Märchenhafter Horrortrip in eine mystische Welt

Vielleicht hat es sich schon herumgesprochen, dass der Homunculus Verlag besondere Bücher heraus bringt. Die Macher*innen aus Erlangen punkten seit Jahren regelmäßig mit buchgewordenen Träumen beziehungsweise in dem vorliegenden Fall Albträumen. Dieser Verlag bringt es immer wieder zustande, sorgsam kuratierte Werke bei sich unterzubringen. So auch dieses Kleinod aus der rumänischen Literatur. Ein Märchen für Erwachsene, eine horrorartige Albtraumsequenz und hoffentlich der Beginn einer wunderbaren Reihe, denn der „Der Heilige mit der roten Schnur“ fühlt sich mehr wie ein Auftakt weiteren Geschichten an, die eine ganze Mythologie begründen. So erscheint das vorliegende Buch mehr wie ein riesengroßer, wunderbarer, horrorartiger Prolog. Doch von vorn.

Eine sagenhafte Geschichte

Ein Unbekannter Reisender streift auf verschiedenen Pfaden umher, will zu einer Stadt namens Alrauna. Als ein Gespann an ihm vorbeifährt und der Führer dieses Gespanns, Bartholomäus Knochenfaust, dem Unbekannten das Angebot unterbreitet, ihn mitzunehmen, willigt er ein. Bartholomäus ist zufällig auch in diese Richtung unterwegs, wohin auch der namenlose Unbekannte will. Um die Zeit zu überbrücken, erzählt Bartholomäus dem Fremden während der Fahrt eine Geschichte, die eng mit der Stadt verknüpft ist, zu der beide reisen wollen, und auch mit Bartholomäus selbst. Die Geschichte dreht sich um Taush, dem titelgebenden Heiligen und ist der Hauptbestandteil dieser Geschichte, während die Reise des Unbekannten mit Bartholomäus nur den Rahmen bildet. Dieser Taush hat die Fähigkeit mit Insekten zu reden und er stellt auch Verbindungen in eine Welt her, die man als Zwischenstation auf dem Weg ins Jenseits beschreiben kann. Er kommuniziert also auch mit den schon verstorbenen Menschen, die aber noch nicht ins Jenseits übergetreten sind. Diese Geschichte handelt von dem Leben Taushs als Kind, als Jugendlicher und als Heiliger, der durch die Welt wandelt, um das Böse zu besiegen.
Doch der Preis, damit der namenlose Reisende die Geschichte von Bartholomäus erzählt bekommt und nach Alrauna mitgenommen zu werden, ist sehr hoch.

Wahnsinnige, albtraumhafte Bilder

Was für ein Wahnsinn, was für eine Geschichte, was für Bilder. So etwas bekommt man heutzutage selten zu lesen, wo man doch denkt, man hat schon vieles gesehen und gelesen. Aber hier weht wirklich etwas magisches und frisches mit, was man kaum in einer Besprechung mitteilen kann, vielmehr sollte es jeder selbst lesen und erleben. Die Geschichte ist eine düstere und es könnte auch als Märchen/Saga für Erwachsene überschrieben sein. Dabei spielt die Rahmenhandlung mit Bartholomäus und dem Reisenden nur eine untergeordnete Rolle beziehungsweise kann hier die Vermutung angestellt werden, dass in weiteren Geschichten genau das aufgegriffen wird. Der Hauptpart ist die Geschichte um den Heiligen Taush und dessen Fähigkeiten, mit anderen Welten zu kommunizieren. Wir als Leser*innen bekommen dabei das Leben von Taush präsentiert, von Kindesbeinen an, über seine Jugend, bis hin zu seinem Kampf gegen das Böse, welches aus der un‘Welt in die Welt trat und welches Taush in die un‘Welt zurückschicken möchte, da es über die Welt nur Leid und Sorgen bringt.
Alles an dieser Geschichte wirkt irgendwie mittelalterlich und altertümlich, so auch die Sprache, der etwas mystisches, fast märchenhaftes anhaftet. Da tauchen Rattenmenschen auf oder Taush hat auf einmal eine Totenarmee, da wird die Haut von den Knochen gezogen, ein Skelett, welches sprechen kann und unter den Lebenden wandelt und noch vieles mehr. Dieser Geschichte dann zu folgen ist durch diese ganzen magischen und horrorartigen Elemente nicht sehr einfach und manchmal auch nervenaufreibend bis hin zu ekelig. Die Namen der Orte und Handelnden wollen sich erst einmal nicht richtig einprägen, vieles wird auch im Unklaren gelassen, oftmals nur angedeutet. So erlebt man diese Welt sehr intensiv, schmeckt diese förmlich, fühlt sich mittendrin. Die eigene Fantasie wird angeregt und sehr stark gefordert und gefördert. Dazu schreibt der Autor so starke, authentische, manchmal auch sehr brutale Bilder, dass es beim Lesen auch ein wenig schmerzt und man sich auch fragt: Warum das Ganze? Das wird nie eindeutig beantwortet und es sollte immer der Gedanke im Hinterkopf sein, dass dieses Buch mehr wie ein riesengroßer Prolog anmutet, der andeutet, der Appetit macht auf mehr aus dieser Welt, aus diesem rauen Kosmos einer unbekannten Bergwelt. Denn genau solche schroffen Bergwelten stehen einem bei diesem Buch immer vor Augen.

Buch und Geschichte ergeben eine Einheit

Und erneut ist es dem Homunculus Verlag gelungen ein belletristisches Kleinod zu verlegen, bei dem man sich wirklich nur wünschen kann, dass aus dieser düsteren und magischen Welt noch mehr kommen wird. Zusätzlich wurde das Buch noch mit abstrakten Zeichnungen untermalt, die bestimmte Szenen der Geschichte sehr surreal wiederspiegeln. Die Bindung, der Druck, die Griffigkeit der Seiten, überhaupt das komplette Paket wirken sehr hochwertig und perfekt aufeinander abgestimmt. Somit ist für die äußere Aufmachung die Beschreibung „gelungen“ noch sehr untertrieben. Was bleibt nach so einer euphorischen Besprechung noch zu sagen? Kaufen und genießen! Und an den Verlag noch die Bitte, dass von diesem Autor noch mehr auf Deutsch kommen muss. Unbedingt!!!

Flavius Ardelean
Der Heilige mit der roten Schnur
Homunculus Verlag
Übersetzung aus dem Rumänischen: Eva Ruth Wemme, Illustrationen: Ecaterina Gabriela
216 Seiten
22 Euro

2 Kommentare zu „Märchenhafter Horrortrip in eine mystische Welt

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