Der Indie-Herbst wird wunderbar – ein erster Ausblick beim zweiten Kurt Wolff Pressesalon

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Wer mich kennt, weiß ja, dass mir Indie-Verlage und ihre Bücher besonders am Herzen liegen. Und weil das so ist, hatte ich mir natürlich einen Termin doppelrot angestrichen: Die Präsentation fünfzehn unabhängiger Verlage und ihrer Herbstvorschauen im Pressesalon der Kurt Wolff Stiftung. Am vergangenen Donnerstag war es soweit. Obendrein für mich eine Premiere!

Das Ergebnis sah dann so aus: Mit einem prall gefüllten Stoffbeutel voller Vorschauen kehrte ich glücklich nach Hause zurück. Die liebevoll arrangierte Veranstaltung war nicht nur in Sachen Neuerscheinungen äußerst spannend, ich konnte auch zahlreiche interessante und aufschlussreiche Gespräche führen.

So konnte ich Informationen zu vielen Büchern einsammeln. Dazu habe ich einen tollen Indie-Satz mitgebracht: „Wir sind Indies und stürzen uns daher gern in Abenteuer.“ Dies sagte der Verleger Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag im Hinblick auf eine wichtige Neuerscheinung. Schmutzige Hände“ heißt das Werk; es ist Teil einer Heptalogie. Geschrieben hat es der niederländische und leider 2008 verstorbene Autor J. J. Voskuil. Der erste, vielgelobte Band (Das Büro) ist bei C.H. Beck erschienen. Allerdings wollte man dort die Reihe nicht weiter publizieren, und so ist sie über einen Kontakt beim Verbrecher Verlag gelandet.

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Britta Jürgs vom AvivA Verlag verriet mir, dass ihre Leidenschaft für Literatur aus den 20er Jahren mit ausschlaggebend war, ihren eigenen Verlag zu gründen. Liebhaber dieser Zeit werden in dem Programm fündig. Mitte September erscheint beispielsweise von Nellie Bly „Zehn Tage im Irrenhaus“. Als Undercover-Journalistin hat sie sich 1887 in die Frauenpsychiatrie eingeschleust, um über die haarsträubenden Zuständen zu schreiben. Bei Weissbooks kommt diesem Herbst ein spannungsgeladener Titel heraus, der nach Rom führt: „Bozzetto“ von Hermann Alexander Beyeler und Gerd J. Schneeweis nimmt die Leser auf eine packende Jagd nach Michelangelos geheimnisumwobenen Bozzetto. „Wir wollen zukünftig ein breiteres Spektrum anbieten“, verriet mir der Verleger Rainer Weiss. Und wies mich auf einen weiteren Roman aus dem Programm hin: „Hertzmann’s Coffee“ von Vanessa F. Fogel. Ein Buch, das mich sehr neugierig gemacht hat.

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Mit leuchtenden Augen blickt Nadya Hartmann von der Frankfurter Verlagsanstalt dem Herbst entgegen. Aus gutem Grund: Der Verlag wird gleich mit drei starken belletristischen Titeln die Bücherwelt bereichern. So erscheinen am 1. September „Verlangen und Melancholie“ von Bodo Kirchhoff, „Nackt“ von Jean-Philippe Toussaint und „Das achte Leben (Für Brilka)“ von Nino Haratischwili, die mich und viele andere seinerzeit mit „Mein sanfter Zwilling“ begeistert hat. Daher zieht mich Nino Haratischwilis Epos geradezu magisch an. Damit stehe ich nicht allein da. Einige Blogkolleginnen klatschen wie ich ganz aufgeregt in die Hände, als stünde der Bücherweihnachtsmann höchst persönlich vor der Tür. Nun, wenn man’s ganz genau betrachtet, ist das Werk in jedem Fall ein großes Geschenk an alle Bücherfreunde. Caterina von SchöneSeiten hatte das Glück, gemeinsam mit der Bücherliebhaberin vom glasperlenspiel13. vorab in das Werk hineinzulesen. Auf ihrem Blog hat sie einen ersten Eindruck zusammengefasst und die Autorin interviewt. Ebenfalls erwähnenswert ist die Gestaltung des Buches, das erstmals in einem besonderen Ganzumschlag erscheint und im Text mit Illustrationen die Leser erfreuen wird. Ihr merkt, dieses Buch hat schon jetzt mein Herz erobert. Das Leseheft zum Roman wird mir bis zum Erscheinungstermin die Wartezeit ein bisschen versüßen.

