser gemeinsam mit den Figuren eintaucht. Das sind allerhand absonderliche Figuren, die sich in Ogawas Welt bewegen – einer Welt, die unserer ähnlich sieht und doch eine andere ist, ein bisschen märchenhaft, ein bisschen fantastisch. In ihr gibt es das Mädchen Miira, das einst in einer schmalen Spalte zwischen zwei Häusern verschwand und seither dort herumspukt. Es gibt die Elefantendame Indira, die ihr Leben als Attraktion auf dem Dach eines Kaufhauses verbringt, weil sie irgendwann zu groß war, um in den Fahrstuhl zu passen. Es gibt einen Hausmeister, der mit seinem schwarz-weiß gefleckten Kater Pawn in einem ausrangierten Bus wohnt und der, weil er Gebäck über alles liebt, einen beträchtlichen Umfang annimmt.

Vor allem aber gibt es den Jungen: Seinen Namen erfahren wir im ganzen Roman nicht, er bleibt immer nur »der Junge«, selbst als er längst erwachsen ist. Seine Geschichte erzählt uns Ogawa hier, die Geschichte eines kleines Schachgenies, das sich vor all dem, was das Größerwerden mit sich bringt, fürchtet. So sehr, dass er irgendwann – wie einst schon der Grass’sche Oskar Matzerath – beschließt, nicht mehr zu wachsen. Schließlich hat genau das die Elefantendame Indira – seine Freundin im Geiste, auch wenn er sie nie kennengelernt, sondern nur von ihrer Geschichte gehört hat – um ihre Freiheit gebracht, und der Busfahrer, von dem er das Schachspiel lernte, hat bei seinem Tod einen derart voluminösen Körper, dass er mit einem Kran geborgen werden muss.

Nicht zuletzt aber bleibt der Junge klein, weil er beim Schachspielen eine ungewöhnliche Eigenart entwickelt hat: Statt das Spielfeld und den Gegner vor Augen zu haben, verkriecht er sich lieber unter den Tisch, er hört den Klang der Figuren auf dem Brett, spürt das Spiel. In diesem engen Raum, in diesem Moment der Kontemplation fühlt er sich geborgen wie sonst nirgends. Es ist, als würde er in einem Meer schwimmen, gemeinsam mit seinen einzigen Freunden, dem Elefanten und dem verschwundenen Mädchen: »Der Ozean des Schachs dehnte sich endlos aus und war unermesslich tief, aber sie hatten nichts zu befürchten.« Dieses Abtauchen ist jedoch auch der Grund dafür, dass dem Jungen der Beitritt in den Schachclub verwehrt wird, ganz gleich, wie elegant und virtuos seine Züge sind.

Und so landet er nach dem Tod seines Meisters im geheimen »Klub am Grunde des Meeres« – ein passender Name für den Jungen, der in Gedanken mit Elefanten schwimmt. Nur tut er dies nicht mehr unter dem Tisch, sondern im Innern eines Schachautomaten, der dem russisch-französischen Weltmeister Alexander Alexandrowitsch Aljechin nachempfunden ist und folglich »Kleiner Aljechin« getauft wird. Fortan an seiner Seite: ein dünnes Mädchen, das er Miira nennt, weil es ihn an die Verschwundene im Häuserspalt erinnert; auf der Schulter des Mädchens eine Taube. Doch wie allen seinen Freundschaften wohnt auch dieser etwas Tragisches inne; was den Jungen bis zu seinem Ende begleitet, ist vor allem die Einsamkeit. Und die Angst vor dem Leid, das ihn in der Welt der Großen erwartet.

Melancholisch schön ist dieser Roman von Yoko Ogawa, er erzählt von der Tragödie des Erwachsenwerdens und von der Last der Andersartigkeit, die zugleich ein Geschenk ist. Wie Ogawa diese leicht verschobene, diese unwirkliche Wirklichkeit erschafft, in der Jungen aufhören zu wachsen und Elefanten hoch über der Stadt leben, das scheint typisch für die japanische Literatur zu sein, auch die Werke des bereits erwähnten Murakami oder diejenigen von Banana Yoshimoto haben Anklänge an den magischen Realismus. Es ist eine Wirklichkeit, die voller Poesie ist, gleichzeitig jedoch etwas Beklemmendes hat. Ein Märchen, an dessen Ende nicht das Glück steht – oder nur eine traurige Form des Glücks, eine Art Erlösung.

Ogawas Sprache ist so zurückhaltend elegant wie das Schachspiel des Jungen, die Geschichte so harmonisch wie die Begegnungen mit seinen Kontrahenten auf dem Brett: Keine Ecken und Kanten hat sie, nichts, woran sich der Leser stoßen könnte, nur eine tiefe Wehmut, die ihn umhüllt. Mitunter macht die Lektüre etwas schläfrig: Alles fließt ruhig dahin, die Figuren sind wohlgeformt, aber in ihrer Entrücktheit nur schwer fassbar, wie Steine im Flussbett, die vom Wasser geglättet werden und entgleiten, wenn man nach ihnen greifen will. Schwimmen mit Elefanten ist ein leiser Roman, der den Leser verzaubert, ihm aber auch seltsam fern bleibt, undurchdringlich und voller Rätsel. Mit der japanischen Kultur verhält es sich ja im Grunde nicht anders.

Yoko Ogawa: Schwimmen mit Elefanten. Aus dem Japanischen von Sabine Mangold. Liebeskind Verlag 2013, 320 Seiten, 19,80 €. Auch als eBook für 14,99 € bei ocelot.de erhältlich.

Was andere über dieses Buch sagen:

» deep read
» masuko13
» Japanliteratur

Was die »We read Indie«-Blogger über ähnliche Bücher sagen:

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» Yoko Ogawa: Das Geheimnis der Eulerschen Formel
» Michael Weins: Lazyboy

Die Rezension ist zuerst auf SchöneSeiten erschienen.

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6 Antworten auf “Yoko Ogawa: Schwimmen mit Elefanten”

      1. …weil Murakami gemeinhin positiv aufgenommen wird. Er bietet eben wenig Reibungsflächen und die rekurrierenden Momente erleichtern das ja. Ogawa Yoko klingt dahingegen allerdings ganz spannend (und doch Murakami sehr ähnlich; aber ist wohl tatsächlich einer Eigenart japanischen Erzählens geschuldet), werde ich bei Gelegenheit mal reinschauen.

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      2. Also mir persönlich bietet Murakami ja seeehr viele Reibungsflächen, siehe die oben verlinkte Rezension. Und damals im literarischen Quartett war man sich ja auch nicht ganz einig, was bekanntermaßen zum Bruch führte. Ganze alleine stehen du und ich also nicht da. Ogawa hat mich jedenfalls deutlich mehr beeindruckt, vielleicht sagt sie dir tatsächlich zu. Und ich habe nach wie vor fest vor, Banana Yoshimoto für mich zu entdecken!

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