Mutterschaft Filmreif

Dass man mit Sprache über Sprache spricht, wie es in einer Zusammenfassung oder Rezension geschieht, birgt ein gewisses Risiko. Nicht nur, weil man glauben könnte das selbe Wort meine den selben Gegenstand oder Sprache als Literatur sei per se fähig dazu, uns andere Weltwahrnehmungen näherzubringen…

Die Geschichte in Jessica Linds Mama beginnt mit Amira und Josef, die in eine abgelegene Provinzhütte pilgern. Einerseits um das Verschwinden von Josefs Vater zu ergründen, aber eben auch um schwanger zu werden.

Gleich in der ersten Szene gibt es einen Schreckmoment für die Beiden: „Das Reh ist aus dem Nichts aufgetaucht. Wie bei diesem billigen Kameratrick in den ganz alten Schwarz-Weiß-Filmen – im einen Bild noch nicht, im nächsten plötzlich da.“ Mit dem Vorwurf Amira habe geträumt, will Josef das Steuer übernehmen. Schon da kündigt sich das Unheil der besinnlichen Tage in der Hütte von Josefs Familie an. Amira fährt weiter, „Sie ist die ganze Strecke alleine gefahren. Kein Wunder, dass sie müde geworden ist.“

Es schleicht sich ein Misstrauen der Protagonistin und ihrer Wahrnehmung gegenüber in die Erzählung, das stetig zunimmt, an Witzchen über Axtmörder und Geister anschließt, und sich leitmotivisch mit einer streunenden Hündin verknüpft: „Sie hat ihren Welpen totgebissen. Es war kein Versehen, es war Absicht[…] Das Knurren der Hündin wird lauter. Amira holt aus, schlägt zu. Die Hündin jault auf. Amira treibt sie aus der Sandkiste, weg von den anderen Welpen die sie beschützen muss, bevor die Hündin auch noch sie totbeißt.“

Was mit der Träumerei der Autofahrt begonnen hat, wird zum strukturellen Prinzip des Romans. Die Szenen wechseln teilweise abrupt die Erzählebene, den Erzählort, die Zeit und führen Kapitelweise in eine Art halluzinatorischen Raum der Protagonistin: der verschiedenen Phasen ihrer Mutterschaft und der damit verbundenen Ängste. In einer Szene liegt sie im Bett, die Baumkronen des Waldes über sich. In der nächsten befindet sie sich tatsächlich im Wald. Diese Szenenwechsel folgen keinem klassisch chronologischem Realismus, sondern einer Assoziationslogik, in der sich Phantasien und Realität nicht nur ineinanderschieben, sondern einander ersetzen und zu den angenehm irritierenden Überraschungen des Romans gehören, die ihn tatsächlich lesenswert machen. Immer wieder rutscht das gewonnene Vertrauen Amira gegenüber ab. Immer wieder begegnen uns Versatzstücke aus eigenen Erinnerungen, aber auch Bilder aus Filmen, die man schon viele Male vorher gesehen zu haben glaubt: eine in Zeitlupe zu Boden fallende Parfümflasche im Bad oder der dunkle Wanderer im Wald.

Lind bleibt dabei sprachlich auf dem Boden, macht sogar Ausgrabungen im Genrekitsch und verzichtet auf jeglichen metafiktionalen Kommentar, ob und inwieweit die Themen Realitätsverlust, Schwangerschaft und Angst zusammenhängen. Damit schafft sie es, einen Provinz-Katholizismus auszustellen, der bis zu einem gewissen Zeitpunkt nur unter der Oberfläche lag. In der Empfängnis, die nie hat stattfinden dürfen – unbefleckt und abrupt – erscheint SIE in der Mitte der Lichtung: Vorher Fundort von Josefs totem Vater war, wird sie zum Geburtsort Luises – ihrer Tochter. Die heilige Dreifaltigkeit ist vorerst wieder hergestellt. Aber das Kind ist ihr fremd und es kommt immer wieder zu Szenen, die Amira in Josefs Augen zur Täterin am weinenden Kind machen. Erst ein Foto kann die Unstimmigkeiten zwischen Josef und Amira aus dem Perspektivischen lösen, die gelernte Drehbuchautorin Lind vertraut programmatisch auf ihr Medium und lässt ihre Protagonistin fast vorbildlich scheitern und leiden.

Die Befürchtung von Josef allein gelassen zu werden, das Phantasieren über die Einheit mit dem Kind, das Alleine-sein mit ihm, die Angst es zu verletzen usw. verdichtet die Autorin in Mama so zu einer vieldimensionalen Erzählung über die Ängste einer werdenden und gewordenen Mutter, die ihr psychologisches Umfeld in drei Faktoren finden kann: dass Erinnerungen, Phantasien und Träume für das Gehirn ebenso real sein können, wie das so genannte wirklich Erlebte; dass die gravierendste aller Kindsbettfolgen – die Postpartale Psychose -, mit schweren Angstzuständen, optischen und akkustischen Halluzinationen einhergehen kann; und dass sich in den letzten Jahren als wahrscheinlich erwiesen hat, dass in vielen Fällen die Psychose als Folge einer gesteigerten Angst auftritt, und nicht als deren Ursache. Aber gerade über diese Ideen spricht die Autorin im Buch selbst nicht.

Am Ende der Geschichte ist Amira wirklich allein. Als auch Josef verschwindet und die Zeit nicht mehr zu vergehen scheint, hat man das Gefühl in den Kern einer Angst vorgedrungen zu sein, in der es nur noch die Hütte im Wald, Luise, Amira und die Hündin gibt. Gegen sie schultert Amira das Gewehr und geht in ihren letzten Kampf, der damit ein ganz innerlicher geworden ist.

Ein experimentelles Sprachkunstwerk darf man bei Mama nicht erwarten, und kommt doch an die Grenze der Sprache, mit der man darüber spricht und sprechen kann. Die Unsicherheit über die Idee des Textes und die Position Amiras zeigt hier sehr deutlich, dass sich die eigene Lesart im Versuch herausstellt, wie man alle Elemente zusammenbringt. Und darin besteht sowohl die Schwierigkeit, aber eben auch der Gewinn und die Empfehlung zu dieser Erzählung über Einsamkeit, Mutterschaft und Angst.

Jessica Lind

Mama

192 Seiten (Hardcover)

bei Kremayr & Scheriau 2021

20,00 €

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