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In Geburtstagsstimmung war der Berenberg Verlag, der in diesem Jahr sein zehnjähriges Jubiläum feiert. Für mich persönlich ist es noch ein unbekanntes Land, das ich jedoch bald lesend entdecken möchte. Beatrice Faßbender nahm mich an die Hand und führte mich durch zehn Jahre Berenberg. Sie erzählte von den großen Erfolgen wie „Die Nacht der Physiker“ von Richard von Schirach oder „Odysseus und die Wiesel“ von Georg von Wallwitz. Besonders neugierig machte sie mich auf das Buch „Quesadillas“ von Juan Pablo Villalobos. Eine unglaublich verrückte Geschichte, die in Mexiko spielt. Für alle Berliner sei kurz erwähnt: Der Autor ist im September zu Gast beim „internationalen literaturfestival berlin“.

IMG_0366 3                                                                    Foto: Judith Polte

 

Bemerkenswert finde ich auch die Symbiose vom eBook und gedrucktem Buch, die ich beim Weidle Verlag entdeckt habe. Dort erscheint – neben einem starken finnischen Titel „Nordlicht-Südlicht“ von Mooses Mentula – auch „Weiter als der Himmel“ von Pippa Goldschmidt. Zoë Beck hat das Buch übersetzt, das in ihrem eBook Verlag CulturBooks herauskommt. Sowohl beim Weidle Verlag als auch bei der Frankfurter Verlagsanstalt fiel mir das übersichtliche Programm auf. „Wir wollen damit auch ein Zeichen setzen. Im vergangenen Jahr sind über 15.000 belletristische Bücher erschienen“, sagte Stefan Weidle, Verleger und Vorsitzender der Kurt Wolff Stiftung. „Im Herbstprogramm der FVA erscheinen im Herbst 2014 „nur“ drei Bücher, wobei sich „nur“ lediglich auf die Quantität beziehen lässt“, berichtet Nadya Hartmann. „Denn jedes der drei Bücher ist von einer solch herausragenden literarischen Qualität, dass wir von drei Spitzentiteln sprechen müssen, denen wir all unsere Aufmerksamkeit und verlegerische Energie schenken werden. Somit senden wir mit der Reduzierung auf drei Bücher natürlich auch ein Signal nach außen: Es ist ein Ausnahmeprogramm, dem nichts hinzuzufügen ist, ganz sicherlich eines der stärksten, das die FVA je hatte. Und jeder einzelne Mitarbeiter der FVA, die neben dem Verleger nur aus drei Mitarbeiterinnen besteht und somit Indie- und Kleinverlag ist – ist zu hundert Prozent bereit, sich für dieses Programm aus dem Fenster zu lehnen.“ Diese Strategie, weniger Titel zu verlegen, kann ich nur begrüßen. Sind es doch einfach viel zu viele Titel, die jedes Jahr auf den Markt geworfen werden.

Monika Meffert vom Göttinger Wallstein Verlag reiste indes mit mir nach Venedig. In einem ungewöhnlichen Buch, „das sich nicht ein Genre einordnen lässt“, wie sie sagte, entführt uns Matthias Zschokke mit „Die strengen Frauen von Rosa Salva“ in die imposante italienische Stadt. Ein halbes Jahr hat der Autor in Venedig gelebt und seine Beobachtungen Freunden, Verwandten sowie Kollegen per Email geteilt. Monika Mefferts Begeisterung für dieses Werk ist mitreißend und daher sei es Euch empfohlen.

Mit meinem Bericht ist an dieser Stelle Schluss, doch mit den Büchern geht es bald weiter. Der Herbst hält für uns wunderbare Entdeckungen parat und auch die anderen „We read Indie“-Damen stecken schon voll in Stöberlaune. Bald mehr dazu. Seien wir also gespannt! Oder wie steht es so schön auf dem Stoffbeutel, den ich mitgebracht habe: „es geht um das buch.“ Ich danke der Kurt Wolff Stiftung und Kirchner Kommunikation, die diese bemerkenswerte Veranstaltung ermöglicht haben. Indie lebt!

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